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RE:Krates 16

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Grammatiker in Pergamon, Von Mallos, stoischer Philosoph, Homerkommentator
Band XI,2 (1922) S. 16341641
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16) K. von Mallos hat eine Vita bei Suidas 30 X. Τιμοκράτους Μαλλώτης, φιλόσοφος στωικός, δς ἐκλήῦη 'Ὀμηρικὸς καὶ κριτικὸς διὰ τὴν καὶ περὶ τοὺς γραμματικοὺς καὶ ποιητικοὺς λόγους αὐτὸν ἐπίστασιν, σύγχρονος Ἀριστάρχου τοῦ γραμματικου ἐπὶ Πτολεμαίου τοῦ Φιλομητορος (J. 180–145). Seine Zeit ist außerdem dadurch bestimmt, daß er mit dem vor J. 200 geborenen Demetrios von Skepsis (o. Bd. IV S. 2807) gleichzeitig ist (Strab. XIII 609), daß er um J. 169 als Gesandter nach Rom ging, und daß der um J. 140 auf der Hohe 40 des Lebens stehende Panaitios sich seinen Schüler nannte (Strab. XIV 676). Daß er das Haupt der Pergamenischen Schule war, ergibt sich aus seiner Stellung zu Aristarch und der Zusammenfassung seiner Schüler unter dem Namen Κρατητειοί) daß er sich der Gunst der Attaliden erfreute, aus Suet. de gramm. 2 missus ad senatum ab Attalo rege inter secundum ac tertium Punicum bellum sub ipsam Enni mortem (was freilich so nicht in Ordnung ist, da Attalos erst J. 159 auf den Thron 50 kam). Auf die Gunst des Attalos bezieht sich auch Plut. adv. Epic. 13 (VI 387 B.). Die Lesart ὁ ἐκ τὸν Μουσείου'Περγάμου, Aelian. hist. an. XVII 9, die Wachsmuth 69 annimmt, scheint nicht verbürgt zu sein (Μυσίου Hercher). Ihn als Stoiker zu einem Schüler des Diogenes von Seleu-kia zu machen (mit Z e 11 e r III 1, 49), liegt keine Veranlassung vor.

Seine Schriftstellerei ist uns nur mangelhaft bekannt. Suidas nennt διόρθωσιν Ἰλιάδος καὶ δΟΌδυσσείας ἐν βιβλίοις ' (καὶ ἄλλα): das wäre, wenn man den Ausdruck genau nehmen dürfte, eine Ausgabe, bei der das eine Gedicht in 5, das andere in 4 Bücher geteilt sein müßte (Maass 171). Aber derartige Buchungeheuer sind für jene Zeit nicht wahrscheinlich (Birt Krit. u. Herm. 295), und daß der nach Sueton von ihm angeregte Octavius Lampadio das Epos des Naevius in 7 Bücher teilte, kann man eher dagegen als dafür 52 [1635] AWU

AläWJS

geltend machen. Auch führen keine Spuren mit Sicherheit auf eine Ausgabe. So wird die Dior-thosis ein textkritischer Homerkommentar sein (so schon Osann Anecd. Rom. 297), genauer zitiert Schol. Hom. Od. XII 89 περὶ διορθώσεως, Schol. Oxyrh. zu II. XXI 362 und Anecd. Rom. (Suet. 143 R.) διορθωτικά (mindestens zwei Bücher). Mit dieser Schrift identifizieren manche (z. B. Heick Diss. 66) die Ὀμηρικά, deren zweites Buch Schol. A II. XIV 189 und Schol. Gen. II. XXI 195 anführen: daraus ergibt sich, daß K. in diesem Buche geographische Fragen zusammenfassend behandelte. Das spricht nicht für die Gleichsetzung, und wir sehen auch, daß K. auch solche Fragen erörterte, die die Textgeschichte nichts angingen, z. B. die Zeit Homers (o. Bd. VIII S. 2208, 30), und sich an den ἐνστάσεις und λύσεις lebhaft be-teiligte (z. B. Hom. B. XVIII 192, 239; Od. IX 60); vgh ch die mythologische ἰστορία zu II. XI 741 und frg. 22. 23 H. Das rätselhafte εἰπὲ δὲ τῷ γ im Schol. Gen. bezieht man meist nicht auf K. (Diels Vorsokr. I 291).

