RE:Arbustum

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 421425
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Arbustum. Die Sitte, Reben an lebenden Bäumen zu ziehen, findet sich heute besonders in Italien und mitunter in Südfrankreich und Spanien, jedoch nicht in Griechenland. Die Griechen, wenigstens die älteren, nannten eine solche Rebe ἀναδενδράς (Alexis in Bekk. anecd. gr. 82, 4. Dem. LIII 15. Theophr. de c. pl. I 10, 4. III 10, 8. V 5, 4. Plut. qu. rom. 112; vgl. Gell. X 15. 13 von der ἀναδενδράς, unter welcher herzuschreiten dem Flamen Dialis verboten war. Florent. in Geop. IV 1. Longos II 1. Schol. Theokr. VII 65. Et. Mag. 96, 19. Eustath. opusc. 266, 63; vgl. psalm. 80, 9. Pherekr. bei Athen. XV 685 a. Chrysipp. bei Plut. de stoic. repugn. 21. Macc. in Anth. Pal. IX 249). Dagegen scheint die goldene ἀναδενδράς in Susa (Diod. XIX 48. Plut. de fort. Al. 11) einen gewöhnlichen oder Fruchtbaum dargestellt zu haben (vgl. auch Cass. Dio LXI 5) und das zu einem Palast in Constantinopel gehörige ἀναδενδράδιον (Const. Porphyr. de caer. I 39, 5), in welchem Gesandte empfangen und Hochzeiten gefeiert wurden, eine parkartige Anlage bezeichnet zu haben. Die Glossographen des Corp. gloss. lat. bringen die ἀναδενδράς in Beziehung zu dem lateinischen arbustum (II 502, 45. 528, 58. 546, 51. III 191, 55. 263, 58. 427, 43); so heisst es auch: arbustivum vinum ο εξ αναδενδραδων οινος (II 499. 47). Für ἀναδενδράς sagte man auch ἔρνατις (Hesychios), aber unter ἀμάμαξυς (ebd. Athen. IV 137a. Suid. Et Mag. 77, 3) verstand man wohl eine an zwei Pfählen gezogene Rebe. Ob das bezeichnete Verfahren im alten Hellas sehr gebräuchlich gewesen ist, muss bezweifelt werden, obwohl Xenophon (oec. 19, 18) sagt, dass die Beobachtung, dass die Weinrebe von Natur liebe, an nahe stehenden Bäumen emporzusteigen, dazu geführt habe, sie emporzuziehen. Denn nach Plinius (XVII 185) liess man, wie heute ausschliesslich in Griechenland, in Africa, Ägypten, Syrien, ganz Asien und vielen Gegenden Europas, dieselbe sich meist am Boden ohne Stütze frei ausbreiten (vgl. Geop. III 1, 5), und Scrofa (bei Plin. XVII 199) hielt jenes Verfahren nur für Italien geeignet. Nur auf dem Boden sich ausbreitende Reben, keine ἀναδενδράδες, fanden sich z. B. auf Lesbos (Longos II 1), im übrigen Griechenland wird man wohl meist Pfähle als Stützen verwandt haben.

