RE:Constantius 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,1 (1900), Sp. 10401043
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Constantius. 1) Constantius I., römischer Kaiser 293–306. Er führte nach seiner Thronbesteigung die Namen Flavius Valerius Constantius (Dessau 630. 637. 639. 640–643. 648–652 und sonst; der Name Gaius Fabius Constantius bei Dessau 650a beruht wohl nur auf Unkunde derjenigen, welche den Stein gesetzt haben), doch hat er das zweite Gentilicium jedenfalls erst von dem Stifter der Dynastie C. Valerius Diocletianus angenommen. Als Adoptivsohn Maximians, der sich der Abkunft von Hercules rühmte, wird er auch Herculius genannt (Dessau 634. Cohen Médailles impériales VII² 88, 306; vgl. Eumen. paneg. VI 2). Mitunter legt man ihm den Vornamen des Diocletian, Gaius (Dessau 649. 650 a), mitunter den des Maximian, Marcus, bei (Dessau 637). Der Beiname Chlorus ist nicht zeitgenössisch, sondern kommt erst bei späten Byzantinern vor.

Später behauptete man, er stamme von dem Kaiser Claudius Gothicus ab (Eumen. paneg. VIII 2. 4. Euseb. hist. eccl. X 8, 4. Vit. Const. I 50. Iulian. or. I 6 D. II 51 C; Caes. 313 D. Hist. Aug. Elag. 2, 4. 35, 2; Gall. 7, 1. 14, 3; Tyrann. 31, 6; Claud. 1ff.; Aurel. 44, 4), und machte ihn anfangs zu dessen natürlichem Sohne (Eumen. paneg. VI 2. Dessau 699. 702. 725. 730. 732), dann, als man unter dem Einfluss des Christentums an seiner illegitimen Abstammung Anstoss nahm, zum Neffen (Anon. Vales. 1, 1), Tochtersohn (Eutrop. IX 22. Zonar. XII 31 p. 640 D. Dessau 723) oder Grossneffen Hist. Aug. Claud. 13, 2). Doch ist diese Fabel erst nach seinem Tode im J. 310 aufgetaucht (Dessau Herm. XXIV 342.[WS 1] Seeck Jahrb. f. Philol. 1890, 623; Geschichte des Untergangs der antiken Welt I² 109). Wenn man ihm eine beliebige Herkunft erfinden konnte, so ist dies wohl das sicherste Zeichen, dass seine Eltern so gut wie unbekannt, er also ganz niedrigen Standes war. Sein Heimatland soll Illyricum gewesen sein (Vict. Caes. 39, 26). Auch sein Cursus honorum bei Anon. Vales. 1, 1 (protector primum, exin tribunus, postea praeses Dalmatiarum fuit) ist zweifelhaft, weil gerade das höchste Amt, die Praefectura Praetorio, die er nachweislich bekleidet hat, darin fehlt. Als sein Geburtstag scheint der 31. März gegolten zu haben (CIL I² p. 301), doch das Geburtsjahr ist [1041] unbekannt. Die erste sichere Thatsache aus seinem Leben ist, dass er die Gastwirtin Flavia Helena (Ambros. de obit. Theod. 42 = Migne L. 16, 1399. Anon. Vales. 2, 2. Zosim. III 8, 2. 9, 2) zu wilder Ehe mit sich nahm (Zosim. II 8, 2. 9. 1. Zonar. XIII 1 p. 1 A. Hieron. chron. 2322) und sie ihm zu Naissus (Firm. Mat. math. I 10, 16. Anon. Vales. 2, 2. Steph. Byz. s. Ναϊσσός) am 27. Februar (CIL I² p. 302), wahrscheinlich im J. 288 (Seeck Geschichte des Untergangs der antiken Welt I² 435), einen Sohn Constantin gebar. Denn wenn andere Quellen sie seine Gattin nennen, so ist dies nur Schmeichelei gegen[WS 2] die Mutter des späteren Kaisers (CIL X 517[WS 3]. 1483. Dessau 708. Anon. Vales. 1, 1. Eutrop. X 2, 2. Vict. Caes. 39, 25; epit. 39, 2. Zonar. XII 31. 33. XIII 1 p. 640 D. 644 D. 1 A).

