RE:Euphorion 4

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VI,1 (1907), Sp. 11741190
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4) Euphorion von Chalkis.

I. Leben.

Quelle hauptsächlich der Artikel des Suidas. Neuere Behandlungen: Meineke Anal. Alex. 3ff. Susemihl Alex. Lit. I 393ff. Beloch Griech. Gesch. III 2, 483. 493f. v. Wilamowitz Berliner Klassikertexte V 1, 65f. (weiterhin als BK zitiert). Die folgenden Angaben beruhen, soweit nichts anderes bemerkt wird, auf Suidas. E., Sohn des Polymnestos, stammt aus Chalkis auf Euboia. Der Geburtsort ist auch sonst vielfach überliefert; s. z. Β. Verg. Ecl. X 50 mit Servius z. St. und Quintil. X 1, 56. Die Geburt fällt in die 126. Olympiade (276–272), ὅτε καὶ Πύρρος ἡττήθη ὑπὸ Ῥωμαίων, womit wir ins J. 276/5 kommen. Diese von Beloch scharf angegriffene Tradition hat v. Wilamowitz zum Teil einleuchtend verteidigt. Es handelt sich um drei Einwände: 1. E. ist Bibliothekar Antiochos d. Gr. gewesen, der 223 zur Regierung kam. Beloch hält es nicht für wahrscheinlich, daß Antiochos sofort den E. berufen oder einen ‚abgelebten Greis‘ angestellt habe. Warum das erstere unwahrscheinlich sein soll, sehe ich nicht ab; jedenfalls aber brauchte E. auch zehn Jahre später noch kein abgelebter Greis zu sein. 2. Nikaia, die Frau des Kraterossohnes Alexander, des Herrschers von Euboia, soll sich in E. verliebt haben. Nun bezieht Beloch auf sie das πλουσίᾳ γραῒ συγκαθεύδειν ὡς Εὐφορίων bei Plutarch de tranquill. an. 472 d und, da Nikaia nach seiner Berechnung kaum vor 280 geboren ist (a. a. O. 437), so meint er, E.s Geburt müsse nicht bloß vier Jahre, sondern erheblich später fallen (nicht vor 260, ja vielleicht erst nach 250). Ich möchte nicht, wie [1175] v. Wilamowitz, zweifeln, ob mit der πλουσία γραῦς bei Plutarch wirklich Nikaia gemeint sei; denn bei Suidas folgt auf Νικαίας στερξάσης αὐτόν unmittelbar εὔπορος σφόδρα γεγονώς. Trotzdem muß ich v. Wilamowitz vollkommen darin recht geben, daß gerade die Erzählung von Nikaia nur zum überlieferten Geburtsdatum stimmt. Nikaia hat eigentümliche Schicksale durchgemacht. Nach dem Tode des Alexander verheiratete sich mit ihr Demetrios, der Sohn des Antigonos, Enkel des Demetrios Poliorketes γυναικὶ πρεσβυτέρᾳ μειράκιον (Plut. Arat. 17. Kärst o. Bd. I S. 2416, 25ff.). Diese zweite Heirat fällt nach Beloch selbst ‚um 245‘ (a. a. O. 437), ‚ihre Beziehungen zu E. offenbar in die Zeit, als Demetrios seine Verbindung mit ihr gelöst hatte, also nach 239, wie schon Meineke richtig gesehen hat; Nikaia wird damals in Athen gelebt und hier den talentvollen jungen Dichter kennen gelernt haben‘ (S. 494). Aber der Wortlaut des Suidas zeigt doch wohl, daß das Verhältnis zu E. vor die zweite Ehe fiel, also vor 245: τῆς Ἀλεξάνδρου τοῦ βασιλεύσαντος Εὐβοίας, υἱοῦ δὲ Κρατεροῦ, γυναικὸς Νικαίας στερξάσης αὐτόν. Selbst das früheste von Beloch für E. zugelassene Geburtsdatum 260 erweist sich hierdurch als unmöglich. Ich möchte nur noch hinzusetzen, daß auch für Nikaia Beloch ohne ausreichenden Grund ein so spätes Geburtsdatum wie 280 ansetzt. Wer die Schilderung bei Plutarch a. a. O. liest, weiß, daß Demetrios sie wahrhaftig nicht liberum quaerundorum causa geheiratet hat; die Alte sollte auf den ‚Köder‘ anbeißen, den ihr Antigonos in Gestalt des Knaben hinwarf, und tats auch. Man kann sie also 295 geboren sein lassen, ja noch eher; aber konnte sie nicht in boshafter Darstellung γραῦς heißen, auch wenn sie nur 20 Jahre älter war als E.? 3. Die einzige wirkliche chronologische Schwierigkeit, die v. Wilamowitz nicht berührt und ich nicht beheben kann, entsteht durch Suidas Angabe über die Lehrer des Ε.: μαθητὴς ἐν τοῖς φιλοσόφοις Λακύδου καὶ Πρυτάνιδος καὶ ἐν τοῖς ποιητικοῖς Ἀρχεβούλου τοῦ Θηραίου (Θηβαίου? Hephaist. p. 28 C.) ποιητοῦ, οὗ καὶ ἐρώμενος λέγεται γενέσθαι. Zwar Prytanis der Peripatetiker macht keine erheblichen Unbequemlichkeiten. Antigonos Doson (230–221) hat ihm die Gesetzgebung für die Megalopoliten übertragen (Polyb. V 93, 8). Aber selbst wenn das erst nach der Zerstörung der Stadt durch Kleomenes im Herbst 222 geschehen sein sollte, so könnte Prytanis damals ein Sechziger gewesen sein und als Dreißiger den E. unterrichtet haben (Anekdote über den Verkehr des E. bei ihm Athen. X 447 E). Schlimmer steht es zweifellos um Lakydes. Da dieser die Leitung der Akademie von Arkesilaos erst im J. 241/0 übernommen hat (Jacoby Apollodors Chronik 346), so bleibt hier unleugbar ein höchst auffälliger Dissens mit dem Geburtsjahr des E. Denn daß E. erst mit 35 Jahren zum Studium gekommen wäre, ist an sich nicht glaublich und durch die Geschichte von seinem Verhältnis zu Archebulos so gut wie ausgeschlossen. Dabei ist E. als Schüler des Lakydes vielleicht auch im Herkulaner Verzeichnis der Akademiker genannt gewesen, wo Mekler p. 78, 21 ωνα scharfsinnig zu Εὐφορίωνα ergänzt.

[1176] Was Suidas außerdem gibt und wir sonst wissen, ist sehr wenig. Suidas berichtet, daß E. in Syrien gestorben und in Apamea, nach andern in Antiochia begraben sei; dagegen spricht das Epigramm des Theodoridas Anth. Pal. VII 406 vom Grabe des Ε. Πειραϊκοῖς παρὰ σκέλεσιν; da Helladios bei Phot. bibl. p. 532, 18 B. den E. φύσει μὲν Χαλκιδεύς, θέσει δὲ Ἀθηναῖος nennt, hat man angenommen, daß man dem E. am Peiraieus ein Kenotaph errichtet hatte. Aber der Wortlaut des Theodoridas klingt nicht, als ob von einem Kenotaph die Rede wäre, und er, der zu E. auch sonst Beziehungen hatte (s. u.), der auch auf andere Zeitgenossen, Mnasalkas z. Β., Grabepigramme gemacht hatte (Anth. Pal. XIII 21), muß vertrauenswürdiger scheinen, als die schwankende Nachricht bei Suidas, die aus der Stellung des E. bei Antiochos herausgesponnen sein kann (vgl. Knaack Jahrb. f. Phil. CXLIII 772ff. Maass Orpheus 115ff.). Vom Äußeren des E. berichtet Suidas μελίχρους πολύσαρκος κακοσκελής.

