RE:Alpes 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 15991612
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Alpes.

I. Der Name

I. Der Name des europäischen Hochgebirges taucht zuerst bei Herod. IV 49 nördlich des Umbrerlandes auf in dem Donauzufluss Alpis, dem ein Karpis als Schattenbild der Karpathen zur Seite steht. Dann gedenkt Lykophr. Alex. 1361 der Σάλπια. Aber noch in der Weltkarte des Eratosthenes scheint den A. kein würdiger Platz gegönnt gewesen zu sein. Erst die Kunde von Hannibals Übergange beleuchtete ihre Grösse und ihre Schrecken. Die Schneebedeckung der Gipfel legte den Römern die etymologische Verknüpfung des Namens mit albus (sabin. alpus) nahe (Fest. ep. 4). Aber die weite Verbreitung ähnlicher Namen durch das keltische Sprachgebiet giebt der Versicherung des Serv. Aen. X 13; Georg. III 474, Alpes sei die allgemeine keltische Bezeichnung für hohe Berge gewesen, ein höheres Gewicht, zumal sie am heutigen kymrischen Sprachgebrauch einen Rückhalt gewinnt (alp = craggy rock or precipice s. Owen Pughe Dict. of the Welsh Lang.). Nissen hält das Wort für ligurisch, weil besonders die ligurische Küste mit den Namen Alba, Albici, Albium übersät ist und für die vorhistorische Zeit eine weitere Verbreitung der Ligurer über später keltisches Gebiet nachweisbar sei. Jedenfalls blieb das Bewusstsein der Verwertbarkeit des Namens für jedes hohe Gebirge dauernd lebendig (Sil. II 333. Sidon. C. II 510. IX 48. Ven. Fort. VI 1, 113. 209. VIII 15, 5. X 19, 12. Cass. Var. [1600] VIII 31. Jord. Get. 34,102). Besonders im Apennin hat der Name Alpe vielfach Wurzel geschlagen (schon Tab. Peut. In Alpe (Apennina)). Der Singular (in der Regel Alpis, aber auch Alpes Stat. Silv. I 4, 86. Ven. Fort v. Mart. IV 651) ist nicht nur dichterisch üblich (Ovid. a. a. III 150. Lucan. I 688. III 299. Iuv. X 152), sondern dient mit einem Beiwort allgemein zur Bezeichnung einer einzelnen Örtlichkeit. Aber im Altertum lässt sich die im Mittelalter aufkommende Anwendung des Wortes Alpis auf Gebirgsmatten noch nicht nachweisen, vielmehr bezeichnet es in der Regel die Passhöhen (Sidon. ep. V 16. Itin.). Nur eine schiefe Auffassung dieser Thatsache wird es sein, wenn Prok. b. Goth. I 12 von den Pyrenäen behauptet: Ἄλπεις καλεῖν τὴν ἐν στενοχωρίᾳ δίοδον οἱ ταύτῃ ἄνθρωποι νενομίκασι. Vollständig abzulehnen ist die bisweilen versuchte Übertragung anderer Namen der antiken Geographie auf die Alpen. Die Rhipaeen, welche Posidonius bei Athen. VI 233 d und Protarch (Steph. Byz. s. Ὑπερβόρειοι) den Alpen gleichsetzten, haben mit diesen nichts gemein, sondern sind eine leere Erfindung einer Zeit, die als Quellgebiet der grossen südrussischen Ströme ein grosses Gebirge voraussetzte. Ebensowenig darf der hercynische Wald mit den Alpen vermengt werden. Er liegt schon für Aristoteles Meteor. I 13 nördlich von der Donau.