Wenig später verschaffte er dem Redner Eumenius die Erlaubnis, seine erste Rede vor Maximian zu halten (paneg. V 1 cum favente numine tuo ipse ille iam pridem mihi, qui me in lucem primus eduxit, divinarum patris tui aurium aditus evenerit), die am 21. April 289 vorgetragen wurde (Seeck Jahrb. f. Philol. 1888, 716). Damals muss C. also schon eine ansehnliche Stellung am Kaiserhof eingenommen haben. Es ist daher wohl mehr als Vermutung, dass er einer jener Praefecti Praetorio war, deren Eumenius zum Dank für jene Fürsprache in eben jener Rede erwähnt (paneg. II 11). Diese hatten kurz vorher einen Sieg über die Franken erfochten und waren mit Maximian verschwägert. Die Verheiratung mit dessen Stieftochter Flavia Maximiana Theodora (Cohen Médailles impériales VII² 98) fand also nicht erst bei der Erhebung des C. zum Caesar statt, sondern spätestens Anfang 289 (Eumen. paneg. VI 7. 14. Anon. Vales. 1, 1. Eutrop. IX 22. Vict. Caes. 39, 24; epit. 39, 2, Zonar. XII 31. XIII 1 p. 640 D. 1 A). Sie gebar ihm sechs Kinder (Eutrop. a. O.), die Söhne Dalmatius, Iulius Constantius und Hannibalianus und die Töchter Flavia Iulia Constantia, Anastasia und Eutropia, über die unter ihren Namen zu handeln sein wird. Der Name der Eutropia ist der Mutter der Theodora entnommen; Hannibalianus lässt vermuten, dass ihr leiblicher Vater Afranius Hannibalianus Consul 292 war; der Name Anastasia ist von der Auferstehung hergeleitet und kommt nur bei Christen vor. Er bestätigt also die Angabe Constantins d. Gr. (Euseb. vit. Const. II 49), dass C. dem christlichen Glauben anhing, wenn er sich auch öffentlich jedenfalls zu der herrschenden Religion bekannte (Seeck Ztschr. f. Kirchengesch. XVIII 334).

Am 1. März 293, wahrscheinlich zu Mailand, wurde C. von Maximian[WS 4] adoptiert und mit dem Purpur des Caesars bekleidet (Seeck Geschichte des Untergangs der antiken Welt I² 453). Das Consulat erhielt er 294. 296. 300. 302. 305 und 306. Als Wirkungskreis war ihm der gallische Reichsteil bestimmt (Iulian. or. II 51 D), namentlich harrte seiner die Aufgabe, Britannien und einige Teile der westlichen Küste Galliens, die unter Carausius abgefallen waren, für Diocletian und Maximian wieder zu gewinnen. Dies wurde ihm dadurch erleichtert, dass um dieselbe Zeit der tüchtige Carausius ermordet wurde und Allectus an seine [1042] Stelle trat (s. Bd. I S. 1584). Gleich nach seiner Thronbesteigung ging C. nach Gallien und rückte vor Boulogne, um diese Hafenstadt, die damals den wichtigsten Übergangspunkt nach Britannien bildete, dem Usurpator zu entreissen. Indem er dessen Flotte durch ins Meer gebaute Dämme am Einlaufen hinderte, gelang ihm die Eroberung. Den Angriff auf die Insel musste er noch aufschieben, bis er selbst sich eine Flotte geschaffen hatte (Eumen. paneg. V 6. 7. VII 5). Unterdessen machte er einen Feldzug gegen die Franken im Mündungsgebiete des Rheins und siedelte grosse Scharen von ihnen als Colonen auf den wüstliegenden Äckern Galliens an (a. O. V 7–9. 21. VII 5). Erst 296 war seine Rüstung vollendet und konnte der Übergang nach Britannien erfolgen (Eutrop. IX 22, 2). Während Maximian an den Rhein ging, um die Germanen zu beobachten (Eumen. paneg. V 13), stach C. mit zwei Flotten in See, die eine unter seiner eigenen Führung von Boulogne aus, die andere unter seinem Praefecten Asclepiodotus aus der Seinemündung. Dieser gelang es, unter dem Schutze eines dichten Nebels an der Insel Wight, wo die feindliche Flotte sie erwartete, unbemerkt vorüberzukommen und die Landung zu bewirken. Aber derselbe Nebel führte auch C. von seinem Wege ab, so dass er in Britannien erst anlangte, als Allectus schon von Asclepiodotus geschlagen und im Kampfe gefallen war. Doch eine Abteilung seines Heeres machte in London, wohin sie verschlagen war, noch eine Frankenschar nieder, die sich aus der Schlacht gerettet und die Stadt geplündert hatte (Eumen. paneg. V 13–20. VII 5. IX 25. Vict. Caes. 39, 42. Eutrop. a. O. Zonar. XII 31 p. 641 A). Aus Britannien wurden zahlreiche Handwerker nach Gallien hinübergeführt, um dort die halbverfallenen Städte wieder herzustellen (Eumen. paneg. V 21).

