RE:Kolotes 1
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | ||||||
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| von Lampsakos, Schüler Epikurs | ||||||
| Band XI,1 (1921) S. 1120–1122 | ||||||
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Kolotes (Κωλώτης). 1) K. von Lampsakos, Schüler und begeisterter Verehrer Epikurs, von dem er im Scherz (hypokoristisch) Χωλωτάρας und Κωλωτάριον genannt wurde. Von Briefen Epikurs an K. haben sich ein paar Bruchstücke erhalten, Usener Epicurea 144f. Von diesen bezieht sich das interessanteste, frg. 141, auf einen bezeichnenden Vorfall aus dem Leben des Epikureerkreises: durch einen Vortrag Epikurs war K. so sehr begeistert worden, daß er ihm zu Füßen fiel und ihn wie einen Gott anbetete. Epikur hat in einem Brief an K. später diesen Vorfall erwähnt und diese Begeisterung als un-philosophisch (ἀφνσιολόγητον) bezeichnet. Doch schließt dieser Tadel nicht aus, daß sie ihm schmeichelhaft und willkommen war. Zum Lohn seiner treuen Verehrung versprach Epikur dem K. die Unsterblichkeit: ἀφθαρτὸς μοὶ περιπάτει καὶ ἡ μας ἄφθαρτους διανοον. Die Worte des K. an Epikur, de Philodem Vol. Here. I² 123 an-führt: ἡ πάρειsubfλsub Τιτάν, τὰ ὀκ(ότη πά)ντα (ἐκ) δη(λων), waren vielleicht bei eben dieser Gelegenheit gesprochen worden. Die Worte bei Plut. adv Col. 1122d: αἰοθησιν ἔχειν δεὶ καὶ ὀάρκινον εἶναι καὶ φανεῖται ἠδονὴ ἀγαμόν mit Usener a. a. O« 279, 21 adn. dem K. zuzuschreiben, sehe ich keinen genügenden Grund. Der übertriebenen) Begeisterung für Epikur entspricht bei K. maßlose Heftigkeit in seinen Angriffen gegen andere Philosophen. Plutarch sagt contra Epicuri beatit. 2 p. 1086e, wo es ihm mehr darauf ankommt, Epikur selbst und Metrodor herabzusetzen, mit der Polemik dieser Männer gegen die Klassiker der Philosophie verglichen erscheine die Polemik des K. noch relativ anständig. Das wird durch die Reste seiner Schriften und durch Plutarchs eigene Äußerungen an anderen Stellen nicht be-) stätigt. Besonders scheint sich K. die Bekämpfung Platons zur Aufgabe gemacht zu haben. In der Coll. alt. der Vol. Here, stehen im VI. Band Reste Seiner Schriften ,gegen Platons Lysis* 112–120 und ,gegen Platons Euthydem* 96–105, von denen diese auf jene zurückverweist. Wenn Philodem Vol. Here. I² 152, 9 (Usener Epie, ind. s. Μητρόδωρος) in einer Aufzählung apokrypher Epikureerschriften auch das zweite Buch des K. gegen Platons Gorgias als unecht nennt, Oso ist offenbar das erste Buch dieser Schrift als echt vorausgesetzt. Durch ProcL in Plat rempubL kennen wir Angriffe des K. gegen Platons Republik (die Stellen bei Kroll im Index auctorum s. Colotes). Sie beziehen sich auf den eschatologischen Mythos des Armeniers Er im 10. Buche. Unsere Hauptquelle für K. bildet Plut. adv. Coloten, eine Gegenschrift gegen des K. Buch: XHt κατά tà τῶν ἄλλων φιλοαόφων [1121] δόγματα οὐδὲ ζὴν ἐστιν. Die spätere Fortsetzung dieser Schrift Plutarchs (de Epicuri beatitudine) knüpft auch an das Buch des K. an, bringt aber für seine Kenntnis nichts Neues. Das Buch des K. hatte die Tendenz nachzuweisen, daß die übrigen philosophischen Systeme außer dem des Epikur, wenn man aus ihren Lehren die praktischen Konsequenzen zieht, jede normale Betätigung im Leben unmöglich machen. Es handelt sich hauptsächlich um erkenntnistheoretische Leh-10 ren, die von dem sensualistischen Empirismus Epikurs abweichen, sei es nach der skeptischen, sei es nach der idealistischen Seite hin. So wird 1. Demokritos angegriffen, weil er dem skeptischen Grundsatz: τῶν πραγμάτων ἔκαστον ου μάλλον τοιον ἡ τοῖον εἶναι gehuldigt habe. Ob hier nur ein Mißverständnis des K. vorliegt, wie Plutarch behauptet, oder Demokrit diesen Satz wirklich billigte, ist eine Streitfrage. Auch den Satz des Demokritos, daß die Sinnesqualitäten, wie Farbe, Geruch, Ge- 2( schmack nur subjektiv und phänomenal sind, bekämpft K. 2. Auf einem Mißverständnis beruht zweifellos des K. Polemik gegen die Worte des Empedokles frg. 8, 1 Diels: φύσις ὀνδενὸς ἐστιν ἀπάντων Φνητίον. Er schließt daraus, daß Empedokles die Existenz der Dinge leugne. ,Was mühen wir uns damit ab, einige Dinge zu erstreben, einige zu meiden: οὐτὲ γὰρ ἠμείς ἔσμεν, οὐτὲ ἄλλοις χρώμενοι ζώμεν.' Er hat also nicht verstanden, daß Empedokles hier φύσις = ,Ent- 81 stehung aus dem Nichts⁴ gebraucht. Aus Emped. frg. 15 Diels schließt er, daß nach Empedokles ein Mensch weder erkranken noch verwundet werden kann. Er hat also aus diesen Versen die Lehre von der Präexistenz und dem Fortleben nach dem Tode herausgelesen. Für ihn ist die ἀφθαρσία des Menschen mit den Tatsachen Krankheit und Verwundbarkeit unvereinbar. 3. Auch die Alleinslehre des Parmenides hebt, nach K., mit der Realität der körperlich-räumlichen Welt die Mög- 4 lichkeit praktischer Betätigung im Leben auf.
