RE:Arbiter 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 408410
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Arbiter, nach der fast allgemein gebilligten Ableitung von ad und betere (Vaniček Wörterbuch I 184) der ‚Hinzukommende‘, bezeichnet 1) den Schiedsrichter (A. ex compromisso). Dieser wird ohne Mitwirkung der Obrigkeit von zwei oder mehreren Parteien einverständlich zur Entscheidung (Ped. Dig. IV 8, 13, 2) eines zwischen ihnen schwebenden Handels angenommen (sumitur: Alf. Dig. V 8, 50. Cic. p. Rosc. com. 12). Dunkel ist das Verhältnis des A. zum sequester (Mittelsmann); vgl. Plaut. Rud. 988–992. 1005. Serv. Aen. XI 133. Isid. Orig. X 260. Muther Sequestration und Arrest 3–32. Ursprünglich sind sie wohl nicht unterschieden. Die streitige Sache mochte in alter Zeit regelmässig beim Mittelsmann hinterlegt sein, was Plaut. Merc. 725–727. 741 für den iudex und noch Ulp. Dig. IV 8, 11, 2 für den A. bezeugt. Daher dürfte sequester (s. d.) die den klassischen Juristen geläufige Bedeutung erst erlangt haben, als die Besitznahme der Streitsache zur Vermittlerrolle nur noch zufällig hinzutrat. Als Schiedsrichter urteilt gewöhnlich einer; den Fall der Richtermehrheit (z. B. Vitruv. II 8, 8) erörtern Pomp. und andere bei Ulp. Dig. IV 8, 17, 2–7 u. 27, 3. Vollmacht und Obliegenheit (officium) des A. bestimmen allein die Parteien im compromissum. Darum hat sein Spruch nicht die durchgreifende Wirkung wie das vom Iudex (Gai. Dig. IV 8, 6) gefällte Urteil, er macht nicht res iudicata: Paul. Sent. V 5a, 1 (s. Sententiaiudicis⟩). Doch sichern die Parteien die Beobachtung des Schiedsspruches, das sententiae arbitri stare, durch den Abschluss gegenseitiger Strafverträge in Stipulationsform (s. Compromissum). Gehorsam schulden [409] sie dem A. nur, wenn er sich in den Grenzen einer Vollmacht hält (Paul. Dig. IV 8, 32 § 15. 21), andererseits ist Freiheit der Entscheidung etwas dem Schiedsgericht schlechthin Wesentliches (Paul. Dig. IV 8, 19, pr.). Obwohl das Compromiss der klassischen Zeit ausdrücklicher Nachricht zufolge den Processverträgen (den iudicia: Paul. Dig. IV 8, 1, s. Wlassak Röm. Processgesetze II 37–42. 357f.; der ordinaria actio: Paul. Dig. IV 8, 32, 9, s. o. Bd. I. S. 303f.) ähnelte (vgl. noch Iustinian Cod. III 1, 14, 1) und den Schiedsrichter ebenso band wie die Formel den Iudex, so war doch dem ersteren regelmässig ein viel freieres Ermessen (arbitrium) gestattet als dem Staatsrichter. Diesen Punkt hebt Sen. ben. III 7, 5 (vgl. clem. II 7, 3) scharf hervor, und nach wohlbegründeter Annahme (Baron Abh. a. d. Röm. Civilprocess I 138–148) stellt auch Cic. Rosc. com. 10–13 (trotz § 26, wo abusiv iudex statt A., das schiedsrichterliche Verfahren (arbitrium) in Gegensatz zum ordentlichen Process (mit stricter Formel: iudicium). Die Gründe, welche eine Person unfähig machen A. zu werden, sind so ziemlich dieselben, welche vom Geschworenendienst ausschliessen; vgl. aber Ulp. Dig. IV 8, 7, pr. und 9, 3 und wegen der Bestimmungen der Lex Iulia iudiciaria über den A. Wlassak a. a. O. I 176f. In eigener Sache kann niemand arbitrieren (Marcian. Dig. IV 