II. Ausdehnung und Gliederung.

Als Grenze zwischen Alpen und Apenninen betrachtete schon das Altertum (D. Brutus an Cic. fam. XI 13, 2. Strab. IV 201. Ptol. III 1, 40) den tiefen wegsamen Sattel des Colle dell’ Altare oder Colle di Cadibona (490 m.) im Norden von Vada Sabatia. Auch die Ostgrenze des Hochgebirges wird von Strabon (IV 202. 207. 211. 314) treffend auf die Okra, den Pass des Birnbaumer Waldes zwischen Aquileia und Emona (Laibach) verlegt. Bisweilen aber begnügte man sich unter Anlehnung an die politischen Grenzen Italiens, die Alpen von Meer zu Meer (a mari supero ad inferum CIL V 7817), vom Varus zur Arsia zu rechnen (Plin. III 132). Ihre Länge hatte Polybios (II 14, 9. XXXIV 10, 17) mit 2200 Stadien weit unterschätzt. Caelius und Timagenes (Plin. a. a. O.) griffen mit 1000 oder 975 m. p. nicht zu hoch, wenn ihre Messung ungefähr der Wasserscheide folgte. Die Breite schwillt im Süden Germaniens auf 150 m. p. an (Plin.), während sie in den Seealpen unter 70 m. p. zurückbleibt und in den ganzen Westalpen diesen Betrag nicht weit überschreitet. Wie ein Geschenk der Vorsehung empfand die Kaiserzeit diese Verteilung der Gebirgsmasse, welche den Verkehr mit den Westprovinzen nicht zu sehr erschwerte, dagegen nach Norden hin die als Schutzwehr Italiens gepriesene (Cato bei Serv. Aen. X 13. Liv. XXI 35. Pol. III 54. Cic. de prov. cons. 34; in Pis. 81; Phil. V 37. Plin. III 31. XII 5. Herodian. VIII 1, 5. Isidor. Or. XIV 8, 18) Bergmauer zu doppelter Stärke erhob. Freilich entging es den Kennern des Gebirges (Liv. XXI 35) nicht, dass der Wert dieses natürlichen Walles durch die ungleiche Steilheit seiner beiden Abhänge wesentlich verringert ward; pleraque Alpium ab Italia sicuti breviora ita arrectiora sunt. Leicht hatten sich [1601] die Heerscharen der Gallier und später der Cimbern nach Italien ergossen; langsam nur wurden die Römer der Alpen Herr. Die Länge des Anstiegs zu der Kammhöhe wechselte indes auch auf dem italischen Abhang bedeutend. Sie erreichte in Raetien 50 m. p. und darüber, wenn auch der scharfe letzte Anstieg im Thalhintergrunde hier ebenso wie in den Westalpen (Strab. IV 203) nicht weit über 100 Wegstadien (121/2 Millie) anhielt. Trotz der Unsicherheit ihrer Begrenzung und der starken Schwankung ihres Betrages bildete die Anstiegslänge das einzige für die Römer verfügbare Mass, sich eine Vorstellung von der Höhe der Alpen zu machen. Den trigonometrischen Höhenmessungen griechischer Berge durch Dikaiarchos konnte Plinius (II 162) keine gleichartigen Angaben der vertikalen Erhebung der Alpen gegenüberstellen, sondern nur Mitteilungen über die Länge ihrer Abdachung (longo tractu). Nur darauf und auf den Naturcharakter konnte man die Überzeugung begründen, dass die A. das höchste Gebirge Europas seien (Polyb. b. Strab. IV 208. Agath. II 9. Dion. Hal. frg. ed. Mai 486). Man hielt sie etwa für gleich hoch, wie den Kaukasus (Arr. Peripl. 12). Von dem Grundriss des Gebirges hatte Polybios (II 14ff.) eine höchst unvollkommene Vorstellung. Erst die Kaiserzeit (Strab. V 210. Mela II 73) übersah klarer den Bogenzug der Alpen, ihre Richtungsänderung am Montblanc, an der Wurzel des Thales der Salasser (Val d’Aosta). Auch die Begrenzung und Gliederung des Gebirges haben die Schöpfer des Strassennetzes gewiss weit genauer gekannt, als die Stubengeographen, welche der Nachwelt nur ein verkümmertes, durch grobe Irrtümer (Strab. IV 191. 202) entstelltes Bild der antiken Anschauung dieses Hochgebirges übermitteln. Immerhin ist nicht zu verkennen, dass das Altertum den Alpen mit beschränkterem Interesse gegenüberstand. Der Gedanke einer planmässigen, dem Bau des Gebirges entwachsenden Gliederung lag ihm ganz fern. Wichtig waren den Römern nur die bewohnbaren Thäler im Schosse des Gebirges und die Pässe, welche in seinem Rücken dem Verkehr sich öffneten. Deshalb bildeten in der Regel Pässe und Thäler den Kern der antiken Namen für einzelne Abschnitte des Gebirges, während die Gegenwart die Haupterhebungen zum Kern der unterschiedenen Gebirgsgruppen wählt und die wichtigsten Passeinschnitte und Thalzüge als Grenzlinien der Gruppen zu verwerten strebt. Demgemäß konnte die heutige Geographie manche der alten Namen nur mit einer merklichen Verschiebung der Bedeutung übernehmen. Solche Verschiebungen blieben schon im Altertum selbst nicht aus, da die Abgrenzung der kleinen Alpenprovinzen, welche von kaiserlichen Procuratoren verwaltet wurden, mehrfach sich änderte. Darüber CIL III p. 707. V p. 757. 810. 902. XII p. XIII, auch Desjardins Gaule Rom. III 305–329.