Fraglich ist, wie weit sich die Anführungen in anderen Scholien auf diese Arbeiten zu Homer oder auf Spezialkommentare beziehen. Während man früher mehr zu der letzteren Ansicht neigte, hat neuerdings die erstere mit Recht Boden gewonnen: so zeigt Maass 167, daß die Zitate in den Aratscholien alle aus den homerischen Arbeiten stammen können. Dasselbe gilt, freilich schon mit geringerer Wahrscheinlichkeit, vom Hesiodkommen-tar (interessante Erörterung über die Echtheit der Prooemien Rhein. Mus. XXIX 83: Maass 213) und vielleicht auch von dem zum Rhesos; hier ist deutlich, daß K. durch, seinen Gegner Parmemskos in die Scholien gelangt ist (s. o. Bd. II A S. 666): die Berufung auf Hom. Il. XIII 5 in Schol. 5 genügt aber ebenso wenig wie das Hervortreten des astronomischen und geographischen Interesses zum Beweise dafür, daß K.s Homerkommentar benutzt ist. übrigens entschuldigte K. die Unkenntnis des Dichters in astronomischen Dingen mit seiner Jugend, hielt also den Rhesos für ein Jugenddrama. Aus der Erwähnung mit Dionysios (u.S. 1636, 8) Schlüsse auf Euripidesstudien des K. zu ziehen, weil Dionysios auch in den Euripides-scholien genannt wird (o. Bd. V S. 985 Nr. 141), ist verfehlt. Aus den Homerika kann sehr wohl auch die Erörterung über Arne und Kos stammen (Etym. M. Tzcfz. Lykophr. 644), die Müller, FHGIV 370 zu den Boiotika stellt; dorthin würde auch die Notiz über den ältesten Namen Kretas passen (Plin. n. h. IV 58, Ind. ex Cratete gram-matico), aber nicht mehr die paradoxen ethnographischen Notizen ebd. VII 13 (C. Pergamenus). 28. 31 (diese auf die Äthiopen bezügliche könnte mit den Studien über Hom. Od. I 23 zusammen-hängen): sie weisen ebenso wie die Beschreibung der ὀνοκενταύρα (Aeiian, hist. an. XVII 9) auf Neigungen, die wir bei namhaften Gelehrten seit dem ( 3. Jhdt. vielfach finden (S u s e m i h 1 I 463). Ob der Verfasser der von Schol. Hesiod. Th. 5 für die Nebenform Parmesos zitierten Boiotika K. von Mallos oder von Athen ist (für ersteres Müller), ist nicht zu entscheiden (s. Maass 213, o. Nr. 13). Dagegen scheint mir bei dem Werke über den attischen Dialekt (s. o. Nr. 12) viel für den Athener zu sprechen (daß auch unser K. Interesse für [1636] hrates

