RE:Claudius 428

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band III,2 (1899), Sp. 28932898
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428) Claudia Octavia.

I. Quellen. 1. Litterarische, a) Tac. ann. XI–XIV. Nach Clason, Tacitus und Sueton 51 wäre für die Regierungszeit des Kaisers Claudius Aufidius Bassus als Quelle anzunehmen, für die Neros Cluvius Rufus, Fabius Rusticus und Plinius der Ältere (ebd. 15). Hiemit stimmt für Nero Fabia Les sources de Tacite 452 überein, welcher aber für Claudius Servilius Nonianus und Cluvius Rufus annimmt.

b) Cassius Dio. Hier kommen in Betracht LX und LXI im Auszuge des Xiphilinos. Dio geht in der früheren Kaiserzeit vielfach auf dieselben Primärquellen wie Tacitus zurück (vgl. Wachsmuth Einleitung in die alte Geschichte 600).

c) Zonaras X aus Dio geschöpft. Den hervorragenden historischen Wert dieser Quelle betont Ranke Analecta [Weltgesch. III 2] 251ff.

d) Sueton, Claudius und Nero. Clason nimmt für Claudius Servilius Nonianus (a. a. O. 51), für Nero hingegen Fabius Rusticus (ebd. 27) als Quelle an.

e) Die unter Senecas Namen erhaltene Tragödie Octavia. Sicher ist, dass sie von Seneca nicht verfasst ist, da in ihr bereits Neros Tod bekannt ist; sie ist aber bald nach dessen Tode (nach Ranke Werke LI 59ff. noch bei Lebzeiten des Kaisers) entstanden. Die ältere Ansicht, welche noch Braun (Die Tragödie Octavia und die Zeit ihrer Entstehung, 1863) vertritt, dass der Dichter die Kenntnis der geschichtlichen Thatsachen Tacitus verdanke, hat Ladek im ersten Teil seiner Dissertation ,De Octavia praetexta‘ widerlegt. Nach Ladek a. a. O. kennt der Verfasser die Zeit aus eigener Anschauung und ist an Sueton oder einen andern Historiker als Quelle nicht zu denken. Diese letztere Ansicht bekämpft neuerdings Gercke Senecastudien (Jahrb. f. Philol. Suppl. XXII 195–199), welcher die Benützung des Plinius zu erweisen sucht. Über die Tragödie vgl. noch Ribbeck Geschichte der römischen Dichtung III 84–88. Ranke Werke LI 59ff. Peter Geschichtliche Litteratur der römischen Kaiserzeit I 183 und die dort angegebenen Schriften.

f) Vereinzelte Erwähnungen bei Tac. hist. Joseph, ant. Iud. Epit. de Caes. Eutrop. und Schol. Iuven.

[2894] 2. Inschriften; Guérin Description des îles de Patmos et de Samos 215 und CIL VI (s. sub II).

3. Münzen: Eckhel VI 285f. Cohen I² 312ff. und Mionnet (fast sämtlich bei Cohen publiciert).

Neuere Litteratur: Lehmann Claudius und Nero, Gotha 1858. Schiller Das röm. Kaiserreich unter Nero, Berlin 1872; Geschichte der röm. Kaiserzeit I 356ff.. Ranke Analecta a. a. O. Klebs Prosopogr. imp. Rom I 409f.