Die A. maritimae der Alten (Plin. VIII 140. XIV 41. Tac. Ann. XV 32. Hist. Aug. Aurel. 48, 2. Ptol. III 1, 37 Ἀ. παράλιοι. Dio LIV 24 Ἀ. παραθαλασσίδιαι. Zosim. VI 2) umfassten im geographischen Sinne sowohl die ligurischen wie die See-Alpen, lassen sich also vom Colle di Cadibona bis an den Col de l’Argentière (Col de la [1602] Madeleine) erstrecken. Sie waren am Anfang der Kaiserzeit (Strab. IV 202) noch gut bewaldet. Unter ihren Gipfeln wird nur der Berg Caenia an der Quelle des Var genannt (Plin. III 35). Viel gewaltiger erhebt sich an der Quelle des Po die stolze Pyramide des Mons Vesulus (Verg. Aen. X 738. Plin. III 117. Mart. Cap. VI 640; j. Monte Viso 3845 m.), der den Alten als das höchste Berghaupt der A. erschien. Er gehört bereits zu den A. Cottianae (CIL XII 408) oder Cottiae (CIL V 7250. 7251. 7253. Tac. Hist. I 61. 87. IV 68. Ptol. III 1, 34. Dio LX 24. Amm. XV 10. Iulian. or. II p. 74 C; ep. ad Athen. 286 B. Zosim. VI 2. Prok. b. Goth. II 28. IV 24. Agath. II 3), die man nordwärts ausdehnen kann bis an den Mont Cenis. Denn das kleine Königreich des Cottius (Strab. IV 178. 179. 204. 217), welcher durch freiwillige Unterwerfung noch einen Schatten von Selbständigkeit rettete (CIL 7231 praefectus civitatium XIV, dazu p. 808. 809. Dio LX 24), der erst mit dem Aussterben seines Geschlechtes (Suet. Nero 18} erlosch, reichte nicht nur längs der Strasse über den Mont Genèvre von Eburodunum (Embrun) an der Druentia (Durance) bis unterhalb Segusio (Susa) am Durias (Dora Riparia), sondern auch in benachbarte Thäler, namentlich über den Mont Cenis zu den Medulli (Strab. IV 185. 203. 204) am oberen Arc hinüber. Jenseits des Mont Cenis beginnen die A. Graiae (Nepos Hann. 3. Sen. ep. IV 2, 9. Petron. 122. Plin. III 123. 134. Tac. Hist. II 66. IV 68. Ptol. III 1, 33. 35). Ihr Name, der in beschränkterem Sinne am Pass des kleinen St. Bernhard haftet, aber doch auch bei Ocelum im Thale der Dora Riparia in der Verkoppelung Graioceli (Caes. b. Gall. I 10) auftritt, dürfte einer verschollenen Völkerschaft entlehnt sein. Jedenfalls verdient die dem Altertum geläufige Herleitung vom angeblichen Alpenübergange des griechischen Herakles (daher Varro bei Serv. Aen. X 13 Alpes Graecae) keinerlei Beachtung, und ganz unsicher bleibt die versuchte Verknüpfung mit dem Namen Cremonis iugum (Liv. XXI 38), der allerdings kaum etwas anderes als den kleinen St. Bernhard bedeuten kann und auffallend an den nahen Cramont bei Courmayeur anklingt. Nicht als identisch mit A. Graiae, sondern als einen Canton dieses Alpengebietes wird man des Plinius (XI 270. XXXIV 3) A. Ceutronicae auffassen dürfen. Die Ceutrones (CIL XII 107, 113. p. 16) wohnten in der Tarentaise zu beiden Seiten der Isère. Für die kaiserliche Provinz der graischen Alpen kommt (CIL V p. 757. XII p. XIII. 20) der Name A. Atrectianae vor. Detlefsen Hermes XXI 542 hat richtig erkannt, dass er von einem Personennamen (CIL V 7313) abgeleitet ist, also ähnlicher Entstehung sein mag, wie der der cottischen A. Das Montblancmassiv hatte in der Alpengeographie des Altertums keine Stelle, weil die gangbaren Pfade es mieden. Der grosse St. Bernhard gab dem nächsten Alpenabschnitt den Namen A. Poeninae (Liv. V 35. Strab. IV 205. 207. 208. Sen. ep. IV 2, 9. Tac. Hist. I 61. 70. 87. IV 68. Plin. III 123. Amm. XV 10, 9. Zosim. VI 2), der, wie Liv. XXI 38 hervorhebt, keineswegs von dem Übergang der Punier, sondern von der Kultstätte des Iuppiter Poeninus auf der Passhöhe des grossen St. Bernhard herrührt [1603] (CIL V p. 761ff.; über die Ausgrabungen auf der Passhöhe vgl. Meyer Alpenstr. Ferrero Notizie d. scavi 1890, 294–305. 1891, 75–81. 1892, 70 und F. v. Duhn Deutsch. Wochenbl. 1891, 344–346. Mem. R. Accad. di Torino 1891, 331–387}. Da der Name auch auf das Längsthal der oberen Rhone, das Wallis (vallis Poenina CIL XII 118. 147) übergegangen war, darf man die poeninischen Alpen im Sinne der Alten über den Simplon hinaus bis an die Wurzel dieses Thales ausdehnen (Amm. XV 11, 16). Hierher verlegt Avien. ora mar. 639 einen hohen Berg, die Solis Columna. Dass die Quelle der Rhone nicht sehr weit entfernt sei von der des Rheins, wusste schon Caesar (b. Gall. IV 10, 3. Strab. IV 204). Er verlegt letztere zu den Lepontiern, deren Hauptmasse im Tessin-Thal (Val Leventina) sass. Aber der Name lepontische Alpen für die Alpenkette zwischen Simplon und Splügen ist dem Altertum noch fremd. Strab. IV 192. 204. 213 und Ptol. II 9, 2 lassen den Rhein auf dem Adulas entspringen. Es heisst eine Ungenauigkeit unserer Schulgeographie ohne Not dem Altertum aufbürden, wenn man diesen Berg im St. Gotthard sucht. Die Rheinquellen liegen sämtlich östlicher. Für den Vorderrhein und den Rhein von Medels mag der Ursprung bei den Lepontiern richtig sein, die über den Lukmanier herüberreichen konnten. Den Hinterrhein hat augenscheinlich Strabon im Sinne, auf Grund von Berichten, die vom Splügenübergange stammten. Dort steigt man aus dem Rheingebiet unmittelbar ins Addagebiet hinüber, wenn auch keineswegs zur Addaquelle selbst. Danach wäre der Adulas im Rheinwaldshorn (3398 m.) zu erkennen, Raeticarum Alpium inaccesso ac praecipiti vertice (Tac. Germ. 1). Da die Lepontier bereits ein raetischer Stamm waren, muss der Name A. Raeticae (Hor. C. IV 4, 17. Tac. Hist. I 70. Sidon. Ap. C. V 374) für das Altertum westwärts bis an die Wurzel des Rhonethales (Plin. III 135) herangereicht haben. Aus ihrem östlichen tiroler Anteil hebt Strabon (IV 207) nur einen Punkt heraus, offenbar einen Pass der Centralkette mit einem See. Aber die schon vorher durch Missverständnisse getrübte Darstellung des Wassernetzes, das sich daran knüpft, ist durch Namensversetzungen hoffnungslos entstellt. Wahrscheinlich handelt es sich um den Brenner. Der Name Ἀπέννινον ὄρος, der möglicherweise an der Verschiebung der poeninischen Alpen auf der ptolemaeischen Karte einige Mitschuld hat, kann vollkommen richtig überliefert sein. Aus dem Brenner-See entspringt thatsächlich nur ein Donauzufluss, die Sill (zum Inn). Wenn Strabon statt dessen die Isar (Ἰσάρας) nannte, so konnte ihn zu dieser Verwechslung die Thatsache verführen, dass die nördliche Fortsetzung der Brennerstrasse (nach Augsburg) jenseits des Scharnitz-Passes wirklich die Isar berührte. Strabons Quelle knüpfte aber an denselben Pass-See noch einen südwärts rinnenden Fluss, gewiss den am Brenner entspringenden Eisack (Ἄταγις, sonst Isargus), der mit der Etsch (Ἄτησῖνος) vereint der Adria zuströmt. Andere Versuche, die verworrene Stelle zu deuten, bei den Herausgebern, namentlich C. Müller (auch zu Ptol. II 12, 1) und bei Zippel. Über die Hauptkette der Alpen östlich vom Brenner bieten [1604] die alten Quellen beinahe nichts. Der Name der Tauern ist vielleicht alt. Wahrscheinlich hatten von ihnen die Taurisker ihren Namen (wie die Skordisker vom Skardos). Entsprechend der Provinzialeinteilung kam dann der Name A. Noricae (Flor. III 3, 18. IV 12, 4. Jord. Rom. 241) auf. Die Unsicherheit über die von Strab. IV 207 genannten Donauzuflüsse Duras (etwa Draus?) und Klanis (Glan?) macht auch jeden Versuch aussichtslos, die Berggruppen an ihren Quellen Tullon und Phligadia wiederzufinden. Der nordöstliche Ausläufer der Alpen, speciell der Wiener Wald, führte den Namen Mons Cetius (Ptol. II 13, 1. 15, 1. CIL V p. 683. 684).

