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RE:Liber pater

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Altital. u. altröm. Gott
Band XIII,1 (1926) S. 6876
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Liber pater [...] [69] [70] [71] [72] [73] [74] [75] [76] Liber pater, Name meist so; Leiber Cista Praen. (Ephem. epigr. I 21), inschriftlich aus der Sabina (Jordan Anal, epigr. latina. Ind. lect. hib. Regiomont. 1886 p. 3L), aus Narona in Dalmatien (CIL III 1784[1] = I 1469, republ. Zeit) und aus Numidien (VIII 2632); Dat. Lebro in Pisaurum (CIL I 174,[2] republ. Zeit); osk. Gen. Luufreis aus dem Frentanerland (Zvetajeff Sylt I. O. 3); Loebasius angeblich sabinisch 10 (Serv. Georg. I 7); Loebesum angeblich altlat. Are. (Festus p. 121 M. s. v.); Libassius Liber pater (Corp. gloss. V 30, 9).

L. ist ein altitalischer und altrömischer Gott, der mit der Göttin Libéra zusammen eines der für die älteste römische Religion so charakteristischen Götterpaare bildet. Später wurde er dem griechischen Dionysos gleichgesetzt (s. u.) und ist völlig in ihm aufgegangen. Man hat deshalb seinen Namen als eine Übersetzung des diesem 20 hellenischen Gotte eigenen Beiwortes 'Ἐλευθέριος oder Λυνιό; verstehen wollen (Hehn KulturpfL u. Haust.⁵ 66. Grassmann Kuhns Ztschr. XVI 107. Gilbert Topogr. d. St. Rom. II 209f. Reitzenstein Epigr. u. Skolion 216). Aber diese Deutung scheitert an der Existenz des Liberalienfestes (am 17. März, s. u. Art. L i b e r a 1 i a), das bereits dem sogenannten Kalender des Numa angehört, also älter ist als die Einführung des Dionysoskults in Rom (so rich-30 tig W i s s o w a De feriis anni Rom. vetust. p. XI; Myth. Lex. II 2022; Rei. u. Kult. d. Röm.² 138). L. gehört somit in den Kreis der ältesten Götter Roms, unter denen ihn auch Lucilius nennt (frg. 8 Mx.).

Wie Quirinus aus einem Beiwort des Mars, so scheint L. aus einem Beinamen des Iuppiter entstanden zu sein. Bei den oskisch-sabellischen Stämmen ist der Kult des Iuppiter L. weit verbreitet. Wir finden ihn bei den Frentanern 40 (Z v e t a j e f f a. a. O.), bei den Vestinern (CIL IX 3513:[3] Tempelstatut aus Furfo), den Sabinern (Jordan a. a. O.) und in Capua (CIL X 3786).[4] In Rom kennen wir den verwandten Iuppiter Libertas (s. Aust Myth. Lex. II 662. W i s s o w a Rei.² 120), den der Arvalenkalender gelegentlich eines Opfers am 1. September als Iuppiter L. bezeichnet. Hier scheint sich der L.* pater schon früh vom Iuppiter L. Iosgelöst zu haben und hat mit seinem weiblichen Korrelat Libéra zusammen 50 schon in der ältesten Festtafel seinen eigenen Feiertag erhalten.

Iuppiter L. ist weder der Ζευς Ἐλευθέριος, wie das Monumentum Ancyranum (10. 11) den Namen wiedergibt, noch der Schutzherr des Weinbaus, was man nach der späteren Bedeutung des L. vermuten könnte, noch der Gott des befruchtenden Nasses, woran P r e u n e r (Hestia-Vesta 398) in zu engem Anschluß an das verwandte Verbum libare gedacht hat. Die Wurzel lib 60 (libare, λείβειν, λοιβή, liber, liberalis, die Formen von L. s. o.), von der der Gottesname tatsächlich abzuleiten ist, bezeichnet ursprünglich das Schöpferische und Spendefrohe, was in einer Reihe von Derivaten noch offen zutage liegt, Iuppiter L. und nach ihm L. ist also der Schöpfer und Spender, der große Naturgott, der alles irdische Leben mit Fruchtbarkeit begabt (Wis~ sowa Myth. Lex II 2023). [69] 69