löäö

Dialekte zeigt, ergibt sich schon aus seinen Homer-studien): demselben ist dann auch zuzuweisen, was in den Aristophanesscholien steht (vgl. Schol. Eq. 631 mit Athen. IX 366d): so schon Schneider De schol. Aristoph. 88 und Latte Herm. L 386, anders K ört e o. 8. 1210. Dagegen wird es unser K. sein, der in Tzetzes’ Prolegomena zur Komödie erwähnt wird: er erscheint dort neben Dionysios und Eukleides (S. 21, 68. 28, 131. 33, 62. 47, 147 10 Kb.) und ist gewiß der älteste von ihnen. Tzetzes hat ihn nicht selbst gesehen, sondern ihn bei Eukleides zitiert gefunden. Daraus ist kaum mehr zu entnehmen, als daß er sich über die Teile der Komödie geäußert hat (Tzetz. 21, 68 κατὰ Διονύσιον καὶ Κράτητα καὶ Εὐκλείδην μέρη κωμφδίας εἰσὶ τέσσαρα, πρόλογος, μέλος χορον, ἐπειοόδιον καὶ ἔξοδος); ihm ein längeres Stück zuzuweisen, wie es Wachsmuth 59 tut, ist nicht berechtigt. Aber auch Consbruchs Versuch, 20 aus des Tzetzes Iamben über die tragische Poesie (Anecd. Ὄχ. III 343 Cr. 43 Kb.) das Eigentum des K. herauszuschälen, steht auf schwankem Boden (Comment. Studern. 227). Consbruch wollte auch den Tract. Coislin. über Poetik (s. o. S. 1207) auf K. zurückführen, der vielmehr eine grammatische Fortführung peripatetischer Lehre darstellt. Vgl. Kaibel Die Proleg. περὶ κωμφδ. (Gött. Abh. 1898) 3fL Daß K. am Kataloge der perga-menischen Bibliothek arbeitete, ist nicht mehr als 30 wahrscheinlich; daß die Schriftenverzeichnisse der

Stoiker auf ihn zurückgehen, eine bloßeVermutung von D y r o f f Die Anlage der stoischen Bücherkataloge, Würzburg 1896, 34.

Einen Erdglobus bezeugt Strab. II 116 τὸν ἐγγυτάτου διὰ τῶν χειροκμήτων ὀχημάτων (?) μιμούμενον τὴν ἀλήθειαν ποιήσαντα σφαίραν τὴν γην, καθάπερ τὴν Κρατητειον.. . Reinhardt 77 stellt die Beziehung zur homerischen Geographie in Abrede: der Globus wird aber wohl 40 Unterrichtszwecken, und zwar eben der Klarlegung des homerischen Weltbildes gedient haben. Auch Gemin. 172, 15 kann sich darauf beziehen: K. d γραμματικὸς τὴν πλάνην τοῦ Ὀδυσσέως διατάσσων καὶ τὴν δλην σφαίραν τῆς γης καταγράφων τοῖς ἀφοριζομένοις κύκλοις. Eine Karte zur Erläuterung Homers nimmt man namentlich wegen der Nennung in der Geographenliste des Agathemeros (GGM II 471 vgl. 428) an, doch braucht es aus den Worten K, δὲ ὡς ἠμικύκλιον (ἔγραψε τὴν γην) 50 nicht zu folgen. Dagegen ist die Autorschaft bei dem Epigramm Anth. Pal. XI 218 nicht anzuzweifeln, zumal auch K.s Schüler Herodikos boshafte Epigramme gedichtet hat (o. Bd. VIII S. 974). Es zeigt ihn als literarischen Kritiker, der mit einer bedenkliche Obszönitäten nicht scheuenden Bosheit über Euphorion herfällt und sich gleichzeitig gegen Kallimachos’ ungünstiges Urteil über Antimachos wendet (o. Bd. I S. 2435). Man wird vermuten dürfen, daß sich auch die Herabsetzung des Eupho-50 rion gegen einen diesen schätzenden Kritiker richtet.

Die wichtigsten Arbeiten sind aber bei weitem die zu Homer, die ihn in scharfen Gegensatz zur alexandrinischen Schule brachten. K. mißbilligte deren besonnene, vorsichtig tastende Methode und nannte sich nicht ohne Absicht κριτικόςθ d. h. mit der älteren Bezeichnung des Philologen (Gudeman Grundr. d. Gesch. d. Philol. 3)t um die größere Weite seines Gesichtskreises anzu- [1637] 1637 Krates