II. Werke.

Zu Meinekes grundlegender Fragmentsammlung haben die Entdeckungen und Veröffentlichungen der letzten Jahre mancherlei zugefügt. Einen Hexameter zog Miller Mél. de litt. gr. 46 aus dem Laurentianus des Etymologicum genuinum; der Vaticanus zeigte, daß der Vers in den Θρᾷξ gehört (Reitzenstein Index lect. Rostock 1890/1, 9). Auf demselben Wege ist vervollständigt frg. 92 (Miller 76), sowie frg. 106 (Reitzenstein ebd. 1891/2, 16) und letzteres dem Διόνυσος κεχηνὼς zugewiesen. Ein merkwürdiges Fragment, wohl in den Apollodoros gehörig, ist im Hephaistionkommentar des Choiroboskos (p. 226 Consbr.) zu Tage gekommen. Ein paar einzelne Worte hat der Anfang des Lexikons des Photios geliefert (Reitzenstein Anf. d. Lex. d. Photios 77, 8. 96 23). Der Hauptzuwachs aber sind die Berliner Fragmente v. Wilamowitz a. a. O.), das untere Stück einer Seite eines Pergamentbuchs, ‚wohl noch des 5. Jhdts.‘, mit je 15 im Anfang sehr verstümmelten Versen auf recto und verso (ohne Verfassernamen, doch I 12 = frg. 60 a). Ich zitiere sie als BF I und II. Vgl. endlich noch unten S. 1189, 44. Die Reste zeigen die echt ‚alexandrinische‘ Doppelnatur des E.: er ist Dichter und Philolog. Es widerstrebt mir, darüber noch irgend etwas Allgemeines vorauszuschicken, wo man auf die glänzende Charakteristik des Zeitalters durch v. Wilamowitz Eurip. Herakl. I¹ 135 verweisen kann; das ist die beste Schilderung des Bodens, dem ein Mann wie Ε. entsprießen konnte.

A. Dichterische Werke.

1. Ich schicke ein Wort wider die angeblichen erotischen Elegien des E. voran, obwohl es ja kaum noch nottut. Denn selbst wer die Gattung für die hellenistischen Dichter zu retten sucht, wird den Versuch auf E. heute kaum noch ausdehnen. Bereits Heyne hat (Heyne-Wagner Vergil I 256) ziemlich treffend geurteilt, aber Meineke 24 wieder, wie viele nach ihm, die bekannten Zeugnisse über Gallus falsch gewertet. a) Serv. Ecl. X 1: Gallus … fuit poeta eximius; nam et Euphorionem, ut supra diximus, transtulit in Latinum sermonem et amorum suorum de Cytheride scripsit libros quattuor. Da supra sich [1177] auf die Bemerkung zu VI 72 bezieht, Gallus habe das Gedicht vom gryneischen Hain dem E. nachgedichtet, so fällt dies ‚Zeugnis‘ für Elegien des E. völlig aus. b) ‚Probus‘ Ecl. X 50 (Gallus spricht: ibo et Chalcidico quae sunt mihi condita versu carmina usw.) Euphorion elegiarum scriptor Chalcidensis fuit, cuius in scribendo secutus colorem videtur Cornelius Gallus (vgl. Philargyr. I z. St. Euphorion distichico versu usus est). Richtig beurteilt von Jacoby Rh. Mus. LX 70 Anm.: ‚schon der Wortlaut erregt den dringenden Verdacht, daß es sich hier um einen Rückschluß handelt: E. wird Elegiker, weil er von Gallus benutzt ist‘. Vgl. Serv. z. St.: Euphorion quem transtulit Gallus ohne jeden Zusatz. c) Diomedes GL I 484, 21 quod genus carminis (Elegien) praecipue scripserunt apud Romanos Propertius et Tibullus et Gallus, imitati Graecos Callimachum et Euphoriona. Auch wenn man Jacobys weitergehende Vermutung (a. a. O. 59, 2) ablehnt, es liege hier nur ein Mißverständnis der eben zitierten Vergilverse vor, so kann man doch aus dem Zeugnis nichts weiter schließen, als daß E. den römischen Elegikern mythischen Stoff geliefert hat – was nach des Parthenios bekannten Worten in der Einleitung zu den ἐρωτικὰ παθήματα (εἰς ἔπη καὶ ἐλεγείας ἀνάγειν τὰ μάλιστ’ ἐξ αὐτῶν ἁρμόδια) auch dann durchaus möglich ist, wenn E. nie selbst eine Elegie geschrieben hat. d) Ganz unklar bleibt mir Meinekes Äußerung: ‚cantores Euphorionis … dici a Cicerone (Tusc. III 19) crediderim … qui Euphorionis elegos (de his enim intellegenda esse Ciceronis verba apertum est) vel in latinum sermonem converterent vel imitatione exprimerent‘. Da Cicero den cantores Euphorionis den Ennius als egregius poeta gegenüberstellt, muß es sich doch wohl gerade um den Gegensatz zwischen ‚kyklischem‘ Epos und Epyllion handeln; es ist die Übertragung der bekannten alexandrinischen Kontroverse (v. Wilamowitz Homer. Untersuch. 354) nach Rom.

Im letzten liegt nun geradezu schon ein positives Argument dafür, daß E. dem Altertum als Dichter von Epen des bekannten alexandrinischen Zuschnitts galt – nichts weiter; wir können das aber noch durch Zeugnisse erhärten, die, ebenfalls um Jahrhunderte älter als Servius und Diomedes, zugleich sich viel unmittelbarer ausdrücken als Cicero. Athenaios nennt den Ε. Εὐφορίων ὁ ἐποποιός auch da, wo er seine wissenschaftlichen Arbeiten zitiert (IV 182 E. 184 A. VI 263 D. X 436 F. XIV 633 F) Quintilian sondert X 1, 56ff. den E. ganz scharf von den Elegikern (Kallimachos, Philitas); ich möchte (nach einem freundlichen Hinweise von A. Körte) hinzufügen, daß Quintilian gerade auch die Chalcidico versu condita carmina bei Verg. Ecl. X 50 auf Epyllien (oder jedenfalls auf nichtelegische Dichtungen) bezogen hat; er würde sonst nicht gerade hier, wo er den E. unbedingt unter den Nichtelegikern nennt, die Berufung auf Vergil zugefügt haben (quem nisi probasset Vergilius, idem numquam certe conditorum Chalcidico versu carminum fecisset in bucolicis mentionem). So ist denn auch der einzige Spezialfall, in dem Nachahmung des E. durch Gallus bezeugt ist, der des Epyllions vom gryneischen Hain (s. u. S. 1187).

[1178] Es spricht endlich gegen die Existenz von Elegien des E., daß sich (von den zwei Epigrammen Anth. Pal. VI 279. VII 651 abgesehen) unter den Resten des E. auch nicht ein Pentameter findet. Zufall ist dabei gewiß nicht absolut auszuschließen. So mag z. Β. das Epikedeion auf den Astrologen Protagoras (Diog. Laert. IX 56), aus dem wir kein Zitat besitzen, immerhin elegisches Maß gehabt haben. Aber jedenfalls war das dann etwas Vereinzeltes; Elegienbücher des E. gab es nicht, und jedes Zitat wie Εὐφορίων ἐν τοῖς ἐλεγείοις fehlt.

Ein Wort möchte ich hier über die Priapea des E. zufügen. Denn ihre Existenz scheint mir nicht viel sicherer als die der Elegien. Hephaistion (p. 56 Consbr.) gibt allerdings drei priapeische Verse, die er παρ’ Εὐφορίωνι gefunden hat, aber er setzt hinzu τῷ Χερρονησιώτῃ. Auch Meineke Anal. Alex. 341ff. scheidet diesen E. von dem Chalkidier. Indes besteht aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen dem Priapeendichter und unserem E. nicht einmal Homonymie. Strabon erwähnt VIII 382 ὁ τὰ Πριάπεια ποιήσας Εὐφρόνιος, und wenn man sieht, daß anderwärts Εὔφρων und Εὐφορίων verwechselt sind (Athen. XI 503 A), so dürfte man vielleicht schon daraufhin bei Hephaistion schreiben παρ’ Εὐφρονίῳ τῷ Χερρονησιώτῃ (Meineke 406). So gut wie sicher wird die Vermutung durch den Kommentar des Choiroboskos zur Stelle des Hephaistion (p. 241 Consbr.), wo es heißt Πριάπειον δὲ ἐκλήθη, ἐπειδὴ Εὐφρόνιος ὁ γραμματικὸς ἐπὶ τῶν Πτολεμαίων ἐν Ἀλεξανδρείᾳ ἔγραψεν εἰς Πρίαπον τούτῳ τῷ μέτρῳ usw. Vgl. Susemihl Alex. Lit. I 281.