Liber pater

Diese Auffassung des Gottes stimmt mit allem überein, was uns die Alten von der ursprünglichen Bedeutung und dem vorgriechischen Kult des L. berichten. Nach Varros Zeugnis (bei Aug. c. d. VII 21) war L. der Gott, der Vieh und Ackerflur mit Fruchtbarkeit segnete. Auch die Begattung der Menschen stand unter dem Schutze von L. und Libéra (Varro bei Aug. c. d. VI 9. Vgl. VII 2. III 16. IV 11). Mit dieser Seite des L. mag es Zusammenhängen, daß man den römischen Knaben gerade an den Liberalia das Männerkleid zu geben pflegte (s. den Art. Liberalia). Besonders klar wird der Charakter des Gottes aber durch die Nachrichten über den ihm geweihten Phalluskult, die uns derselbe Gewährsmann erhalten hat (bei Aug. c. d. VII 21). Dieser in allen Gauen Italiens verbreitete Kult war besonders ausgeprägt in Lavinium, wo ein ganzer Monat nach dem Gotte genannt war und mit Umzügen und derben Scherzen als Faschingsmonat gefeiert wurde. Der göttliche Phallus wurde dabei über die Feldflur und durch die Stadt gefahren. Den Abschluß und Höhepunkt der Feier bildete der Zug über den Markt mit der Bekränzung des heiligen Gliedes durch eine züchtige Matrone, der mit der Rückkehr des Heiligtums an seinen Ruheplatz endete. Dies Fest wurde pro eventu seminum gehalten, um die fascinatio, die Verzauberung, von den Feldern fernzuhalten. Man könnte dabei an eine Übertragung bekannter griechischer Bräuche denken. Aber auch für Rom ist ein bodenständiger Kult des fascinus bezeugt, den die aller modernen Religionsübung entzogenen Vestalinnen versahen (Plin. n. h. XXVIII 39, s. dazu W i s s o w a Myth. Ler. II 2023; Rei.² 299). Durch diese Nachrichten ist das vorgriechische Götterpaar L. und Libéra als Spender der animalischen und vegetativen Fruchtbarkeit im Sinne W i s s o w a s hinreichend gekennzeichnet. L. betreut dabei die männlichen Wesen, Libéra die weiblichen (Varro bei Aug. c. d. VI 9).

Wie bereits bemerkt, ist L. in späterer Zeit durch die Gleichsetzung mit dem griechischen Dionysos völlig hellenisiert worden. Nach der Stadtchronik (Dion. Hal. VI 17. 94, 3. Tac. ann. II 49. Vitruv. III 3. 5) gaben bei einer Hungersnot im J. 496 die Sibyllinischen Bücher den Bescheid, man solle die Göttertrias Demeter-Dionysos-Kore versöhnen. Der Dictator A. Postu-mius gelobte den Göttern einen Tempel, den der Consul Sp. Cassius im J. 493 geweiht hat. Das neue Haus der mit römischen Namen Ceres-L.-Libéra genannten Götter war ganz im tuscani-schen Stil gebaut, aber von zwei griechischen Künstlern, Damophilos und Gorgasos, mit Terra-cotten ausgeziert. Als Mutterheiligtum galt im 2. Jhdt. der Demetertempel von Enna in Sizilien (Cic. Verr. IV 108 = Val. Max. I 1, 1 = Lactant. inst. div. II 4. 29; vgl. Cic. Verr. V 187). Aber nach einem anderen Zeugnis Ciceros (Balb. –55 = Val. Max. I 1, 1) war Kampanien, wo griechischer Demeterkult (IG XIV 756a aus Neapel. CIL X 3685[5] aus Cumae) und italische Verehrung der Ceres und des L, (s. Nissen Pomp. Stud. 327S.) weit verbreitet waren, und wo sich vielleicht schon der Ausgleich zwischen den beiden Kreisen angebahnt hat, der unmittel- [70] Liber pater 70

bare Ausgangspunkt des neuen Gottesdienstes. Aus Neapel und Velia nahm man auch mit Vorliebe die sacerdotes publicae Cereris, die in dem neuen Tempel den Mysteriendienst versahen (Cic. Balb. 55). Es handelt sich demnach um einen Kult der kampanischen Griechen, der auf Grund der aus demselben Kreise stammenden Sibyllinischen Bücher nach Rom übertragen wurde (s. W i s s o w a Rei.² 298).

