RE:Laokoon 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XII,1 (1924), Sp. 736737
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Laokoon. 1) Λαοκόων (Prisc. VI 69 Grammat. Lat. II 253 K., notiert von einem apollinischen Dreifuß in Byzanz epigramma vetustissimum literis antiquissimis scriptum ΛΑϜΟΚΟϜΩΝ) taucht im kyklischen Epos Ἰλίου Πέρσις zuerst auf nach Proklos, als die Troer das hölzerne Pferd auf die Burg gezogen hatten und Freudenfeste feierten: δύο δράκοντες ἐπιφανέντες τόν τε Λαοκόωντα καὶ τὸν ἕτερον τῶν παίδων διαφθείρουσιν. ἐπὶ δὲ τῷ τέρατι δυσφορήσαντες οἱ περὶ τὸν Αἰνείαν ὑπεξῆλθον εἰς τὴν Ἴδην. Ist hier der Tod des L. und seines Sohnes, Symbol für den Untergang des troischen Königsstammes, als Motiv für die Flucht des jüngeren Zweiges, der Aineiaden, verwendet, so scheint Bakchylides die L.-Geschichte verselbständigt zu haben: Schol. Fuld. zu Verg. Aen. II 201: Sane Bacchylides de Laocoonte et uxore eius vel de serpentibus a Calydnis insulis venientibus atque in homines conversis dicit. – Sophokles hat in seiner Tragödie L. wieder auf das epische Motiv zurückgegriffen: ein Bote (TGF 344) berichtete den Auszug des Aineias, der nach Dion. Hal. ant. Rom. I 48 durch die von Aphrodite eingegebene Ermahnung des Anchises dazu bewogen war und ἀπὸ τῶν νεωστὶ γενομένων περὶ τοὺς Λαοκοωντίδας σημείων τὸν μέλλοντα ὄλεθρον τῆς πόλεως vermutete. Da nach Schol. Fuld. Verg. Aen. II 204 Sophokles diese Schlangen benamst hat und in Schol. II 211 aus Lysimachos, wohl dem Mythographen, Verfasser der Νόστοι, ihre Namen verderbt curifin et periboea überliefert sind, nahm Robert 197f. für Sophokles in Anspruch das Scholion zu Lykophron 347 (‚die Achaier waren nach Tenedos gefahren und zu den παιδοβρῶτοι Πορκέως νήσους διπλᾶς‘): Πόρκις καὶ Χαρίβοια ὀνόματα δρακόντων οἳ πλεύσαντες ἐκ τῶν Καλυδνῶν νήσων ἦλθον εἰς Τροίαν καὶ διέφθειραν τοὺς παῖδας Λαοκόωντος ἐν τῷ τοῦ Θυμβραίου Ἀπόλλωνος νεῷ. ὁ δὲ Λ. υἱὸς ἦν Ἀντήνορος. τοῦτο δὲ γέγονε σημεῖον τῆς Ἰλίου ἁλώσεως. Eine andere Fassung desselben gibt aber den Singular τὸν Λ. παῖδα und fügt ein ὁ δὲ Λ. Ποσειδῶνος ἧ ἱερεύς. Auch ist kein Verlaß darauf, daß die beiden letzten Notizen (L. Antenors Sohn und Vorzeichen) aus derselben Quelle wie das Vorhergehende stammen. Nicht eine Hypothesis der Sophokleischen Tragödie, sondern Notizen aus einer mythographischen Sammlung liegen hier vor. Aus Sophokl. frg. 342 (Anrufung Poseidons) ist nicht mit Sicherheit zu folgern, daß L. hier Poseidonpriester war, da Schol. Ar. Ran. 665 nicht überliefert, wer jene Worte gesprochen. Ansprechend ist dagegen Roberts Kombination (200f.) des Thymbraiischen Apollontempels als Ort des Schlangenwunders mit der Überlieferung Schol. Verg. Aen. II 201 L. piaculum commiserat ante sinculacrum numinis (Thymbraei Apollinis) cum Antiopa sua uxore coeundo. Mit dieser und Schol. Lykophr. ist zu vergleichen die von Robert 194f. von den Zutaten aus Vergil gereinigte Hyginfabel 35: L. Capyos (Muncker für das überlieferte [737] Acocetis) filius, Anchisae frater, Apollinis sacerdos contra voluntatem Apollinis cum uxorem duxisset atque liberos procreasset, … Apollo occasione data … dracones misit duos, qui filios eius Antiphatem et Thymbraeum necaverunt ….

