Zum Inhalt springen

RE:Leonidas 14

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
von Tarent Dichter
Band XII,2 (1925) S. 20212031
Bildergalerie im Original
Register XII,2 Register l
Linkvorlage für WP   
* {{RE|XII,2|2021|2031|Leonidas 14|[[REAutor]]|RE:Leonidas 14}}        

14) Leonidas von Tarent. Literatur: Ausgaben: Meineke Delectus poetarum Antholo-giae graecae cum adnotatione critica. Berol. 1842. Geffcken Jahrb. f. Philol. Suppl. XXIII (mit Kommentar). Veniero I poeti dell’ antologia Palatina secolo III a. O. 1905 p. 133–232 (mit Übersetzung und Kommentar). Neue Ausgabe und Erklärung einer Reihe von Epigrammen: Geffcken Griech. Epigramme 117–124. Gesamtdarstellungen oder Beiträge zur Kenntnis des Dichters: Susemihl Gesch. der griech. Literatur in der Alexandrinerzeit II 534–537. Reitzenstein Epigramm und Skolion 133, 1. 137, 1. 144ff. 151, 1. 154f. u. ö.; o. Bd. VI S. 86–88. Knaack o. Bd. III 8.1005. Legrand Bev. des et. anc. 1900, 102–106. Radinger Rh. Mus. LVni 296ff. Bertram Die Timonlegende 28. v. Wilamowitz Die Textgesch. der griech. Bukoliker, Philol. Unters. XVIII U3ff.; Sappho und Simonides 103f. Gerhard Phoinix von Kolophon 101. 136, 1. 144. 146. 159. 178, 5. 190, 3 u. ö.; o. Bd. IX S. 670f. Geffcken Kynika und Verwandtes 10–18; Ilb. Jahrb. XXXIX 107–109. Bunsmann De piscatorum in Graecorum atque Romanorum lit-tcris usu 6. 18. 21. 23. 31 u. ö. Rasche De Anthologiae graecae epigrammatis quae colloquii formam habentl. 15f. Pohlenzin Χάριτες für F. Leo 79–84. v. Prittwitz-Gaffron Das Sprichwort im griech. Epigramm 26. Hansen [2022] Leonidas}}

2022

De Leonida Tarentino. 1914. Fränkel De Simia Rhodio. 1915, 96. Sitzlor Jahresber. 1919, 183–185. – Mouquets Übersetzung (Lille 1906) hat keine Bedeutung. – L.’ Gedichte sind uns mit ganz wenigen Ausnahmen nur in der Anthologia Palatina bezw. Planudea erhalten. Ich habe in meinem Buche Über L. 7–13 eingehend über den Besitz des Dichters gehandelt und nenne im folgenden die Gedichte, die mei-10 nes Erachtens ihm unzweifelhaft zuzuweisen sind }}:

Anth. Pal. V 187 (bestritten von Reitzenstein Epigr. u. Skol. 100. 153, 1; o. Bd. VI S. 88, von Stadtmüller ed. Anthol. gr. praef. XX.}}

XXVII, Radinger Philol. LIV 307). 205. VI 4.

13. 35.110. 120.129. 131. 154. 188. 200 (Stadtmüller ebd. sucht durch Änderungen Isopsephie herzustellen und das Epigramm dann dem L. von Alexandrien zuzuweisen, s. dagegen Radinger 296f.). 202. 204. 205. 211. 221. 226. 262 20 263. 281. 286. 288. 289. 293. 296. 298. 300.}}

302. 305. 309. 334. 355. VII 13. 19. 67. 163. 198. 264. 266. 273. 283. 295. 316. 408. 422 440. 448 (Stadtmüller denkt an Antipater von Sidon). 449. 452. 455. 463.466.472. 472 b 478. 480. 503. 504. 506. 648. 652. 654–657. 665. 719. 726. 731. 736. 740. XI 24. 25. 99.}}

179 (von Stadtmüller unter Zustimmung von Badinger 296. 302 durch Eingriffe in den Text isopsephisch gemacht und für L. von Ale-30 xandrien beansprucht). 316. 318. 320. 322. 326.}}

335. 337. 563. 719. 744. X 1. XVI (= Planu des) 171 (von Badinger 298 mit Becht L. Tar. zugewiesen). 182. 190. 206. 230. 236. 261. 306. 307. Dazu kommt noch ein kurzer Iambus aus Stobaios V p. 1081, 3 H. Diese nicht geringe Menge von Gedichten hat dann noch eine keineswegs bedeutsame Erweiterung durch Oxyrhynch. pap. IV 64ff. nr. 662 erfahren, wo neben einem uns schon bekannten Epigramm des L. VII 163 40 und seiner Nachahmung durch Antipater Sido}}

nius VII 164 zwei Gedichte des uns bis dahin noch unbekannten Epigrammatikers Amyntas stehen (das erstere ist eine Nachahmung des Antipaier) und ein Epigramm des L. folgt, das nach der für ihn charakteristischen Weise Pan und die Nymphen durch einen Jaeger Glenis beschenken läßt Daran schließt sich eine Variation desselben Themas von Antipater, und zuletzt haben wir noch diese Reste}}: Ἀ[εω]νί[δ]ου, 50 darunter δρνμνονομου (δρυμονόμουθ). – Auszu*

scheiden sind als sicher von L. nicht verfaßt Anth. Pal. VI 44, das als}} ἄδηλον galt und nur vermutungsweise dem Tarentiner zugeschrieben ward.