10 Das neue Gotteshaus wurde deshalb altem Brauche gemäß extra pomérium, neben den car-eeres des Circus Maximus nach dem Aventin hin, errichtet (s. A u s t De aed. sacr. p. R. 5). Aber zugleich wurde in wirksamster Weise dafür gesorgt, daß der neue Kult in das religiöse Bewußtsein der Bauernschaft eindrang und so ein lebendiges Element des Volksglaubens wurde. Man gab den neuen Göttern die Namen derjenigen alten, zu denen der römische Bauer von jeher 20 um die Fruchtbarkeit seiner Felder zu beten gewohnt war. Demeter erhielt den Namen der kornspendenden Ceres, Dionysos und Kore wurden mit L. und Libéra gleichgesetzt, deren agrarischen Charakter wir oben erkannt haben. So wurde der Tempel der hellenischen Göttertrias in den Augen des Volkes zum Hause der alten Bauemgötter, denen der Staat jetzt ein würdiges Heim gebaut hatte. Die Cerealia, das am 19. April gefeierte alte Fest der Ceres, wurden zum Stif-30 tungsfest des neuen Kults, das hinfort den drei Göttern gemeinsam galt (CIL I² 1 fast. Esqu: Cer(ialia) Cereri Libero [Liberae]. S. dazu Au st 89. W i s s o w a a. a. O.). Nicht zuletzt durch den Anschluß an dies alte Bauernfest ist die Aedes Cereris der religiöse Mittelpunkt der römischen Bauernschaft, der Plebs rustica geworden.

Darüber hinaus ist sie aber in historischer Zeit der religiöse Mittelpunkt der ganzen Plebs und der Sitz des ganzen plebeischen Verwaltungs-40 apparats. Die Cerealia wurden als gemeinsames Fest der ganzen Plebs durch Schmausereien gefeiert (Gell. XVIII 2, 11; vgl. Plaut. Men. 1θί). Zugleich stehen aber die Hausverwalter der Aedes Cereris, die Aediles plebei, an der Spitze der ganzen plebeischen Behördenorganisation, die in ihrem Tempel ihren Sitz hat. Hier ruht das von ihnen verwaltete Archiv (Liv. III 55, 13; vgl. Zonar. VII 15) und die Kasse der Plebs (Liv. X 23, 13 u. a. m.). Dem Tempel schätze der Ceres 50 verfällt das Vermögen des Frevlers, der sich gegen die Leges sacratae zum Schutze der Tribunen vergeht (Dion. Hal. VI 89, 3. Liv. III 55, 7; vgl. Dion. Hal. X 42, 4. Liv. II 41, 10). Im Hause der Ceres hat auch die von den Aedilen geleitete Cura annonae der späten Republik ihren Sitz (Lucil. frg. 200 Mx.). Endlich richten die Aedilen neben den plebeischen Spielen auch die Ludi Ceriales aus (Mommsen St.-R. II 503), die seit dem hannibalischen Kriege an den 60 Cerealia gehalten werden (Cic. Verr. V 36). Die Hausverwalter des Cerestempels sind also die eigentlichen Verwaltungsbeamten der Plebs, der Tempel selbst der organisatorische Mittelpunkt des plebeischen Scheinstaates geworden.

Bei der großen religiösen und politischen Bedeutung, die der neue Kult gewonnen hat, ist die Frage nach der Zeit und den Umständen seiner Einführung von großer Wichtigkeit. [71] 71 Liber pater

W i s b o w a (Rei.² 298f.) und Hülsen (Diss. della Pont. Acc. di arch. ser. II t. VI 1896, 2370. Hülsen-Jordan Topogr. I 3, 1150.) haben die Angaben der Stadtchronik hierüber für durchaus glaubhaft erklärt. Danach hat zu Anfang des 5. Jhdts. eine Hungersnot die Befragung der Sibyllinischen Bücher veranlaßt, die zur Übernahme der Göttertrias geführt hat (s. o.). Die gleichzeitige und gleichartige Übertragung des griechischen Kaufmannsgottes Hermes unter dem lateinischen Namen Mercurius (s. W i s -s o w a Rei.² 304f.) deutet nach Wissowas Meinung darauf hin, daß der neue Kult mit dem sizilisch-unteritalischen Getreideimport zusammenhängt, den die Stadtchronik im J. 491 zuerst erwähnt. Diese Auffassung erfreut sich bisher unbestrittener Anerkennung.

