RE:Leon 23
| Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft | |||
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| aus Byzanz, Gegner von Philipp von Makedonien | |||
| Band XII,2 (1925) S. 2008–2012 | |||
| Bildergalerie im Original | |||
| Register XII,2 | Register l | ||
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23) Sohn des Leon, aus Byzanz, Zeitgenosse
30 und Gegner des Philipp von Makedonien. Nach seiner späteren Tätigkeit muß er einer angesehenen Byzantiner Familie entstammen. In jungen Jahren ging er nach Athen, dem Zentrum des griechischen Geisteslebens, mit dem Byzanz damals noch verbündet war. Er trat in die Schule des Platon ein (Suid. s. Leon. Philostr. vit. soph. 1 2). Dort lernte er auch den Phokion kennen und wurde mit ihm befreundet (Plut. Phoc. 14: Κλέων Hs., wird geändert werden müssen, vgl.
40Schäfer Demosth. II 510, 1). Sein Ziel war sicher nicht, zünftiger Philosoph zu werden, sondern er erstrebte, wie auch viele junge Athener aus angesehenen Familien, eine gediegene Allge-meinbidung, die ihn befähigte, in seiner Vaterstadt eine führende Rolle zu spielen. Nach seiner Rückkehr nahm er in dem demokratischen Byzanz (ungenau Hesych. Mil. de orig. Konst. 26. vgl. Schäfer II 510, 1) eine führende Stelle ein und genoß wegen seiner Tugend großes
50 Ansehen (Plut. Phok. 14). Seine Schlagfertigkeit war gefürchtet, sie trug ihm len Beinamen σοφιστῆς ein. Noch heute sind einige Iosgerissene Anekdoten erhalten, die aber für die Beurteilung seiner Persönlichkeit nicht herangezogen werden können (s. u.). Auch über seine politische Tätigkeit können wir nicht mehr als Allgemeines sagen. Gegen die aufstrebende Macht Philipps, welche der Kleinstaaterei Griechenlands gefährlich zu werden begann, ist er mit seinen Freunden, die
>0 er während seines Studiums in Athen gefunden hatte, einer Meinung gewesen. Als Philipp in den Jahren 341/40 trotz des Bündnisses mit Byzanz seine Macht nach der thrakischen Chersones ausdehnte, trat L. gegen ihn auf und ging da-.mals wohl als Gesandter nach Athen, um das Bündnis, welches Byzanz zeitweise hatte fallen lassen (Bel o_c h II 546. Schäfer II 497, s. o. Bd. III S. 1184), zu erneuern. Als dann Philipp [2009] 2009
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die Stadt belagerte, hat er sie in engster Fühlung mit der athenischen Flotte, die unter Pho-kion zu Hilfe geschickt war (Plut. Phoc. 14), mit Zähigkeit verteidigt. Aus verschiedenen Anekdoten ist zu schließen, daß er die Seele des "Widerstandes war (Schäfer II 510). Vor allem brachte er seine Mitbürger dazu, daß sie Phokion in die Stadt auf nahmen (Plut. Phoc. 14. Suid. s. Leon). Es gelang den verbündeten Byzantinern und Athenern, Philipp in der Seeschlacht bei Θερμημερία im Bosporos zu schlagen (Dion. Byz., Geogr. min. II 50). Alle Versuche, die Stadt durch Sturm zu nehmen, scheiterten trotz der genialen Belagerungskunst des Ingenieurs Polyeides. Nach Dion. Byz. 27 p. 13 Wesch.; frg. 21 Geogr. gr. m. hat Philipp sogar einen Damm über das Goldene Horn bauen lassen. Philipp mußte unverrichteter Sache abziehen, aber noch lange glaubten die Byzantiner, nur durch die göttliche Hilfe der Hekate Phosphoros gerettet worden zu sein (Hesych. 27). Ob ein wirklicher Friede geschlossen wurde, ist ungewiß. Nun aber mag sich die ganze Wut Philipps gegen den Organisator des Widerstandes gerichtet haben, und er beschloß, ihn zu vernichten. Durch einen Brief an die Byzantiner soll er ihn verleumdet haben, L. habe ihn abgewiesen und Phokion in die Stadt auf genommen, weil dieser mehr Geld bot (Suid. s. Leon, vgl. Plut. Nic. 22). Was an der Beschuldigung wahr ist, wissen wir nicht. Jedenfalls erreichte Philipp seinen Zweck. Die Beschuldigung der Bestechlichkeit wirkte damals wohl auf das Volk von ganz Griechenland, nicht nur in Athen, ähnlich aufreizend, wie früher die Furcht vor der Tyrannis. Das Volk strömte vor sein Haus, und da L. fürchtete, gesteinigt zu werden, erhängte er sich: μηδὲν ἀπὸ τῆς σοφίας καὶ τῶν λόγων κερδάνας ὁ δείλαιος, sagt Suidas. Das genaue Todesjahr läßt sich nicht ermitteln, doch möchte ich die Verleumdung nicht unmittelbar nach der Aufhebung der Belagerung an-setzen, wo die Stimmung noch zu sehr für L. und gegen Philipp gewesen sein wird. Das späteste Datum ist 336, Tod Philipps (Schäfer III 51 setzt den Vorfall in das J. 337 und verbindet damit den Frieden zwischen Stadt und Philipp, worauf Arrian. 13, 3 schließen läßt, vgl. D r o y -sen Hellen. I 119, 1. Ungenau Diod. XVI 77, 3). Wie alt L. geworden ist, wissen wir nicht.