Bei den Römern bezeichnete arboretum (Claud. [422] Quadr. bei Gell. XVII 2, 25) oder a. zunächst jeden mit Bäumen bestandenen Raum (Serv. ecl. 3, 11. Isid. or. XVII 6, 2. Corp. gloss. II 568, 6. Lucret. I 187. V 670. Cic. rep. I 49; vgl. Liv. XXI 22, 8 u. Sil. It. III 189. 209. Ov. met. I 286. II 710. Solin. 5, 3. Ammian. Marc. XXVII 2. 3), auch ein Gebüsch (Verg. ecl. 1, 39. 2, 13. 4, 2. 5, 74) oder ein Gemenge von Bäumen (Verg. Aen. X 363). Dann wurde das Wort auch von einer Pflanzung fruchttragender Bäume gebraucht (Cato agr. 1, 6. 137. Sall. Iug. 48, 4. 53, 1. Verg. ecl. 3, 11. Plin. VI 131. XXVI 133. XXXIV 138; a. pomifera in Mesopotamien bei Ammian. Marc. XVIII 6, 16; a. in Hyrkanien XXIII 6, 51, in Babylonien XXIV 6, 3), ebenso das Adjectiv arbustus (Cato agr. 7, 1. Cic. rep. V 3. Col. III 16, 6. Plin. X 77). Endlich bezeichnete a. eine Baumrebenpflanzung in dem eingangs erwähnten Sinne (Cic. sen. 51. Hor. carm. III 1, 10; sat. I 7, 29. Tac. hist. II 41, 4. III 21, 2 und sehr oft bei den landwirtschaftlichen Schriftstellern mit Ausnahme Catos, der dieses Wort noch nicht in diesem specifischen Sinne gebraucht zu haben scheint, obwohl auch er die Rebe an Bäumen zog, vgl. 32 u. 47). Nur Isidorus (or. XVII 6, 2) verstand darunter einen jungen Baum, der sich zum Pfropfen eignete. Heute gebraucht man Arbusto zur Bezeichnung strauchartiger Pflanzen.

Obwohl die Reben auch in Italien meist an Pfählen oder Querlatten gezogen wurden (Varro r. r. I 8, 1), glaubte man doch mit Ausnahme der beiden Sasernae (Plin. XVII 199), welche die Vermählung der Bäume mit Reben verwarfen, dadurch einen edleren Wein zu erzielen (Col. de arb. 4, 1. Plin. a. a. O. Geop. IV 1, 1), da man die Rebe möglichst hochziehen müsse (vgl. Cato 32, 1. 33, 1. Col. V 6, 24. Pall. III 13, 1). Bei der Wahl der Bäume achtete man entweder besonders darauf, dass ihr Laub gutes Futter für das Vieh lieferte (Col. V 6, 3–5; de arb. 16, 1), oder dass es die Rebe nicht zu sehr beschattete (Plin. XVII 200. Geop. IV 1, 2), auch die Wurzeln nicht zu stark waren (Geop. a. O.). Daher wird in erster Linie die Ulme genannt (Vergl. ecl. 2, 70; Georg. I 2. Hor. ep. I 7, 84. 16, 3. Col. V 6, 2–5; de arb. 16, 1. Plin. XVII 200. XVIII 266. Pall. III 10, 4. Geop. IV 1, 2. Schol. Theokr. VII 65); so wunderte sich schon Kineas, der Gesandte des Pyrrhos, über die hoch an Ulmen hangenden Trauben bei Aricia, die allerdings nur einen sehr herben Wein gegeben haben müssen (Plin. XIV 12). Dann die Pappel (Hor. epod. 2, 10. Col. de arb. a. a. O. Plin. XVII 200. Pall. Geop. a. O.), die wie auch heute besonders in Campanien mit der Rebe vermählt wurde (Plin. XIV 10), von einigen aber wegen ihres spärlichen und dem Vieh nicht zuträglichen Laubes nicht dazu verwandt wurde (Col. V 6, 5). Ferner die Gemeine Esche, Fraxinus excelsior L. (fraxinus Col. a. O. Plin. XVII 200. Pall. III 10, 4), und die Blumenesche, Fraxinus ornus L. (ornus Col. V 7, 1; de arb. 16, 1; μελία Geop. a. O.). Endlich Feigen- und Ölbaum (Plin. a. O.) und die Cupressus horizontalis Mill. (Plin. XVI 141), der erste besonders für Canusium (Varr. I 8, 2). Für eine Art des a., das rumpotinum, mit niedrigeren Bäumen, die besonders in Gallia transpadana üblich [423] war, besonders der Bergahorn (Varr. a. O. Col. V 7, 1. Plin. XVII 201. Geop. IV 1, 2), ferner die Weide, für feuchte Gegenden (Col.) wie Venetien (Plin.) geeignet, auch der Kornelkirschbaum, die beiden Eschenarten (Col. Plin.) und für Italia transpadana auch noch Linde, Ahorn und Sommereiche (Plin. a. O.).