Daß Euphorion die L.-Geschichte überhaupt nicht behandelt, geschweige denn Vergil das Vorbild geliefert habe, ist durch Roberts Analyse (205f.) des Vergilscholions Aen. II 201 erwiesen. Die in zwei dürftigen Auszügen erhaltene Erzählung Apollodors (Bibl. epitome V 17f. Wagn.), die sicher nicht irgendwie von Vergil abhängig ist, vermengen offenbar mehrere einander fremde Züge: Wie Kassandra habe auch ‚der Seher L.‘ vor dem hölzernen Pferde gewarnt; trotzdem ziehen sie es in die Stadt und feiern Feste, Ἀπόλλων δὲ αὐτοῖς σημεῖον ἐπιπέμπει· δύο γὰρ δράκοντες διατηξάμενοι διὰ τῆς θαλάσσης ἐκ τῶν πλησίον νήσων τοὺς Λαοκόωντος υἱοὺς κατεσθίουσιν; trotzdem ist der Auszug des Aineias weit davon getrennt und in die nächtliche Schlacht verlegt (21).

Verg. Aen. II 40–56 und 199–233 hat aus der mythographischen Überlieferung sich verschiedene Züge zusammengelesen. Als Seher führt er den L. ein, der die Kriegslist des hölzernen Pferdes durchschaut und durch Speerwurf gegen seine Flanke zur Zerstörung – vergeblich – auffordert, vgl. Apollod. epit. V 17. Als Poseidonpriester (vgl. Schol. Lykophr. 347b) wird er von zwei von Tenedos (vgl. Lykophr. 346) her schwimmenden Schlangen (Bakchylides, Schol. Lykophr.) getötet (Iliupersis), als er seinen beiden Söhnen, die sie umbringen (Sophokles, Schol. Lykophr., Apollodor, Hygin), zu Hilfe kommt. Vgl. Robert 203ff. Die L.-Episoden hat Vergil nachträglich eingefügt: Bethe Rhein. Mus. XLVI 511ff., anders Heinze Vergils epische Technik² 13ff. Apokryph ist das als Quelle Vergils von Macrob. V 2, 4 ausgegebene Riesenepos des Pisander. Petron. 89 nimmt sämtliche Züge für L. aus Vergil herüber, stellt aber Warnung und Strafe unmittelbar nebeneinander. Bei Quint. Smyrn. XII 390ff. fordert L. nach Sinons Rede zur Verbrennung des Pferdes auf, wird von Athene, die ein Erdbeben schickte, geblendet; als er trotzdem seinen Rat wiederholt, sendet Athene von der Insel Kalydna durchs Meer zwei Schlangen, die seine Söhne auffressen und im Tempel Apollons auf der Burg verschwinden; L. und sein Weib beweinen die Söhne. Vgl. Heinze Vergils epische Technik² 67ff.

Literatur: Robert Bild u. Lied = Philolog. Untersuch. hrsg. von Kießling u. v. Wilamowitz V (1881) 192ff.

Bildwerke: Die L.-Gruppe der Rhodier Hagesander, Polydoros, Athenedoros (Plin n. h. XXXVI 37) im Vatican und ein pompeianisches Wandgemälde (Ann. d. Inst. 1875 Tav. O). Vgl. Blümner Lessings Laokoon² 1880. o. Bd. VII S. 2199.