4, Von demselben Gesichtspunkte aus bekämpfte K. auch Platons Ideenlehre, als deren Anhänger er außer Xenokrates irrigerweise auch Aristoteles, Theophrast und alle Peripatetiker nannte. Nach K. hat Platon gelehrt, daß es weder Pferde noch Menschen gibt. 5. Auch aus der Polemik gegen Sokrates hat Plutarch ein paar Punkte angeführt. Das delphische Orakel apol. 21 A, ,daß niemand weiser sei als Sokrates', 5 wurde nur beiläufig als σοφιστικὸν καὶ φορτικὸν διήγημα erwähnt. Hauptsächlich wurde dem Sokrates vorgeworfen, er habe die Zuverlässigkeit der sinnlichen Wahrnehmung bestritten. Seine Praxis sei aber damit nicht in Einklang gewesen. Wenn es zum Essen ging, habe er ganz sicher Brot und Fleisch von Heu zu unterscheiden ge{{SperrSchrift|wußt (Anspielung auf die Symposien), und wenn er an einen Fluß kam, gewußt, ob er ihn zu Fuß oder nur mit Boot überschreiten könnte! (Anspielung auf Phaedr. 22$ A. 242 A). Woher K.S Angabe stammt, Sokrates habe die sinnliche Wahrnehmung für unglaubwürdig erklärt, ist aus Plutarch nicht su ersehen. Platon wird sonst von Sokrates unterschieden. Endlich macht sich K. darüber lustig, daß Sokrates eine Untersuchung Stellt habe τὶ Μῖρωπός kni und sich get habe, es selbst nicht zu wissen. Außer [1122] Phaedr. 229 E–230 A, welche Stelle ausdrücklich zitiert wird, scheint noch eine andere berücksichtigt. 6. Der Megariker Stilpon wird getadelt, weil er das ἔτερον ἔτερον κατηγορέίῦθαί für unzulässig erklärt habe, d. h. die Verbindung des Subjekts mit einem begrifflich von ihm verschiedenen Prädikat durch ἔοτι. Auch hierdurch werde der βίος unmöglich gemacht. 7. Zuletzt richtete K. seine Polemik noch gegen zeitgenössische Philosophen, die er nicht, wie die älteren, mit Namen nannte. Plutarch konnte aber deutlich erkennen, daß siçh die Polemik teils gegen den Phaenomenalismus der Kyrenaiker richtete, teils gegen die ἐποχή des Arkesilaos. Die Ansicht der Kyrenaiker zog K. ins Lächerliche mit den Worten: ,sie sagen, daß es keinen Menschen und kein Pferd und keine Wand gebe, sondern daß nur sie bemenscht, bepferdet und bewandet würden*. Dem Arke-> s il a o s warf K. seine (von den Akademikern nicht geleugnete) Abhängigkeit von den skeptischen Argumenten älterer Philosophen vor. Im übrigen ging er auf feinere erkenntnistheoretische Fragen nicht ein, sondern wollte nur zeigen, daß durch die ἐποχή die Betätigung im praktischen Leben unmöglich gemacht wird. Man sieht: alles, was Plutarch berichtet, bezieht sich auf Erkenntnistheorie und läßt sich dem einen Gedanken unterordnen, daß nur der sensualistische Empirismus) Epikurs der praktischen Lebensbetätigung eine feste Grundlage gebe. Am Schluß des Buches lobte er, im Gegensatz zu den Philosophen, die Gesetzgeber und Staatsmänner, die dem Leben durch Gesetze und Staatsverfassung Sicherheit und Frieden verliehen hätten, ohne welche die Menschen sich gegenwärtig auffressen würden wie die wilden Tiere. Zeller Phil. d. Gr. IV 3 369. Usener Epicurea ind. nom. s. Κωλώτης.