Die Anzucht besonders der Ulmen und Eschen geschah auf folgende Weise. Man pflanzte in der Baumschule gezogene bewurzelte Stecklinge (Col. V 6, 5) oder Wildlinge (Pall. III 10, 4) im Alter von 5 Jahren, bezw. von 20 Fuss Höhe (Plin. XVII 77) in Gruben an. In Quincunxform gestellt (Plin. a. O. 78; vgl. Verg. Georg. II 278) erhielten die jungen Stämme auf gutem Boden, damit noch Getreide zwischen ihnen angebaut werden konnte, einen Abstand von 40 Fuss (Colum. V 6, 11; de arb. 16, 2. Pall. III 10, 5); doch brauchten auch die Längsreihen nur 20 Fuss von einander abzustehen, wenn dazwischen Getreide gesät (Plin. XVII 202. Geop. IV 1, 1. 15) oder Fruchtbäume angepflanzt werden sollten (Geop. IV 12); verfolgte man diese Nebenzwecke nicht, so genügte ein Abstand der Bäume von 20 Fuss (Col. V 6, 11. Plin. Pall.). Das weitere Verfahren war ein zweifaches. Im ersteren Falle liess man 3 Jahre nach der Anpflanzung, besonders in der Gegend, wo es viel Tau und Nebel gab (Col. V 6, 10), die Bäume sich frei entwickeln, alsdann liess man bei dem Schnitt nur die nach Ost und West gerichteten Zweige stehen und fuhr so nach je zwei Jahren fort, während man sie im sechsten Jahre mit der Rebe vermählte (Col. de arb. 16, 3. Plin. XVII 200; vgl. Geop. IV 1, 5) und zwar an der der Sonne zurückgekehrten Seite (Col. V 6, 10); dabei blieb der unterste Ast auf hügeligem und trockenem Boden 7–8 (Plin. XVII 201. Geop. IV 1, 4), in der Ebene und auf feuchterem Boden 12 Fuss (Plin.) von dem Erdboden entfernt; auch entgipfelte man den Baum, damit er nicht höher als 20 Fuss wurde (Plin.); die Rebe konnte aber auch bis zur Höhe von 30–40, in Bithynien 60 Fuss (Geop. IV 1, 3) gezogen werden. Im anderen Falle liess man den Baum sich nur 2 Jahre frei entwickeln, entgipfelte ihn im Frühjahr über dem kräftigsten Zweige und band diesen an den noch übrig gebliebenen Stumpf des Stammes, so dass er nach oben wachsen musste, oder verwendete zu diesem Zwecke einen 9 Fuss von dem Erdboden entfernten Zweig; ein oder zwei Jahre darnach liess man bei dem Schnitt nur drei nach verschiedenen Richtungen ausgehende Zweige stehen, welche das erste Stockwerk bilden sollten, wobei der unterste Zweig 7–8 Fuss von dem Erdboden entfernt war, und bildete dann nach Verlauf von je zwei Jahren neue Stockwerke, deren einzelne Äste stets anders als die untern gerichtet sein mussten, wobei die einzelnen Stockwerke je 3 Fuss von einander entfernt blieben (Col. V 6, 11–16). In dem rumpotinum erhielten die Bäume in der einen Richtung eine Entfernung von 40, in der andern von 20 Fuss, wenn zwischen ihnen Getreide gebaut werden sollte, andernfalls nach beiden Richtungen von 20 Fuss; die Bäume wurden früh entgipfelt, damit sie nicht höher als 15 Fuss wurden; meist wurde jeder Baum auf trockenem und hügeligem Terrain in einer Höhe von 8 Fuss, in der Ebene und die [424] Feuchtigkeit conservierendem Boden von 12 Fuss über dem Erdboden in drei Äste geteilt, von denen jeder wiederum mehrere Arme nach beiden Seiten aussandte (Col. V 7, 1–3).