Aber die neuen Anschauungen über die Grund· züge der römischen Geschichte im 5. Jhdt., die Kornemann entwickelt hat (Internat. Mo-natsschr. XIV 4810.), lassen sie als sehr angreifbar erscheinen. In den Jahrzehnten um 500 lag Rom im politischen und kulturellen Machtbereich der sich gewaltig ausdehnenden Etrusker, die damals sogar Kampanien beherrschten und mit den Griechen in dauerndem Kriegszustände waren. Der Rückgang der etruskischen Macht und das Erstarken der nichtetruskischen Stämme Mittelitaliens, die jetzt erst an den seebeherrschenden Griechen einen Rückhalt fanden, datiert von dem großen Seesiege Hierons bei Kyme, durch den er im J. 474 den verbündeten Karthagern und Etruskern die Seeherrschaft im westlichen Mittelmeer entrissen hat. Engere Beziehungen zwischen Rom und Kyme, die auf die römische Staatsreligion hätten Einfluß, gewinnen können, sind demnach vor der Mitte des 5. Jhdts. kaum möglich (s. Kornemann 489).

Die Übertragung des Apollonkults und der damit zusammenhängenden Sibyllinischen Bücher aus Kyme nach Rom, nach Wissowas tre0en-der Bemerkung (Rei.² 293) die erste direkte Übernahme eines hellenischen Gottesdienstes, hat demnach nicht bereits im 6. Jhdt., sondern erst nach der Mitte des 5. «Jhdts. stattgefunden. Die Stadtchronik gibt uns nun zu den J. 433 und 431 Nachrichten über die Gelobung und die Weihe des Apollotempels, die durch eine schwere Seuche veranlaßt worden sei (Liv. IV 25, 3. 29, 7). Kornemann hat meines Erachtens den Nachweis geführt (491f.), daß diese Krankheit mit der aus Afrika eingewanderten Epidemie identisch ist, die Griechenland in den ersten Jahren des peloponnesischen Krieges heimgesucht hat. Bei ihrem zweiten Auftreten im J. 433 römischer Rechnung, das dem wahren J. 427 entspricht, haben die Römer den großen griechischen Heilgott aus Kyme zur Hilfe herbeigeholt. So haben wir ein ganz genaues Datum für den Anfang des griechischen Einflusses auf die römische Religion. Die Übertragung des Demeterkults, die erst auf Grund einer Befragung der Sibyllinischen Bücher erfolgt ist, müssen wir demnach mindestens bis an das Ende des 5. Jhdts. herabsetzen.

Auch der von W i s s o w a geforderte Zusammenhang mit der Korneinfuhr ist nicht nachweisbar. Ein Bauernland reinster Ausprägung, [72] Liber pater 72

wie es die römische Mark mit ihren vier Fünfteln Landbevölkerung noch zur Zeit der Errichtung der ländlichen Tribus war, hat keine so bedeutende Korneinfuhr, daß es deshalb eine besondere fremde Gottheit in seinen Staatskult aufnehmen müßte. Auch gehört die Nachricht der Stadtchronik klärlich in eine ganz andere Zeit. Denn sie lautet dahin, daß der in den achtziger Jahren des 4. Jhdts. für italische Ver-10 hältnisse sehr interessierte Tyrann Dionysios von Syrakus die Römer gelegentlich einer Mißernte mit sizilischem Korn unterstützt habe. Hat man früher die Erwähnung des Dionysios in diesem Zusammenhänge für unglaubwürdig erklärt, so werden wir gerade umgekehrt in ihr den historischen Kern der Nachricht sehen und sie danach einordnen. Aber auch der Cereskult hat mit der Korneinfuhr nichts zu tun. Er ist nicht die Religion der Getreidehändler, wie man in diesem 20 Falle erwarten müßte, sondern von vorne herein die Religion der römischen Bauernschaft. Und wir haben oben gesehen, daß diese Entwicklung von den leitenden Männern mit vollem Bewußtsein herbeigeführt worden ist. Nicht bei den Händlern, sondern bei den Bauern müssen wir demnach die Gründe für die Neuerung suchen.

