RE:Isidoros 20

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IX,2 (1916), Sp. 20642068
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Isidoros von Charax in der Wikipedia
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20) Isidoros Charakenos wird bei Markianos v. Herakleia (Geogr. gr. min. ed. Müller I 465) in einer Reihe mit 12 anderen (Timosthenes, Eratosthenes, Pytheas usw.) genannt, deren schriftstellerische Tätigkeit mit den Worten gekennzeichnet wird: οἱ μὲν μερῶν τινων, οἱ δὲ τῆς ἐντὸς πάσης θαλάττης, οἱ δὲ τῆς ἐκτὸς περίπλουν ἀναγράψαντες. Unter seinem Namen sind erhalten (Geogr. gr. min. I 244-256)

1. 14 kurze Fragmente, enthaltend Angaben über Entfernungen von Orten auf der Erde und Größenverhältnisse von Inseln. Ein weiteres Fragment betrifft zwei verschollene Völker Asiens. Alle diese Angaben sind uns durch Plinius n. h. II, IV und V erhalten, der überdies unter seinen Gewährsmännern für die Bücher II bis VI Isidorus nennt. Das Gentilicium Characenus ist nur einmal, bei der erstmaligen Erwähnung des Namens im Quellenverzeichnis zum II. Buch, hinzugefügt;

2. eine vollständige kleine Schrift Σταθμοὶ Παρθικοί. Sie bietet eine Beschreibung der großen westöstlichen Königstraße, die das parthische Reich vom Zeugma am Euphrat an bis nach Alexandropolis in Arachosien durchzog. Die Grenzen der einzelnen Provinzen und ihre gegenseitigen Entfernungen werden genau angegeben. Die Beschreibung des westlich von den Kaspischen Toren gelegenen Teiles der Straße ist ausführlicher; sie enthält auch die Namen der einzelnen Stationen, ebenfalls mit Angaben über ihre gegenseitigen Abstände, und sogar einige kurze geschichtliche Anmerkungen. Von den Kaspischen Toren an bis zum östlichen Ende der Straße ist die Beschreibung kürzer gefaßt; sie beschränkt sich bei den meisten Provinzen auf die Angabe der Gesamtlänge und die Zahl der an der Strecke liegenden Ortschaften;

3. ein ansehnliches Fragment (34 Zeilen bei Müller) über die Perlenfischerei im persischen Meere. Erhalten ist es bei Athenios (III 93 d), der zitiert: Ἰσίδωρος ὁ Χαρακηνὸς ἐν τῷ τῆς Παρθίας Περιηγητικῶ;

[2065] 4. Angaben über zwei langlebige Könige, einen Perser und einen Omanen, bei Ps.-Lukian makrob. 15 und 18.

Abgesehen von dem Gentilicium ist über die Lebensumstände, Zeit und Persönlichkeit des Schriftstellers nichts überliefert. Was man darüber zu wissen glaubt, ist lediglich durch Kombination gewonnen worden und bedarf der Nachprüfung. Zu diesem Zweck haben wir von der Betrachtung der Schriften auszugehen, die sich ohne weiteres in zwei Gruppen sondern. Die erste enthält nur die durch Plinius überlieferten Fragmente. In der zweiten läßt sich das übrige zusammenfassen; die oben als 2 bis 4 bezeichneten Stücke würden in einem geographisch-historischen Werke über das parthische Reich Platz haben, ohne daß man behaupten dürfte, daß sie notwendigerweise zu einem Werke gehört haben müßten. Auf jeden Fall unterscheiden sich die Plinianischen Fragmente von ihnen so stark, daß man gut tun wird, sie nicht nur als zu einem besonderen Werke gehörig anzunehmen, sondern von vorn herein sogar die Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß sie von einem anderen Schriftsteller herrühren. Plinius Naturgeschichte ist im J. 77 n. Chr. dem kaiserlichen Prinzen Titus überreicht worden. Damit ist die untere Grenze auch für seine Gewährsmänner gegeben. Eine obere Grenze für I. von Charax hat man aus der Stelle n. h. VI 141 gewinnen wollen, wo es nach der Beschreibung der Stadt Charax am unteren Tigris heißt: hoc in loco genitum esse Dionysium, terrarum orbis situs recentissimum auctorem, quem ad commentanda omnia in orientem praemiserit Divus Augustus ituro in Armeniam ad Parthicas Arabicasque res maiore filio, non me praeterit nec sum oblitus sui quemque situs diligentissimum auctorem visum nobis introitu operis: in hac tamen parte arma Romana sequi placet nobis Iubamque regem, ad eundem. Gaium Caesarem scriptis voluminibus de eadem expeditione Arabica. Dieser Dionysius von Charax ist schlechthin unbekannt, und es bleibt höchst auffällig, daß Plinius bei der Erwähnung der Stadt nicht ihres berühmten Sohnes Isidor gedacht haben soll. Müller (a. a. O. p. LXXXI s.) hat deshalb, an eine Bemerkung Bernhardys (ad Dionys. Perieg. p. 496 nota*) anknüpfend, nachzuweisen gesucht, daß an Stelle des völlig unbekannten Dionysium vielmehr Isidorum zu setzen sei. Dadurch würde man einen festen Anhalt zur Bestimmung der Zeit des I. von Charax gewonnen haben, der vor der Orientreise des kaiserlichen Enkels und Adoptivsohnes Gaius Caesar (Frühjahr 1 v. Chr.) nach dem Osten gesandt worden wäre. Obwohl diese Textesänderung, soweit ich sehe, allgemeine Billigung gefunden hat (vgl. Oehmichen De M. Varrone et I. Ch., Diss. Lips. 1873 p. 38. v. Gutschmid Gesch. Irans 158. Müllenhoff Deutsche Altertumskunde III 213 Anm. 3. Berger Art. Dionysios Nr. 116 o. Bd. V S. 972. Gardthausen Augustus II. T. 3. Bd. S. 743 Anm. 15. Klotz Quaest. Plin. 42 s.), kann ich sie keineswegs für sicher halten. Was bezweckte Plinius mit seinem chauvinistischen Vorsatz in hac (welcher?) parte lieber den römischen Waffen und dem Iuba zu folgen, als dem eingeborenen Geographen, dem man an sich genauere [2066] Sachkenntnis zutrauen muß? Hierzu kommt, daß Isidorus im Quellenverzeichnis zu seinem VI. Buch genannt wird, im Buche selbst freilich nicht erscheint, eine Beobachtung, die übrigens auch vom III. Buche gilt. Eine befriedigende Lösung dieser Schwierigkeiten ist noch zu suchen.