2. Wir haben es also nur mit hexametrischen Dichtungen des E. zu tun, und nur solche verzeichnet auch der freilich gerade hier sehr unvollständige und zerrüttete Artikel des Suidas: βιβλία δὲ αὐτοῦ ἐπικὰ ταῦταἩσίοδος, b Μοψοπία ἢ Ἄτακτα· ἔχει γὰρ συμμιγεῖς ἱστορίας. Μοψοπία δὲ ὅτι ἡ Ἀττικὴ τὸ πρὶν Μοψοπία ἐκαλεῖτο ἀπὸ τῆς Ὠκεανοῦ θυγατρὸς Μοψοπίας καὶ ὁ λόγος τοῦ ποιήματος ἀποτείνεται εἰς τὴν Ἀττικήν. c Χιλιάδες· ἔχει δὲ ὑπόθεσιν εἰς τοὺς ἀποστερήσαντας αὐτὸν χρήματα, ἃ παρέθετο, ὡς δίκην δοῖεν κἂν εἰς μακράν, εἶτα συνάγει διὰ χιλίων ἐτῶν χρησμοὺς ἀποτελεσθέντας· εἰσὶ δὲ βιβλία εʹ. ἐπιγράφεται δὲ ἡ πέμπτη χιλιὰς περὶ χρησμῶν, ὡς χιλίων ἐτῶν ἀποτελοῦνται. Über a wissen wir gar nichts; vgl. die Aufzählung und Kritik der Vermutungen bei Skutsch Aus Vergils Frühzeit 44, 2 und über den Einfluß des Hesiod auf E. ebd. 43. Auch über b geben die dürftigen Fragmente nichts weiter aus. Was Suidas unter c gibt, hat von jeher Bedenken erregt (vgl. ältere Literatur bei Meineke 13, neuere bei Susemihl 396, 111). Der Grundgedanke zwar (der Dichter verwünscht die, die ihm etwas veruntreut haben, und benutzt diesen Anlaß, um in Form eines Katalogs spät erfüllter Orakelsprüche seine Gelehrsamkeit auszubreiten) ist nicht zu verkennen, wie er denn ganz ähnlich nicht nur bei andern Alexandrinern, sondern auch in des E. eigenen Ἀραὶ ἢ Ποτηριοκλέπτης wiederkehrt (s. u. und vgl. Skutsch a. a. O. 53). Aber was über die 5. Chiliade im Verhältnis zum ganzen Werke gesagt wird, ist (wie sich jeder leicht selbst überzeugen kann) barer Unsinn, und nichts wird [1179] besser, wenn man, wie oft vorgeschlagen worden ist, für ἐτῶν an der einen oder an der andern oder auch an beiden Stellen ἐπῶν setzt; ja an der ersten verdirbt die Änderung offenbar den Zusammenhang, da διὰ χιλίων ἐτῶν χρησμοὺς ἀποτελεσθέντας durch das vorausgehende κἂν εἰς μακρὰν geradezu gefordert ist. Aus der schlimmsten Schwierigkeit helfen nun zwar die guten Hss., indem sie die Worte ἐπιγράφεται δὲ ἡ πέμπτη χιλιάς περὶ χρησμῶν, ὡς χιλίων ἐτῶν ἀποτελοῦνται, die das 5. Buch in den unverständlichen Gegensatz zu den übrigen bringen, einfach weglassen. Damit fallen alle die Kombinationen, die sich mit Vorliebe gerade an dies fünfte Buch geknüpft haben (z. Β. Meineke 79f.). Aber auch was bei Suidas nunmehr übrig bleibt, erweckt in der üblichen Auffassung Bedenken. Die Verwünschungen und die Wiedergabe der nach 1000 Jahren erfüllten Orakelsprüche sollen fünf Bücher eingenommen haben! Es hat ja solcher Sprüche freilich mehr gegeben, als heute auch dem gewiegten Mythologen einfallen würden, und gewiß fand E.s Gelehrsamkeit und Quellenkenntnis hier besondere Gelegenheit zu glänzen; noch jetzt fassen wir dergleichen bei Plutarch de sera num. vind. 557 c, wo drei Hexameter aus solchem Zusammenhang vorliegen, die man auf Grund des Vergleichs mit Lykophr. 1151ff. (s. u.) mit Wahrscheinlichkeit dem E. selbst zugeschrieben hat (Knaack Jahrb. f. Philol. CXXXVII 151ff. Thrämer Herm. XXV 55ff.). Χιλιάδες bezeichnet also die 1000jährigen Zeiten bis zur Erfüllung der Orakelsprüche (vgl. Lykophr. 1153 τὸν χιλίωρον χρόνον). Aber man darf nicht nur in Frage ziehen, ob solcher Stoff für fünf Bücher ausgereicht hätte, sondern muß auch bedenken, daß alle Zitate nur lauten Εὐφορίων (ἐν) Χιλιάσι ohne Buchangabe. Bei dieser Sachlage ist v. Wilamowitz Vermutung sehr gewinnend, daß bei Suidas εἰσὶ δὲ βιβλία εʹ sich gar nicht auf die Chiliaden bezieht, sondern auf sämtliche ἐπικά. Diese Erkenntnis des Sachverhalts ist früher eben dadurch behindert gewesen, daß man hinter der Angabe der Buchzahl erst noch den auf die Chiliaden bezüglichen interpolierten Satz las. Aus den fünf Büchern zitiert Suidas also einige Einzeltitel, aber längst nicht alle, die wir kennen; seine Vorlage wird darin genauer gewesen sein. Schön ist auch die weitere Vermutung von v. Wilamowitz, daß Ἄτακτα nicht der Nebentitel der Mopsopia gewesen sei (die jedenfalls von Choiroboskos [frg. 27 b] nur als Μοψοπία zitiert wird), sondern der Titel der gesammelten Dichtungen, wie die fünf Bücher doch wohl einen gehabt haben müssen. Freilich, daß attische Sagen keine συμμιγεῖς ἱστορίαι sein können, läßt sich wohl nicht mit absoluter Sicherheit behaupten, und auffällig bleibt bei v. Wilamowitz’ Auffassung, daß nicht gelegentlich Zitate wie ἐν Ἀτάκτων αʹ, βʹ begegnen; der Vergleich mit Theokrit, den die Grammatiker auch nur nach Einzeltiteln anführen, verfängt nicht recht, weil es da eben keinen Gesamttitel, keine alte Gesamtausgabe und keine Buchteilung gibt.

