RE:Γαλεός

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VII,1 (1910), Sp. 594597
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Γαλεός hat zwei Bedeutungen: 1) = Sterlett, 2) = Hai. Beide Tiere gehören zu den grätenlosen oder Knorpelfischen, ἀντακαῖα. Eine Art Stör (Acipenser) ist der rhodische γ., von dem wir bei Athen. VII p. 294 lesen. Er wird ausdrücklich mit dem römischen acipenser (ἀκκιπήσιος) identifiziert und als eine der höchsten Delikatessen gerühmt. Archestratos, den Athenaios dem Sardanapal an Üppigkeit vergleicht, riet seinen Freunden, wenn sie einmal in Rhodos einen solchen Fisch sehen, sich um jeden Preis in seinen Besitz zu setzen, koste es auch die höchste Strafe; es werde sie nicht reuen. Damit kann nur der Sterlett (Acipenser ruthenus) gemeint sein, dessen [595] Fleisch tatsächlich zum wohlschmeckendsten gehört, was es gibt. Der wohlfeilste und kleinste Fisch dieser Art kostete mindestens 1000 attische Drachmen (Athen. a. a. O.). Bei einem von Philoxenos aus Kythera (Athen. IV p. 146) geschilderten Gastmahl werden u. a. Rochen (βάτις) und Sterlett (γ.) aufgetragen. Essig und Öl empfiehlt für beide Fische Timokles bei Athen. VII p. 294. Auch Pollux VI 63 erwähnt, daß der γαλεὸς ἐκ Ῥόδου ‚bei den Alten‘ sich großen Ruhms erfreute. Bei den Römern galt der acipenser seit Lucilius Zeiten als feinste Speise; Martial erklärt ihn als den richtigen Fisch für die palatinische d. i. kaiserliche Tafel. Nach Apion (bei Athen. VII p. 294) wären allerdings acipenser und ἔλοψ identisch gewesen. Von ἔλοψ aber wissen wir nichts als (aus Aristoteles), daß er vier Kiemen habe und seine Gallenblase bald näher, bald ferner von der Leber liege. Othmar Lenz hält den ἔλοψ für denselben Fisch wie den γαλεὸς ἐκ Ῥόδου, vielleicht mit Recht. Der Name Stachelflosser (acipenser, aquipenser, accipienser) ist nicht eben übel gewählt für den Sterlett, dessen Rücken mit einer langen Linie von Stacheln besetzt ist. In der Nebenform accipienser liegt deutliche Volksetymologie vor. Die Nebenform aquipenser kann man mit Aquincum neben Acincum = Altofen vergleichen.

Übrigens würde man schwerlich je auf den Gedanken verfallen sein, in dem rhodischen G. eine Art Stör zu vermuten, wenn es nicht bei Athenaios überliefert wäre; denn die natürliche Heimat des Sterlett ist viel nördlicher als Rhodos, und im allgemeinen und ursprünglich gehört der Name γ. ‚gefleckt‘ dem Haifisch. Diese Eigenschaft trifft ja auch faktisch auf die im Mittelmeer gemeinsten Haispezies zu, nämlich auf den Hundshai (Scyllium canicula), den Katzenhai (Scyllium catulus), den Sternhai (Mustelus vulgaris). Von diesen ist der Name u. a. auf den gleichfalls im Mittelmeer sehr bekannten Dornhai (Spinax acanthias) übergegangen, dessen sehr augenfällige Stachelflossen einen Vergleich mit dem Rücken des Störs veranlassen konnten. Es mag sein, daß der stachelrückige, von weit hergebrachte Sterlett vom Volk in Rhodos als ein Verwandter des bekannten Dornhais betrachtet und nach diesem getauft wurde. Mag nun diese Vermutung richtig sein oder nicht, jedenfalls gehörte der Name γ. ursprünglich und eigentlich dem Hai, wie auch heute noch im Neugriechischen der Haifisch γαληός oder γαλεός heißt, während der Stör völlig anders benannt wird.