Nur in diesen allgemeinen Umrissen läßt sich das Bild des L. zeichnen. Denn die Nachrichten über ihn stammen aus späten Schriftstellern und unzuverlässigen, abgerissenen Anekdoten (Schafe r II 510). Denn bei Diod. XVI 76, 4. 77, Iß., wo die Belagerung von Byzanz summarisch berichtet wird, wird L. nicht erwähnt. Unter den Anekdoten, welche alle die Schlagfertigkeit zum Thema haben, ist wohl die bekannteste die von der Gesandtschaft nach Athen: L. kam als Gesandter nach Athen, als das Volk gerade wieder einmal uneins war. Er war sehr fett und wurde ausgelacht Doch er wußte sich zu helfen: Τὶ δὲ, ἔφη, ω θΑθηναιοί, γελάτε: ἡ δτὶ παχὺς ἐγω καὶ τοσοντος; ἔστι δὲ μοὶ καὶ γυνὴ πολλφ παχύτερα καὶ ὀμονοοῦντας μὲν ἠμάς ἡ κλίνη χωρεί, διαφερομενους δὲ οὐδὲ ἡ ρίκία. So gab er den Athenern obendrein noch eine Lehre (Philostrat. vit. soph. I 2. Suid. s. Leon, dessen Quelle [2010] Leon
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aber nicht Philostratos ist trotz der fast wörtlichen Übereinstimmung; vielleicht gehen beide auf die gleiche Quelle zurück. Denn bei Suidas fehlt die Philippepisode, dagegen wird'der Tod erzählt, der bei Philostratos fehlt. In dieser Erzählung ist Voraussetzung die vergebliche Belagerung durch Philipp: ἀποκρονόμενος τὸν Φιλ. ἀπὸ τοῦ Βυζ. – ἐκ πρώτης ἄν ἔλαβον τὸ Βνζ., sagt Philipp zu den Byzantinern. Das widerspricht
10 der Zuspitzung der Philippepisode bei Philostr. καὶ ἠλευθεροῦτο τὸ Βνζ, – εἰπόντος Ἄγοντος δ’ ὀλίγα πρὸς αὐτὸν Φίλιππον). Man hat an dieser Erzählung Anstoß genommen, daß L. in Athen seine häuslichen Verhältnisse der Öffentlichkeit preisgibt. Bernhardy (ed. Suid. s. Leonp.530, vgl. Müller FHG II 329) hat deshalb an Byzanz gedacht. Zu Unrecht. Solche Beschränkungen legten sich antike Rhetoren nicht auf. Auffälliger wäre mir, daß der Führer einer byzantinischen
20 Bittgesandtschaft so ungeschminkt dem souveränen athenischen δῆμος seine törichte innere Politik vor die Augen rückte und ihm Ratschläge gab. Aber L. hatte die Lacher auf seiner Seite. An Athen als dem Schauplatz wird man auch deshalb festhalten müssen, weil eine ganz andere Version (Plut. praec. ger. reip. 8, 5) Athen nennt. Aber hier ist L. μικρός: ἄλλ’ ἡ μας, ἔφηsubΤ λsubμικροὺς οὐτως ὄντας, ὄταν διαφερώμεθα πρὸς ἄλληλους, ἡ Βυζ. πόλις ου χωρεί. Mir scheint,
30 diese Variante trifft die Situation besser und hebt den Rat deutlicher hervor, als die burlesk-drastische. Ob sie daher die ursprünglichere ist, läßt sich nicht entscheiden. Wenn Athen. XII 550f. (καὶ Πύθων ὁ Βυζ. ρήτωρ, ὡς Λέων ἰστορεὶ ὁ πολίτης αὐτοῦ usw.) die Anekdote in der ersten Variante von Python erzählt, so darf man daraus nur schließen, daß irgendwer die Geschichte von dem ihm unbekannten L. auf den berühmten Python übertragen hat (Schäfer I 157. II