Die bei Suidas nicht genannten Einzelgedichte tragen meist Namen wirklicher Personen als Titel (d Ἀλέξανδρος, e Ἀπολλόδωρος, f Ἀρτεμίδωρος, g Δημοσθένης, h Ἱππομέδων?, i Ξένιος [Meineke [1180] 23. Knaack Herm. XXV 87f.], k Πολυχάρης). Meineke 16 vermutet darin die Namen von Gönnern oder Freunden, denen die Gedichte gewidmet sind, wie der Krinagoras des Parthenios oder der Hieron des Theokrit. Das ist recht einleuchtend, obwohl das neue Fragment aus Choiroboskos (o. S. 1176, 33) καί τις Ἀπολλόδωρος ἐφ’ υἱέα Λειοφόωντος sich der Vermutung schlecht fügt, wenn es, wie doch an sich wahrscheinlich, aus dem Ἀπολλόδωρος stammt. Über die Persönlichkeiten sind höchstens ganz unsichere Vermutungen möglich; vgl. Meinekes Einleitung zu den einzelnen Dichtungen und v. Wilamowitz 64 Anm. Daß Alexandros der Gatte der Nikaia sei, ist noch das Probabelste. Den Stoff können wir, soweit er überhaupt kenntlich ist, zur Person des Adressaten nicht in Beziehung bringen. So stand im Apollodoros die Geschichte von Kyzikos und Kleite (Parthenios 28). Die übrigen Titel geben zum Teil nicht mehr Klarheit. Persönlicher Art sind noch (l) die ἀντιγραφαὶ πρὸς Θεοδωρίδαν, wie man bei Clem. Alex. strom. V 47, 2 gewiß richtig aus θεωρίδαν verbessert hat. Es ist jener Theodoridas, der das oben erwähnte lobende Grabepigramm auf E. verfertigt hat, und der Titel ἀντιγραφαὶ πρὸς τὸν δεῖνα begegnet auch sonst, freilich nur in Prosaliteratur (Meineke 18). Aber der einzige bei Clemens a. a. O. erhaltene Hexameter gibt über den Stoff keine Aufklärung; jedenfalls brauchte der Inhalt nicht der Art zu sein, daß man in das Epigramm des Theodoridas nun um jeden Preis und gegen alle Wahrscheinlichkeit eine boshafte Spitze hineininterpretieren müßte. Völlig rätselhaft bleibt (m) Γέρανος, über dessen Autorschaft man übrigens im Zweifel war (Εὐφορίων ἢ Ἀρχύτας ἐν Γεράνῳ Athen. III 82 a. Meineke 353f.; darf man etwa auf den Titel frg. 9 beziehen δεξιτερὴν ὑπερέσχε καὶ ὀχθηρῆς Γερανείης? Fast ebenso dunkel ist das vom Schol. zu Clem. Alex. I 300 St. mit Εὐφορίων ἐν τῇ Ἱστίᾳ καὶ τῷ Ἰνάχῳ zitierte Gedicht (n), in dem die mythische Besiedelung Makedoniens durch Karanos von Argos vorkam. Immerhin besser steht es um den Rest. Die weitgehenden Berührungen des E. mit Lykophron (s. u.) ermöglichen einen Schluß auf den Inhalt des (o) Ἄνιος (Sage vom Aufenthalt der nach Troia segelnden Griechen auf Delos bei Anios und den Oinotropen, Lykophr. 570ff.; vgl. Wentzel o. Bd. I S. 2213ff., wo E. übergangen ist). (p) Διόνυσος enthielt wahrscheinlich Dinge aus dem dionysischen Sagenkreise, obwohl die frg. 14ff., die sicher solchen Inhalt haben, nur durch Meinekes Vermutung hierher geschoben sind. Da die direkten Zitate alle nur auf Διόνυσος lauten, muß der Κεχηνὼς Διόνυσος (ο. S. 1176, 33) vielleicht von jenem getrennt werden; der Inhalt war samische Lokalsage (frg. 122). (q) Sehr mannigfaltigen Inhalts muß Θρᾷξ gewesen sein. Hier standen die Geschichte von der Blutschande des Klymenos und der Harpalyke mit deren schließlicher Verwandlung in einen Vogel (Parthenios 13), von der verbrecherischen Liebe und dem Tode des Trambelos (ebd. 26), von der Rettung des Amphiaraos durch seine Rosse (frg. 19) und mindestens beiläufig von Herakles, der den Kerberos ans Licht bringt (dies in dem neuen Fragment aus dem Genuinum o. [1181] S. 1176, 26). Was der Titel bedeutet, bleibt unklar. (r) Hyakinthos gab zum Eingang die Kritik der beiden Varianten über die Entstehung der Blume Hyacinthus (frg. 36), wies diejenige ab, die die Blume aus dem Blut des Aias entstehen ließ (frg. 38), und erzählte vom Tode des Hyakinthos durch Apollon (Skutsch a. a. O. 80). (s) Φιλοκτήτης: kenntlich ist der Tod des Hirten Iphimachos, der den Philoktet auf Lemnos mit Speise versehen hatte (frg. 39). (t) Das eigentümliche γένος endlich, dem Ἀραὶ ἢ Ποτηριοκλέπτης angehört, ist schon oben bei Gelegenheit der Χιλιάδες berührt worden. Der Titel und das einzige Fragment (6) ὅστις μευ κελέβην Ἀλυβηίδα μοῦνος ἀπηύρα erweisen zur Genüge, daß hier ein Bestohlener den Dieb seines Bechers verwünschte. Gewiß war der Bestohlene der Dichter selbst; das ist nicht nur die natürlichste Annahme, sondern, wie schon Μeineke 20 gesehen hat, durch die Analogie der Kallimacheisch-Ovidischen Ibis und der Dirae gestützt. Sehr möglich, daß auch hier bei E. katalogartig mythische oder historische Personen aufgezählt waren, deren schlimmes Schicksal der Dieb erleiden solle. Wir kennen jetzt ein Stück solcher Poesie des E. aus dem zweiten Berliner Fragment; leider fügt es sich nicht in die Ἀραί, da der ποτηριοκλέπτης, der μοῦνος ἀπηύρα, ein Mann war, während es in dem neuen Bruchstück 10ff. heißt: ἢ καί νιν σφεδανοῖο τανυσσαμένη ἀπὸ τόξου Ταιναρίη λοχίῃσι γυναικῶν ἐμπελάτειρα Ἄρτεμις ὠδίνεσσιν ἑῷ ταλάωρι μετάσποι. Darf man wirklich den E. so niedrig einschätzen, daß man an der zwingenden Kraft dieses Arguments zweifelt (v. Wilamowitz 63f.)? Ebensowenig paßt übrigens das neue Fragment in die Chiliaden; denn von χιλιάς steckt nichts darin (vgl. außerdem v. Wilamowitz a. a. O.).

So haben wir alle Titel Euphorionischer Dichtungen, die uns bekannt sind, angeführt. Aber es ist natürlich durchaus nicht gesagt, daß wir alle kennen. Auf Grund der ziemlich zahlreichen Fragmente ohne Titel freilich darf man nichts erschließen wollen. Wir können sie nur selten einmal mit Wahrscheinlichkeit unter einen bestimmten Titel einreihen, aber wir wissen ja erstens die Bedeutung vieler Titel gar nicht, und andererseits kann ein Gedicht, über das wir etwas eingehendere Nachrichten haben, wie der Θρᾷξ, zeigen, wie zahlreiche verschiedenartige Stoffe E. in einem Gedichte vereinigt hat, ohne daß der Titel etwas davon ahnen läßt. Gerade diese Vereinigung mehrerer Stoffe in einem Gedicht ist ein Alexandrinismus, den E. offenbar besonders liebt. Wie wenig sich die Art der Verknüpfung erraten läßt, mit wieviel Geschick sie ausgeführt werden konnte, kann z. Β. die Ciris zeigen. Man denke, daß der Gigantenkampf (v. 29ff.), der Mauerbau des Alkathoos (v. 105ff.), die Flucht der Britomartis vor Minos (v. 297ff.), die Geschichte von Skiron und seiner Schildkröte (v. 465ff.) – um von vielem anderen zu schweigen – als Bestandteile eines uns unbekannten Gedichtes zitiert wären, so würden wir damit so wenig anzufangen wissen, wie eben etwa mit den Fragmenten des Θρᾷξ. Zugleich kann man sich hier schon eine lebhafte Vorstellung machen, wie solche Dichter arbeiteten: natürlich mit Exzerptensammlungen, [1182] die ein Gelehrter wie E. sich selbst gemacht haben wird, während jemand, der noch anderes vorhatte, wie Cornelius Gallus, sich von einem Parthenios bedienen ließ. Sein wesentlichstes eigenes wird dann (außer in der Ausmalung des einzelnen) in der Auswahl aus den Exzerpten und ihrer eigenartigen Verknüpfung bestanden haben; erst Cornelius Gallus selbst oder sein unmittelbares Vorbild scheint Karme, die Mutter der Britomartis, als τροφὸς der Skylla nach Megara versetzt und damit die Möglichkeit gewonnen zu haben, in die Geschichte der Ciris die der Britomartis einzuflechten.