Den Schlüssel für das Verständnis des Vorganges gibt uns der innere Zusammenhang und die genaue Übereinstimmung mit der gleich-30 zeitigen Übernahme des Hermesdienstes. Der Kaufmannsgott Mercurius war der Schutzherr der Händlergilde, die in seinem Heiligtum ihren Sitz hatte. Als sie vom Staate anerkannt wurde, fand sich in den Sibyllinischen Büchern ein Spruch, der die Errichtung eines Staatskults für ihren Schutzgott befahl (s. W i s s o w a Rei.² 304). Ganz analog ist meines Erachtens das Verhältnis des neuen Ceresdienstes zur Plebs aufzufassen. Ceres, L. und Libéra waren die großen 40 Götter der römischen Bauernschaft. Als diese durch die Ausdehnung der Tribusordnung auf das flache Land eine staatlich anerkannte Organisation erhielt und in den Scheinstaat der Plebs aufgenommen wurde, hat man wieder in den Sibyllinischen Büchern den Spruch gefunden, der die Stiftung des neuen Staatskults für die Bauerngötter gebot. Und es ist eine Bestätigung unserer Annahme, daß die Errichtung der ländlichen Tribus ebenso wie die Übernahme der 50 ersten hellenischen Kulte in die letzten Jahrzehnte des 5. Jhdts. gehört (s. Schur Zwei Fragen d. ält. röm. Verfgesch., Ilbergs Jbb. 1923).

Ist aber wirklich, wie ich wahrscheinlich gemacht zu haben glaube, der im tuscanischen Stil gebaute, von zwei Griechen in einheimischer Manier verzierte Cerestempel nicht älter als das J. 420, so bedarf die ganze Chronologie der ältesten römischen Bauten einer eingehenden Nachprüfung. Der alte Apollotempel auf dem 60 Marsfeld mit seiner rein griechischen Bauart, den noch Delbrück (D. Apollotempel a. d. Marsfeld 1905) in den J. 433–431 entstehen läßt, rückt dann tief in das 4. Jhdt. herunter. Und auch die anderen Baureste älterer Art, das Fundament des kapitolinischen Iuppitertempels, die älteste Stadtmauer und das Fundament der Aedes Castorum, können dann in beträchtlich jüngere Zeiten herabgesetzt werden. Doch für [73] 73

Liber pater

eine eingehendere Behandlung des hier angeschnittenen Problems ist dies nicht der Ort. Ich wollte nur den Hinweis geben, daß Korne-m a n s schöne Betrachtung über das Alter des römischen Apollokults diesen ganzen Fragenkomplex wieder zur Untersuchung reif gemacht hat.

Haben wir uns über den Zusammenhang des neuen Kults mit der Errichtung der ländlichen Tribus und über die Zeit seiner Einführung 10 Klarheit verschafft, so müssen wir jetzt die Einwirkung betrachten, die er auf das Wesen des alten Gottes L. und auf die Art seiner Verehrung ausgeübt hat. L. und Libéra sind in dem neuen Tempel nur Haus- und Kultgenossen der eigentlichen Tempelherrin Ceres, was besonders in seiner abgekürzten Bezeichnung als Aedes Cereris zum Ausdruck kommt. Die Cerealia werden deshalb den drei Göttern gemeinsam gefeiert (fast. Esqu. s. o.), während die Liberalia außer- 20 halb des neuen Kults stehen (s. u. Art. Liberalia). Auch die Ludi Ceriales sind allen drei Göttern geweiht (Cic. Verr. V 36). Dann werden auch die Sacerdotes publicae Cereris allen gemeinsam sein (s. Marquardt R. Stvw. III 364).

Für die römische Literatur treten Ceres und ihre Kinder L. und Libéra durchweg an die Stelle der hellenischen Trias (Cic. nat. deor. II 62). Neben der kornspendenden Ceres wird L. als Vertreter des Dionysos zum Beschützer des 30 Weinbaus. In diesem Sinne vereinigt Varro (r. r. I 1. 5) die beiden zum dritten Paare unter den Zwölfgöttern des Bauernstandes. Als Spender des Weines (Arnob. II 65. Aug. e. d. IV 22. VI 11) und Schirmer der Weingärtner (Colum. III 21, 3. Aug. c. d. IV 11. CIL V 5543,[6] vgl. III 3294) erhält er bei der Weinlese (s. menol. rust Oct. CIL I² 1 p. 332) zusammen mit Libéra eine Spende von neuem Most, die sacrima heißt und dem praemetium der Ceres nachgebildet ist (Fest. 4Q p. 319 M. s. sacrima). Auch ist er der Schutzherr der Weinhändlergilden (CIL VI 467.[7] 8796. 8826. VIII 9409 aus Caesarea Maur., wo für Doripatri wohl L. palris zu lesen ist). Vielfach erscheint er neben den ländlichen Göttern Hercules und Silvanus als Schirmherr der Ländereien (CIL VT 294.[8] 462. 707. III 3923. 3957 aus Pannonia superior. CIL IX 3603[9] aus Aveia. XII 3132 aus Nemausus) und führt dann oft wie sie Beinamen, die auf den Beinamen des Besitzers hinweisen. 5(

