RE:Atlantis 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,2 (1896), Sp. 21162118
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2) Der Mythus von der Insel A. (vgl. C. F. A. v. Hoff Gesch. der natürl. Veränderungen der Erdoberfläche, Gotha 1821 I 165–177. G. Schwanitz Quaestionum Platonicarum specimen II de Atlantide ins., Eisenach 1859 Programm. H. Martin Etudes sur le Timée de Platon, Paris 1841 I 257ff. mit Litteraturangaben bis 1840). In der Einleitung des Timaios 21 Aff. giebt Platon den Zusammenhang der Republik mit diesem Werke auseinandersetzend (s. Plat. opera ed. Stallbaum vol. VII 31ff.) einen kurzen Überblick über die A.-Mythe. Ein ägyptischer Priester erzählt dem Solon von 8000 Jahre alten Aufzeichnungen der infolge der Lage ihres Landes von Erdrevolutionen verschonten Ägypter, aus welchen man ersehen könne, dass noch vor dieser Zeit mächtige Beherrscher einer ehemals im atlantischen Ocean liegenden Insel ihre Herrschaft bereits über den Westen von Europa und Libyen ausgedehnt hatten, von weiterem Vordringen aber durch den siegreichen Widerstand der damals in glücklichem Zustande lebenden Vorfahren der Athener abgehalten wurden. Ein Erdbeben verschlang dann plötzlich die Insel, die grösser war als Libyen und Asien zusammen, und daher stammte die zu Platons Zeit angenommene Seichtigkeit des westlichen Meeres (Tim. 25C; Crit. 108E). Im Kritias, dessen Echtheit Nik. Bach (Solon. Athen. carm. quae supersunt, Bonn. 1825, 45), dann Stallbaum (a. a. O. 376, vgl. Schwanitz 6. Fischer De myth. Plat., Königsberg 1865, 63. Zeller Phil. d. Gr. II³ 1, 415) gegen Socher (Die plat. Schriften, München 1820, 370f.) u. a. verteidigt haben, begann die ausführlichere Darstellung des Mythus. Die Insel, ihre von Poseidon und einer Autochthonentochter abstammenden Beherrscher, die Centralisation ihres Staatenverbandes, der führende Staat, seine durch Natur und künstliche Befestigungs- und Verkehrsanlagen hervorragende Residenz, Metallreichtum, Ertragsfähigkeit und Verkehr sind in glänzenden, von verschiedenen Seiten her entlehnten Zügen geschildert, das Buch bricht aber mit dem Hinweis auf eintretende sittliche Verderbnis und auf einen drohenden Eingriff des Zeus plötzlich ab und ist, wie Christ (Plat. Stud., Abh. Akad. München 1886, 464 Anm., vgl. Stallbaum 377. A. v. Humboldt Krit. Unters. etc. übersetzt von Ideler, Berlin 1852. I 156. Zeller a. a. O. 383, 2. 467) nachweist, unvollendet geblieben. Die Übersicht im Timaios lässt schließen, dass der grössere Teil noch ausstand. Platon benutzt (Tim. 21C, vgl. Plut. Sol. 31f.) als Brücke eine Familientradition, nach der Solon selbst an der Ausarbeitung eines Gedichtes A. verhindert [2117] worden sein sollte. Die Richtigkeit dieses Sachverhalts, das Bestehen einer Atlantensage in Athen, ist verteidigt von N. Bach a. a. O. 36ff. 54f. und mit Beistimmung Boeckhs von Humboldt I 160f. (vgl. Boeckh Graec. trag. princ. 193f. Preller Gr. Mythol. I 463), besonders mit Rücksicht auf die Angabe der Platonscholien (zu Tim. I 3, 1 s. I. Bekkeri in Plat. Tim. a se ed. comment. crit. II 395; vgl. Procl. in Plt. Tim. 26 F) über den Bilderschmuck des am Feste der kleinen Panathenaeen gezeigten Athenepeplos, angegriffen dagegen besonders von Schwanitz (p. 8, vgl. Prinz De Sol. Plut. font., Bonn 1867, 17. Bergk Gr. Litt. II 270). Isokrates preist auch die mythischen Heldenthaten der Athener (IV 73ff. VI 46), nennt aber die Atlanten nicht.