deuten, Séxt, adv. gramm. 79. 248. Er ging im allgemeinen nicht vom Streben nach dem verbalen Verständnis des Textes aus, sondern von einer vorgefaßten Meinung, die ihm durch stoische Lehren vorgezeichnet war. Es scheint weniger seine Absicht gewesen zu sein, den Homer moralisch rein zu waschen, wie das Chrysipp versucht hatte, wenn sich auch Versuche finden, ein ἀπρεπές zu beseitigen (z. B. frg. 20): vielmehr war es sein Bestreben, ihm ein erhebliches astronomisches und geographisches Wissen beizulegen (Zeller III 1, 332). Strab. III 157 εἰ τινες αὐτοὺς ἔε ταύταις ταῖς ἰοτορίαις πιοτευοαντες καὶ τῆ πολνμαθίῳ τοῦ ποιητου καὶ πρὸς ἐπιστημονικάς ὑποθέοεις ἔτρεψαν τὴν Ὄμηρου ποιησιν, καῦάπερ Κ. τε ὁ Μαλλώτης ἐποίησε καὶ ἄλλοι τινές. Achill, in Arat. 30, 13 M. μαρτνροῦσι θὲ Κ. καὶ Ἀπίων... ὅτι ἀοτρονόμος Ὄμηρος. Das hängt mit der stoischen Ansicht zusammen, daß der Dichter einen lehrhaften Zweck verfolgen müsse (o. Bd. VI S. 367); daher auch moralisierende Bemerkungen wie die zu II. I 59. XV 494. Das Weltbild, das K. dem Homer aufzudrängen bemüht war, ist das stoische, wozu vor allem die Kugelgestalt der Erde (und der Welt) gehört (vgl. auch Herakl. alleg. 36. Schol. A II. VIII 16); sie ist rings vom Ozean umflossen, der ein zusammenhängendes Weltmeer bildet, und zwar bedeckt er die heiße Zone, weil über ihr die Sonne ihren Lauf vollendet, die sich nach der auch von Kleanthes vertretenen Lehre von den Ausdünstungen des Meeres nährt (Stoic. frg. 1112 frg. 501). Im Westen und Osten entsendet der äquatoriale Ozean Arme nach Norden und Süden, so daß vier große Inseln abgeteilt werden (vgl. etwa Fig. 6 zu Macrob. Somn. II 9, 7). Als eine Ausbuchtung des Ozeans erschien wohl auch das Kaspische Meer (o. Bd. X S. 2276. Schrader Herm. XLIII 58). Durch das Zusammentreffen der von Osten und Westen kommenden Meeresströmungen entsteht Ebbe und Flut (Doxogr. 383, 22. Macrob. Somn. II 9, 3). Die Sonne nahm die oberste Stelle in der Welt ein, über Mond, Planeten und Fiisternsphäre (Doxogr. 345, 9. Herakl. 23): hier wie sonst zeigt es sich, daß K. unbedenklich auf veraltete Dogmen zurückgriff, wenn sie ihm zu seiner Auslegung paßten. So berief er sich für die Meinung von der Herkunft der Flüsse aus dem Ozean auf Hippon und Xenophanes (Diels Vorsokr. I 291). Um diese Anschauung in den Homer hineinzudeuten, war ihm jedes Mittel recht, und er scheute weder vor gewaltsamen Interpretationen noch vor willkürlichen Textänderungen zurück. So bezog er Od. XII 1 ποταμοιὸ ρόον Ὠκεανοῖο auf eine Ausbuchtung des großen Ozeans (Strab. I 5, der die Sache nicht ganz verstanden hat). Ebd. X 86 ἐγγὺς γὰρ νυκτὸς τε καὶ ἠματὸς εἰσὶ κέλευθοι sollte Kenntnis der langen Polarnächte verraten (Gemin. 72, 2. Schol. Arat. 62). Die beiden Tauben auf dem Nestorbecher Hom. Il. XI 634 faßte er als die auf, die dem Zeus Ambrosia bringen (nach Asklep. bei Athen. XI 490 e war das ein Plagiat an Moiro), brachte sie in Zusammenhang mit den Pleiaden und bezog das ganze auf die Ernährung der Sonne durch die Ausdünstungen des Meeres; damit verband er eine künstliche Deutung von Od. XII 62. Er las hinter Hom. Il. XIV 246 Ὠκεανου ὄσπερ γένεσις πάντεσσι τέτυκται [1638] Krates