Damit ist schon gesagt, daß das ἀμάρτυρον οὐδὲν ἀείδειν seine Grenze hat. Nie darf ohne weiteres gefolgert werden, daß die Verknüpfung der Motive, wie sie sich bei E. und den Euphorioneern findet, ebenso schon in der Quelle existiert haben müsse. Aber es kommen sogar Sagenformen bei E. vor, die er anscheinend selbst erst durch Kontamination älterer Erzählungen oder durch Analogiebildung nach Erzählungen aus andern Sagenkreisen hergestellt, ja wohl bisweilen geradezu erfunden hat. Vgl. Paus. X 26, 8. Meineke zu frg. 4. 19. 48. 81. 134. v. Wilamowitz Herm. XVIII 259. Rohde Roman¹ 98, 2. G. Schultze Euphorionea, Diss. Straßburg 1888, 50ff. Daneben steht die scheinbare Gewissenhaftigkeit, mit der die Variantenkritik gewiß nicht bloß im Hyakinthos geübt worden ist.

Auch die Technik der Erzählung ist, wie sich teils direkten Angaben darüber, teils den Resten entnehmen läßt, die charakteristisch hellenistisch-neoterische. So zeigt Parthenios 13 die Rolle, die die τροφός auch bei E. spielte, und über das Tempo des Vortrags haben wir bei Lucian quom. hist. conscr. 57 die bekannte Angabe, die man im Zusammenhang lesen muß. Der Historiker, heißt es etwa, darf nicht im kleinlichen Detail der Beschreibungen stecken bleiben, ἀλλ’ ὀλίγου προσαψάμενος τοῦ χρησίμου καὶ σαφοῦς ἕνεκα μεταβήσῃ ἐκφυγὼν τὸν ἰξὸν τὸν ἐν τῷ πράγματι καὶ τὴν τοιαύτην ἅπασαν λιχνείαν, οἷον ὁρᾷς καὶ Ὅμηρος ὁ μεγαλόφρων ποιεῖ (man beachte die Gegenüberstellung von Homer und den Alexandrinern, der von Ennius und den Neoterikern in der oben zitierten Tusculanenstelle genau entsprechend)· καίτοι ποιητὴς ὢν παραθεῖ τὸν Τάνταλον καὶ τὸν Ἰξίονα καὶ τὸν Τιτυὸν καὶ τοὺς ἄλλους· εἰ δὲ Παρθένιος ἢ Εὐφορίων ἢ Καλλίμαχος ἔλεγε, πόσοις ἂν οἴει ἔπεσι τὸ ὕδωρ ἄχρι πρὸς τὸ χεῖλος τοῦ Ταντάλου ἤγαγεν; εἶτα πόσοις ἂν Ἰξίονα ἐκύλισε; Das heißt, E. erging sich in der psychologischen und sonstigen Kleinmalerei, die wir aus Kallimachos, Cornelius Gallus usw. kennen (Skutsch Aus Vergils Frühzeit 75, wo weitere Literatur) und wie sie jetzt auch das erste Berliner E.-Fragment in der Schilderung des Kerberos an einem deutlichen Beispiel zeigt. Da hierin schlagende Ähnlichkeit mit der Ciris besteht, so werden wir dem E. auch das Korrelat dieser Eigentümlichkeit zuschreiben dürfen, das wir aus der Ciris kennen: knappste Kürze bei der Erzählung der Haupthandlung oder wenigstens einzelner ihrer Züge.

Nimmt man hinzu, daß in dieser Manier die Menge entlegener Sagenstoffe zum Teil durchaus lokaler Natur (s. z. B. oben den Κεχηνὼς Διόνυσος) [1183] behandelt war – Ε. hat sie gewiß nicht nur aus der älteren Poesie, sondern auch aus allerlei historisch-antiquarischer Literatur geschöpft (Rohde Roman¹ 36, 5; vgl. frg. 55, 144 und u. S. 1186, 52) –, so würde sich schon dadurch die ‚Dunkelheit‘ E.s (Clem. Alex. strom. V 50, 3. Cic. div. II 64, wieder im Gegensatz zu Homer) ausreichend erklären; und die Dunkelheit eines römischen Euphorioneers wie Gallus in der Ciris beruht im wesentlichen nur hierauf. Bei E. selbst kommt aber zur sachlichen Dunkelheit natürlich auch die sprachliche. Um ganz abzusehen von der Fülle seltener, besonders geographischer Namen, aus der sich die Häufigkeit der E.-Zitate bei Stephanos von Byzanz erklärt, so bietet E. sowohl eine Menge seltener alter Worte, die er oft in eigentümlich modifizierter Bedeutung verwendet, wie nicht minder eine ansehnliche Reihe von Neubildungen (Überblick bei Meineke 33; manches kommt jetzt aus den Berliner Fragmenten hinzu). Die Raritäten aus der älteren Literatur hat er wenigstens zum Teil nicht aus direkter Lektüre der Quellen, sondern durch Vermittlung lexikalischer Werke; er gehört zu den ποιηταὶ κατὰ γλῶτταν γράφοντες, wie Lucian Lexiph. 25 Dosiadas und Lykophron charakterisiert; aber man möchte nicht bloß diese Bezeichnung, sondern auch, was Lucian sonst von solcher glossematischer Schriftstellerei sagt, auf E. ausdehnen. Denn gewiß trifft es auch ihn: οὐ πρότερον τὰς διανοίας τῶν λέξεων προπαρεσκευασμένος ἔπειτα κατακοσμεῖς τοῖς ῥήμασι καὶ τοῖς ὀνόμασιν, ἀλλὰ ἤν που ῥῆμα ἔκφυλον εὕρῃς ἢ αὐτὸς πλασάμενος οἰηθῆς εἶναι καλόν, τούτῳ ζητεῖς διάνοιαν ἐφαρμόσαι καὶ ζημίαν ἡγῇ, ἂν μὴ παραβύσῃς αὐτό που, κἂν τῷ λεγομένῳ μηδ’ ἀναγκαῖον ᾖ. Zufällig sind wir über ein von ihm benutztes Glossar durch das boshaft-zweideutige Epigramm des Krates Anth. Pal. VI 218 unterrichtet: καὶ κατάγλωττ’ ἐποίει τὰ ποιήματα καὶ τὰ Φιλιτᾶ ἀτρεκέως ᾔδει· καὶ γὰρ Ὁμηρικὸς ἦν. Und noch jetzt können wir Spuren der Γλῶσσαι oder Ἄτακτα des Philitas gelegentlich bei E. nachweisen (W. Schulze bei Susemihl 395, 101). Homerische Glossen, ob nun aus Philitas oder aus einer andern Quelle genommen, erkennt man z. B. auch in δεδουπώς = θανών frg. 36 (wohl dem E. nachgebraucht von Quint. Smyrn. I 768 und sicher von Nonn. Dionys. XIII 118 an gleicher Versstelle), πόποι = θεοί frg. 99 (vgl. Lehrs De Arist. stud.³ 103f. 118) usw. Anderes hat E. direkt aus Dichtern entnommen, so z. Β. gewiß die Kallimacheischen Worte (vgl. v. Wilamowitz zu BF I 8. II 11 u. ö.). Die Umdeutung älterer Worte ebenso wie die Neubildung folgt Regeln, die sich auch sonst in der hellenistisch-römischen Poesie beobachten lassen. Man findet sozusagen gelehrte, Volksetymologien (Wackernagel KZ XXXIII 50ff.), z. Β. wenn ναυαγός τὸν ναῦν ἄγοντα δηλοῖ (frg. 111) oder εὐήλατος der Amboß heißt, auf dem viel geschmiedet wird (BF I 10), oder ἀτρεύς für ἄτρεστος (frg. 95), χεῖρα ἱπποδάμειαν für τὴν ἡνιόχων χεῖρα (frg. 165) gebraucht wird; die beiden letzteren Fälle hängen mit der etymologischen Spielerei zusammen, die (und dies nach dem Vorbild älterer Poesie) gern an Eigennamen betrieben wird (frg. 49. 56). Als Prinzip der Neubildung erscheint z. Β. Ableitung [1184] eines Simplex aus dem Kompositum (πλόμενος = περιπλόμενος frg. 55), Hypostase (μετάσποι nach μετασπών Il. XVII 190. v. Wilamowitz zu BF II 12) u. dgl.