8, 51); Plin. ep. V 1,1–6 schildert ein juristisch wirkungsloses (auch ohne Compromiss eingeleitetes) Schiedsverfahren, und der Rechtshandel der Berenice (Quint. IV 1, 19, dazu die Anm. in Burmanns Ausg.) ist nicht bestimmbar (vgl. noch die Stellen bei O. E. Hartmann-Ubbelohde Ordo iudiciorum I 107, 11f. 435, der anderer Meinung ist). Dass der A. zuweilen, wenn nicht der Regel nach, vor dem Urteil einen Eid zu leisten hatte, zeigt der Schiedsspruch von Histonium CIL IX 2827 (Mommsen Abh. Leipz. Ges. d. Wissensch. III 484–487); vgl. Iust. Cod. II 56 (Kr. 55), 4 § 1. 3. Cod. III 1, 14, pr. (Kr. pr. – § 3). Niemand ist gehalten, die Rolle des A. zu übernehmen (Ulp. Dig. IV 8, 3, 1). Weil der freiwillig Annehmende honorariam operam darreicht (Cic. pro Caec. 6), durfte er A. honorarius genannt werden (Cic. Tusc. V 120; de fat. 39. C. Ad. Schmidt Cic. p. Q. Rosc. or. illustr. p. 46. O. E. Hartmann-Ubbelohde a. a. O. I 267, 15. 569, 22. Mommsen Eph. epigr. VIII p. 269f., unzutreffend Voigt Ius naturale IV 2 S. 454). Der Praetor aber förderte die Verwendung von Schiedsgerichten durch ein Edict (Dig. IV 8, 3, 2 u. fr. 15), welches Zwangsmassregeln (multa und pignoris capio, wie gegen den Staatsrichter) wider denjenigen verhiess, der sich den Parteien auf Grund eines gültigen Compromisses (pecunia compromissa) zum Schiedsrichten verpflichtet hatte (arbitrium recepit; s. Recipere). Der magistratische Befehl, das Urteil zu fällen (sententiam dicere cogam), erging hier nur im Bedürfnisfall, auf besonderen Antrag einer Partei, während dem bestellten Iudex gegenüber das praetorische iudicare iubere unerlässlich war. Iustinian steigerte die Kraft des Schiedsspruchs, indem er unter gewissen Voraussetzungen (Cod. II 56 [Kr. 55], 4. III 1, 5, pr.) wie dem Freigesprochenen Exceptio, so dem siegreichen Kläger Actio in factum (einen vor dem Staatsgericht [410] verfolgbaren Anspruch) gewährte (Windscheid Pand.⁷ II § 415, 4). In der Nov. Iust. 82 c. 11 ist diese Rechtsänderung teilweise widerrufen. Über das Verfahren vor dem A. und die Unanfechtbarkeit seines Spruches s. Arbitrium, über das bischöfliche Schiedsgericht der christlichen Kaiserzeit Bethmann-Hollweg Civilprocess d. gem. Rechts III § 139. B. Matthias Röm. Schiedsgericht 130–148.

Litteratur: Unterholzner Lehre v. d. Schuldverhältnissen I 650–656. Schilling Lehrb. f. Institutionen III § 340f. Rudorff Röm. Rechtsgeschichte II § 68. Keller Institutionen 123–130. Wilh. Abegg De arbitris compromissariis, Breslau 1866. Carl Weizsäcker Das röm. Schiedsrichteramt unter Vergleichung mit dem officium iudicis, Tübingen 1879 (sehr beachtenswert). M. Voigt Die XII Tafeln I 568–571. Bernh. Mayer Die Vereinbarung schiedsrichterlicher Rechtsstreitentscheidung, Erlangen 1888. B. Matthias Die Entwicklung des röm. Schiedsgerichts. Mitteis Krit. Vierteljahrsschrift f. Gesetzgeb. XXXIII 343–350. Hayum Der Schiedsvertrag § 4, Tübingen 1892. Kuntze Cursus d. Institutionen² § 707f.; Excurse² 559. Windscheid Pandekten⁷ II § 415–417. Dernburg Pandekten³ I § 165. Weitere Litteratur verzeichnet Matthias a. a. O. auf dem letzten Blatte.