40 3755.). Das ist wahrscheinlich erst nach Athe-naios geschehen. Die erhaltenen Handschriften sind an dieser Stelle offenbar überarbeitet. Schweighäuser Animadv. VI 521; ,das Βυζαντίοις des Textes ist grammatisch unmög lieh und scheint zum besseren Verständnis später eingefügt*. Die Epitome, die oft besser ist als die Handschriften (Kaibel Praef. XIV; s. o. Bd.II S.2027), hat richtig: Λέων δ' ὁ Βυζ. παχὺς ὧν τὸ σώμα τοῖς πολίταις ποτὲ στασιάζουσι πρὸς
50 ἄλληλους usw. So läßt sich vermuten, daß der Text ursprünglich lautete: Λέων ὁ Βυζ. ὡς Λέων Ἰστορεὶ ὁ πολίτης αὐτὸν. Das auffällige doppelte L. hat dann vielleicht der obige Uberarbeiter, der Βυζαντίοις eingefügte, abgeändert, weil er es für einen Schreibfehler hielt. Ist das richtig, dann ergibt sich eine neue Schwierigkeit. Wir haben nunmehr eine dritte Variante. Die Geschichte spielt jetzt deutlich in Byzanz (Anrede: ω πολῖται). Welche die ursprüngliche ist, wird sich 60 kaum entscheiden lassen.
Für die Kleinheit spricht auch die Pasiadas-anekdote (Plut. eonv. II 1, 9; de util. inimic 5, 88f.). Man kann bloß an Kleinheit denken, wenn Pasiadas sagt, daß ὀφθαλμισθήναι δὶ αὐτοῦ τοὺς ὄφθαλμους. Im übrigen haben wir gerade hier ein gutes Beispiel, wie solche Anekdoten sich ändern konnten. De inimic. utilit. ist Pasiadas, wenn auch der Name nicht genannt ist, selbst [2011] 2011
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κυρτός, nicht wie conv. II 1, 9, sein Sohn, uridL. hat schwache Augen (λοιδορηθείς eis τὴν τῶν ὀμμάτων ἀσθένειαν). Wir können aus solchen Anekdoten für die genannten Personen wenig lernen, sie wurden von Hand zu Hand gegeben und änderten sich dabei oft von Grund aus. Die historischen Vorgänge waren zum mindesten Nebensache. Das zeigt auch die Anekdote mit Philipp (Philostr. de vit. soph. I 2). Als Philipp vor Byzanz zieht, geht ihm L. entgegen, und durch die Frage, was er suche, und L.s schlagfertige Antwort sieht sich Philipp durchschaut und zieht ab. Wichtig für den Sinn der Anekdote ist der Schlußsatz: καὶ ἠλευθεροότο τὸ Βυζ. Δημοσθένους μὲν πολλὰ πρὸς Ἀθηναίους εἰπόντος, Ἀέοντος δ’ ὀλίγα πρὸς αὐτὸν Φιλ. Danach hätte Philipp die Stadt gar nicht belagert. Tatsächlich aber hat er Byzanz scharf zugesetzt und soll es fast genommen haben. Man könnte die Anekdote vor die Belagerung vor Perinth legen. Aber ich glaube, man verkennt damit den Sinn der Erzählung mit ihrer Unbekümmertheit um geschichtliche Tatsachen. Wegen der Pointe wird die Belagerung einfach ignoriert.