Nach der Verbreitung der Weihinschriften zu urteilen, wurde L. in der ganzen lateinischen Reichshälfte verehrt. Wir haben Belege aus Rom CIL VI 461ff.),[10] Ostia (XIV 27–30; vgl. Ephem. ep. VII 1195), Privernum (X 6435), Aquinum (X 5422 = I 1182, sacerdos L. publica Aquinas, republ. Zeit), Atina (X 5054, aedes L.), Amiter-num (IX 4513), aus dem Vestinerlande (IX 3571. 3603), aus Aesernia (IX 2631. 2670 sacerdos Cerialis Deia Libéra), Telesia (IX 2197), dem6( Hirpinerlande (IX 1500), Puteoli (X 1586), Ve-nusia (IX 459), Sardinien (X 7556), Arretium (XI 1822), Luna (XI 1335), Ariminum (XI 358), Bononia (XI 698. 715 = VI 460), Aquileia (V 793. 8235), Parentium (V 326), Tarvisium (V 2110), Verona (V 3260) und sonst aus der Trans-padana (V 5543. 6956).

Außerhalb Italiens finden wir Weihungen an [74] Liber pater 74

L. in der Narbonensis (CIL XII 250.[11] 502. 593. 1075. 3078. 3132), in Spanien (II 799.1108.1109. 2105. 2611. 2634. 3264), in Mauretanien (VIII 8391. 9016. 9325. 10867), Numidien (VIII 2632. 5293. Männliche sacerdotes L. p,: 4681. 4682, 4887. Ephem. ep. V 931. Weibliche: CIL VIII 4883),[12] Africa proconßularis (VIII 1178. 1268: portieus templi L, p. 1337. Suppl. 14546. 15520: lempla Concordiae [Frjugiferi Liberi patr[is]. 15578: in templo L. p, et Veneris) und Byzacena (VIII 73), besonders häufig aber in den Donauländern, wo er fast immer mit der Libéra zusammen erscheint (s. u.).

In dem dalmatinischen Narona hatten L. und Libéra bereits in republikanischer Zeit einen Tempel (CIL III 1784.[1] 1785 = I 1469. 1470; vgl. III 1786. 1787. 1789 = 6363). Außerdem gibt es Weihinschriften für sie in ganz Dalmatien (III 1951. 2730. 2815. 2903. 3046. 3065. 3093. Suppl. 9752), Pannonien (III 3234. 3267. 3294. 3295. 3298. 3329. 3464–3466. 3506 = Suppl. 10433. 3923. 3956. 3957. 4297. 4363. Suppl. 10343. 10432. 10910), Dakien (III 792. 896. 930. 1065. 1091–1094. 1261. 1303. 1355. 1411. 1548. Suppl. 7682–7684. 7916) und Moe-sien (III 750. 6317), sowie Noricum (III 5122).