Schon im Altertum finden wir verschiedene Auffassungen der Erzählung. Aristoteles betrachtete sie als Erdichtung, wie die Vergleichung von Strab. II 102 und XIII 598 zeigt, Krantor als reine Wahrheit (Procl. in Tim. 24 A; vgl. Schwanitz 6), Poseidonios, wie es scheint, als Verwertung wahrer Thatsachen der Geschichte und Geophysik (Strab. II 102, vgl. Humboldt I 156 Anm. Berger Gesch. d. wiss. Erdk. d. Gr. IV 80), Neuplatoniker fassten sie allegorisch auf (Procl. in Tim. 24 B ff., vgl. Schwanitz a. a. O.). In neuer Zeit wurde sie für wahr angenommen von Zeitgenossen des Columbus und von spanischen und deutschen Schriftstellern des 16. und 17. Jhdts. (s. Abr. Ortelius Thes. geogr. s. Atlantis und Theatr. orbr. terr. fol. 2. Cellarius Geogr. ant. IV additam. de novo orbe 251f. v. Hoff 271f. v. Humboldt I 110. 155ff. 424. Stallbaum 374. Schwanitz 7) und auf Inseln des atlantischen Meeres (vgl. Gossellin Rech. sur la géogr. syst. et pos. des anciens I 142ff.), vielfach auf Amerika gedeutet (vgl. Stallbaum 99), wie noch von Schlözer (Versuch einer Gesch. des Handels und der Seefahrt in den ältesten Zeiten, übers. Rostock 1760, 311), Deuber (Gesch. der Schiffahrt auf dem atlant. Ocean, Bamberg 1814, 1ff. 126. 136f.), J. Kruger (Prutz Deutsches Mus. 1855, 601ff.). Andere Gelehrte gebrauchten und missbrauchten sie mit anderen historischen und mythologischen Angaben als Reste alter Kunde von einem vorgeschichtlichen Urvolke hoher Bildung und Macht, das sich über unsere drei Erdteile verbreitet und seine Ursitze im hohen Norden gehabt habe, wie Olaf Rudbeck (Atlantica sive Manheim. Lat. und schwedisch, Uspala 1682, I cap. VII 144ff.), Bailly (Lettres sur l’Atlantide de Platon etc. adressées à M. de Voltaire. Lond. und Paris 1779, bes. p. 19ff. lettr. XI und XII), noch in neuerer Zeit Herm. Müller (Das nord. Griechentum, Mainz 1844, 469ff.; vgl. noch H. Schulz Die erz. Platos vom Untergange der A. als ein echtes Fragment antediluvianischer Urgeschichte nachgewiesen, Hamm 1842. A. F. R. Knötel Atlantis und das Volk der Atlanten, Leipzig 1893). Griechische Auffassung biblischer Angaben vermuteten v. Baer (Atlantis, hist. krit. Versuch über die Atlantiker etc. aus dem Franz., Frankf. 1777, s. Schwanitz 7) und v. Noroff (Die A. nach gr. und arab. Quellen, Petersburg 1854, 52), der zugleich, wie schon Humboldt (I 158 und Kosmos II 153) an alte Vorstellungen von einem ehemaligen Festlande im Mittelmeer erinnert, den [2118] Ort der versunkenen Insel im Osten des Meeres sucht (vgl. Wappäus Gött. gel. Anz. 1854, 2021).

Neben Gelehrten, die mehr oder weniger freie Erdichtung Platons annahmen, wie Hissmann (Neue Welt- und Menschengesch. aus dem Franz., Münster 1781, I 173ff.), Tiedemann (Plat. dialog. argum. exp. et ill. 339), v. Hoff (177, vgl. 170), Lelewel (Die Entdeck. der Karth. u. Gr. auf dem atl. Ocean, übers. v. Ritter, Berlin 1831, 23. 26. 126), H. Martin (I 293ff. II 332), Vivien de St. Martin (Hist. de la géogr. 97), Zeller (a. a. O. 358, 2. 668, 1), Erwin Rohde (Der gr. Roman 198f.), Susemihl (Genet. Entwicklung der plat. Phil., bes. II 472f.), haben andere mit Humboldt (I 110. 156ff. 423f., vgl. Forbiger Handb. d. alt. Geogr. II 33) den vielleicht schon von Poseidonios (s. o.) eingeschlagenen Mittelweg wieder gesucht und teils auf die mögliche Benützung historischer (Christ a. a. O. 507ff., vgl. dess. Avien. Abhdl. Akad. München 1865 I 140) oder mythologischer Thatsachen (J. Zemmrich Toteninseln und verwandte geogr. Mythen, Leiden 1891, 26f.), teils geologischer Erinnerungen und Erkenntnisse hingewiesen (z. B. Bory de St. Vincent Essai sur les îles fortunées etc., Paris an XI 4. Franz Unger Die verschwundene Insel A., Wien 1860; vgl. Grenzboten 1861 II 62ff. C. Dölter Über die Capverden nach dem Rio Grande u. s. w., Leipzig 1884, 44; vgl. noch, was im Ausland 1884 nr. 1 u. 9, auch 1874 nr. 18 und im Globus 1884 nr. 11 berichtet ist). Nach den Anleitungen E. Forsters (Die plat. Myth., Rastatt 1873, 19. 21f. 25f., vgl. Schwanitz Die Mythen des Plato, Leipz. 1852, 19. 37), Deuschles u. a. (s. Zeller a. a. O. 483. 486f.; vgl. die Aufzählung der Ansichten bei Volquardsen Über die Mythen bei Plato, Schleswig 1871) und nach den Bemerkungen E. Rohdes kommt man zu der Annahme, dass Platon nach dem Vorbilde der Volksmythen seinen Mythus entworfen habe im Gedanken an die Unterstützung und Belebung des Vorstellungsvermögens (Tim. 19 Bf.) und als Ergebnis und Schlussstein des Gedankeninhaltes, der sich aus einer Reihe der wahrscheinlichsten historischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, wie aus ägyptischen Berichten (s. Christ), aus der Lehre vom Wechsel der Erdoberfläche und dem Versinken und Aufkommen alter und neuer Kultur (s. Berger a. a. O. II 122f. 125) angesammelt hatte. Vereinigen lässt sich damit die Ansicht, Platon habe ein Beispiel echt staatsmännischer Lehrdichtung als Gegenstück gegen die von ihm im 3. Buche der Republik abgelehnte Dichtung vorlegen wollen. S. F. Sander Über die platonische Insel Atlantis, Progr. Bunzlau 1893, 15f. 40.

Nachträge und Berichtigungen

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Band S I (1903), Sp. 222
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S. 2116, 15 zum Art. Atlantis Nr. 2:

Zur A. des Platon ist nachzutragen namentlich die Hauptarbeit von K. Kretschmer Die Entdeckung Amerikas in ihrer Bedeutung für die Geschichte des Weltbildes (Festschrift d. Gesellschaft f. Erdkunde in Berlin zur 400jähr. Feier der Entdeckung Amerikas 1892), die besonders S. 156ff. die beste Besprechung der A.-Frage enthält; ausserdem vgl. R. Poehlmann N. Jahrb. f. class. Altert. I 1898, 88f.