1638

den Vers ἀνδράσιν ἤδε ὑεοῖς πλείοτην τ ἐπὶ γαῖαν ἴησιν, der, gleichviel ob von K. fabriziert oder nicht, jedenfalls nichtsnutzig ist (orphischen Ursprung behauptet nach Gruppe Reinhardt 63). Er änderte Od. I 24 ἡ μὲν δυσομένου Ὑπερίονος ἡ δ' ἀνιόντος, indem er die Äthiopen nördlich und südlich von seinem äquatorialen Ozean wohnen ließ: wenn wir auch seine Begründung durch den konfusen und an der maßgebenden Stelle ent-10 stellten Bericht des Strabon (Heick Pr. 4) nur mangelhaft kennen lernen, so können wir doch sagen, daß seine Änderung den gewünschten Sinn gar nicht ergibt. Poseidonios’ Tadel (bei Gemin. 174, 21) ist berechtigt K. παραδοξολόγων τὰ νφ' Ὄμηρον ἀρχαῖκως καὶ ἰδικώς εἰρημένα μετάγει πρὸς τὴν κατ ἀλήθειαν ὄφαιροποιιαν. Od. IV 84 schrieb er Ἠρεμνούς statt Ἠρεμβοῦς im Sinne von ,die Dunklen, die Inder*, um Menelaos nach Indien und in den äußeren Ozean gelangen zu lassen; 20 da er die acht Jahre der Fahrt damit in Zusammenhang brachte, so ist es denkbar, daß er – etwa unter Zugrundelegung der eratosthenischen Erdmessung – eine Umschiffung der Erde annahm. Gegen ihn wandte sich Aristonikos in seiner Monographie über die Menelaosfahrt (o. Bd. II S. 966). Auch die Irrfahrten des Odysseus verlegte er in den äußeren Ozean, und dies war ein Hauptstreitpunkt zwischen ihm und Ari-starch (Gell. XIV 6, 3). Im Zusammenhänge da-30 mit änderte er Od. XI 14 Κιμμερίων in Κερβέ-

ρίων und verlegte ihr Land in die arktische Zone, die er unter Anlehnung an stoische Dogmen (Norden Vergil 24) mit dem Tartaros gleichsetzte (s. o. S. 426); konsequent deutete er die ewige Nacht in ihrem Lande auf die langen arktischen Nächte. Ein berühmtes Stück war seine kosmische Deutung des Achilles- und Agamemnonschildes: er bezog die κύκλοι des einen und die πτυχές des anderen auf die Himmelskreise (Reinhardt 59), 40 den ἀργύρεος τελαμῶν (Hom. Il. XVIII 480) auf die Himmelsachse, die Mischung der vier Metalle ebd. 474 auf die vier Elemente (Herakl. 43, o. Bd. VIII S. 508). Auch die kurze Beschreibung von Aineias' Schild (Hom. Il. XX 269) legte er in diesem Sinne aus (Prob. Georg. I 244). Natürlich fehlte nicht die Auffassung der Götter als Naturkräfte, z. B. wurde die des Zeus als Äther eingehend begründet (Anon. in Arat. 176#, 20–177, 21 M., vgl. Maass 172). In dem Herab-50 schleudern des Hephaistos vom Olymp sah er

einen Versuch des Zeus, die Größe 5er Welt zu messen, einen anderen stelle die Aussendung des Helios von Osten nach Westen dar: die Ankunft des Geschleuderten auf Lemnos bei Sonnenuntergang bedeute die Gleichzeitigkeit beider Versuche (Herakl. 27). Diese allegorisch-kosmische Auslegung hat den stärksten Eindruck gemacht und ist in die spätere verwandte Literatur übergegangen (u. S. 1641, 15). Geographische Bemer-60 kungen finden sich manche, z. B. über Eleon

Hom. Il. X 266 (Strab. IX 439).