Im Sommer 297 ging C. nach Italien um die Herrschaft über das Land zu übernehmen, während Maximian in Africa die Mauren bekämpfte. Doch kehrte er gleich darauf nach Gallien zurück, wo ihm zum Empfang Eumenius den fünften Panegyrikus hielt (paneg. IV 14. Seeck Jahrb. f. Phil. 1888, 723).

Zeitlos sind von ihm noch folgende Kriegsthaten überliefert: ein zweiter Feldzug gegen die Franken, bei dem er tief in ihr Gebiet eindrang und wieder zahlreiche Colonen nach Gallien verpflanzte; ein Sieg über die Alamannen, der mit einer Niederlage begann; denn unerwartet hatten sie den Kaiser im Gebiete der Lingones überfallen und mit seiner geringen Macht in die Flucht geschlagen. Er konnte sich, selbst verwundet, nur dadurch in die Stadt retten, dass er an Stricken über ihre Mauern gezogen wurde, da der Andrang der Feinde ein Öffnen des Thores nicht gestattete. Aber schon nach fünf Stunden rückte ein starker Entsatz heran, mit dem die Feinde besiegt und 60 000 von ihnen erschlagen wurden. Ferner wird berichtet von einem andern Germanensiege bei Vindonissa; von der Gefangennahme eines germanischen Wanderzuges, der über den gefrorenen Rhein auf eine Flussinsel gelangt war und dann durch den Eisgang von beiden Ufern abgeschnitten wurde (Eumen. paneg. VII 6. Eutrop. IX 23). Jedenfalls müssen alle diese Kämpfe in die J. 298–305 fallen.

[1043] Als 303 die Christenverfolgung begann, liess C. zwar auch in seinem Reichsteil die Kirchen niederreissen, aber keine Todesurteile gegen die Gläubigen vollstrecken (Lact. de mort. pers. 15, 7; anders Euseb. hist. eccl. VIII 13, 13; append. 4; vit. Const. I 13). So blieb Gallien wenigstens von den ärgsten Härten der Verfolgung verschont (Optat. I 22).

Als Diocletian und Maximian am 1. Mai 305 abdankten (Seeck Ztschr. f. Numismatik XII 125; Geschichte des Untergangs der antiken Welt I² 39. 462), wurde C. Augustus und erhielt die erste Stelle im Kaisercollegium (Lact. de mort. pers. 20, 1), wie er vorher unter den Caesaren der ältere gewesen war. Doch waren die neuen Caesaren Creaturen des Galerius (Lact. de mort. pers. 18, 8. Anon. Vales. 4, 9, wo Constantio für Constantino zu schreiben ist), und dieser behauptete daher die entscheidende Macht. Auch der junge Sohn des C. Constantin befand sich an seinem Hofe und konnte ihm für das Wohlverhalten des Vaters als Geisel dienen (Lact. de mort. pers. 24, 3. Vict. Caes. 40, 2; epit. 41, 2. Anon. Vales. 2, 2. Zonar. XII 33 p. 645 A. Zosim. II 8, 3. Euseb. vit. Const. I 19). Doch berief ihn C. noch kurz vor seinem Tode zu sich. Mit ihm ging er nach Britannien hinüber, wo er noch einen Sieg über die Picten und Scoten gewann, von dem er den Titel imperator II annahm (Dessau 651), und dann, nachdem er schon lange vorher gekränkelt hatte (Lact. de mort. pers. 20, 1), in Eburacum kurz vor dem 25. Juli 306 starb (Eumen. paneg. VII 7. Anon. Vales. 2, 4. Eutrop. X 1, 3. 2, 2. Vict. Caes. 40, 4. Zonar. XII 33 p. 644 D. Euseb. hist. eccl. VIII 13, 12; über das Datum s. Mommsen Chron. min. I 231; CIL I² p. 302). Seine Leiche scheint nach Gallien gebracht und dort, wahrscheinlich in Trier begraben zu sein (Iulian. epist. ad Athen. 287 A). Über seine angebliche Grabschrift s. Constantius Nr. 13.

Seine Milde und Scheu, die Unterthanen durch übermässige Steuern zu drücken, wurden hoch gerühmt und gaben schon bald nach seinem Tode Anlass zur Erfindung höchst wunderlicher Anekdoten (Euseb. vit. Const. I 13ff. Liban. epit. Iul. I 524; de Const. et Const. III 277. Eutrop. X 1, 2).

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Hermann Dessau, Über Zeit und Persönlichkeit der Scriptores Historiae Augustae, in: Hermes. Zeitschrift für classische Philologie 24 (1889), S. 337–392, hier S. 342
  2. korrigiert: ggen.
  3. Corpus Inscriptionum Latinarum X, 517
  4. korrigiert: Maximilian.