Nicht viel mehr Wert haben die Einzelheiten über die Belagerung bei Hesyeh. Mil. de orig. Konst. 26 u. a. Diese gehen wohl zum größten Teil auf aitiologische Sagen zurück, die ih Byzanz umliefen: Seeschlacht bei θερμημερία (Dion. Byz. Geogr. min. II 50) Τυμβοσύνη und 'Ἐκάτη λαμπαδηφόρος oder φώσφορος; vgl. Steph. Byz. s. Βοσπόρος, wo durch die Erscheinung der Hekate auch der Name des Hafens als Verstümmelung (παραγραμματίζοντες) aus Φωσφόρων erklärt wird, vgl. Eustath. comment. 143: παρὰ γραμματισμον ἡ μάλλον κατὰ τὴν παρὰ τοῖς ἠήτορσι λεγομένην παραφθοράν. Dionys. Byz. (ed. Wescher) kennt noch eine Ἄρτεμις φώσφορος und ihr τέμενος am Strande. Sie beschwichtigte Winde (S. 15 XXXVI). Φώσφορος und Βοσπόρος sind die ins Griechische übernommenen Formen eines und desselben thrakischen Namens (s. o. Bd. III S. 741f.), den man durch verschiedene aitiologische Sagen zu erklären suchte.
Außer der staatsmännischen Tätigkeit berichtet Suidas von einer· ausgedehnten Schriftstellerei: Die Titel lassen bis auf einen (Περὶ ἀτάσεων) auf historischen Inhalt schließen. Περὶ στάσεων wird auch als Werk des Rhetors L. von Alabanda genannt (Suid. s. Leon) und paßt gut zu der τέχνη ρητορική dieses Mannes. Auch unter den historischen Titeln kann keiner von unserem L. stammen, denn τὰ κατ’ Ἀλέξανδρον bezieht sich doch wohl auf Alexander d. Gr., dessen Regierungsantritt L. nicht erlebte. Ἰερὸς πόλεμος, auch als Titel des L. von Alabanda genannt (Snid.), bezieht sich doch wohl auf den Krieg gegen Amphissa, schließt sich also unmittelbar an τὰ κατὰ Φίλιππον καὶ τὸ Βυζάντιον an. Auch diese Werke kann unser L., selbst । wenn man seinen Tod möglichst an Philipps Ermordung heranrückt, kaum geschrieben haben. Dagegen ergibt sich so eine zusammenhängende Geschichte von 341 bis Alexander einschließlich, die doch wohl von einem Manne herrühren wird. Da byzantinische Geschichte besonders betont war, möchte man als Verfasser an einen anderen L. von Byzanz denken und das Werk nicht dem [2012] Leon
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L. von Alabanda zuweisen. Diese Vermutung gewinnt durch die oben erwähnte Stelle aus Athen. XII 550 F ὡς Ἀέων Ἰστορεὶ ὁ πολίτης ἀώτου eine Stütze. Der noch genannte Titel περὶ Βησάλου ist verstümmelt. Wiederherstellungs-versuche: Bernhardy περὶ Βηρηοιάδου, König von Pontus (ed. p. 530). Müller (FUG II 328S.) περὶ ΒησαΙου, de oraculo Besäe, deae Aegyptiae, quae urbe Besäe colebatur, sind unbefriedigend. 10 Auch über das T εὐφραντικόν läßt sich nicht viel sagen, als daß schon der Titel auffällig ist. Vielleicht spielte darin Teuthras, ein sagenhafter König von Mysien, eine Rolle. Dann paßt das Werk wegen der geographischen Zusammenhänge besser zu dem Rhetor L. von Alabanda. Weiter hat man in dem L. Akademikos, dem Ni-kias von Nikaia den unter Platons Namen umgehenden Dialog Ἀλκνῶν zuweist (Athen. XI 506, vgl. Diog. Laert. III 37), unseren L. vermutet. 20 Das ist bedeutungslos, wenn der dort genannte Dialog mit der bei Lukian überlieferten Ἀλκνῶν ἡ περὶ τῆς μεταμορφώσεως identisch ist. Nach Brinkmann De dialogis Platoni falso addic-tis (Dies. Bonn 1891) ist das Werkchen im 2. Jhdt. v. Chr. unter stoischem Einfluß entstanden. So bleibt von einer schriftstellerischen Tätigkeit des Staatsmannes L. von Byzanz nichts übrig. Vielmehr haben wir vermutungsweise