VII 35, dessen erster Vers sich auf einer Inschrift gefunden hat (Mordtmann Athen. Mitt V 83; freilich läßt Kaibel diese ans L schöpfen, Herm. XV 456, aber die Bezeugung des Namens scheint auch sonst nicht über jeden Zweifel erhaben: vgl. Stadtmüllers Ausgabe}});

60 VII 173, dessen Lemma Λιοτίμον, ol δὲ Λεεονίδσν lautet; wieder hat Stadtmüller solange am Texte herumgeschnitzelt, bis Isopsephie entstand. Ferner ist es ausgeschlossen, daß VII 715, wo der Dichter von seinem der Heimat fernen Grabe redet, dem Tarentiner angehört, ebenso kann die zwischen L. und Theokrit strittige Reihe VII 658–664 nicht von jenem beansprucht werden; vgl. mein Buch über L. lOf. v. Wil am o* [2023] 2023

Leonidas

witz Die Textgesch. der griech. Bukoliker 114, wo mit Recht betont wird, daß keines dieser Gedichte die ,bombastische Gedankenleere¹ des Tarentiners zeige. Dementsprechend finden wir die Reihe auch in v. Wilamowitz Ausgabe der Bucolici graeci als nr. XV. VII. IX. XI. XVI. XX. XXI vertreten, und der von Hansen 66ö. für VII 662 unternommene Rettungsversuch ist meines Erachtens mißglückt. Ob endlich Kaibel 1103. ein Distichenpaar, das unter einem den Kampf zwischen Pan und Eros darstellenden pompeianischen Gemälde steht, für leonideisch zu halten ist, bleibt ganz unsicher (vgl. meine griechischen Epigramme S. 124).

Über das Leben des L. geben seine Gedichte und das oben genannte Epigramm der Anth. Pal. VII 715 einiges aus. Der Dichter feiert VI 334, in einem Epigramm, dessen nicht epi-deiktisches Wesen Hansen 8 mit Recht gegen mich betont, den Aiakiden Neoptolemos, der vor dem Jahre 294 von Pyrrhos ermordet ward; VI 129. 131 fällt vor das Jahr 281, in dem die Tarentiner sich mit den Lukanern gegen Rom verbündeten (Niese Gesch. d. griech. und makedonischen Staaten II 29), IX 25, auf Aratos, ist wohl nach 276 (vgl. mein öfters genanntes Buch 80 und Hansen 9) verfaßt worden. L. erzählt uns ferner von seinem Wanderleben und seiner Armut, die er zuweilen wohl schwer genug empfindet (VI 300; vgl. VII 736. VI 302); nach VII 715 ist er, wie schon gesagt, fern von seiner Heimat gestorben. Daß er Kyniker gewesen, glaube ich trotz seiner Anlehnung an ein kyni-sches Motiv (VI 302) und eines Gedichtes auf Diogenes (VII 67) nicht mehr; dagegen spricht sein Spott auf einen unflätigen Anhäpger der Sekte (VI 293. 298) und nicht unmittelbar dafür sein Trost Über die Armut (VII 736) wie seine Aufforderung zum einfachen Leben (VII 472, 14): vgl. Pohlenz 81. Hansen 20ff.

Obwohl sich frühere Gedichte des L. und solche seines Alters (vgl. VI 302, 3) scheiden lassen, bliebe es eine müßige Konstruktion, etwa einen Entwicklungsgang des Poeten entwerfen zu wollen. Es empfiehlt sich vielmehr, ihn, soweit es geht, gleich als ganze Persönlichkeit zu erfassen und ihm auf die verschiedenen Gebiete, die er betreten hat, zu folgen; eine kurze Charakteristik des Dichters, an der ich in der Hauptsache festhalten möchte, habe ich in Ilb. Jahrb. XXXIX 107f. gegeben. – L. war früheren Generationen wesentlich als der Dichter der kleinen Leute, der Bauern, Fischer, Handwerker u. a., bekannt, in deren Auftrag der Vielgewanderte, wie man annahm, Weih- und Grabgedichte gemacht haben sollte. Aber diese Charakteristik ist z. T. sehr schief, z. T. viel zu allgemein; gründlichere Forschung hat seinen Epigrammen weit individuellere Seiten abgewonnen. Diese nun kennen zu lernen, wird uns zunächst eine Betrachtung seiner Muster helfen, die er freilich nur in wenigen Fällen wirklich nachgeahmt, sondern zumeist erweitert und häufig aufs freieste ausgestaltet hat. – Mit Recht hat zuerst Reitzenstein Epigr. u. Skol. 123ff. (vgl. o. Bd. VI S. 84ff. und auch Knaack a. a. O.) innerhalb der älteren hellenistischen Epigrammatik eine peloponnesische Schule, gebildet von Anyte [2024] Leonidas