II. Name. Sie wird einfach Octavia genannt in der Litteratur, in den Inschriften CIL VI 5539, 8. 9. 9037 (vor 53 n. Chr.). 8943. 9015 (nach 54) und in den Arvalacten CIL VI 2040–2042 (58–60 n. Chr.), auf den Münzen (Cohen I 312 nr. 1. 3. 313 nr. 1. 2. 5. 6. 7. Mionnet III 262 nr. 1499. VI 72 nr. 244); Κλαυδία Ὀκταουία Guérin a. a. O. 215 (nach 54 n. Chr.); CIL VI 921 c (vor 53 n. Chr.) ist v. 5–7 . . . . Octavia [.] Claudi Caesaris Aug. p. p. feiliai erhalten. In v. 1. 2 ist die Wiederherstellung unsicher. Nach Mommsen ist zu ergänzen [Claudiai Au]g. [nur]u[s oder der Name der Gens, in welche Octavia durch datio in adoptionem kam Der vollständige Name ist nirgends erhalten. Ob sie den Gentilnamen Claudia officiell geführt habe, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen; die bei Guérin mitgeteilte Inschrift ist für sich allein nicht beweisend. Sollte Octavia als Gentilnamen aufzufassen sein, so wäre damit gegeben, dass die datio in adoptionem, welche Dio LX 33 und Zonar. XI 10 berichten, in die Gens der Octavier erfolgte. Andernfalls (und dieser Ansicht sind Mommsen zu CIL VI 921 c und Klebs a. a. O.) wäre festgestellt, dass Octavia auch das Nomen der Gens, in welche sie durch Adoption kam, nicht geführt hat, welche Annahme durch Dio a. a. O. unterstützt wird, wonach die Adoption εἰς ἕτερόν τι γένος erfolgte, und darnach wäre Octavia wie ein Cognomen gebraucht. III. Abstammung und Familie. Octavia ist die Tochter des Claudius (Tac. ann. XI 32. XII 3. 58. XIV 63. Dio LX 31. Suet. Claud. 27. Zonar. XI 10. 12. Joseph. ant. Iud. XX 149. CIL VI 5539. 9037) aus seiner dritten Ehe mit Messallina (Tac. ann. XI 34. Suet. 27. Joseph. ant. Iud. XX 149), Schwester des auf Anstiften Neros in ihrer Gegenwart getöteten Britannicus (Tac. ann. XI 32. 34. XII 68. XIII 16. XIV 63. Suet. a. a. O. Joseph. ant. a. a. O.), durch die Vermählung des Claudius mit Agrippina Stieftochter der letzteren und Stiefschwester Neros, durch Neros Adoption in das Haus der Claudier dessen Adoptivschwester (s. u.). Gattin Neros (CIL VI 8943. 2040–2042. Guérin a. a. O.; vgl. die Münzen oben sub II. Tac. ann. XII 58. XIII 12. XIV 1. 59. 60. Zonar. XI 11. 12. Suet. Claud. 27; Nero 7. 35. 46. Joseph. ant. XX 153. Epit. de Caes. V 5. Eutrop. VII 14. Schol. Iuven. VIII 215. Oct. 219, wo sie als soror coniunxque Augusti altera Iuno genannt wird), damit also Schwiegertochter des Claudius und der Agrippina (s. u.). IV. Jugend. Das Datum der Geburt lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen. Nach Tac. ann. XIV 64 stand Octavia zur Zeit ihrer Verbannung nach Pandataria (Juni oder Juli 62) im 20. Lebensjahre und müsste sonach im J. 42 (zweite Hälfte) oder 43 (erste Hälfte) geboren sein.

[2895] Nach Dio LX 5 fällt aber ihre Verlobung mit Silanus in das J. 41. Keineswegs bietet, wie Klebs a. a. O. irrigerweise annimmt, der Umstand eine Entscheidung, dass es in Suet. Claud. 27 heisst: liberos tulit [Claudius] .. ex Messallina Octaviam et Britannicum; denn aus der Nachstellung des Britannicus an dieser Stelle kann nicht geschlossen werden, dass Octavia vor Britannicus auf die Welt kam (vgl. nur Joseph. ant. XX 149 ........Μεσσαλῖναν .... ἐξ ἧς αὐτῷ καὶ παῖδες ἐγεγόνεσαν Βρεταννικός τε καὶ Ὀκταουία). Nipperdey (zu Tac. ann. XIV 64) und mit ihm Schiller (a. a. O. 92) nehmen an, dass Tacitus II et vicesimo aetatis anno geschrieben habe. Es ist jedoch auch möglich, dass Tacitus das Alter der Octavia nur summarisch angegeben hat, wie er ann. XII 58 Nero anfangs 53 als sedecim annos natus bezeichnet, obwohl er damals erst im 16. Lebensjahre stand. Dass Dios chronologische Angaben andererseits nicht unbedingt verlässlich seien, beweisen Fehler wie die unrichtige Bestimmung des Geburtsjahres des Britannicus und der Verlobung der Octavia mit Nero (irrig in das J. 50 versetzt). Wenn man sich aber für den Vorzug der taciteischen Angabe entschliesst, so muss man annehmen, dass Octavia noch vor erreichter Mündigkeit geheiratet habe; indes wird die Aufschiebung der Hochzeit – die Verlobung fand schon im J. 49 statt – wohl mit der Unmündigkeit der Octavia zu erklären sein. Wie man sich bei Hofe damals über das Ehehindernis der Adoptivverwandtschaft nicht hinwegsetzte, vielmehr aller gesetzlichen Mittel zur Beseitigung desselben bediente, so scheint auch das der impubertas der Octavia berücksichtigt worden zu sein.