Von dem Streben, Homer ein vielseitiges Wissen beizulegen, zeugt auch die Akzentuierung βήλον Hom. Il. I 591: damit sollte der chaldä-ische Bel, d. h. der Himmel gemeint sein (sein Schüler Zenodot machte den Homer vollends zum Chaldäer: o. Bd. VIII S. 2197). Auch die Menschen des homerischen Zeitalters sollten schon [1639] XUÖ»

J1WUJ8

astronomisch eingestellt gewesen, sein; daher faßte er ἐλίκωπες (z. B. Hom. U. I 389) auf als die nach der ἐλίκη, dem Bärengestirn, schauenden (Schol. Arat. 39). Aus inneren Gründen schrieb er Hom. Il. XII 25 ἤμαρ, weil das überlieferte ἐννήμαρ die Absurdität enthalte, daß die Götter neun Tage brauchten, um eine von Menschen in einem Tage aufgebaute Mauer zu zerstören. Hom. Il. XIV 32 akzentuierte er πρυμνήσι, um den Vers mit seiner Ansicht über die Anlage des Schiffs-1 lagers in Einklang zu bringen. XV 189 trennte er sprachwidrig πάντ a δέδασται, um den Widerspruch mit 195 zu beseitigen; dasselbe gilt von der Schreibung oi‘ XVIII 489 (weil nämlich der Bär nicht das einzige οἰη~ Sternbild sei, das nicht ins Meer tauche). XXI 558 änderte er das singuläre Ἰλήιον in Ἰδήιον, das = Ἰδώον sein sollte. Od. III 293 schrieb er λιοοήν und verstand darunter das sonst Blissen genannte Vorgebirge (o. Bd. III S. 570). Sachliche Bedenken 2 trieben ihn dazu, XII 105 (von der Charybdis) tj μὲν γὰρ τ' ἀνίησιν ἔπ' ἡ μάτι, τρις δ' ἀναροιβδεί das τρίς durch δίς zu ersetzen (Schol. Vin-dob. bei Ludwich Berl, phil. Woch. 1888, 1395. 1426). XIII 408 ersetzte er willkürlich ἐπὶ κρήνη Ἀρεθούση durch ἐπὶ κρήνης μελαννδρον, weil Are-thusa nicht der Name einer Quelle auf Ithaka sein könne (o. Bd. II S. 679), XXII 126 ὄρσο~ θύρη durch ὀρθοθύρη, worunter er eine mittels einer Leiter ins Obergeschoß führende Tür ver- 3 stand.

Manche Änderungen und Auslegungen beruhten auf rein sprachlichen Gründen und waren zum Teil durch gelehrte Belege gestützt, so Hom. Il. XXI 282 εἰλθέντ (statt ἐρχθέντ) durch Stellen ans Solons ἄξονες und Soph., Od. XIV 12 μελάνδρυον aus Aischylos: es fehlte dem K. nicht an Gelehrsamkeit, aber an der Kunst, sie richtig zu gebrauchen. Er nahm unterschiedslosen Gebrauch von Dual und Plural an (Schol. H. XXIV 282) 4( und wurde deshalb heftig von den Aristarcheern bekämpft. Hom. Il. XI 754 trennte er δὰ σπιδέος πεδίοιο und erklärte das singuläre Wort durch τραχέος (o. Bd. I S. 1827, 36). II. XV 365 ist sein ἤιε Φοίβε (von täoθai) wenigstens nicht schlechter als Aristarchs ἤιε (von Uvai). Von diesen Dingen erfahren wir nicht allzu viel (namentlich über die Begründungen), da K.s Ansichten durchweg durch die Anführungen seiner Gegner in die Scholien gelangt eind. Eine obskure Auto- 5( rität, die Bias ἄῳ’ Ἔλικωνος [doch s. o. Bd. I 8. 2894], führte er wegen ihres abweichenden Anfanges an (Anecd. Rom. 5 Os. = Suet. 143 R.). Sehr viel Mühe hat K. auf die Erklärung von Glossen verwendet und z. B. Od. XII 89 ἄωροι = ἄφνλακτοι gedeutet und λαῶν XIX 229 richtig mit ἀλαός in Verbindung gebracht. Im ganzen verrät seine Textkritik einen erheblichen Mangel an Besonnenheit, gesundem Menschenverstände und Sprachgefühl und bedeutet einen Rückfall 60 in die Methode Zenodots, so daß Aristarch und seine Schüler mit ihrer Polemik meist leichtes Spiel hatten. Die Differenzpunkte stellt Wachsmuth 28 kurz zusammen; soweit sie die Kritik betreffen, sind sie von Heick eingehend erörtert. Die Gegnerschaft beider war auch über die Fachkreise hinaus bekannt, des Bibaculus (2, 5) encor Zenodoti, en iecur Cratetis bezieht sich auf [1640] Krates