2024

von Tegea und ihren Schülern Mnasalkas und Nikias, anerkannt; zu Anyte stimmen auch Moiro von Byzanz und Simias von Rhodos. Der Einfluß der Tegeatin ist nun bei L. unverkennbar; sein bukolisches Epigramm IX 326, natürlich ein Stück reinster Literatur, ohne jeden praktischen Zweck, eine angebliche Widmung des erquickten Wanderers Aristokles an die Nymphen, verbunden mit einer Anrede an das Wasser und die

10 Felsen, entspricht durchaus dem anyteischen Gedicht Plan. 291, an Moiro VI 189 klingt L. IX 329 (vgl. besonders den Anfang beider Gedichte) deutlich an, und wenn die arkadische Poetin den Pan zum ermüdeten Wanderer reden läßt: IX 313. Plan. 228, so ist L. Plan. 230 wie IX 316. 337 von gleichem oder ähnlichem Charakter. Dasselbe gilt aber auch für L. X 1, ein Epigramm, aus dem Cicero und Atticus zitieren (ad Att. IX 7, 5 X 2, 1. IX 18, 3),

20 eine Weiterbildung von Anyte IX 144. In der Tat ist die ganze Bukolik des L., d. h. Plan. 190. 261. 236 (vgl. zu diesen letzten beiden Gedichten auch Nikias, Plan. 188). VI 13. 35. 110. 154. 188. 221. 262f. 334. VII 657. IX 318. 744 von Anyte und ihrem Gefolge mehr oder minder unmittelbar abhängig, und ganz besonders gilt dies auch von dem Motiv der toten Cicade: Anyte VII 190 (auch das Lemma Ἄνντης, οἱ θὲ Λεωνίδαν deutet dies Verhältnis an) und L. VII

30198. Aber L. ist, wie bemerkt, weder hier noch sonst ein Kopist. Er hat stark ausgreifende Erweiterungen vorgenommen. Er läßt in Benutzung eines Motivs, das er Kallimachos ep. 12 (vgl. auch Asklepiades VII 500. Nossis 718) entnommen haben mag, den Feigenbaum seinem Herrn eine Bestellung zukommen (IX 563), läßt Hennes eine reinliche Scheidung der für ihn und Herakles bestimmten Gaben beanspruchen (IX 316). den toten Hirten das Verlangen aussprechen,

40 daß bukolisches Leben stets sein Grab umgeben möge: VII 657; er berichtet VI 221 eine vielleicht der Wirklichkeit nacherzählte Geschichte von einem Löwen, der vor einem Unwetter Schutz bei den Hürden gesucht habe, und vor allem zeigt seine Bukolik die ihm so ganz besonders eigene, zu unerfreulicher Manier ausartende Symmetrie. Da haben wir den Weihenden, der dem Pan, Dionysos und den Nymphen je ihre besonderen Gaben widmet und dafür dann die dem

50 Ressort der einzelnen Gottheiten entsprechenden Gegenleistungen erwartet (VI 154), oder, ebenso säuberlich geschieden, die Widmung dreier Brüder, eines Vogelfängers, Jaegers, Fischers an Pan in gleicher Aufreihung der erwarteten Gottesgaben (VI 13); da zeigt sich die für den Tarentiner nicht minder charakteristische massenhafte Häufung der einzelnen Weihstücke (VI 35. 296), und da mischt sich endlich auch die bekannte Rührung des Dichters über den kleinen Mann, 60 der von seinem geringen Besitze ein Hennesbild stiftet, ein: IX 335. Von hier führt uns kein weiter Schritt einerseits zu der armen Mutter, die ein billiges Bild ihres Söhnchens dem Bakchos stiftet (VI 355). und der Kurzelegie auf den achtzigjährigen Kleinbauern Kleiton (VI 226). andererseits zu den zahlreichen Gedichten auf andere Stände des arbeitenden Volkes, auf Fischer (VI 4. VII 295. 504. 506), Handwerker (VI 205), [2025] 2025