Die Haie (γαλεοί) und Haiartigen (γαλεώδη) bilden eine Hauptabteilung der Knorpelfische (χονδράκανθα, Arist. hist. an. III § 59 A. u. W.), welche lebendige Junge gebären, nachdem sie in sich Eier gelegt haben. Dazu rechnet Aristoteles folgende: γ. ἀκανθίας, γ. ἀστερίας, γ. λεῖος, γ. νεβρίας, ferner die γαλεώδη: ἀλώπηξ, κύων, ῥίνη, σκύλια. Nach Erhard Fauna der Cykladen 92 heißen jetzt alle großen Haie γαλεοί. Ἀκανθίας, dessen Eier oben im Bauche dicht am Zwerchfell liegen, dann herabsteigen, frei werden und sich weiter entwickeln, ist der Dornhai (Acanthias vulgaris, J. Müller). Ἀστέριας, ein Hai, der zweimal im Monat laicht, im Maimakterion (November) anfängt befruchtet zu werden, ist jedenfalls [596] ein gefleckter Hai, vielleicht der Sternhai (Mustelus vulgaris). Γ. λεῖος ist durch die placenta-ähnliche Befestigung des Dotters am Uterus und die Gefäßverbindung des Embryo mit demselben, welche J. Müller wieder aufgefunden hat, als Mustelus lēvis (glatter Hai) sicher bestimmt. Γ. νεβρίας ist nur ein anderer Name für σκύλιον. Ἀλώπηξ ist nach J. Müller wahrscheinlich der Fuchshai (Alopias vulpes). Κύων und Ῥίνη sind zur Zeit noch unbestimmbar (s. Aubert-Wimmer Aristoteles Tierkunde I 146–148). Σκύλιον, ein γ., welcher Eier mit horniger Schale hat, aus welchen, nachdem sie geplatzt sind, das Junge herauskommt, muß ein Hundshai sein, Scyllium, wahrscheinlich Scyllium canicula, nach Erhard a. a. O. 92 Cykladenmeer häufig und jetzt σκύλιον genannt.

Über das Leben der Haie finden wir bei den alten Autoren sehr wenig Bemerkungen. Erwähnung verdienen zwei Stellen des Plinius (n. h. IX 110 und 151–153), wo er die Gefahren und Kämpfe schildert, welche die Schwämme und Perlaustern suchenden Taucher mit den gefräßigen Haifischen (marinis canibus, caniculis) zu bestehen haben. Sie verwenden dabei als Waffen stilos praeacutos. Gewisse Lexikographen und Übersetzer machen aus den Haien ‚eine Art Seehunde‘.

Solche Haifische, gewöhnlich κύνες (canes) genannt, gab es an den Küsten des eigentlichen und des sog. großen Griechenlands an manchen Stellen in Unmasse. Nach Pausanias war es wegen der vielen Haifische sehr gefährlich, bei Methana, unfern von Troizen, im Meere zu schwimmen (Paus. II 34, 2). Ja sie stiegen auch aus dem Meer in die Flüsse, so im Thesprotischen Lande (Paus. IV 4, 1). Die sizilisch-unteritalische Küste wird gemeint sein von Ibykos beim Schol. Pind. Nem. I 1, wo er von ἰχθύες ὠμοφάγοι spricht; und schon der Sänger der Odyssee sagt bei der Schilderung der Skylla XII 95–97: αὐτοῦ δ’ ἰχθυάᾳ σκόπελον περιμαιμώωσα, δελφῖνάς τε κύνας τε καὶ εἴ ποθι μεῖζον ἕλῃσιν κῆτος. Als großer und sehr gefährlicher (φοβερός) Fisch wird der κύων von Basilios und Eustathios im Hexaemeron aufgeführt neben dem furchtbaren ξιφίας (Bas. hex. VII 6 p. 161 M. Eustath. hexaem. VII 6 p. 944 M.). Das Fleisch des γ. wurde nur vom gemeinen Volk gegessen, nach Galen war es hart und mußte vorher eingemacht werden.

In der Mythologie spielt der Hai keine große Rolle. Unter den hellenischen Lokalsagen geht die von Skylla mit ihren ‚Hunden‘ ohne Zweifel auf die schweren Gefahren, denen man im Fretum Siculum durch bösartige große Fische, besonders Haie, ausgesetzt war. Die ‚Hunde‘ der Skylla sind ursprünglich gewiß nichts anderes gewesen. Orientalischen Ursprungs ist der Mythus von Perseus und Andromeda und seine Dublette Herakles und Hesione. Vom Walfisch ist in beiden Sagen nicht die Rede. Ihm einen Menschen ‚zum Fraß‘ vorzusetzen, wäre barer Unsinn. Bereits ein uraltes babylonisches Epos erzählt von einem Seeungeheuer namens Bul d. h. Verschlinger (Lenormant Anfänge der Kultur II 17), das in bestimmten Zeiträumen aus den Fluten des Meeres hervorkam, um die Länder zu verwüsten und die ihm preisgegebenen Jungfrauen zu verschlingen. [597] Dem göttlichen Helden Izdubar und seinem Jägermeister aber gelang es, das Seeungeheuer zu erlegen. Dieses Tier kann seiner natürlichen Grundlage nach nichts anderes als ein riesiger Hai oder eine Orka (Keller Ant. Tierwelt I 413f.) gewesen sein.

Literatur. J. Müller Über den glatten Hai des Aristoteles, mit 6 Kupfertafeln, Berl. 1842; Aristoteles Tierkunde, kritisch berichtigter Text usw. von Aubert und Wimmer, I. Bd., Leipzig 1868 (Einl.).