Plinius bedient sich des Wegemaßes der römischen Meile, I. Ch. in seinen σταθμοὶ Παρθικοί des σχοῖνος. Dieser Unterschied allein würde noch nicht viel besagen, denn der Römer konnte ja die ursprünglichen Maßangaben leicht umrechnen, indem er die Schoinos-Zahlen sei es mit 5 (n. h. XII 53), sei es mit 3¾ (V 64) oder mit irgend einer anderen von I. angenommenen Verhältniszahl zwischen Schoinos und Meile (VI 124) multiplizierte. Wenn der Verfasser des von Plinius benutzten geographischen Werkes und der des Buches Σταθμοὶ Παρθικοί eine und dieselbe Persönlichkeit gewesen sind, ist es jedenfalls unwahrscheinlich , daß dieser I. von Charax in beiden Werken sich verschiedenen Wegmaßes bedient hätte. Man müßte vielmehr schließen, daß auch in der Vorlage des Plinius die Entfernungen in Schoinen angegeben und von ihm erst umgerechnet worden wären. Dies setzt wieder voraus, daß Plinius über die Länge des Schoinos seines I. von Charax genau unterrichtet war.

Auffällig ist, daß Plinius seinen I. von Charax zwar bei Maßangaben über die Länge und Breite der bewohnten Erde, die Ausdehnung Europas, den Umfang von Britannien, Kypros, Rhodos, Samos, Lesbos, Chios, der Peloponnes usw. zu Rate zieht, den Monographen des parthischen Reiches aber völlig beiseite läßt und ihn nicht einmal benutzt, wo er ihn unbedingt hätte zitieren oder mindestens benutzen müssen. So beziffert Plin. n. h. VI 126 die Entfernung Zeugma-Seleucia am Tigris auf 724 (var. 614 u. 524) Milien, Isid. st. Parth. 1 gibt 171 Schoinen. Die Entfernung Seleucia Magna - Ecbatana beträgt bei Plin. VI 43 750 Millen, bei Isid. st. Parth. 2ff. läßt sie sich auf 129 Sch. berechnen. Für die Entfernung Ecbatana - Portae Caspiae gibt Plinius an gleicher Stelle die offenbar falsche Zahl 20 Milien, während sie nach I. mindestens 23 Sch. betragen haben müßte. Will man nicht Plinius den Vorwurf grober Unwissenheit oder Leichtfertigkeit machen, so bleibt nur die Möglichkeit, daß er den Monographen des parthischen Reiches nicht gekannt haben konnte, daß dessen Beschreibung des parthischen Reiches ihm noch gar nicht vorlag. In welcher Zeit ist nun dieses Werk geschrieben? Von den wenigen geschichtlichen Anspielungen, die es enthält, ist eine besonders wichtig, weil sie uns gestattet, eine obere Grenze zu ziehen. In § 1 wird eine Euphratinsel erwähnt, auf der sich eine Schatzkammer des Phraates befand, der die Kebsweiber tötete, als Tiridates auf der Flucht dort einbrach. Dieser Vorfall, bei dem es sich um den Partherkönig Phraates IV. und seinen Gegner Tiridates II. handelte, muß sich um 27 v. Chr. ereignet haben. Die Σταθμοὶ Π. sind also später geschrieben, um wie viel später, ist jetzt nicht zu entscheiden. Die beiden Langlebigen, die Ps.