Leonidas

Flötenspielerinnen, Weberinnen und Spinnerinnen (V 205. VI 288. 289. 286): Epigramme, die mit -einer lastenden Fülle von Beiwörtern auf die Weihenden und ihre Weihestücke, welch letztere sich fast persönlich auswachsen (VI 205, 6. 289, 6. V 205, 5f.), ausgestattet sind. Auch hier tritt eine starke Erweiterung eines schon vorhandenen Literaturgenres hervor; denn Weihungen des Handwerkszeuges finden wir schon bei Lyko-phronides (frg. 2; vgl. Reitzenstein o. Bd. VI S. 87). wie bei Theokrit (ep. 2), beidemal also in bukolischer oder bukolisierender Dichtung. So will denn L. wie fast die ganze Dichtung und auch Kunst seiner Zeit so recht den menschlichen βίος bis in seine tiefsten Schichten zur Darstellung bringen, und wie er (s. o.) das Abenteuer der Hirten mit dem Löwen schildert, so berichtet er auch von merkwürdigen, sicher nicht erfundenen Todesarten zweier Fischer (VII 504. 506). Den Eindruck dieser Volkstümlichkeit zu vermehren, hat er nicht ganz ungeeignete Mittel gebraucht – wie hätte man sonst früher in ihm einen wirklichen Volksdichter erkennen können? – er läßt in einem Grabgedichte die ehrsame Fischerzunft selbst sprechen (VII 295, 10) und verwendet die auf den Grabsteinen schon seit längerer Zeit übliche Form des Wechselgesprächs, um diesem dann nach seiner Weise eine symmetrische, für spätere Zeiten (s. u.) maßgebende Gestalt (VII 503. 163) zu verleihen. Aber alle seine Künste lassen ihn, der das arbeitende Volk nie mit dem ungetrübten Auge des wahren Dichters angesehen, nie an ihm das derbe Gefallen des Naturalisten gefunden hat, weder die Plastik eines Theokrit noch die grobschlächtige Wahrheit eines Herodas erreichen. – Starke Einwirkung hat auf L. auch Kallimachos geäußert, dessen Bedeutung für den Tarentiner Hansen 14ff. (vgl. dagegen Sitzler 183f.) mit Unrecht leugnet. Denn wenn auch das feine kalli-macheische Epigramm einer Wöchnerin (53 Wilam.) nicht notwendig für L. VI 200. 202 vorbildlich gewesen sein muß, sondern hier auch wieder für Nikias (VI 270) Raum bleibt, so läßt sich doch sonst die Einwirkung des Kyrcnäers mit Händen greifen. Die Widmung der Hetäre an Aphrodite bei diesem (ep. 38) hat ihr Analogon in L.’ Iambus VI 211, die Warnung des Seefahrers (Kall. ep. 18, 5f.) in VII 665, und die ganze Behandlung dos Motivs vom Kenotaph zeigt bei beiden Dichtern große Ähnlichkeit*), so zwar, daß dabei wieder deutlich die Erweiterung hervortritt, die L. jedesmal dem Überkommenen zuteil werden läßt (Kall. ep. 18, 3f. χω μὲν ἐν ὕγρηι · νεκρός, ἐγω δ' ἄλλως οὐνομὰ τύμβον ἔχων', vgl. 17, 3 νῦν δ' δ μὲν εἰν ἀλὶ π ὅν φέρεται νέχυς.. .: L. VII 652, ὁ χω μὲν που κανηξιν ἡ ἰχθνβόροις λαρίδεσσι | θεβρήνητ ἄπνους εὐρεὶ ἐν αἰγιαλωί, Τιμάρης Ôè κενὸν τέκνου κεκλανμένον ἀβρῶν; τύμβον...). Vor allem aber hätte man nicht die durchaus eindeutige Verbindung zwischen den Epigrammen beider Dichter auf Aratos leugnen sollen (Kall. 27. L. IX 25), von denen L. seinem Gedicht zwar eine andere Pointe gibt, [2026] Leonidas

2026

ohne doch verbergen zu können, daß er gerade ein Hauptcharakteristikum der arateischen Dichtung, den Hinweis auf die mühevolle Arbeit, dem Kallimachos entnommen hat – eine Tatsache, lie übrigens schon lange feststehen dürfte (vgl. meinen Kommentar 80). Ebenso kann es nicht zweifelhaft sein, daß Kallimachos’ Epigramm auf Timon (4) eine Weiterbildung durch L. VII 316 (vgl. auch Hegesippos VII 320. Bertram 10 a. a. O. 24f.) erfahren hat, der daraus dann

wieder ein Epitymbion auf den bösen Hipponax (VII 408) zu entwickeln verstanden hat. – Lehren nun die bisher betrachteten Fälle, daß L. in der Regel nur ein Motiv aufgreift, um dieses dann auf seine Weise zu gestalten, wie er denn aus dem Bilde der alten Hekale seine Kurzelegie von der armen, aber fleißigen, zur Arbeit singenden Platthis (VII 726; vgl. auch 736 und dazu Pohlenz a. a. O. 84) herausge-20 spönnen zu haben scheint, so darf man auch

unter einer gewissen Zurückhaltung von einem Zusammenhänge zwischen L. und Asklepiades reden. Denn wenn auch der leichtblütige, geniale Samier, dessen ionische Lebensfülle uns manchmal an Bérangers gaîté gauloise erinnern will, durch nichts mit dem bombastischen und zuweilen recht hölzernen Dorier verbunden scheint, so geben doch Gedichte wie IX 752 (das Lemma ὑσχίθίβίον, τινες δὲ Ἀντιπάτρου θεσσαλονιχέως 30 bildet bei der geringen Bedeutung aller in der

Anth. Pal. an zweiter Stolle genannten Autorennamen keinen Gegengrund; Planudes ἌσκληπιΑδου will freilich nicht allzuviel besagen) und L. IX 179 zu denken: bei jenem haben wir die sonderbare Konstruktion eines Bildes der Μεθή aus Amethyst, bei diesem den Eros aus Weihrauchholz. Ferner hat doch unseres Wissens Asklepiades zum erstenmale Epigramme auf Bücher geschaffen (VII 11. IX 63), und wenn er im 40 ersteren Gedichte v. 1 Ο γλυκυς ἬρΙννης οὐτος