Die südtiroler Berge fasste man als A. Tridentinae (Plin. III 121. Dio LIV 22. Flor. I 38, 11. Ampel. 45) zusammen. An sie schlossen sich östlich die A. Carnicae (Plin. III 147) mit der Quelle des Savus an. Weiterhin scheidet dessen Thal die Kette der Karawanken (ὁ Καρουάγκας Ptol. II 14, 1. VIII 7, gemeint auch III 1, 1, wo fälschlich ὁ Καρουσάδιος, vielleicht der alte Name des Karst, geschrieben steht) von dem Zuge der A. Venetae (Amm. XXXI 16, 7) oder Iuliae (Tac. Hist. III 8. Amm. XXXI 9, 4. 12, 21. XXIX 6, 1. Sozom. Hist. eccl. VII 22. Niceph. Callist. 12. 39. Ruf. Fest. 2. 3; merkwürdig weit nach Westen dehnt den Namen A. Iuliae aus Ven. Fort. praef. 4; v. Mart. IV 651, anscheinend bis zum Plecken). Die A. Pannonicae bei Tac. Hist. II 98. III 1 sind kein Zweig des Gebirges, sondern nur die nach Pannonien führenden Pässe, also in erster Linie die iulische Alpenstrasse durch den Birnbaumer Wald. Eine wirkliche Fortsetzung der Alpenketten bilden längs der Adria die A. Delmaticae (Plin. XI 240). Selbst die Dardani Alpini (Not. Dign. Occ. 31) fallen noch in die südöstlichen Ausläufer des Alpensystems hinein. Dagegen beruhen die Vorstellungen von einer Fortsetzung der A. bis nach Thracien (Mela II 73. Amm. XXI 10, 4. XXXI 10, 7) auf unzulänglicher Kenntnis, und Ausdrücke wie A. Bastarnicae (s. Carpathi) fallen schon in den Bereich der allgemeinen Anwendung des Namens A. auf hohe Gebirge.

III. Alpenpässe.

Die Unvollkommenheit der älteren Nachrichten über die A. und die obere Donau zeigt, wie lange beide dem Verkehrsleben des Mittelmeers entrückt blieben. Von den Völkerzügen, welche in früher Zeit durch die A. nach Italien niederstiegen, ist nur unsichere Kunde erhalten. Livius Bericht (V 34) setzt den Zug der Galler um 100 Jahre zu früh und wird damit auch inhaltlich verdächtig. Der älteste Handel, der Bernstein aus dem Norden ins Mittelmeergebiet und dessen Erzeugnisse vereinzelt nach dem Norden brachte, knüpfte sich an Massalia und die Colonien des Pontus, mied also die A. Nur über ihre leichten östlichen Pässe scheint früh ein geringfügiger Waarenaustausch stattgefunden zu haben. Der etrusk. Tauschhandel nach dem Norden (Genthe, Frankfurt 1874) ist nach Dauer, Ausdehnung und Bedeutung weit überschätzt worden; die Bronzekultur Deutschlands war im wesentlichen unabhängig von Etrurien. Die spärlichen vorrömischen Münzfunde sprechen für einen die A. umgehenden, nicht für einen sie übersteigenden Verkehr. Wie ein Wunder erschien [1605] den Zeitgenossen Hannibals Alpenübergang (Plin. XXXVI 2). Dass über den Weg des punischen Heeres noch immer weit auseinandergehende Ansichten aufgestellt werden, ist wesentlich die Schuld des Hauptberichterstatters Polybios, der bei aller selbstgefälligen Beleuchtung der eigenen geographischen Leistungen doch regelmässig topographisch unzulängliche Angaben macht. Das ist im vorliegenden Falle um so natürlicher, da er von der Anordnung und der Richtung des Alpenzuges ganz falsche Vorstellungen hat, die ihm selbst das Verständnis eines guten Berichtes unmöglich machen mussten. Als feststehend betrachtete das Altertum (Polyb. bei Strab. IV 209. Liv. XXI 38), dass Hannibals Übergang ihn zunächst zu den Taurinern herabführte. Die Entscheidung, über welchen Pass er kam, hängt wesentlich ab von der Beurteilung der Quellen. Wer die Überzeugung hegt, dass nur die Darstellung des Polybios Beachtung verdient, alles was Livius darüber hinausbietet, wertlose nachträgliche Ausmalung sei, muss sich für einen Pass in der Nordhälfte der Westalpen entscheiden. Je nachdem man den Fluss, an dem Hannibal aufwärts marschiert, für die Rhone, die Isère oder den Arc hält, kommt man auf den grossen St. Bernhard (Clüver 1615, Whitaker 1794, du Rivaz 1813, Ducis), den kleinen St. Bernhard (Breval 1726, Melville und de Luc 1818, Wickham und Cramer 1820, Zander 1828, Schaub 1855, Law 1866, auch Niebuhr, Mommsen, H. Kiepert, v. Duhn) oder den Mont Cenis (Grosley 1764, Lalande 1769, Saussure 1796, Albanis-Beaumont 1806, Mannert 1823, Laranza 1826, Ukert 1832, Ellis 1853, Ball 1863, Maissiat 1874, Nissen 1883) resp. den nahe benachbarten Col du Clapier (2491 m.), für welchen der vorzüglichste Kenner aller Westalpenpässe, Colonel Perrin (1887) sich entscheidet. Nur die beiden letztgenannten vom Arc zur Dora Riparia ausmündenden Pässe würden der Forderung genügen, Hannibal hinabzuführen zu den Taurinern. Zu wesentlich anderem Ergebnis gelangt man, wenn die Erzählung des Livius zu Rate gezogen wird. Für die Berechtigung, sie zu berücksichtigen, hat am wirkungsvollsten C. Neumann sich ausgesprochen (Pun. Kriege 282–293, vgl. auch die Inaug. Diss. seines Schülers O. Linke Die Controverse über Hannibals Alpenübergang, Breslau 1873), im wesentlichen übereinstimmend mit Rauchenstein. Neumann tritt den Nachweis an, dass die Berichte des Polybios und Livius aus derselben Quelle geschöpft sind. Polybios unterdrückte diejenigen Angaben, die ihm unverständlich oder mit seinen falschen Terrainvorstellungen unvereinbar waren. Livius übertrug getreu, ohne solche Kürzungen vorzunehmen. Folgt man seinem vollkommen verständlichen und durch treffende Einzelheiten bemerkenswerten Bericht, so zog Hannibal von der insula Allobrogum an der Isère-Mündung durch das Gebiet der Tricastiner, inde per extremam oram Vocontiorum in Tricorios haud usquam impedita via, priusquam ad Druentiam flumen pervenit (durch die Thäler der Isère und des Drac nach Gap an der Durance). War Hannibal im Durancethal, so war der einzig bequeme Alpenübergang für ihn der Mont Genèvre [1606] (1860 m.). Für ihn entscheiden sich demgemäss viele: de Thou, d’ Anville, Gibbon 1763, Letronne 1819, Zeerleder 1822, Reichard 1831, Rauchenstein 1849. 1864, Neumann, Linke, Desjardins 1876, Dübi 1884 und einige andere, welche wie Chorier 1661, Folard, Fortia d’Urbain 1821, Hennebert 1870 als östlichen Abstiegsweg nicht das Dorathal, sondern das über den Col de Sestrières leicht erreichbare des Clusone wählen. Eine ganz abweichende Meinung vertritt Douglas-Freshfield (Alp. Journ. XI 1883, 267–300). Er führt Hannibal von Gap über den Col de Vars (2115 m.) ins Thal der Ubayette, dann über den Col de l'Argentière (1995 m.) ins Thal der Stura von Cuneo. Die Begründung giebt teils ein Hinweis auf die antike Verkehrsbedeutung dieses Col (CIL V 922*. 989*, die gefälschten Inschriften, vgl. p. 776. 777, wichtiger andere Funde. Litteratur bei v. Duhn Anm. 39), teils Varro bei Serv. Aen. X 13. Während nämlich Polybios in den ganzen Alpen erst vier Pässe kannte (Strab. IV 209), den ligurischen längs der Küste, den bei den Taurinern auf Hannibals Route, den bei den Salassern (kleinen St. Bernhard) und einen raetischen (Brenner?), zählt Varro allein in den Westalpen 5 auf, und zwar anscheinend in geographischer Reihenfolge. 1) Den ligurischen; 2) den Hannibals; 3) den des Pompeius; 4) den Hasdrubals; 5) die Alpis Graia. Von Hasdrubal ist nichts Näheres bekannt. Da er aus Central-Frankreich nach Gallien aufbrach, könnte er, wenn er nicht den kleinen St. Bernhard wählte, am ehesten für den Mont Cenis sich entschieden haben, der zwar im Altertum nie eine Strasse erhielt, aber gewiss nicht unentdeckt blieb (vgl. den nur auf den Mont Cenis zu deutenden See bei den Medullern, Strab. IV 203). Für Pompeius wird dann gewöhnlich (CIL V p. 809) die Erschliessung des Mont Genèvre in Anspruch genommen, um seine Versicherung zu erklären (Sall. ep. Pomp. 4): per Alpes iter aliud atque Hannibal, nobis opportunius patefeci. Wäre das richtig, dann bliebe für Hannibal freilich nur ein anderer Pass, nach Varros Zählung ein südlicherer. Aber alles spricht dafür, dass Hannibal den einfachsten, naturgemäss vorgezeichneten Ausweg aus dem Durancethal wählen musste, die auch von Artemidor gekannte Mont Genèvre-Strasse. Der Pass, den Pompeius wählte und mit der dem ganzen Briefe eigenen Übertreibung pries, kann eine thatsächlich minderwertige andere Passpforte gewesen sein. Dübi weist ihm den Col d’Argentière zu. Die ältere Litteratur über Hannibals Alpenübergang erschöpfend bei Ukert II 2, 559 (1832), die neuere bei Law the Alps of Hannibal (1866). Die neuesten Erscheinungen bespricht Schiller Berl. Phil. Wochenschr. II 1884. VIII 1277. IX 27. X 38. 894–896.