Wir haben mit den letzten Darlegungen schon das Verhältnis des E. zu älteren Dichtern berührt. Aber dies hat sich natürlich nicht auf die Herübernahme einzelner Worte beschränkt. Den ἀπροτίμαστος Ὅμηρος, wie ihn E. selbst nennt (frg. 62), hat der Ὁμηρικός für ganze Versstrecken nutzbar gemacht (v. Wilamowitz zu BF I 15); Hesiod hat dem E. den Stoff vom gryneischen Hain geliefert (s. u. S. 1186). Wiederholt zeigen sich Berührungen mit Stesichoros (Meineke zu frg. 61. 125. 126; frg. 82 ~ Stesich. frg. 8). Als eine weitere Vorlage des E. muß nach dem Epigramm des Krates Choirilos der Ältere gelten: Χοιρίλος Ἀντιμάχου πολὺ λείπεται· ἀλλ’ ἐπὶ πᾶσιν Χοιρίλον Εὐφορίων εἶχε διὰ στόματος, ohne daß sich mehr darüber sagen ließe; eine eigentümliche Wendung des Antimachos hat Meineke in frg. 19 entdeckt (Adj. κονισάλεος). Eifrig ist Kallimachos benutzt. Wie dies schon früher an Einzelheiten zu erkennen war (frg. 53 Λυκωρέος οἰκία Φοίβου ~ Kallim. Apoll. 19 Λυκωρέος ἔντεα Φοίβου. frg. 15. 154. dubia 1), so tritt es in noch helleres Licht durch die Berliner Fragmente (v. Wilamowitz zu II 7 u. ö.). Am meisten Gewicht pflegt man auf die Imitation des Lykophron bei E. zu legen, und tatsächlich sind die Übereinstimmungen der beiden im Wortschatz und Sagengehalt außerordentlich groß; vgl. Kaibel Herm. XXII 505ff. Knaack Jahrb. f. Philol. CXXXVII 145ff. G. Schultze a. a. O. 6ff. Gewiß ist es unmöglich, diese Kongruenzen aus der Benutzung einer gemeinsamen Quelle herzuleiten; dazu sind es nicht nur zu viele, sondern vor allem zu verschiedenartige. Aber ich bin mit Beloch Griech. Gesch. III 2, 478ff. trotz des Widerspruchs von v. Wilamowitz BK 65, 2 der Überzeugung, daß die Rolle des Gebenden hier nicht Lykophron (lieber sage ich: der Alexandra), sondern E. zufällt. Ich kann weder hier noch überhaupt das Lykophronproblem in seiner Totalität aufnehmen, aber was den E. angeht und was mir unumstößlich scheint, muß ich beibringen. v. Wilamowitz setzt im Programm De Lycophronis Alexandra (Greifswald 1883) die Alexandra um 300 an. Ich sehe von allem nicht sicher zu Deutenden und nicht sicher Beweisenden ab (zum ersteren rechne ich die ἕκτη γέννα Alex. v. 1446 mit Umgebung, zum letzteren die Ermordung des Alexandersohnes Herakles v. 801ff.) und halte mich allein an v. 1226ff., über deren Echtheit man wohl kein Wort mehr zu verlieren braucht. Hier werden die Römer geschildert αἰχμαῖς τὸ πρωτόλειον ἄραντες στέφος, γῆς καὶ θαλάσσης σκήπτρα καὶ μοναρχίαν λαβόντες. Es fällt mir nicht ein, den Ausdruck μοναρχίαν zu pressen, es muß nicht ‚Alleinherrschaft‘ heißen. Das betonen v. Wilamowitz (De Alex. 10) und Holzinger in seiner Ausgabe des Lykophron 62 mit Recht; letzterer verweist auf den Kommentar zu 1383, wo er μοναρχία mit ‚unabhängige Herrschaft‘ erklärt. Auch ist gewiß richtig, daß die Römer schon vor dem Siege des Duilius das Meer befahren haben. Aber trotz all dieser Zugeständnisse scheint es mir vollkommen unmöglich, [1185] daß diese Verse vor dem ersten Punischen Kriege geschrieben sind; und ich freue mich, daß mein vollkommen neutrales Empfinden hier mit der Meinung des Historikers Beloch übereingeht. Freilich meine ich auch, es müßte mit ganz sonderbaren Dingen zugehen, wenn die historischen Indizien ein anderes Ergebnis lieferten. Denn ich glaube, auch die inneren Gründe, der einfache Vergleich von Alexandra und E. zwingt uns, dem E. die Priorität zuzuerkennen (vgl. die kurze Andeutung Belochs 483). Ich will nicht viel Gewicht darauf legen, daß von den glossematischen Worten, welche die Alexandra und E. gemein haben, ein gut Teil epischen, Homerischen Ursprungs ist (beachte z. Β. δεδουπότος Alex. 285 u. ö. Euph. frg. 36; δασπλῆτις Alex. 1452. Euph. frg. 52; ἀγρώσσοντα Alex. 499. 598. Euph. frg. 55; κόπροι Alex. 91. Euph. frg. 49; πόποι Alex. 943. Euph. frg. 99). Es muß einem freilich wohl etwas wahrscheinlicher vorkommen, daß zunächst der ὁμηρικὸς Ε. diese Glossen gebraucht hat, dann erst die Alexandra, in deren Stil die zahlreichen tragischen Glossen besser passen. Aber diesem Argument läßt sich natürlich entgehen, wenn man auch dem Verfasser der Alexandra die Benutzung des Philitasglossars oder eines ähnlichen zuschreibt. Dagegen scheint mir schon die folgende Erwägung kaum noch einen Zweifel zuzulassen. Die Priorität des E. ist darum viel wahrscheinlicher, weil sein ‚Werk‘ aus einer ganzen Anzahl verschiedener Gedichte besteht, während aut der Gegenseite nur ein einziges Gedicht steht. Des Dichter der Alexandra konnte seine Nachahmung unschwer auf den ganzen E. erstrecken, wenn der ihm in einer Gesamtausgabe vorlag; dagegen ist schwer glaublich, daß E. bei jedem einzelnen Gedichte, das er Zeit seines nicht kurzen Lebens machte, immer wieder gerade auf die Alexandra hätte zurückgreifen sollen. Dies gilt schon, wenn man nur an die sprachlich-stilistischen Übereinstimmungen denkt; es wird noch viel frappanter, wenn man überlegt, daß bei der v. Wilamowitz-Holzingerschen Auffassung E. sogar die Themen seiner einzelnen Gedichte immer wieder aus der Alexandra geholt haben müßte; vgl. (um nur die benennbaren Fragmente des E. anzuführen) den Φιλοκτήτης (frg. 40) mit Alex. 911ff. (dazu Tzetzes; Schultze 11f.), den Θρᾷξ (frg. 21) mit Alex. 467f. (Schultze 12), den gryneischen Hain (frg. 46) mit Alex. 426ff., die Μοψοπία mit Alex. 733. 1339 und manches weitere, was Schultze 13ff. bringt. Als ausschlaggebend aber sehe ich schließlich das Folgende an. Daß im Wettstreit um die Dunkelheit E. den kürzeren zieht, ist unbestreitbar; die Berliner Fragmente zeigen es ja jetzt am leichtesten, daß E. an der Rätselei der Alexandra gemessen ziemlich verständlich schreibt. Das Natürliche ist aber doch wohl, daß in solchen Dingen der Nachfahr den Vordermann überbietet, nicht aber ihn abschwächt. Wie man indes auch über diese allgemeine Erwägung denken möge, sicher ist, daß E. unmöglich aus den knappen Rätseln der Alexandra seine vielfach ausführlichere und klarere Erzählung herauslesen konnte. Wer sich die Mühe geben will, den Vergleich in der angegebenen Richtung durchzuführen, wird die Priorität E.s zweifellos so sicher beweisen, wie etwa auf ähnlichem Wege die der Ciris vor [1186] Vergil bewiesen ist. Ich begnüge mich hier mit ein paar Beispielen, die mir aufgefallen sind, ohne annehmen zu dürfen, daß der Zufall mir gerade die wirksamsten in die Hand gespielt hätte. Wenn E. ein ganzes Gedicht Μοψοπία nannte, so wird er darin wohl diesen Namen erklärt und von Μόψοψ oder der Μοψοπία, nach denen Attika diesen Namen ehedem gehabt haben soll, einiges erzählt haben. Und dafür soll die ganze Quelle Alex. 733. 1339 gewesen sein? Ist nicht viel wahrscheinlicher, daß solche gelegentliche Erwähnung des Μόψοψ und der Μοψόπειοι γύαι aus dem Gedicht genommen ist, das sich mit ihnen ausführlich befaßt haben muß? Oder wenn Boiotos in der Alexandra 644 Ἄρνης παλαιᾶς γέννα heißt, bei Ε. aber frg. 49 τόν ῥα Ποσειδάωνι δαμασσαμένη τέκεν Ἄρνη, woher soll denn Ε. seinen Überschuß haben? ist nicht vielmehr evident, daß die Alexandra den E. verkürzt hat? Ganz ähnlich steht es mit Alex. 498 Μουνίτου τοκάς, ὃν δή ποτ’ ἀγρώσσοντα Κρηστώνης ἔχις κτενεῖ πατάξας πτέρναν ἀγρίῳ βέλει ~ Euph. frg. 55 ἥ οἱ Μούνιτον υἷα τέκε πλομένῳ ἐνὶ ὥρῳ, ἀλλά ἑ Σιθονίῃ τε καὶ ἐν κνημοῖσιν Ὀλύνθου ἀγρώσσονθ’ ἅμα πατρὶ πελώριος ἔκτανεν ὕδρις. Die Abhängigkeit des einen vom andern, sachlich klar, wird noch besonders durch die Homerglosse ἀγρώσσοντα (s. o.) sicher gestellt. Wieder hat E. ein Plus, das man doch wohl nicht als willkürliche Zutat ansehen kann, während Weglassung des ἅμα πατρὶ in der Alexandra leicht begreiflich ist. Die Verschiedenheit in den Eigennamen scheint nichts Sicheres auszugeben, doch möchte ich bemerken, daß die Alexandra das (unbestimmtere) Κρηστώνη auch sonst hat (937), es hier also leicht statt des für den Trimeter ungeeigneten Σιθονίη einsetzen konnte. Wer vermochte ferner aus Alex. 426ff. die Geschichte vom Seherwettkampf des Kalchas und Mopsos herauszulesen, wie sie E. und nach ihm Gallus erzählt haben? Vgl. Serv. Ecl. VI 72.