πόνος sagt, so ist das die Form des leonideischen Γράμμα τόδ' Ἀρήτοιο (IX 25, 1). Auch der Hinweis des Asklepiades auf Erinnas nur allzu kurzes Leben hat durch L. wieder Erbreiterung erfahren, indem der Tarentiner in feiner Weise ein Wort der Dichterin aus einem uns noch erhaltenen Epigramm (VII 712, 3) auf eine früh verblichene Freundin in seinem Epitymbion auf jene verwertet (VII 13); vergessen wir dabei 50nicht, daß auch Asklepiades wohl einmal ein

Zitat aus älterer Dichtung (Alkaios frg. 41) anklingen ließ (XII 50, 5). Und eine entfernte Ähnlichkeit hat auch die Anrede des Toten an das Meer, das ihm fernbleiben solle (VII 283), mit Asklepiades' Epigramm VII 284. – Erinna hatte, wie wir soeben gesehen, auf ihre Freundin ein Doppelgedicht verfaßt (VII 710. 712), dessen je vier Distichen nach v. Wilamowitz Sappho und Simonides 229 auf zwei von einer Sirene 60 gekrönten Pfeilern standen, und das Buchepigramm schon des 4. Jhdts. wie dann eines Simias (Simonides frg. 183. 184. Simias: Anth. Pal. VII 21. 22) hatte diesen Vorgang nachgeahmt (v. Wilamowitz 223ff.). L. entwickelt daraus nun die bewußte Variation und Selbstwiederholung auf dem Gebiete des Epitymbions. wie uns VII 448. 449 sowie 266. 264 und auch 478. 480 zeigen. Aber damit nicht genug. Das- [2027] 2027

Leonidas

selbe gilt auch für Plan. 171, das von IX 320 erweitert wird; zweimal behandelt ferner L. die Person des in den Ruhestand tretenden alten Tischlers (VI 204. 205), zweimal, mit verschiedenen Waffen, greift er den Kyniker Sochares an (VI 293. 298), und den Gedanken vom kleinen Grabmal und der Torheit einer prächtigen Ruhestätte wendet er mehrfach hin und her (VI 655. 656. 740). Überhaupt aber wird mit großer Gründlichkeit das literarische Genre geradezu erschöpft. Namentlich gilt dies vom Epitymbion, doch auch vom Weihegedicht. Da stehen Epigramme auf literarische Größen (VII 19. 408. 719, das, an sich recht einfach, sich doch mit dem neuen Worte γελοιομελεῖν putzt), da eine Gnome (VII 472 b), die Grabschrift konstruiert, sowie das Weihegedicht merkwürdige Erlebnisse fixiert (s. o.), schreckliche Fälle des Daseins: vier Töchter eines Vaters, alle durch Geburtswehen fortgerafft (VII 463). Die Grabschrift bleibt somit, obwohl ein Stück wie VII 440 auf den liebenswürdigen Aristokrates, das ähnlich wie das nicht epideiktische VI 334 einem persönlich empfundenen Gefühle Ausdruck zu geben scheint, wohl auf dem Steine gestanden haben kann, reine Buchepigrammatik, von deren Form auch das Spottgedicht (VII 455, dessen v. 4 vielleicht eine Anlehnung an Ps.-Simonides frg. 184, 5f. ist; VII 422) Gebrauch macht, wie dasselbe sich auch des Anathematikons bedient (VI 293. 298. 305). So sprengt denn ebenso wie bei Kallimachos das Epigramm seine alte, schon früher zuweilen nur mühsam beibehaltene Form der Aufschrift; Gedichte wie VII 657. 466 sind keine Epitymbien, auch selbst nicht der Buchepigrammatik, mehr, sondern Elegien; VI 300 ist ein Selbstgeständnis des Dichters, kein wirkliches Weihegedicht, VI 281, ebenfalls eine Kurzelegie, ein Gebet zu Kybele für Aristodike (vgl, zum Übergang des Weiheepigramms zum Gebet Reitzenstein o. Bd. VI S. 102). Und so entwickelt sich auch bei L. das Wesen dessen, was die Spätzeit ausschließlich unter einem ,Epigramm* verstand, der Begriff, den wir Modernen. geleitet von französischen und deutschen Dichtem des 18. Jhdts.,*damit verbunden haben. Das literarische Epigramm wird völlig frei (IX 24 auf Homer), das Epigramm auf Kunstwerke (s. u.) zielt nur auf eine scharfe Pointe ab (Plan. 171. IX 320. 719. Plan. 206). Es werden ganz bestimmte Situationen und Rollen fingiert: der Dichter steht vor dem offenen Grabe (VII 478), oder der Tote, dessen Gebeine bloßliegen – eine Dublette dieses Vorwurfs – redet selbst (480), die Cicade (VI 120), der Feigenbaum spricht (IX 563), und IX 99 haben wir gar schon eine Fabel (= Ovid. fast. I 353ff.). – Überliefert war, wie wir soeben gesehen, auch schon das Genre der Epigramme auf Kunstwerke. Es ist kein Wunder, daß im Zeitalter des Herodas ein L. auch Lesern Stoffe seine besondere Aufmerksamkeit zuwandte. Es geschieht dies, wo es sich nicht wieder nur um eine Pointe handelt, durchaus im Stile der rhetorischen ἔκφρααις. Plan. 182. 307. Aber auch sonst fahrt L. im Fahrwasser der Rhetorik, wenn er IX 322 Ares über seinen mit Paradewaffen ausgeschmückten Tempel schelten läßt und dem Kyniker Diogenes [2028] Leonidas

