RE:Anonymus Einsidlensis

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S I (1903), Sp. 87–88
Pauly-Wissowa S I, 0087.jpg
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Anonymus Einsidlensis wird, nach dem gegenwärtigen Aufbewahrungsorte der Hs. (cod. Einsidl. 326), eine epigraphisch-topographische Sammlung genannt, welche etwa im 9. Jhdt. im Kloster Reichenau aus älteren Quellen zusammengestellt ist. Sie besteht aus einer Sylloge christlicher und heidnischer Inschriften von Rom und Pavia; aus einem Itinerar der Stadt Rom (dem am Schluss liturgische Notizen angehängt sind) und einer kleinen Sammlung von Gedichten, teils inschriftlicher, teils litterarisch überlieferter (Ausonius, Alcuin, Damasus). Für das classische Altertum sind die Sylloge und der topographische Teil von hervorragendem Wert. Die Sylloge ist zusammengearbeitet aus vier älteren Quellen, von denen die beiden ersten ins 6. Jhdt. zurückgehen. Sie hat zahlreiche Inschriften von Kaisern und Magistraten, zum Teil allein, erhalten; Inschriften an heidnische Götter fehlen ganz, sind aber vielleicht erst von dem Reichenauer Compilator ausgelassen. Eine der Einsiedler ganz ähnliche Sylloge brachte Poggio um 1415 aus einem deutschen Kloster nach Italien; aus dieser (die im Original verloren ging) ist der Inschriftenbestand der alten Sammlung in zahllose handschriftliche und gedruckte Sammlungen der Renaissancezeit übergegangen. Der topographische Teil ist grösstenteils abgelesen von einem Stadtplan, der ausser den christlichen Kirchen auch zahlreiche Monumente aus römischer Zeit enthielt; dass derselbe nur eine ‚ergänzte und revidierte Ausgabe‘ desjenigen gewesen sei, der der constantinischen Regionsbeschreibung beigegeben war, ist freilich sehr unwahrscheinlich. Elf (richtiger zwölf) Routen, von denen vier a porta S. Petri ausgehen, führen den Pilger von einem Ende der Stadt zum anderen und zu den hauptsächlichsten Heiligtümern vor den Thoren. Am Schluss des Itinerars steht eine Beschreibung der aurelianisch-honorianischen Mauer, die wahrscheinlich auf diejenige des Geometers Ammon (403 n. Chr., s. Bd. I S. 1857 Nr. 2) zurückgeht (s. Jordan Topogr. II 155–170. 578–580). [88] Der A. ist herausgegeben zuerst 1685 von Mabillon Analecta IV 481ff.; dann von Hamel Archiv f. Philologie V 116–138 (besser nach Hamels Originalabschrift Urlichs Codex Urb. Rom. topographicus 59–78). Die Inschriften CIL VI 1 p. I–XV. De Rossi Inscr. Christianae II 1 p. 9–35 mit reichem Commentar. Über den topographischen Teil vgl. Jordan Topogr. II 329–356. 646–663. Lanciani Mon. d. Lincei I 438–552. Grisar Gesch. Roms I 112f.