Im letzten Jahrhundert der Republik überschritten wiederholt römische Heere die Alpen. Aber die planmässige Erschliessung ihrer Pässe durch Trassenanlagen, welche allerdings meist nur für Saumtiere (nur wenige auch für Wagenverkehr) hergerichtet waren, begann erst nach der seit 15 v. Chr. angegriffenen Unterwerfung der Alpenvölker. Die alpinen Römerstrassen (Strab. IV 204. Herodian VIII 1, 6. Iulian or. II p. 72) verleugnen [1607] das im antiken Strassenbau allgemein waltende Streben nach möglichst gerader Erreichung des Zieles keineswegs; sie sind oft recht steil. ‚Sie wurden selten tief in den Abhang eingeschnitten, möglichst aus demselben herausgetragen. Sie folgten den sonnigen Lagen der Berge, schmiegten sich dabei dem Terrain an und vermieden grosse Thalübergänge. Man sparte beim Bau und erleichterte die Unterhaltung. So findet man an den antiken Alpenstrassen keine grossartigen, monumentalen Bauwerke, sondern nur einfache, den Bodenverhältnissen sich anpassende Constructionen‘ (Bavier). Die Breite der Strassen, meist 2–3,5, aber bisweilen nur 1,5 m., war im allgemeinen gering und wechselte an einer und derselben Strasse häufig. Die wichtigsten Alpenstrassen der Römerzeit sind folgende:

1) Die ligurische Küstenstrasse, deren frühe Benützung nicht nur aus der Sage vom Zuge des Herakles (Ps.-Arist. de mirab. 86. Diod. IV 19. 90. Amm. XV 10, 9), sondern aus Zeugnissen für das 2. Jhdt. v. Chr. (Polyb. bei Strab. V 209. Val. Max. I 6, 7) erkennbar ist, wurde erst nach der Bewältigung der Stämme des Gebirges (Strab. IV 203) von Augustus 12 v. Chr. sorgfältig ausgebaut als via Iulia Augusta (CIL XII 5454. 5455). Das Steilufer bei Monaco (Tab. Peut.) zwang sie zu einem beträchtlichen Anstieg. Auf der Höhe (in Alpe summa, in Alpe maritima) ward 6 v. Chr. das Siegesdenkmal errichtet zum Andenken an die Unterwerfung der Alpenvölker (Plin. III 136. CIL V 7817 Tropaea Augusti, jetzt la Turbia). Es stand am 503. Meilenstein (gerechnet von Rom über Ariminum, Placentia, Vada Sabatia). Die Itinerare Ant. p. 295; Marit. 502. Tab. Peut. Rav. vereint CIL V p. 900.