-Lukian nach I. anführt, sind Artaxerxes ἕτερος Περσῶν βασιλεύς; (vorher ist Artaxerzes Mnemon genannt) und Goaisos, zu Is. Zeit Ὀμανῶν τῆς ἀρωματοφόρου [2063] βασιλεύσας. Von diesem zweiten Synchronismus muß ohne weiteres abgesehen werden, denn der Omanen-König Goaisos (arabisch Ḳuṷais?) ist in der Geschichte sonst nicht bekannt. Etwas mehr Aussicht bietet die Angabe, daß jener Artaxerxes ἐπὶ τῶν πατέρων τῶν ἑαυτοῦ, (nämlich Isidors) geherrscht habe, und daß er im Alter von 93 Jahren von seinem Bruder Gosithros aus dem Wege geräumt worden sei. Es besteht kein Zweifel mehr, daß dieser Artaxerxes zu den Dynasten der Persis gehört hat, die während der Partherzeit und wahrscheinlich unter der Oberherrschaft der Arsakiden geherrscht haben (vgl. Nöldeke o. Bd. II S. 1322). Obwohl jetzt ganze Reihen dieser Könige durch Münzen bekannt sind, auch der Name Artaxerxes zweimal darunter vertreten ist (s. zuletzt Allotte de la Füye Corolla numismat., Oxf. 1906 p. 85ff., besonders auch Pl. III nr. 9 und nr. 74), gelingt es doch noch nicht, ihre Zeit fest zu bestimmen. Man hat vermutet, daß die weiteren Angaben über langlebige Herrscher, die Ps.-Lukian makrob. 15 und 16 im Anschluß an Artaxerses bringt, ebenfalls auf I. Ch. zurückgehen, und da es sich dabei mindestens in drei Fällen um Persönlichkeiten handelt, von denen ein unweit des persischen Meeres beheimateter Schriftsteller am besten Kunde haben konnte - zwei Könige der Parther, ein Armenier und drei Herrscher von Charakene - ist dieser Vermutung die Wahrscheinlichkeit nicht abzusprechen. Der jüngste dieser sechs ist zweifellos Artabazos von Charakene (s. o. Bd. II S. 1300), der mit guten Gründen zwischen 64 und 100 n. Ch. gesetzt wird (vgl. jetzt Babelon Journ. internat. d’archéol. num. I 393. Head² 823). Ist dieser Ansatz richtig, so könnte die Notiz, die Ps.-Lukian benutzt hat, kaum vor 90 n. Ch. geschrieben sein, und wenn sie von einem I. Ch. stammt, dann könnte dieser mit dem Geographen des Plinius schwerlich mehr als Namen und Heimat gemeinsam gehabt haben. Beide Personen müßten wahrscheinlich auseinander gehalten werden. Eine weitere Frage wäre, ob sie dann auch noch als Landsleute zu betrachten sein würden. Der Ortsname Charax ist weit verbreitet; 19 Orte dieses Namens sind oben Bd. III S. 2121f. und Suppl. I S. 283 aufgezählt. Der berühmteste war zweifellos Ch. des Hyspaosines, die Hauptstadt von Charakene (s. o. Bd. III S. 2116f.). Für den Monographen des parthischen Reiches, der in dem bei Athenaios erhaltenen Fragment die Perlenfischerei im persischen Meer mit der Sachkenntnis des Augenzeugen beschreibt, ist eine andere Heimat als gerade dieses Charax nicht anzunehmen. Wenn aber Plinius bei seiner recht ausführlichen Beschreibung dieser Stadt seines Gewährsmannes I. Ch. nicht gedenkt, so bliebe wohl noch die Erklärung möglich, daß sie eben nicht die Heimat seines Gewährsmannes war. Vor länger als 200 Jahren hat Henry-Dodwell (Geographiae veteris scriptores graeci min. ed. Hudson Vol. II, Oxoniae 1703 p. 67ff.) versucht, zwei Schriftsteller des Namens I. Ch. zu erweisen. Seine Gründe sind von G. E. J. G. de Sainte-Croix (Mémoires de l’Acad. roy. des inscr. L, 1808, p. 81ff.) mit Recht zurückgewiesen worden. Meine Absicht ist nicht, sie wieder aufzunehmen. Aber die Frage, ob einer oder zwei Schriftsteller namens I. Ch. [2068] gelebt haben, mußte aufs neue gestellt werden. Beantwortet ist sie noch nicht und meiner Überzeugung nach gegenwärtig überhaupt nicht sprachreif.