1640

die Heftigkeit der Polemik. Das Anecd. Rom. (Suet 142 R.) hebt hervor, daß Aristarch die περιεστιγμένη διπλή mit polemischer Beziehung auf die Lesarten des Zenodot und K. setzte. Wie ihre Schriften aufeinanderfolgten, läßt sich kaum ermitteln: der Eindruck, den wir aus unserer Überlieferung gewinnen, daß durchweg Aristarch gegen K. polemisiert, kann trügerisch sein. Daß Ari-starch seine Meinung über den Ursprung der Ge-0 wässer erst veröffentlicht habe, nachdem K. sich darüber geäußert hätte (Schol. Gen. II. XXI 195), ist eine nicht stichhaltige Vermutung von Heick Diss. 49. Wahrscheinlich schlugen auch hier die Schüler einen schärferen Ton an als die Meister: gegen K. schrieben Dionysios Thrax (o. Bd. V S. 978) und Parmeniskos (Schol. T II. VIII 513), gegen Aristarch Zenodot von Mallos πρὸς τὰ ὕπ' Ἀριστάρχου αὐετούμενα τοῦ ποιητου und Demetrios Ixion (o. Bd. IV S. 2845).

0 Sehr bekannt war auch der Streit zwischen K. und Aristarch um die Analogie. Gell. II 25, 4 duo autem Graeci grammatici illustres Aristar-chus et C. summa ope idle analogian, hie ano-malian defensitavit. Für Aristophanes (o. Bd. II S. 1004, 16) und Aristarch war wohl Analogie ursprünglich kein eigentliches Schlagwort, aber das natürliche leitende Prinzip für ihre vorsichtig tastende Sprachbetrachtung. K. nahm an seiner Anwendung Anstoß und schrieb gegen Aristarch ;

9 wir kennen eines seiner Argumente (Varro 1. 1. VIII 64): cur, quae singulos habeant Casus, ut litterae graecae, non dicantur alpha alphati alphatos. Des Aristarch Schrift de aequabilitate (Varro 1. 1. IX 1) war wohl eine Erwiderung darauf, und man hat auf sie Varro VIII 68 zu beziehen: sic enim respondere voluit Aristarchus Orateti (anders Reitzenstein Varro und Mauropus 51). Der Streit nahm heftige Formen an, ohne daß wir sagen können, ob die scharfe Po-)lemik auf die Meister oder die Schüler zurückgeht. Varro IX 1: malunt quaenesciunt docere quam discere quae ignorant: in quo fuit C.. qui fretus Chrysippo... contra analogian atque Aristarchum est nixus, sed ita, ut scripta in-dicant eius, ut neutrius videatur pervidisse vo-luntatem : denn Chrysipp habe nur gemeint, daß ähnliche Dinge verschiedene Bezeichnungen trügen und umgekehrt, und Aristarch habe nur eine gleiche Flexion ähnlicher Worte durchführen wol-)len, soweit es der Sprachgebrauch gestattete – eine, soweit wir sehen können, nicht unberechtigte Kritik. Varro 22; sed indoctis non tarn irascendum quam huius praritatis patronis (den Krateteern). Steinthai Gesch. d. Sprachwiss.² II 124 (der besondere Schriften des K. und Ari-starch über Analogie mit Unrecht leugnet).