2028

Worte an Charon in den Mund legt (VII 67): das ist nichts weiter, als die Antwort auf die Themenstellung: τίνας ἄν εἰποὶ λόγους ... Dazu gesellt sich dann, gemäß dem Interesse der Zeit für Anekdoten, witzige oder frappierende Aussprüche die Behandlung der Χρεία. So wird eine Geschichte, die man von Diogenes erzählte (Plut. quom. qu. suos in virt. sent. prof. 77 e. Aelian. var. hist. XIII 26; vgl. meinen Kommentar 10 126‘), zu einem persönlichen Erlebnisse und zu eigener Äußerung des Dichters selbst umgebogen (VI 302), so hören wir VII 731 die Worte eines Greises, der im Lebensüberdruß Hand an sich selbst legt, und VII 648 sagt uns der Dichter, warum Aristokrates trotz seiner Erkenntnis von den Vorzügen der Kindererzeugung doch nicht habe heiraten wollen: eine Geschichte, die uns entfernt an philosophische Abhandlungen der Zeit, ob der Weise sich vermählen solle, erinnert.

20Die Popularphilosophie spielt überhaupt bei dem Tarentiner eine gewisse Rolle; es ist lange bekannt, daß der paränetische Iambus des L. bei Stobaios flor. 120, 9 einen Ausspruch des Bion wiedergibt (vgl. Hense Teletis reliqu. LIX), und die paränetische Elegie VII 472, ein Gedicht, -das man jetzt wohl nicht mehr in einzelne ,Epigramme' auflösen wird, predigt den Vorzug des einfachen Lebens, da alles Hinausstreben aus den engen Schranken seiner Kraft 30 dem Menschen ja doch nichts nütze. Und so kann meines Erachtens auch der Wandertrost, den L. allem Anschein nach sich selbst spendet (VII 736), nur als Elegie verstanden werden. Der Unterschied zwischen Epigramm und Elegie ist ja durchaus flüssig (vgl. Reitzenstein o. Bd. VI S. 88), wie uns namentlich Kallimachos' meisterhaftes ep. 2 zeigt, das nie und nimmer eine, Aufschrift⁴ sein kann und nur von summarisch sammelnden Literaten in die Anthologie

40hineingestopft worden ist; zum Überflüsse hat ja auch L. VII 466, 6 (ὤχθος ἠελίου) ein Wort des Mimnermos (frg. 11, 5) sich zu eigen gemacht.

Auch das Spottgedicht, das schon lange vor L. existierte und im hellenistischen Zeitalter durch Hedylos und Poseidippos besondere Ausbildung fand, ist, wie bemerkt, bei L. mehrfach vertreten. Wir haben die beiden korrespondierenden Stücke auf den Kyniker Sochares VI 293. 298 schon kennen gelernt; ihnen reiht 50sich der Ausfall auf den Dichter Dorieus, der den gewaltigen Esser Milon besungen hatte (Athen. 412 f). an (VI 305), während die oben genannten Gedichte VII 455 und 422 mehr einen Typus verspotten und als παίγνία anzusprechen sind.

Der Wanderer L., der auf seine, übrigens keineswegs tiefsinnige Weise allerhand Fragen des Lebens in sich bewegte, der nach eigenem Geständnisse unter der Armut litt. ist kein großer Sympotiker noch eigentlicher Erotiker.

60 Reitzenstein hat meines Erachtens das sonst unverständliche, unter die Epitymbien geratene Gedicht VII 452 durch seine Verbesserung ω παρεόντες als kurzen Trinkspruch richtig interpretiert; aber derselbe scheint mir mit seiner Ächtung des erotischen Epigramms V 187 (Epigr.

und Skolion 153. 1; vgl. o. Bd. VI S. 88) zu irren. Das kleine Lied ist von kältester Epi-deiktik erfüllt und benutzt ältere Motive (vgl. [2029] 2029

