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RE:Herillos

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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aus Karthago, Stoiker, Schüler des Zenon von Kition
Band VIII,1 (1912) S. 683684
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GND: 102395055
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Herillos aus Karthago, Stoiker, Schüler des Zenon von Kition, Gründer einer besonderen Sekte, die sich nach ihm Ἡρίλλειοι nannte. Diogenes Laertios rechnet ihn, wie den Chier Ariston, zu den διενεχθέντες, den von der Lehre Zenons (und noch mehr von der durch Kleanthes und Chrysippos entwickelten und dann kanonisch gewordenen Auffassung der Lehre Zenons) abgewichenen Philosophen. Auch hebt er ausdrücklich hervor, daß die mehr inhalts- als umfangreichen Schriften des H. Polemik gegen einzelne Punkte der Zenonischen Lehre enthielten. Über das Leben des H. ist uns nichts überliefert als eine wertlose Anekdote. Was wir von seiner Lehre erfahren, bezieht sich direkt nur auf die Ethik, genauer die Güterlehre; nur indirekt erfahren wir auch etwas über seine erkenntnis-theoretischen Ansichten. Den genauesten Bericht über H.s Lehre gibt Diog. Laert. VII 165. Derselbe enthält vier Aussagen: 1. für das höchste Gut (τέλος), auf dessen Aneignung sich alles menschliche Streben beziehen sollte, erklärte H. das Wissen (ἐπιστήμη) und definierte das Wissen, ganz ähnlich wie vor ihm Zenon, als ἕξιν ἐν φαντασιῶν προσδέξει ἀνυπόπτωτον ὑπὸ λόγου. In dieser Definition sind meines Erachtens die Worte ἐν φαντασιῶν προσδέξει aufs engste mit ἀνυπόπτωτον zu verbinden; ὑπὸ λόγου bezeichnet die Ursache der bei der Aufnahme der Vorstellungen bewährten Unerschütterlichkeit. Gemeint ist also ein dauernder, gefestigter Seelenzustand, der gegen Zustimmung zu trügerischen Vorstellungen gefeit ist, die Irrtumslosigkeit als dauernde seelische Eigenschaft. Gegensatz der ἐπιστήμη ist die ἄγνοια. Wenn Diog. Laert. a. a. O. neben der ἐπιστήμη selbst mit ὅπερ ἐστί, als ob es mit ihr identisch wäre, das folgerichtig dem Wissen gemäß durchgeführte Leben (ζῆν ἀεὶ πάντα ἀναφέροντα πρὸς τὸ μετ’ ἐπιστήμης ζῆν) als H.s τέλος nennt, so liegt wohl ein Mißverständnis vor. Denn wenn dies H.s Definition des τέλος gewesen wäre, so hätte ihm die stoische Orthodoxie nicht den Vorwurf machen können, er hebe durch seine einseitig theoretische Auffassung des τέλος das Prinzip der praktischen Betätigung und den Zusammenhang von Theorie und Praxis auf (frg. 412. Cic. de fin. IV 40). Denn jene zweite Bestimmung (ζῆν ἀεὶ usw.) enthält ja in sich die Anwendung des Wissens auf das praktische Leben. Da wir nun 2. bei Diog. [684] Laert. a. a. O. lesen, H. habe τέλος and ὑποτελίς, Zweck und Unterzweck, unterschieden, von denen jenem nur die Weisen, diesem auch die Nichtweisen nachstrebten, eine Unterscheidung, die auch Cicero (oder vielmehr seine Quelle, Antiochos) meint, wenn er de fin. IV 40 von H. sagt: facit enim ille duo seiuncta ultima bonorum, quae ut essent vera, coniungi debuerunt, so ergibt sich die Folgerung, daß H. als eigentlichen und Hauptzweck die ἐπιστήμη selbst in dem oben erläuterten Sinne, als Neben- und Unterzweck das folgerichtige wissensgemäße Leben aufgestellt hatte. 3. Der dritten Aussage des Diog. Laert., bisweilen habe H. die Einheitlichkeit des τέλος geleugnet (μὴ ἓν εἶναι τέλος möchte ich jetzt statt μηδὲν εἶναι τέλος schreiben) und gemeint, es ändere sich je nach den Umständen und Verhältnissen, sowie dasselbe Erz zu dem Standbild eines Alexander oder eines Sokrates geformt werden könne — dieser Aussage läßt sich meines Erachtens ein vernünftiger Sinn nur abgewinnen, wenn man sie auf die ὑποτελίς, nicht auf das τέλος bezieht. Der Einheit des Erzes entspricht die ἐπιστήμη, die konkreten Ziele dagegen, die sich der handelnde Mensch im Leben zu stecken hat, den Standbildern des Alexandros und Sokrates. Sie lassen sich nicht unter einen einheitlichen Gesichtspunkt bringen, sondern wechseln mit den Umständen. 4. Zu dieser Deutung paßt trefflich die vierte Aussage des Diog. Laert., H. habe τὰ μεταξὺ ἀρετῆς καὶ κακίας für Adiaphora erklärt. Er mußte natürlich die Tugend dem Wissen als ἕξις in dem oben erläuterten Sinne gleichsetzen. Diesem gab er keine Beziehung auf die natürlichen Güter des Lebens und die unter ihnen zu treffende Auswahl, sondern betrachtete sie als eine Sache, die ihren Wert ganz in sich selber trägt. Die Adiaphorie der sog. natürlichen Güter und Übel ist daher für ihn eine absolute. Die Sekte der Ἡρίλλειοι hat, wie Cicero aus Antiochos weiß und oft hervorhebt, das 3. Jhdt. v. Chr. nicht überlebt. Chrysippos hat noch gegen sie gepredigt und geschrieben, die Späteren nicht mehr, weil sie durch ihn ausreichend widerlegt schien. In diesem Sinne wird sie von Cicero mit den Sekten der Πυῤῥώνειοι und Ἀριστώνειοι zusammen genannt de orat. III 62; de off. I 6 Stoicorum vet. fragm. I 91 sind die Fragmente gesammelt. Vgl. Zeller Phil. d. Griech. IV³ 37. 53. 236. 259. V³ 11, 2.