2) Alpis Cottia (Mont Genèvre, 1860 m.). Aus dem Namen des Überganges auf seine späte Entdeckung zu schliessen (CIL V p. 809) ist nicht möglich. Auch wenn man von dem Übergang der Gallier (Liv. V 34, 8 s. o.) ganz absieht und Hannibal über einen anderen Pass führt, bleibt ein Verkehr über diesen Pass für ca. 100 v. Chr. verbürgt durch Artemidor (Strab. IV 179 combiniert mit Plin. II 244. Agathem. 4, 17), der für seine festländische Längenbestimmung des Mittelmeeres die Alpenroute von Scingomagus (Exilles) nach Eburodunum (Embrun) wählte. Caesar ging 58 v. Chr. denselben Weg und schätzte ihn als proximum iter in ulteriorem Galliam. Den Strassenbau vollzog unter Augustus (Meilenstein von Apt CIL XII 5497, 3 v. Chr.) Cottius (Amm. XV 10, 2). Als leichtester, wenn auch im Winter für Fuhrwerk beschwerlicher Hochübergang (übertreibende Ausmalung bei Ammian) blieb diese Strasse für den Verkehr von der Poebene nach der Narbonensis und Spanien bevorzugt. Zu der Reihe hsl. Itinerare (Ant. 342. 357; Hieros. 555. Tab. Peut. Rav.) treten 4 inschriftliche auf den Silberbechern von Vicarello hinzu (CIL XI 3281–3284, ältere Ausg. Rh. Mus. IX 1854. Rev. arch. V 1862), alle vereint CIL V p. 811. XII p. 646. Die Passhöhe hiess vom 4.–6. Jhdt. Mons Matrona, wohl von den gallischen Deae Matronae (vocabulum casus feminae nobilis dedit Amm. XV 10, 6. It. Hier. Ennod. Itiner. Brigantionis 23), auf den Itineraren von [1608] Vicarello Druantio oder Druentia. Beim Hauptort des oberen Durancethales, Brigantio (Briançon), zweigte sich eine wichtige Strasse über den Col du Lautaret (2075 m.) nach Cularo (Grenoble) ab (Tab. Peut. CIL XII 5508), bei Vapincum (Gap) die Hauptstrasse nach Valentia. Der Pass, über welchen sie ins Thal der Drome hinüberstieg, hiess Mons Gaura (Col de Cabre 1180 m.). Itin. Hieros. 555.

3) Alpis Graia (kleiner St. Bernhard 2192 m.), einer der am frühesten begangenen Alpenpässe (Polyb. bei Strab. IV 209) zwischen Salassern (Val d’Aosta) und Ceutronen (Tarentaise), von D. Brutus 43 v. Chr. überschritten (Cic. fam. X 23. XI 23), in augusteischer Zeit schon fahrbar (Strab. IV 205). It. Ant. 346. Tab. Peut. Rav. Die Abzweigung über Annecy nach Genf inschriftlich bezeugt (CIL XII p. 765).

4) Alpis Poenina (grosser St. Bernhard 2472 m.), zwischen Salassern und Vallis (Poenina), ein sehr alter, aber nie fahrbar gewordener Übergang (Strab. IV 205), von Caesars Legaten Sulpicius Galba nur vorübergehend eröffnet (b. Gall. III 1–6), erst durch die Vernichtung der Salasser unter Augustus völlig gesichert.

Die Existenz einer Strasse über den Simplon wird nahezu allgemein angenommen (vgl. v. Duhn Anm. 61), ist aber durch die Inschrift von Vogogna (unterhalb von Domo d’Ossola) CIL V 6649 ebensowenig sicher erwiesen, wie durch die Namen Quinto, Decimo bei Airolo eine alte Gotthardstrasse. In beiden Fällen kann der Strassenbau auf die Thalsohle des italischen Abhangs sich beschränkt haben. Unsicher bleibt (vgl. F. Berger) der Anteil der Römer an der Wegsamkeit der Bündner Pässe. Die bedeutenden Reste alter Pflasterwege sind am Septimer ein Werk des 14. Jhdts., auch an den anderen Pässen schwerlich antik. Meilensteine fehlen ganz, für die Verbindung zwischen Rhein und Tessin auch Itinerare. So ist vorläufig weder für den Lukmanier (1917 m.) noch für den Bernhardin (2063 m.) eine Römerstrasse klar erwiesen, wiewohl nur diese beiden Pässe zur Wahl standen für einen Heereszug von den Campi Canini (vgl. Greg. Tur. X 3) bei Bellinzona nach dem Bodensee (Amm. XV 4, 1) und für einen Raubzug der Alemannen in umgekehrter Richtung (Sidon. C. V 375). Dagegen führten vom Corner See sicher zwei Strassen nach Chur.

5) Splügen (2117 m.), Cuneus aureus, It. Ant. Tab. Peut. Die Strasse trat unterhalb des Dorfes Splügen gewiss nicht in die Engschlucht der Via Mala, sondern hielt sich auf den sonnigen Höhen des linken Ufers.

6) Julier (2287 m.). Für ihn ist nicht nur durch Münzfunde und eine alte Säule ein antiker Verkehr nachgewiesen, sondern auf ihn bezieht sich wohl It. Ant. p. 277.

7) Reschenscheideck (1493 m.). Diesen Pass überschritt wahrscheinlich die via Claudia Augusta (46/47 n. Chr.), welche von Altinum durch Val Sugana nach Tridentum und dann an der Etsch aufwärts mindestens bis in den Vintschgau führte. CIL V 938.

8) Brenner (1363 m.), benannt nach den alten Breuni (Hor. C. IV 14, 11. Strab. IV 206. Plin. III 136. Ven. Fort. v. Mart. IV 645 Breones. [1609] Cassiod. Var. I 11. Paul. Diac. Langob. II 13), die Drusus bezwang. Die alte Benützung dieses niedrigen Überganges beweisen etruskische Funde s. Genthe a. a. O. Die Strasse von Verona nach Augusta Vindelicorum war gewiss eine der ersten, welche nach Unterwerfung der A. gebaut wurde. Dafür spricht trotz des Fehlens eines inschriftlichen Zeugnisses bis 195 n. Chr. (CIL III 5980) das frühe Aufblühen der splendidissima Raetiae colonia (Tac. Germ. 41). Tab. Peut. It. Ant. CIL III p. 735. V p. 947. Ven. Fort. a. O. Die Strasse durchzog die schwierigen Engen des Eisack. Hier Raetiens Grenze; Zollstation Sublabio (Seben). CIL V 5079. 5080. Von Veldidena (Wilten bei Innsbruck) aus überschritt sie die nördlichen Kalkalpen in dem nächstgelegenen Scharnitzpass (1176 m.), der ins Quellgebiet der Isar führt. Dass aber auch eine Verbindung nach Brigantium (Bregenz) bestand, welche wahrscheinlich den Fernpass (1250 m.) benützte, beweist CIL III 5988. 5999. Nach einem östlicheren Pass der Kalkalpen verlegt man des Theodorich Clausurae Augustanae (Cassiod. Var. II 5).