Bald nach ihrer Geburt verlobte sie Claudius mit L. Silanus (Tac. ann. XII 3. Dio LX 5 [woselbst die Zeitbestimmung ἐν τῷ ἔτει τούτῳ d. i. 41 n. Chr.]. 31. Zonar. XI 10. Suet. Claud. 27), um diesen ausgezeichneten Jüngling aus vornehmer Familie (Tac. a. a. O. iuvenem . . . clarum. Dio a. a. O. ἀνὴρ ἀγαθός) zu ehren (Dio LX 31. Zonar. XI 10).

V. Ehe mit Nero. Sobald Agrippina ihrer Ehe mit Claudius sicher war, strebte sie die Vermählung ihres Sohnes mit der Kaisertochter Octavia an (Tac. ann. XII 3). Auch Dio LX 32 berichtet, dass Agrippina schon im J. 48 Nero als Schwiegersohn des Claudius designiert habe τὸν μὲν Δομίτιον τότε μὲν γαμβρὸν τῷ Κλαυδίῳ ἀπέδειξε); damit stimmt Zonar. XI 10 überein, nach welchem Agrippina δεδογμένου ἤδη τοῦ γάμου (nämlich ihrer Ehe mit Claudius) die Action einleitete. Mit Hülfe des Vitellius setzte sie es durch, dass das Verlöbnis mit Silanus, dem nach Tac. ann. XII 4 Incest, nach Zonar. XI 10 Umsturzbestrebungen zur Last gelegt wurden, gelöst wurde (Tac. a. a. O.). Aus dem Umstande, dass Silanus durch Selbstmord endete (Tac. ann. XII 8), erklärt sich vielleicht die irrige Angabe Epit. de Caes. V 5, Nero habe die Octavia geheiratet, nachdem er ihren Mann getötet. Nach der Vermählung des Claudius mit Agrippina im J. 49 hielt Memmius Pollio eine Rede im Senat, in welcher der Kaiser gebeten wurde, Octavia dem Nero zur Frau zu geben (Tac. ann. XII 9). Die Verlobung erfolgte noch im selben Jahre, nach Dio im J. 50.

[2896] Durch die Adoption Neros in das Haus der Claudier, die nach Tac. ann. XII 25 (vgl. Suet. Claud. 27; Nero 6) im J. 50 durch eine lex verfügt wurde, nach Josephus (ant. XX 150) und dem mit ihm so ziemlich übereinstimmenden Zonaras (XI 10) der Verlobung vorausging oder gleichzeitig mit ihr stattfand, wurde zwischen ihm und Octavia das Ehehindernis der Adoptivverwandtschaft begründet. Um dieses zu beseitigen, wurde Octavia in eine andere Gens (ἕτερόν τι γένος Dio LX 33. Zonar. XI 10), vielleicht in die Gens Octavia, in Adoption gegeben. Die Vermählung erfolgte im J. 53 und wurde durch grossartige Spiele verherrlicht, die Nero anlässlich der Genesung des Claudius gelobt hatte (Zonar. XI 11. Suet. Nero 7).

Die Ehe Octavias mit Nero war von allem Anfang an eine unglückliche (Tac. ann. XIV 63). Nach aussen hin genoss Cl. zwar alle Rechte der Kaiserin; sie führte den Titel Augusta (Σεβαστή), wie aus den Münzen hervorgeht, und in den Arvalacten werden in den J. 58–60 auch Gebete für sie erwähnt (ob sie noch im J. 61 und 62 erfolgten, ist zweifelhaft); sie musste sich aber, wie Nero geäussert haben soll, mit den uxoria ornamenta begnügen (Suet. Nero 35). Den Umgang mit Octavia mied Nero völlig und wandte zuerst (55 n. Chr.) seine Sympathien der Freigelassenen (Claudia) Acte zu (Tac. ann. XIII 12ff. Suet. Nero 28; s. oben Nr. 399), später (58 n. Chr.) der Poppaea Sabina, welche er nach Beseitigung der Mutter (die sowohl die Hingabe an jene als auch eine Verbindung mit Poppaea höchst ungern sah, Tac. ann. XIII 12. XIV 1) und Gattin heiratete (s. u.). Bis zur Entfernung der Octavia hatte er sie bei Otho, wie Tac. hist. I 13 berichtet, ,untergebracht‘.