Ich sehe nicht, wie sich die Beweiskraft dieser Fälle abschwächen ließe. Denn daß E. die Alexandra in einer kommentierten Ausgabe gelesen habe, wird man doch wohl nicht annehmen wollen. Oder soll etwa E., wenn er z. Β. in der Alexandra 644 die verkürzte Genealogie des Boiotos las, sich über die Quelle der Alexandra orientiert und aus ihr die Angabe vervollständigt haben? So denkbar das vielleicht für einen einzelnen Fall wäre, so unmöglich läßt es sich für alle ähnlichen annehmen. Vielmehr führt gerade die Erwägung der Quellenfrage zu dem Ergebnis: erst E., dann die Alexandra. Die Nachricht über Boiotos mag E. dem Nikokrates oder Nikostratos (Steph. Byz. s. Βοιωτία) entnommen haben. Für die Geschichte vom gryneischen Hain wissen wir aus dem Prooemium, das Gallus (und wohl schon E. selbst) ihr gegeben hatte (Skutsch Vergils Frühzeit 34ff.; Gallus und Vergil 132f.), daß sie von E. aus Hesiod (frg. 188 Rz.) geschöpft war; es bestätigt sich also auf diesem Wege, was sich uns vorhin schon aus inneren Gründen ergab, daß nur die Abfolge E.—Alexandra denkbar ist.

Die Chronologie der Alexandra, ihre Abhängigkeit von E. – beides ist durch Argumentreihen festgestellt, die voneinander unabhängig sind; und die Ergebnisse stimmen genau zueinander. [1187] So genau, daß sich jedes der beiden Ergebnisse, wenn es an besonderen Beweisen fehlte, einfach aus dem andern ableiten ließe. Mir scheint das eine sichere Gewähr für ihre Richtigkeit, und ich halte kaum für nötig, noch darauf hinzuweisen, daß das Fehlen komischer Glossen in einem Werk des Lykophron und die Abhängigkeit der Alexandra von Timaios, den Lykophron sofort nach dem Erscheinen der ersten Bücher seines großen Werkes benützt haben müßte, zwei Klippen sind, an denen v. Wilamowitz seine These bloß mit knapper Not vorbeisteuert. Nur verlange man von mir nicht zu wissen, wie sich nun die Alexandra zu Lykophron verhält. Es mag sein, daß sie von einem jüngeren Lykophron stammt, wie Beloch zu erweisen sucht; sie mag auch ganz zu Unrecht den Namen des Lykophron tragen – das ist glücklicherweise für uns hier gleichgültig; die Hauptsache ist, daß die Alexandra zu einem neuen starken Zeugnis des literarischen Einflusses wird, den E. bald gewonnen hat. Für uns nicht ganz begreiflicherweise. Denn auch wenn man v. Wilamowitz Urteil (BK 66; Kultur der Gegenwart I 8² 133) überstreng findet – wie wenig uns die ganze Manier zusagt, zeigen ja die Urteile über den Verfasser der Ciris, der dabei doch bloß ein halber Euphorioneer ist, nicht in Glossemen redet. Aber das Altertum hat E. nicht bloß des Kommentierens in Schrift und Rede wert befunden (ἐν ὑπομνήματι ἀνεπιγράφῳ εἰς τὸν Κεχηνότα Διόνυσον Εὐφορίωνος Etym. Genuin. bei Reitzenstein Ind. Rost. 1891/2, 16. Clem. Alex. strom. V 50, 3; sonstige Spuren aufgezählt von v. Wilamowitz BK 59), sondern in ihm einen Bannerträger der ganzen Richtung verehrt und nachgeahmt. Zur Alexandra tritt Nikander, dessen E.-Imitationen G. Schultze 46ff. zusammenstellt. Als dann Parthenios sich im Stil dem E. anschließt (Lucian quom. hist. conscr. 57; vgl. auch Γρύνειος Ἀπόλλων Parth. frg. 6 Mart. ~ Euph. frg. 46; Τυφρήστιον αἶπος Parth. frg. 35 ~ Euph. frg. 84f.), ist der Einfluß des E. auch auf die römische Literatur begründet. Wenn in die ἐρωτικὰ παθήματα mehrfach (13. 26. 28) Geschichten aus E. aufgenommen sind, so sieht man daran noch selbst, wie der tätigste Mittler zwischen hellenistischer und augusteischer Dichtung dem E. den rührigsten römischen Adepten zugeführt, wie er nicht bloß die römische Epik, sondern auch die Lyrik (s. o. S. 1177) mit dem Geiste des schrullenhaften Epikers erfüllt hat. In der Elegie des Gallus können wir das nicht mehr fassen und, soviel mir bekannt ist, auch bei seiner διαδοχή (abgesehen von der ätiologischen Elegie Ovids, fast. V 495ff. ~ frg. 108; Schultze 35) nur ganz vereinzelt und unsicher (vgl. Skutsch Aus Vergils Frühzeit 41). Aber für die Epyllien des Gallus greifen wir es noch. Die Sage vom Ursprung des gryneischen Hains und dem Seherwettkampf des Kalchas und Mopsos hatte Gallus nach E. erzählt (Verg. Ecl. VI 64ff. Servius zu 72; o. S. 1186. Skutsch a. a. O. 34. 44). Ich zweifle kaum noch, daß das auch ein selbständiges Epyllion des E. gewesen ist; jedenfalls sind alle Kombinationen mit dem 5. Buch der Chiliaden u. dgl. unhaltbar geworden. Außerdem spricht einiges dafür, daß Gallus den Ὑάκινθος bearbeitet hatte (Skutsch [1188] a. a. O. 41). Wieviel in der Ciris an E. erinnert, ward schon beiläufig bemerkt. Ich füge noch hinzu Skiron mit seiner Schildkröte Ciris 465ff. ~ BF II 6ff., die Flucht des Orion vor dem Skorpion Ciris 533ff. ~ Euph. frg. 108. Freilich kann man im ersten Fall auch an Kallim. frg. 378 denken; für den zweiten scheint mir die Verknüpfung mit E. den Vorzug vor der früher von mir gegebenen mit Arat zu verdienen (Skutsch Gallus und Vergil 111, 1). Bei diesen Beziehungen des Gallus zu E. ist Haupts Vermutung (Opusc. III 206) höchst wahrscheinlich, daß Cicero (Tusc. III 45) im J. 44 mit den Worten cantores Euphorionis gerade über Gallus spottet.