Ganz unsicher ist das Alter des Heidenweges über den Hoch- oder Korntauern (2463 m.) zwischen Möll und Salzach. Prinzinger Mitth. Ges. Salzb. Landesk. XXVIII 1888, 184–196 m. K. Arnold Mitth. D. u. Ö. Alp.-Ver. 1890, 166–168.

9) Radstädter Tauern (1738 m.) und Katschberg (1641 m.) sind die beiden Pässe, welche aus dem Längsthal der Mur, das die Kette der Tauern in zwei Züge zu spalten beginnt, nordwärts zur Salzach nach Iuvavum, südwärts zum Dravus nach Teurnia herausfuhren. Als südliche Fortsetzung dieser Römerstrasse, von der etliche Meilensteine erhalten sind (CIL VII 5713–5727), kann die Strasse über den Pleckenpass (Monte Croce 1360 m.) gelten, welche das obere Drauthal, besonders Aguontum (bei Lienz) mit dem oberen Tagliamento verbindet. Eine venetische Inschrift verbürgt das hohe Alter dieses Verkehrsweges, Pauli Altital. Forsch. III 62–65. Ven. Fort. v. Mart. IV 651 ff. giebt ein durch das Pusterthal an den Brenner geknüpftes Itinerar. CIL III p. 590. V 1862. 1863. Zollstationen bei Loncium (Mauthen) und Monte Croce. CIL III 4716. V 1864. vgl. Domaszewski Arch.-epigr. Mitt XIII 1890, 138.

10) Die Norische Hauptstrasse fand wenig östlicher niedrigere Übergänge. Ihr öffnete sich allerdings in den nördlichen Kalkalpen kein wegbahnendes Querthal, sondern über den Pyhrn (945 m.) stieg sie hinüber nach Liezen a. d. Enns, aber die Hauptwasserscheide überwand sie leicht im Rottenmanner Tauern (1257 m.). Noch leichter stieg sie aus dem Murthal durch die Neumarkter Senke (Noreia) hinüber nach Virunum im Klagenfurter Becken. Von Villach aus führte dann der Saifnitzpass (797 m.) längs der heutigen Pontebba-Bahn ohne ernsten Anstieg hinüber ins Tagliamentothal. Tab. Peut. It. Ant. CIL III p. 589. 618. 693. 698. V p. 169. 936. Zollstationen bei Saifnitz und Pontebba CIL III 4716. V 8650.

11) Alpis Julia oder Ocra (830 m.), der Pass über den Birnbaumer Wald, schon in republicanischer Zeit wichtig, wie die Gründung von Aquileia (181 v. Chr.) beweist (Liv. XXXIX 22. [1610] 45. 54. 55. XL 34). Die Eroberung Pannoniens belebte den Verkehr zwischen diesem Platz und Emona (Laibach) ungemein (Strab. IV 207. 314. Iulian. or. II 72. Paul. Diac. Langob. II 9. It. Ant. 128; Hieros. 560. Tab. Peut. CIL III p. 483. 572. V p. 75). Die Zollgrenze Noricums lag nördlich der Save bei S. Oswald (609 m.). CIL III 5121.

Litteratur: F. v. Duhn Die Benutzung der Alpenpässe im Altertum, N. Heidelb. Jahrb. II 1892, 55–92. Dübi Die Römerstrassen in den Alpen, Jahrb. Schw. Alp. Cl. XIX 381–416. XX 344–363. XXI 323–341. Vaccarone Le vie delle Alpi Cozie, Graje, Pennine negli antichi tempi, Boll. Cl. Alp. It. XIV 1880, 1–43. H. Meyer Die Alpenstrassen der Schweiz, Mitth. ant. Ges. Zürich XIII 2 (1861), 117–140. Bavier Die Strassen der Schweiz, Zürich 1878. J. Näher Die röm. Militärstrassen und Handelswege in der Schweiz und in Südwestdeutschl., Strassburg 1888 (2. Aufl.). Oehlmann Die Alpenstrassen im Mittelalter, Jahrb. f. Schweiz. Gesch. III. IV. Zürich 1878/79. F. Berger Die Septimerstrasse. Kritische Untersuchungen über die ,Reste alter Römerstrassen‘, Jahrb. f. Schweiz. Gesch. XV 1890, 1–180.