Nach Ermordung des Rubellius Plautus beschloss Nero (62 n. Chr.) Octavia, welche ihm durch den Namen ihres Vaters und durch ihre Popularität gefährlich schien, zu verstossen und die so lange aufgeschobene Hochzeit mit Poppaea zu feiern (Tac. ann. XIV 59. Octav. act. I und II). Sie wurde zunächst ohne förmliche Scheidung unter dem Vorwande der Sterilität (Tac. ann. XIV 60. Suet. Nero 35) aus dem kaiserlichen Palaste entfernt. Gleichzeitig wurde von Poppaea die Beschuldigung des Ehebruches mit dem alexandrinischen Flötenspieler Eucaerus gegen sie erhoben (Tac. a. a. O. Oct. 107, hiezu Ladek a. a. O. 21); bei der Untersuchung, welche Ofonius (vgl. Fabia Revue de phil. 1897, 160–66) Tigellinus leitete, verharrten nach Tacitus mehrere Sclavinnen, nach Dios Darlegung (LXI 13) nur eine in Treue zu ihrer Herrin; nach Sueton (Nero 35) hätten sogar sämtliche als Zeugen einvernommene Personen die Unschuld Octavias vertreten. Tacitus und Dio berichten übereinstimmend, dass eine der Sclavinnen dem inquirierenden Tigellinus sogar ins Gesicht gesagt habe, die Schamteile der Octavia seien reiner als sein Mund. Dass diese Sclavin nicht identisch ist mit der in der Tragödie Octavia auftretenden nutrix der Kaiserin, somit der Dichter nicht Tacitus als Grundlage benützt hat, wird, was Ladek übersehen hat, unanfechtbar durch CIL VI 8943 dargethan, wo die Amme der Octavia Valeria Hilara genannt wird, während jene Sclavin nach Dio Pytheas hiess. Der formlosen Verweisung vom kaiserlichen Hofe folgte [2897] die förmliche Scheidung mit gleichzeitiger Überlassung der Güter des Plautus und Afranius Burrus. Octavia wurde sodann nach Campanien verbannt und ihr eine militärische Bewachung beigegeben (Tac. ann. XIV 61). Infolge eines zu ihren Gunsten unternommenen Volksaufstandes (Tac. a. a. O. Suet. Nero 35. Oct. 783ff.) beschloss Nero sie zurückzuberufen. Darüber herrschte allgemeiner Jubel im Volke, welcher sich in lebhaften Sympathiekundgebungen für Octavia und Nero äusserte. Die Statuen der Kaiserin wurden auf den Schultern herumgetragen und mit Blumen bestreut, die Poppaeas umgestürzt. Schon war die Menge auf dem Capitol, als eine Abteilung von Soldaten herbeieilte und das Volk zerstreute. Die Statuen Poppaeas wurden nun wieder aufgerichtet (Tac. ann. XIV 61, womit Oct. 823ff. zu vergleichen). Diese stellte dem Kaiser die Gefahr, die sich aus einer solchen ,von Sclaven und Freigelassenen der Octavia inscenierten Bewegung‘ für seinen Thron ergäbe, lebhaft dar und riet zu sofortiger Beseitigung Octavias (Tac. a. a. O.). Poppaeas Worte verfehlten ihren Eindruck auf Nero nicht. Anicetus wurde durch Versprechungen und Drohungen gewonnen, sich selbst des sträflichen Umganges mit der Kaiserin zu beschuldigen (Tac. ann. XIV 62); nach Suet. a. a. O. gesteht Anicetus dolo stupratam a se [Octaviam] esse). Durch die Stellung des Anicetus als Flottencommandant von Misenum sollte die Beschuldigung einen politischen Anstrich erhalten. Diesmal nahm die Untersuchung, welche der Kaiser selbst führte, den von ihm gewünschten Erfolg. Er erliess ein Edict, in welchem er anführte, Octavia habe Anicetus bestochen, die Flotte ihr zuzuführen; im Widerspruch mit dem früheren Vorwurf der Sterilität wurde sie der Abtreibung der Leibesfrucht (Tac. a. a. O. Zonar XI 12 μοιξείας καὶ γοητείας) schuldig bezeichnet und mit Relegation nach Pandataria bestraft (Tac. a. a. O. Zonar. a. a. O. Octavia 823ff.).