Leonidas

meinen Kommentar 57ff.). Es klingt nach einer Verteidigung des Dichters, der sich mit einer sophistischen Reflexion seiner Gegner erwehrt, die seiner Dichtung den Mangel an Erotik vorgeworfen haben mochten. Ein rein sophistisches Spiel sind dann Plan. 171. IX 320 (o. S. 2027), ein Epigrammenpaar, das von dem Kriege der waffenlosen Aphrodite gegen die Menschen redet, vielleicht eine Umbildung des einfacheren Antimachos (IX 321), wenn diesem Lemma zu trauen ist. – Wir haben gesehen, wie stark der rhetorische Einschlag bei L. ist. Der Wahl der Themen entspricht die äußere Korm. Sehr häufig spielt der Dichter mit der Anaphora (VII 463, 2 aura viermal; VII 740, 3ff. 6 πριν viermal, danach Aposiopese; 19, 1f. 295, 1f. τὸν dreimal, vgl. über die Nachahmungen in der Folgezeit meinen Kommentar 65). VII 440, 3ff. ποίῖόνπολλοῦ; ἤιδει dreimal zu Anfang dreier Distichen; 466, 1. 7 d δείθ Ἀντίκλεις), und auch andere rhetorische Würze fehlt nicht (vgl. besonders VII 654, 2 Κρήτες - Κρητων y 4 Κρηταιεῖς Τιμόλντον, zum Schlüsse des v. 6 der Name noch einmal emphatisch wiederholt; VII 264, 2 spricht der Schiffbrüchige vom Hafen des Hades; VII 422 Häufung rhetorischer Fragen). Dazu tritt ergänzend die bereits oben berührte und von Hansen gut behandelte, dem L. eigene Neigung zu stark symmetrischem Aufbau seiner Gedichte. Schon ganz kurze Stücke zeigen diese Symmetrie: so zählt VI 129 in zwei Versen die Waffen beute auf, es folgt in v. 3 die Nennung des Volkes, dem sie abgenommen ist, wie der Gottheit, der sie bestimmt wird, in v. 4 der Name des Weihenden; VI 188 nennt in den zwei ersten Versen den Weihenden, die Gabe, den Gott, den Ort der Widmung, 3 und 4 enthalten die Bitte um Kricgs-glück, 5 um Jagderfolg, 6 wird beides nochmals zusammengefaßt. Und so begegnet Ähnliches noch oft (VII 652. 466. IX 322. 24. VI 293. 120. VII 657. VI154.13. 286.289. 296. VII 295).

über die Sprache des L. ein dem Dichter historisch gerechtes Urteil zu fällen, ist nicht ganz einfach. Reitzenstein hat den Wortschatz des Tarentiners zweimal behandelt (Epigr. u. Skol. 146, 1; o. Bd. VI S. 86f.) und dabei mit vollem Recht auf die Befolgung aristotelischer Vorschriften in der Umgestaltung der allgemein üblichen Wörter, z. B. ὠκήεις für ὠκύς, δουλιχόεις für δόλιχός (VI 4, 1. 205, 7) u. a. hingewiesen. Aber wenn er, falls ich ihn recht verstanden habe, den Einfluß des Dithyrambus auch auf LJ Redeweise betont, so möchte ich darin doch nur eine sehr mittelbare Wirkung erkennen. Denn was uns der Dithyrambus, also z. B. Timotheos lehrt, ist die Erkenntnis einer absichtlich sich verhüllenden, die einzelnen Begriffe mühsam erraten lassenden, ja gelegentlich schon zum γριφωδες sich steigernden Sprache (Beispiele bei v. Wilamowitz Timotheos die Perser 48ff.). L. aber trägt Sorge, daß wir seine Epitheta or-nantia, so kraus sie auch gebildet sind und so geschmacklos sie uns anmuten, eigentlich immer gleich verstehen, weil er eben fast nie durch das Epitheton den Begriff selbst umschreibt. Denn er vergißt nicht, wenn er vom ,glatten Fischer der Haare* reffet (VI 211. 4f.), binzuzu-fügen, daß er damit den Kamm meine, und eben· [2030] Leonidas

2080

so erfahren wir, daß der τθνας πρύτανη das Beil sei (VI 205, 6): wirkliche Rätsel gibt uns die Sprache dieses Dichters nicht auf, denn auch das kaum Übersetzbare ταχυχειλεῖζ αὐλούς (V 205, 3f.): die Flöten, über die die Lippen rasch hinweggleiten, bereitet dem Nachdenken ebensowenig Schwierigkeit wie die Benennung der Kessel als ,Kocher* (VI 305, 5), der Säge als ,Fässer* (VI 205, 2). Die Absicht ist natürlich klar, es herrscht 10 derselbe Drang wie in der ganzen gleichzeitigen Dichtung, um jeden Preis etwas Neues zu sagen. Aber der Mißgriff, gerade die Personen des arbeitenden Standes und namentlich ihr Handwerkszeug mit solch bombastischen Beiwörtern auszustatten, verrät stärkste Geschmacklosigkeit (über Einzelheiten der Wortbildung, besonders auch die mit φιλ und ευ gebildeten Zusammensetzungen vgl. meinen Kommentar 140f.). Ebenda 141ff. habe ich auch über die Metrik des Dichters 20gehandelt, Ausführungen, die Hansen 25ff. erweitert und durch eine Reihe wertvoller Beobachtungen über den Wortiktus und die Modulation (toculatio, wie er es nennt), sowie über die Alliteration verstärkt hat. Es leidet demnach keinen Zweifel, daß das 1. Meyersche Gesetz (der Trochaeus und der Daktylus im zweiten Fuße darf nicht durch den Schluß eines drei- oder mehrsilbigen, im ersten Fuße beginnenden Wortes gebildet werden) 5–6 mal aus lautlichen 30Gründen verletzt worden ist; öfter, 11 mal, ist das 2. Meyersche Gesetz (die männliche Zäsur im dritten Fuße darf nicht durch ein zweisilbiges iambisches Wort gebildet werden) unbeachtet geblieben, doch haben von diesen Fällen drei einen besonderen Anlaß; am strengsten hat der Tarentiner das dritte, weit allgemeiner gültige Gesetz (Verbot des Wortschlusses und männlicher Zäsur in dritter und vierter Hebung desselben Verses) befolgt Am Schlüsse des Pentameters 40 steht bei L. in Nachfolge des Kallimachos nie ein einsilbiges Wort. – Der Dichter liebt es ferner, den Hochton eines Wortes auch in der Wiederholung desselben festzuhalten: IX 32, 3f. ἄκλαοτοι μὲν κώνοι... ἀσηίόες ἄκλαστοι (vgl. VII 448, 1. 657, 11. 472, 1 u. a.; s. Hansen a. a. O. 41f.), und natürlich befleißigt er sich, nach echt alexandrinischer Sitte, des Homoioteleutons in den Pentameterhälften (Hansen 52f.), wie auch Beispiele der Alliteration, die man freilich nicht zu 50 sehr pressen darf, nicht fehlen (IX 337, 4 καὶ κυσὶ καὶ καλάμοιςθ vgl. Vïl 295, 1; s. Anyt VII 202, 1).