IV. Naturcharakter und Erzeugnisse.

Von der Unwirtlichkeit des Hochgebirges, seinen Steilwänden und Abgründen, der Kälte, den Stürmen, den Schneemassen, den vereisten Wegen sind etliche alte Schilderungen erhalten (Polyb. II 15. III 56. Liv. XXI 31. Petron. 122. Sil. It. III 479. Amm. XV 10. Claud. XXVI 340). Aber nur vereinzelt zeigt sich eine klarere Anschauung einzelner Naturerscheinungen. Strabon IV 204 kennt die Steinfälle und die Lawinen (Claud. XXVI 346) als ernste Gefahren der Alpenwege, Frontin die Hochfluten im Gefolge der Schneeschmelze. Grom. vet. ed. Lachm. 50, 21. Die Römer haben sich nie über das Gefühl des Grauens oder die Stimmung der Gleichgültigkeit zu einer Begeisterung für die Schönheit des Hochgebirges zu erheben vermocht. Nicht touristischer Eifer, sondern nur der Verkehr mit jenseitigen Ländern und die Ausbeutung der bescheidenen Naturgaben des Gebirges führte sie in dessen Inneres. Nur vereinzelt lockten Edelmetalle, so die Goldwäschen der Salasser am Südfuss des Monte Rosa (Strab. IV 205) und die Goldgruben der Tauern (Polyb. bei Strab. IV 208). Die Ausbeutung der Kupfererze (z. B. bei Bischofshofen) bezeugen die Funde, den Abbau der reichen Zone von Eisenerzlagern in den Ostalpen auch der Ruf des Noricus ensis (Hor. C. I 16, 9; Ep. 17, 71. Ovid. met. XIV 712. CIL III 4788. 4809. 5036. V 810). Eine wichtige Kulturstätte erhielt sich aus vorgeschichtlicher Zeit um das Salzwerk von Hallstatt (Frh. v. Sacken Das Grabfeld von Hallstatt, Wien 1886). Den Marmorlagern (Plin. XXXVI 2) entstiegen vielfach Kunstwerke und Denksteine. Selbst das gefahrvolle Treiben der Krystallsucher lässt sich bis auf des Plinius (XXXVII 23. 27) Tage zurück verfolgen. Unvergleichlich wichtiger war die Nutzung des Bodens. Die ungeheueren Wälder (silvae inexplicabiles Salv. de gub. dei VI 10. Polyb. III 55, 9. Strab. IV 202. Plin. XXXI 43) lichteten sich allmählich. Viel Bauholz verschlangen die Lagunenstädte (Vitr. II 9, 16. Plin. XVI 66. 90), selbst das ferne Rom [1611] (Plin. XVI 190). Anderwärts räumten Theerschweler und Pechsieder auf (Strab. IV 207). Diese Beschränkung des Waldes minderte mehr als der Bedarf des Circus (Claud. XXIV 307. Salv. a. O.) und die Jagd die wilde Fauna. Polybios (bei Strab. IV 208) kannte hier noch den Elch. Neben den Gemsen (Plin. VIII 214), Steinböcken, Schneehasen (VIII 217), Murmeltieren (VIII 132. X 186), Bären werden auch wilde Rinder (Strab. IV 207 Wisent ?) und merkwürdigerweise auch wilde Pferde genannt, dazu mannigfaches Federwild (Plin. X 56. 133). Auch die Fische der Seen (IX 63), selbst die Schnecken (VIII 140) fanden Liebhaber. Das entwaldete Land vergrößerte die Viehtriften. Hier lag der Schwerpunkt des Wirtschaftslebens der Hochthäler (Verg. Georg. III 474). Das kleine unansehnliche Vieh lieferte reichlich Milch (Plin. VIII 179. Colum. VI 42) für die Käsebereitung (Strab. IV 207. Plin. XI 207. Hist. Aug. Pius 12, 4). Züge des Lebens der Hirten: Claud. XXVI 349–358. Acta Sanctor. 29 Mai. 38 (vgl. Jung Roman. Landschaften des R. Reichs 1881, 425). Die würzigen Stauden trockener Lehnen lieferten reichlichen Honig (Strab. IV 202. 207). Aber auch der Ackerbau drang in Höhen, in denen nur die Wahl besonderen Saatkornes ihn noch möglich machte (Plin. XVIII 69. 172. 240). Die tieferen Lagen lieferten Wein, namentlich der raetische stand in gutem Rufe (Suet. Aug. 77. Verg. Georg. II 96. Colum. III 2. Plin. XIV 16. 26. 41. 67). Am Ufer des lacus Larius gedieh selbst der Ölbaum (Claud. XXVI 319).

V. Bewohner.

Als körperliche Eigentümlichkeit der Bergbewohner fiel schon den Alten die Häufigkeit der Kröpfe auf (Vitr. VIII 3, 20. Iuv. XIII 162. Plin. XXXVII 44). Die Erscheinung ist unabhängig von ethnischen Unterschieden. Die Mehrzahl der Alpenvölker waren Kelten. Aber neben diesen wohnten im Alpen-Gebiet andere Stämme: die Ligurer in den Seealpen und cottischen A. bis in die Nähe der Mont Genèvre-Strasse. Selbst die Tauriner werden noch zu ihnen gerechnet, Strab. IV 204. Plin. III 123. Von der Quelle der Rhone und des Tessin ostwärts bis über die Etsch bewohnten die Raeter die Centralkette der A. und deren Südabdachung. Schriftsteller der Poebene (Liv. V 33. Plin. III 133) verbürgen ihre Zugehörigkeit zu den Etruskern. Und die Ausbreitung des im alten Raetien heute gesprochenen Ladin bis ins Friaul macht es nahezu sicher, dass auch dort ein verwandtes Volk die Grundlage der Völkermischung bildete. Den Fuss der A. vom Po bis zum Tagliamento hatten die Veneter inne. Sie werden zu den Illyriern gestellt. Näheres über all diese Völker unter ihren Namen. Die genauere ethnische Topographie der A. für das Altertum stützt sich grossenteils auf die Tropaea Augusti; vgl. Zippel Die röm. Herrschaft in Illyricum bis auf Augustus, Leipzig 1877.

Litteratur

H. Nissen Italische Landeskunde I 136–173. 466–493, dazu H. Kieperts Karten zum CIL III. V. XII. Dübi Feldzüge der Römer in den Alpen, Jahrb. Schw. Alp. Cl. XVI 463–482; Allerlei antike Notizen über die Alpen ebd. XVII 377–406. Detlefsen Das Pomerium und die Grenzen Italiens, Herm. XXI 528–552.

[1612] Westalpen: Desjardins Géogr. de la Gaule Romaine I 66–99. II 305–329. Vallentin les Alpes Cottiennes et Graies, Paris 1883 (Ref. von Fr. Berger Sybels Hist. Ztschr. LIII 1885, 110).

Centralalpen: Th. Mommsen Die Schweiz in röm. Zeit, Mitth. antiq. Ges. Zürich IX 2, 1853, 1–27; Inscr. Conf. Helv., ebenda X 1–134; Hermes XVI 445–493. F. Keller Die röm. Ansiedelungen der Ostschweiz, Mitt. antiq. Ges. Zürich XII 269–342. XV 63–158. Planta Das alte Raetien, Berlin 1872.

Ostalpen: J. Jung Römer und Romanen in den Donauländern, Innsbruck 1877, 2. Aufl. 1887. Ders. Die Roman. Landschaften des R. Reiches, Innsbruck 1881, dort reichliche Litteratur.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S XV (1978), Sp. [S_XV 6]–[S_XV 9]
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     S. 1599ff. zum Art. Alpes 1):

VI. Fasten der einzelnen Alpenprovinzen.

1. Alpes maritimae:

Eine Liste der Statthalter gibt H.-G. Pflaum Les Carrières procuratoriennes équestres etc. etc.