Wo Parthenios und Gallus stehen, steht natürlich auch Vergil. Es ist freilich nicht zutreffend, wenn Quintilian X 1, 56 aus Ecl. X 50 ein beifälliges Urteil Vergils über E. herausliest; er scheint übersehen zu haben, daß Vergil dort den Gallus von seinen condita Chalcidico versu carmina reden läßt. Aber die Benützung E.s in der Laokoonepisode (Aen. II 201ff.) halte ich auf Grund dessen, was Servius z. St. bemerkt, noch immer für höchst wahrscheinlich, obwohl bekanntlich Roberts subtile Analyse der Serviusstelle (Bild und Lied 205) dem E. von der ganzen Erzählung nur den ersten Satz lassen will. Mir scheint es vielmehr (gerade wie Ηeinze Vergils epische Technik 18), als ob alles, was Servius gibt, dem E. gehört; Vergil setzt die Kenntnis einer Laokoondichtung des E. bei seinen Lesern voraus. Eine solche wird auch dadurch wahrscheinlich, daß die Alexandra 347 die παιδοβρῶτος Πορκέως νήσους διπλᾶς erwähnt. Für Ovid kommt zu dem früher Erwähnten manche Reminiszenz an Ε., namentlich in den Metamorphosen (Schultze 27ff., wo aber ex Ponto III 9, 9 ganz mißverstanden ist. Rohde Roman¹ 127, 2. 128, 1); denkbar ist, daß er in die Kallimacheische Ibis mancherlei aus des Ε. Ἀραί oder aus dem Gedicht, zu dem das zweite Berliner Fragment gehört, eingeflochten hat (v. Wilamowitz BK 64). Hiermit hört, soviel ich weiß, der nachweisbare Einfluß des E. auf die lateinische Poesie auf. Denn Tiberius, der Werke und Bilder des E. in den Bibliotheken aufstellt, ahmt ihn in griechischer Sprache nach (Suet. Tib. 70). Ganz greifbar werden die E.-Imitationen dann erst wieder in der Spätzeit. Im Nonnos steckt außerordentlich viel Euphorionisches Gut. Vgl. die Nachweise von Meineke passim und von v. Wilamowitz 58f., auch Rοhde Roman¹ 506, 2. Frg. 81 erscheint wörtlich in den Dion. XIII 186 (Lobeck Aglaoph. I 558 c); vgl. auch o. S. 1183, 49, für Quintus Smyrnaeus vgl. o. S. 1183, 48.

Von metrischen Eigentümlichkeiten mag zum Schlusse nur das auch literargeschichtlich Wichtigste berührt sein: die Häufigkeit der Spondiazonten. 21 enthalten die alten Fragmente (Ludwich De hexam. spondiacis, Halle 1866, 17), drei sind aus den Berliner Resten dazu gekommen; unter 7–8 Versen also ist immer ein spondeischer. Das ist ein auch in der alexandrinischen Poesie nirgends überbotener Prozentsatz (Ludwich 12), und von den römischen Neoterikern mag mancher, insbesondere Gallus in der Ciris, sich hierin gerade wieder den E. zum Vorbild genommen haben, wenn ihn auch weder Catull noch Gallus erreicht [1189] (Skutsch Aus Vergils Frühzeit 74). Einmal stehen drei Spondiazonten hintereinander (frg. 27), aber dies freilich ist bei den Alexandrinern nichts ganz Ungewöhnliches (Ludwich 22). Vom Einfluß des Metrums auf die Sprache möchte ich wenigstens das Medium pro activo BF II 9 erwähnen, weil dies wieder dem Kallimachos abgesehen sein mag (O. Schneider zum Zeushymnus 80). Merkwürdig ist in dem Fragment aus Choiroboskos (o. S. 1180, 7) die Verteilung des unfügsamen Eigennamens Ἀπολλό-δωρος auf zwei Hexameter; ähnlich Ἀριστο-γείτων bei Simonides frg. 131 und anderes bei W. Schulze Quaestion. ep. 1f.

B. Wissenschaftliche Werke.

Auch bei E. gehen Poesie und Wissenschaft Hand in Hand. Sehr hübsch tritt dies zu Tage bei dem Werke περὶ Ἰσθμίων, denn das poetische frg. 47 behandelt die Ätiologie der veränderten Bekränzung bei den Isthmien. Was aus der prosaischen Schrift selbst (wohl durch Vermittlung des Didymos, Bapp Leipz. Stud. VIII 129ff.) bei Athenaios erhalten ist, geht zufällig nur die Saiteninstrumente an, ebenso wie das einzige auf demselben Wege erhaltene Fragment von περὶ μελοποιιῶν die Blasinstrumente. Historischen Inhalts war die Schrift περὶ Ἀλευάδων, worin nach Μeinekes (p. 66) scharfsinniger Vermutung die Verschwägerung der Aleuaden mit den Skopaden die Möglichkeit geboten hatte, die wunderbare Rettung des Simonides zu erzählen (Quintil. XI 2, 14); historisch im weitesten Sinne waren auch die Ἱστορικὰ Ὑπομνήματα, deren Reste naturwissenschaftlich und kulturhistorisch Merkwürdiges aus Rom, Samos, Tarent enthalten. Lexikographisch hat sich E. am Hippokrates betätigt. Die Nachricht darüber bei Erotian voc. Hippocr. conl. p. 32, 8 Klein ist leider sehr zerrüttet, klar und unbezweifelbar nur die Hauptsache, daß Εὐφορίων πᾶσαν ἐσπούδασε λέξιν ἐξηγήσασθαι διὰ βιβλίων ἕξ (vgl. Klein p. XXXV). In der stark überarbeiteten vulgaten Form des Erotian steht nur eine Probe aus E.s Werk unter βλιχῶδες; die Urgestalt des Erotian hatte mehr übernommen, wie frg. LXXVII des echten Werkes (Klein p. 23), die bei Meineke fehlende Erklärung von γογγρῶναι, beweist. Zu den wissenschaftlichen Werken des E. muß sodann die Schrift über den Landbau gezählt werden, deren Titel wir nicht kennen. Wenn Meineke 24 glaubt, sie könne ebensogut ein Lehrgedicht gewesen sein, so übersieht er, daß Varro r. r. I 1, 9 (der einzige, dem wir eine Nachricht über dies Buch verdanken; denn Columella I 1, 7ff. ist nur ein wörtliches Plagiat an Varro) den E. ausdrücklich unter denen nennt, qui soluta oratione scripserunt. Dagegen kann man freilich zweifeln, ob das Werk wirklich von unserm E. stammt. Denn Varro nennt den Agrarschriftsteller Euphorio auch unter denen, quorum quae fuerit patria non accepi; daß aber bei der Bedeutung, die E. von Chalkis um die Mitte des 1. Jhdts. für die römische Literatur gewonnen hatte, ein Mann wie Varro im J. 36 seinen Geburtsort nicht gekannt haben sollte, ist nicht recht glaublich. Man müßte denn gerade annehmen, daß Varro aus einer Quelle schöpft, die die Heimat des E. zu nennen unterlassen hatte, und nun seine Unsicherheit über die Person dieses E. mit einer gewissenhaft klingenden Wendung [1190] deckt. Columella macht es ja ähnlich, aber freilich großartiger: et alii tamen obscuriores, quorum patrias non accepimus, aliquod stipendium nostro studio contulerunt. In welchem Werke endlich E. über den Anfang des Platonischen Staats gesprochen hat, ist unbekannt (Diog. Laert. III 37: Εὐφορίων καὶ Παναίτιος εἰρήκασι πολλάκις ἐστραμμένην εὑρῆσθαι τὴν ἀρχὴν τῆς Πολιτείας).