Kommen wir zu einem Gesamturteil. L. ist, wenn auch nicht im eigentlichen Sinne ein dichterischer Typus seiner Zeit, doch in mehrfacher Beziehung ein Träger ihrer Eigentümlichkeiten. Seine Vorliebe für die Gestalten des arbeitenden Volkes entspricht einem Wesenszuge der hellenistischen Dichtung und Kunst, und die eingehende 60 Aufzählung und Beschreibung des Handwerkszeuges erinnert an das ,Ausmalen des Milieus bis zum vollendeten Augentrug* (v. Salis Die Kunst der Griechen 242), die jenem in so besonderem Grade eignet. Aus dem Geiste ferner der von der Aufregung lebenden, nach dem Pikanten, dem Neuen verlangenden, pointensüchtigen Zeit des Hellenismus ist es, wenn L. so oft sensationelle Vorgänge des Lebens aufspürt und darstellt. [2031] 2031

Leonidas

wenn er Bonmots witziger Köpfe ausspinnt oder selbst Sentenzen prägt, wenn seine bombastische, vom Asianismus stark beeinflußte Rhetorik jene einfachen Erscheinungen des Volkslebens mit geschmacklosem Ritter behängt.

Gerade darum aber war der Einfluß des Tarentiners auf die poetische Nachwelt so gewaltig, ja, wir müssen sagen: so erschreckend groß. Ich habe darüber S. 146ff. meines öfters genannten Baches gehandelt, wo sich auch der Hinweis auf 1 die Illustration von VI 13 durch die hellenistische Kunst Pompeis findet (vgl. Kaibel 1104), und erspare es mir, alle jene hellenistischen Dichterlinge, die L.' Motive und Technik nachahmten und seinen ,hohlen Wortschaum* (v. Wilamowitz 55) sorgsam auffingen, noch einmal einzeln namhaft zu machen; es genüge darauf hinzuweisen, daß diese Nachahmung zwei Jahrhunderte hindurch sich verfolgen läßt, von Rhianos, Dios-korides und dem üblen Improvisator Antipatros 2 von Sidon bis zu den Dichtern des philippischen Kranzes reicht. Gerade unter diesen aber erhebt nun Lukillios durch seine belustigenden Parodien (VI 17, s. u. XI 194. VI 164. 166) Einspruch gegen die leonidoischc Manier. Mittlerweile aber hatten auch die Römer unter dem Einflüsse ihrer hellenistischen Zeitgenossen L. hie und da bei typischen Schilderungen verwertet (Propert. III 7, 7. 13, 43. Ovid. Trist. II 527. Vergil. Ecl. VII 29ff.). Bei solcher Beliebtheit wirkten seine Ma- 3( nier und seine Wortverbindungen auch auf die Praxis der Steine ein (Kaibel 247. IG XII 5, 307, 1. 10, vgl. L. VII 163. – Kaibel 298, 4, vgl. VII 740, 2, s. u. a. auch das samische Epigramm etwa vom J. 100 v. Chr., behandelt von v. Wilamowitz Abb. Akad. Berl. 1909, II 62f.). Neue Bedeutung gewann der Dichter nach längerer Vergessenheit – denn Palladas z. B. ignoriert ihn – erst wieder, als das griechische Epigramm unter lu-stinian zu einem kurzen Scheinleben erwachte: 4(] damals fanden auch L/ Motive und Stil aufs neue ein gewisses Interesse. So hat der Tarentiner éteen weit über seinen wirklichen Wert hinausgehenden Einfluß üben dürfen: ein Zeichen für den unhemmbaren Verfall des poetischen Wollens und Könnens tm hellenistischen und spätgriechischen Zeitalter.