Die Schule des K. war nicht unbedeutend;, in welchem Sinne Ptolemaios von Askalon περὶ τῆς Κρατητείου αἰρέσεως schrieb, wissen wir nicht. Ein eifriger Verfechter von K.s Ansichten war Zenodot von Mallos, der gegen Aristarchs Athe-tesen schrieb (Heick Diss. 38). Andere Schüler sind Tauriskos, Herodikos (o. Bd. VIII S. 973), Hermeias ὁ Κροτήτειος (o. Bd. VIII S. 726 übersehen), der Hom. Il. XVI 207 durch eine falsche Konjektur entstellte. Man wird auch Artemon aus Pergamon (o. Bd. II S, 1446) dazu rechnen dürfen; Asklepiades von Myrlea (o. Bd. II 8.1629) [1641] 1041

Krates

braucht kein unmittelbarer Schüler gewesen zu sein. Später nahm Apion manche seiner Ansichten aux (o. Bd. I S. 2805, 59). Die Bezeichnungen Κρατήτειοι und ΪΑριστάρχειοι sind durch den Schulgegensatz aufgekommen; törichte spätere Ausmalung bei Lyd mens. I 28 W. Über Polemik gegen K. in Philodems Poetik s. Jensen Neoptolemos und Horaz (Abh. Berl. Akad. 1918) 6. Die Grammatiker, durch die K.s Ansichten in die Homerliteratur gelangten, sucht Heick in jedem einzelnen Falle zu ermitteln. Daß Didymos wenig darüber bot (Ludwich Arist. homer. Text-krit. I 48), kann Täuschung sein, vgl. z. B. Heick Diss. 70. Viel entnahm ihm auch Porphyrios (Maass 190). K.s allegorische Homerauslegung wurde der Nachwelt dadurch übermittelt, daß Herakleitos und Demo (o. Suppl.-Bd. III S. 831) seine Deutungen übernahmen: Reinhardt nimmt ein Corpus von Allegori u an, aus dem Demo K.s Ansichten kennen lernte. Seine kosmologischen Ansichten wurden durch Poseidonios gerettet, auf den die Mitteilungen bei Strabon, Plutarch und Geminos zurtickgehen (Heick Pr. 52. Schrader 62). Gegen seine Lehre von den Gezeiten schrieb schon um die Mitte des 2. Jhdts. der berühmte Seleukos (Doxogr. 383, 26), eine Ehre, die ihm nicht zuteil geworden wäre, wenn er nicht seine Ansicht aus Homer belegt hätte.

Daß er den Anstoß zur Entwicklung der römischen Grammatik gab, behauptet Suet. de gramm. 2 (o. S. 1634): cum regione Palatii prolapsus in cloacae foramen crus fregisset, per omne le-gationis simul et valetudinis tempus plurimas acroasis subinde fecit assidueque disseruit ac nostris exemplo fuit ad imitandum. Das sieht etwas nach Konstruktion aus. Wenn er mehrfach neben Aristarch als Hauptvertreter der Grammatik genannt wird (Strab. I 30. Dio or. LIII Anf. Sext. adv. gr. 44), so beruht das auf ihrer Vertretung verschiedener Standpunkte, nicht auf der absoluten oder historischen Bedeutung des K.

Literatur. Wachsmuth De C. Mallota (mit Fragmentsammlung), Leipzig 1860 (S. 3 ältere Literatur genannt), durch die Auffindung der Genfer und Oxyrhynchos Scholien (Oxyrh. Pap. II 52) zu Hom. Il. XXI überholt. Heick De C. Mall, studiis criticis quae ad Iliadem spectant, Diss. Leipzig 1905; ebenso ad Odysseam. Progr. Dresden 1914. Maass Aratea (Berlin 1892) 165ff. Reinhardt De Graecorum theologia (Berlin 1910) 59ff. Berger Gesch. der wiss. Erdkunde 444ff. u. ö. Susemihl Alex. L.-G. II 4. 703. – Die Arbeit von B. Thiersch De schola Cratetis (Dortmund 1834) bezieht sich nur auf Alexander von Kotyaion.