VI. Tod. Einige Tage nach ihrer Ankunft in Pandataria wurde sie auf Geheiss Neros getötet (Tac. ann. XIV 64. Zonar. XI 12. Suet. Nero 35. Joseph. ant. XX 153. Eutrop. VII 14. Schol. Iuven. VIII 215). Ihre letzten Lebenstage und die Todesart schildert Tacitus in erschütternden Worten. Nach seinem Berichte wurden der Octavia die Adern geöffnet, und da in Folge der Aufregung das Blut nicht ausfloss, sie durch den Dampf eines heissen Bades getötet. Nach Suet. Nero 57 starb Octavia an demselben Tage, an welchem später Nero endete, am 7. Juli 62 n. Chr. Dar Haupt wurde der Poppaea gebracht, den Göttern wurden Dankfeste beschlossen (Tac. a. a. O.). VII. Charakter und Verhältnis zu den Verwandten. Octavia wird als Frau von erprobter Tugend (Tac. ann. XIII 12) und Sittenreinheit (vgl. das πόφθεγμα bei Dio LXI 13 = Tac. XIV 60) geschildert, die alle Unbilden ruhig über sich ergehen liess (Tac. ann. XIX 59 quamvis modeste ageret) und infolge der vielen Schicksalsschläge, die sie schon in ihrer Jugend heimgesucht, es gelernt hatte, alle Regungen des Gemütes zu verbergen (omnis affectus abscondere didicerat Tac. ann. XIV 16).

Claudius war seinen Kindern ein guter Vater. [2898] Wohl berichtet Tac. ann. XI 34, dass er beim Tode der Messallina sich ganz gleichgültig verhielt und ihn auch der maeror filiorum (womit Britannicus und Octavia gemeint sind) nicht aus seiner Ruhe brachte; dem steht aber gegenüber, dass Messallina die Octavia und den Britannicus dem von Ostia heimkehrenden Claudius entgegenschickte, um ihn für sich günstiger zu stimmen, dass sie bei seinem Anblick ausrief: audiret Britannici et Octaviae matrem, und Narcissus zur Verhütung eines Umschwunges in der Gesinnung des Kaisers die Kinder entfernen liess (Tac. ann. XI 32). Dass Claudius bei der Wahl einer neuen Gattin sich auch von Rücksichten für seine Kinder leiten liess, geht daraus hervor, dass Narcissus, welcher Paetina protegiert, zu ihren Gunsten anführt: haudquaquam novercalibus odiis visura Britannicum et Octaviam proxima suis pignora (Tac. ann. XII 2), und Vitellius in seiner Rede im Senat die Agrippina als eine Frau bezeichnet, der er getrost seine kleinen Kinder übergeben könne (Tac. ann. XII 5). Bei Sueton (Claud. 32) findet sich noch erwähnt, dass Claudius jede Mahlzeit gemeinsam mit seinen Kindern eingenommen habe. Mit Rücksicht auf die Machinationen der Agrippina (Tac. ann. XII 42) insbesondere beim Tode des Claudius, wo sie während der Vorbereitungen zur Erhebung Neros die Zugänge zu den Gemächern Octavias und ihres Bruders mit Militär besetzte und beide am Verlassen derselben hinderte (Tac. ann. XII 58), konnte das Verhältnis zu dieser zunächst wohl kein freundliches sein. Eine Änderung trat mit der Ermordung des Britannicus ein, Agrippina schloss sich seither enger an Octavia an (Tac. ann. XIII 18), und mit ihrem Tode verlor Octavia auch ihre letzte Stütze. Welche Verehrung Octavia im Volke genoss, geht daraus hervor, dass sie auf den Münzen (Eckhel VI 285. Mionnet IV 123 nr. 697; Suppl. VII 471) θεὰ Ὀκταβία genannt wird und ihr in Rom (Tac. ann. XIV 61) und ausserhalb Roms (vgl. Guérin a. a. O.) Ehrenstatuen gesetzt wurden. Die grosse Popularität, deren sie sich erfreute, und die, wie oben erwähnt, in Nero den Entschluss, sie zu beseitigen, hervorrief (vgl. noch Oct. 880ff.), erklärt es, dass ihr Ende bald nach Neros Tod zum Gegenstand einer Tragoedie gemacht wurde und dass sie in Erzählungen des Volkes (Suet. Nero 46) und ἀποφθέγματα (Aussprüche des Burrus und der Pytheas Dio LXI 13) fortlebte.