Bei der Anpflanzung der Reben bediente man sich meist der in der Rebschule gezogenen Würzlinge im Alter von 2–5 Jahren (Cato agr. 47. Col. IV 16, 1; de arb. 3, 5. Pall. III 10, 2; vgl. Col. V 6, 18. Geop. IV 1, 6), oder wenn sie wenigstens 10 Fuss Länge hatten (Col. de arb. 16, 4). Dies geschah nach Columella um die Märzkalenden oder das Frühlingsaequinoctium (Col. V 6, 19), nachdem man der Rebe nur eine kräftige Rute gelassen hatte (Col. III 15, 3. Pall. III 10, 2). Gewöhnlich wurden 2 (Col. V 6, 19. Pall. III 10, 3) oder 3, mitunter bis 10 Reben (Plin. XVII 202) an einen Baum gesetzt und zwar in einer Entfernung von 1–1½ Fuss (Col. V 6, 18. Plin. XVII 203. Pall. III 10, 5) und je nach den klimatischen Verhältnissen der Gegend in einer der vier Himmelsrichtungen (Col. V 6, 22). Nach der Einsetzung pflegte man jede Rebe erst nach einem Jahre auf eine Rute mit drei Augen zurückzuschneiden, nach zwei Jahren ihr ein Auge mehr zu lassen, nach drei Jahren sechs und nach vier Jahren sie mit dem Baum zu vereinigen (Col. de arb. 5, 6; vgl. 16, 4). Celsus lehrte, man solle nach einem Jahre die Ruten zusammendrehen und sie wie einen Kranz um den Baum winden, damit sie mehr Schosse trieben, deren stärkster im folgenden Jahre den Stamm bilden sollte (Col. V 6, 22). Columella (ebd. 23) hielt es für das beste, gleich nach der Einsetzung die übrig gebliebene Rute bis auf zwei oder drei Augen zurückzuschneiden, damit sie kräftigere Schosse treibe; wenn diese das erste Stockwerk des Baumes erreicht hätten, schon bei dem Schnitt des folgenden Jahres die neuen Schosse auf dieses zu verteilen und so von Jahr zu Jahr die Rebe von Stockwerk zu Stockwerk bis in den Gipfel des Baumes zu ziehen, wobei er es tadelt, dass die meisten die Rebe nur auf die untersten Stockwerke verteilten (ebd. 23. 24). Endlich konnten auch ältere Reben an den Baum gesetzt werden (Plin. XVII 206. Geop. IV 1, 7), wodurch man schneller zum Ziele kam, oder man gewann die Würzlinge durch Absenkung, zum Teil so, dass man im a. eine Rute durch den Boden eines Korbes zog, den dann mit Erde gefüllten Korb samt der Rute ein Jahr lang an dem betreffenden Baume hangen liess, diese ausserhalb des Korbes abschnitt und den Korb samt dem neuen Würzling an den Wurzeln eines anderen Baumes eingrub (Cato agr. 52, 2. Pall. III 10, 6. 7; vgl. Plin. XVII 204). Die zu Tragreben bestimmten Sommerlatten wurden über dem dritten oder vierten Auge an das Stockwerk angebunden, so dass an dem herabhangenden Ende die Trauben sich entwickelten (Col. V 7, 27). Wenn die Reben im Verlauf der Jahre erstarkt waren, zog man 2–4 Sommerlatten auch von Baum zu Baum (traduces Varr. I 8, 2. Col. V 6, 36), ersetzte sie aber schon nach zwei Jahren durch andere, weil sonst die Rebe zu sehr ermüdet wurde (Col. V 6, 32. Plin. XVII 211). Wenn die beiderseitigen Latten zu kurz waren, wurden sie durch eine an sie gebundene Gerte verbunden und, wenn sie sich mit Früchten bekleidet hatten, durch Stangen gestützt (Col. V 7, 4).

[425] Der Boden musste jedes Jahr möglichst tief gepflügt oder umgegraben werden (Col. a. O.), eine Arbeit, die, wenn Getreide im a. gebaut wurde, schon für dieses notwendig war (Plin. XVII 214).

[Olck.]