RE:Diassorinos

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 347–348
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Diassorinos. Jakob Diassorinos (Ἰάκωβος Διασσωρῖνος), griechischer Schreiber und Gelehrter des 16. Jhdts. Geboren in Rhodos kam er von Chios, wo er 1541 mit Abschreiben von Hss. beschäftigt war, um 1543 nach Venedig und arbeitete dort eine Zeit lang als Gehülfe in einer Apotheke. Etwa vom J. 1545 an war er, wie wir trotz mangelnder directer Nachrichten mit Bestimmtheit annehmen dürfen, mehrere Jahre hindurch zusammen mit dem Griechen Konstantin Palaeokappa als Schreiber und Gehülfe des Angelus Vergecius an der Bibliothek des französischen Königs zu Fontainebleau angestellt und als solcher auch an den Arbeiten für den von Vergecius und Palaeokappa hergestellten alphabetischen und methodischen Katalog der griechischen Hss. der Königlichen Bibliothek beteiligt (eine von D. geschriebene Copie des methodischen Katalogs befindet sich in Venedig: H. Omont Catalogues des manuscrits grecs de Fontainebleau, Paris 1889, p. XI. XII). Nachdem er, wie es scheint zusammen mit Palaeokappa, der 1551 in Venedig starb, Paris verlassen hatte, vertauschte er für einige Zeit die Feder mit dem Schwerte und wurde Anführer eines griechischen Reitercorps im Heere des Kaisers Karl V. in Italien und Frankreich. Dann scheint er ein ruheloses Wanderleben geführt zu haben. Zuletzt lebte er auf der Insel Cypern als Leiter einer Schule in Levkosia. Im J. 1563 stürzte er sich in neue Abenteuer und trat an die Spitze einer Verschwörung zur Vertreibung der Venetianer von der Insel; der Plan wurde indessen verraten, D. wurde verhaftet und hingerichtet. Die Nachrichten über die Lebensverhältnisse des D. sind zusammengestellt bei E. Legrand Bibliographie Hellénique I 296–302.

D. ist der Schreiber zahlreicher griechischer Hss., die in verschiedenen Bibliotheken zerstreut sind, in Italien, im Escurial, namentlich aber in Paris [348] (unter diesen mehrere, die zum Teil von Palaeokappa, zum Teil von D. geschrieben sind). Ausserdem aber ist D. Verfasser zweier Fälschungen, die lange Zeit als Werke aus dem Altertum gegolten haben, der Schrift περὶ μέτρων ποιητικῶν des Drakon (ed. G. Hermann, Lipsiae 1812) und des λεξικὸν τεχνολογικόν des Philemon (ed. F. Osann, Berolini 1821). Beide hat K. Lehrs als Fälschungen spätester Zeit erwiesen. Die Schrift des Drakon ist, wie Lehrs (Herodiani scripta tria p. 402ff.) zeigte, im ersten Teil aus Herodian περὶ διχρόνων und dem Lexikon des Phavorinus Camers (2. Ausgabe, Basel 1538), im zweiten Teil aus der Schrift des Isaak Monachos περὶ μέτρων ποιητικῶν (Bachmann Anecd. II 169–196) zusammengestellt. Das unvollständige und mitten in einem Worte abbrechende Lexikon des Philemon enthält, wie Lehrs (Pindarscholien 164–190) unwiderleglich nachwies, fast ausschliesslich Excerpte aus dem Lexikon des Phavorinus. P. Pulch, der Palaeokappa als Verfasser des Violarium der Eudokia entlarvt hat, erkannte auch, dass die zwei Pariser Hss., in denen die unter den Namen des Drakon und des Philemon gehenden Machwerke überliefert sind, Cod. Paris. 2675 und 2616, von einer Hand herrühren und in dieselbe Kategorie gehören wie Palaeokappas Hs. des Violarium. Dem Unterzeichneten gelang es, D. als Schreiber dieser beiden Hss. und damit als Verfasser der beiden Fälschungen zu ermitteln. Dazu kommt noch als dritte Fälschung der im Cod. Paris. 2102 des Arkadios περὶ τόνων von D. aus bekannten Quellen ergänzte Schluss (das sog. 20. Buch) der Epitome der Προσῳδία καθολική des Herodian (Arcad. ed. Barker p. 186–200). Alle diese Fälschungen hat D. sicherlich, ebenso wie Palaeokappa die seinigen, während seines Aufenthalts in Fontainebleau (bezw. Paris) und mit den Hülfsmitteln der Königlichen Bibliothek verübt, vielleicht mit Wissen und unter Zustimmung des Vergecius. Es waren übrigens für ihre Zeit achtungswerte gelehrte Arbeiten, Fälschungen nur insofern, als ihnen antike Verfassernamen vorgesetzt waren. Leop. Cohn Konstantin Palaeokappa und Jakob Diassorinos, in Philol. Abhandlungen M. Hertz … dargebracht (Berlin 1888) S. 133–143. Vgl. auch A. Ludwich Byz. Ztschr. I (1892) 293–302. Leop. Cohn in Satura Viadrina (Breslau 1896) 110–121.

[Cohn.]