RE:Beifuss

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band III,1 (1897), Sp. 195–196
Pauly-Wissowa III,1, 0195.jpg
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Beifuss, Artemisia L., ἀρτεμισία, artemisia, ist eine Pflanzengattung aus der Familie der Compositen, Abteilung der Korymbiferen, mit zahlreichen Arten, die teils den ausdauernden Kräutern angehören, teils den Halbsträuchern, vgl. Ps.-Apul. herb. 10ff. Der Name Artemisia kommt nicht von der karischen Königin Artemisia, der Gemahlin des Mausolos, auch nicht von ἀρτεμής = ‚gesund‘, sondern wohl von der Geburtshülfe leistenden Frauengöttin (vgl. o. Bd. II S. 1347f. Schreiber in Roschers Lex. I 571ff. § 9) Artemis, früher hiess die Pflanze nach der Patronin der Jungfrauen parthenis; vgl. Plin. n. h. XXV 73. Macer Florid. de vir. herb. I 1–7. Koch Bäume u. Sträucher d. alten Griechenl. 145. Noch heute wie im Mittelalter (vgl. Walafrid Strabo hort. 181 mater herbarum) gilt B. als Mittel bei Frauenkrankheiten. B. kommt von bîbôȥ, pipoȥ, bybos, beybos (bôȥen = schlagen). Aus der niederdeutschen Wortform bîfôt entstand unter volksetymologischem Tasten nach Anknüpfung an ein bekanntes Wort das neuhochdeutsche B. Somit hat diese Benennung mit ‚Fuss‘ im Grunde nichts zu schaffen, obgleich die Wurzel der Pflanze in abergläubischer Meinung gegen das Ermüden allerdings an die Füsse gelegt wurde; bîboȥ bedeutet vielmehr ‚was als Gewürz zur Speise hinzugestossen (beigestossen) wird‘, oder aber es waren abergläubische Gebräuche die Veranlassung zur Namengebung, etwa weil man an das Kraut klopfte, oder – was wahrscheinlicher – weil man damit auf Menschen schlug. Über die weit verbreitete Sitte des Rutenschlagens s. Μannhardt Myth. Forschungen 115ff. 140ff. Die beiden Gruppen Artemisia abrotanum L. und Artemisia absinthium L. s. u. Eberraute und Wermut. Hier soll nur von den anderen Artemisiaarten die Rede sein. Unser gemeiner B. (A. vulgaris L.), das bekannte, wegen seines ätherischen Öles und seiner aromatischen Stoffe namentlich zu Gänse- und Entenbraten verwendete Küchengewürz, kommt in Griechenland nicht vor (vgl. Fraas Synops. plant. flor. class. 207), wohl aber andere, dem Wermut zum Teil sehr nahestehende Arten, z. Β. Artemisia arborescens s. arborea L., neugr. ἡ Ἀψιφηά, auch Ἀψιδηά, und in Kreta Πισσιδηά, wild auf den Inseln, sonst häufig in Gärten gezogen, vgl. v.Heldreich Nutzpfl. Griechenl. 26; in A. Mommsens Griech. Jahresz. V 589. Dierbach Flora myth. 207. Die Blätter des Bäumchens sind weisslich, fein behaart und samtartig anzufühlen. Die gelblichen Blüten stehen an der Spitze der Äste und Trauben. Die Pflanze ist bitter, aber von angenehm aromatischem Geruch, vgl. Billerbeck Flora class. 213. Leunis Synops. II. Teil II³ § 694, 38. Das erste εἶδος bei Dioskorides – ἀρτεμισία πολύκλωνος (III 117) – geht mit Sicherheit auf A. arborescens. Ferner ist zu erwähnen der Meerstrands-B. oder See-B., A. maritima L., von Dioskorides (III 24) ἀψίνθιον θαλάσσιον genannt; er wächst hie und da in [196] Griechenland und Italien am Seestrande wild, vgl. Murr Die geogr. u. myth. Namen der altgriechischen Welt in ihrer Verwertung für antike Pflanzengeogr. II nr. 38. Von manchen wurde der See-B. (apsinthium marinum) auch Seriphos genannt Er wuchs häufig in Kappadokien auf dem Taurusgebirge, auch in Ägypten, bei Taposiris nicht weit von Alexandreia. Die Leute gebrauchten dort die Pflanze statt der Olivenzweige; man benutzte sie auch als Arznei und in Kappadokien zur Viehmast. Die Priester der Isis pflegten einen Zweig davon bei feierlichen Processionen vor sich her zu tragen, Diosk. a. O., ähnlich Plin. n. h. XXVII 53; vgl. Lenz Bot. d. a. Gr. u. R. 475. Dierbach Flora myth. 179. Die Göttin Isis selbst wurde mit B. gekrönt oder einen B.-Zweig in der Hand haltend dargestellt. Eine weitere Art ist der Feld-B., A. campestris L. Dieser ist zwar in Griechenland noch nirgends gefunden, wohl aber in Karien und Mysien von Sibthorp. In Norditalien ist er heimisch; vgl. Diosk. III 117: Ἀρτεμισία ἔχουσα … λεπτότερα φύλλα. Alle Β.-Arten galten für sehr heilkräftig, so dass die Pflanze, die auch in dem Rufe stand, die üblen Wirkungen genossenen Giftes aufzuheben, auch σώζουσα, die Rettende, genannt wurde. Die Wurzeln fast aller Arten galten für krampfstillend und schweisstreibend, sowie als Mittel gegen Epilepsie. Besonders bei Frauenleiden, gehemmter Menstruation u. dergl., ferner um Fehlgeburten zu verhindern, wurde B. gern angewandt; vgl. Plin. n. h. XXV 73. Galen. XI 839. XVI 181 K. Scrib. Larg. 106. Murr Die Pflanzenwelt. i. d. griech. Mythol. 190. Aus diesem Grunde war der Β. der Artemis Eileithyia heilig, desgleichen der mütterlichen Göttin und Geburtshelferin (vgl. Ov. amor. II 13. Roschers Lex. II 501ff.) Isis. Der Wanderer, der B. in der Hand trug, wurde nie müde. Wer die Pflanze am Fusse trug, vor dem flohen alle Tiere und Gespenster; vgl. Anonym. περὶ βοτάνων 30–32 und Schol. (bei Sillig in d. Ausg. d. Macer Florid. de vir. herb. p. 201 u. p. 212).