Die Weihungen gelten mit Ausnahme einiger italischer dem Vertreter des Dionysos oder solchen einheimischen Göttern, die mit ihm identifiziert wurden. Einen besonders ausgeprägten Kult des L. finden wir in Aquinum und Atina im kampanischen Grenzgebiet (s. o.). Hingegen kann die Sacerdos Cerialis Deia Libéra in Aeser-nia recht wohl auf einen Kult der Ceres und des Dies piter Liber bezogen werden (anders W i s -s o w a Myth. Lex. II 2025). Einheimische Götter scheinen in Afrika, wo die einheimische Religion überhaupt besonders kräftig war, und in Illyrien mit L. gleichgesetzt worden zu sein. Aus Maure-। tanien kennen wir eine Weihinschrift für L. und Libéra (CIL VIII 9016).[13] In einer numidischen Inschrift (VIII. Suppl. 15578) heißt die Genossin des L. Venus. Das ist offenbar ein ber-berisches Götterpaar, dessen weibliches Element schwer mit den überkommenen Gestalten der römischen Religion in Einklang zu bringen war (s. T o u t a i n Cultes païens de l’emp. Rom. I 1, 3603.). Unter den Namen Hercules und L. wurden in Leptis maior die alten Stadtgötter > weiter verehrt. Ihnen galt der Tempel des Hercules und L. in Rom, den der aus Leptis stammende Kaiser Severns bauen ließ (s. E r Ö h n e r Les méd. de l’emp. Rom. 155).

Besonders häufig sind aber die Weihungen an das Götterpaar L. und Libéra in den illyrischen Provinzen Dalmatien (CIL III 1790[14] = 6362. 2903), Pannonien (III 3234. 3267. 3298. 3466. 3506 = Suppl. 10433. 4297. Suppl. 10343) und Dakien (III 792. 1093. 1094. 1303. SuppL) 7684. 7916), Hier reicht der Tempel in Narona bis in die republikanische Zeit zurück (s. o.). wo nur schwache Ansätze zur Romanisierung der Provinz vorhanden waren. Es ist klar, daß hier ein illyrisches Götterpaar in die Namen L, und Libéra eingetreten ist (s. W i s s o w a Myth. Lex. II 2027; Rei.³ 303). Von dem illyrischen Zentrum aus ist dieser Kult auch nach den benachbarten thrakischen Ländern Dakien und Moesitn [75] 75 Liber pater

ausgestrahlt, die ja durch ihre erzwungene Latinisierung in engste Kulturgemeinschaft gerade mit diesen illyrischen Provinzen getreten sind.

Durch die Gleichsetzung mit Dionysos ist L. für die römische Welt aber auch zum Mittelpunkt des Geheimdienstes dieses Gottes geworden. Zu Beginn des 2. Jhdts. begannen die Mysterien in stark vergröberter Form sich Über Italien auszubreiten. Die neue Erlösungsreligion, die einem tiefen Bedürfnis der Zeit entgegenkam, ' fand starken Anklang und bildete eine ernste Gefahr für die Staatsreligion. Im J. 186 sah sich der Senat genötigt, die Bacchanalia, diesen ersten Vortrupp der asiatischen religiösen Ideen, zu verbieten (SC. de Bacchanal. CIL I 196;[15] vgl. Liv. XXXIX 8–19. Cic. de leg. II 37). Aber das Verbot hatte keinen nachdrücklichen Erfolg. Bereits Caesar hat einem wohl orientalischen Dionysos unter dem Namen L. in Rom einen Tempel gebaut (Serv. Ecl. 5, 29; s. dazu W i s -s o w a 2028).

In späterer Zeit ist L. ganz in die Reihe der aus dem Osten gekommenen Mysteriengötter eingetreten. Wir finden zahlreiche geheime Kultvereine, die entweder nach dem Gotte heißen (CIL III 703.[16] 704: thiasi L. p. Tasibasteni aus Philippi) oder durch ihre Weihungen an ihn (CIL III 1303[17] aus Ampelum in Dakien. S. Mommsen z. Inschr.: X 1585: thiasus Placidianus), durch ihre Bezeichnung als spirae (VI 76. 261. 461. X 6510: spira Ulubrana aus Cora. Kaibel I. g. Sic. et It. 925. 977) oder die Titel ihrer Priester (CIL VI 2251.[18] 2252: spirarches. X 1583 aus Puteoli: orgiophantae. 1584: para-stata, VI 507: hiérophantes L. p. VI 504. 510: archibucolus dei L. S. dazu Dieterich De hymn. Orph. Marb. 1891, 3ff. WissoVa 2028). In den Zeiten der Theokrasie wird L. häufig mit anderen Göttern des orientalischen Kreises verbunden, so mit Isis und Serapis (CIL III 2903[19] aus Dalmatien), mit Sol invictus Mithras (II 2634), mit Hekate (VI 500. 504. 507. 510. XI 671 aus Forum Cornelii), insbesondere aber mit der Magna Mater (Ephem. epigr. VII 75 aus Zama), an deren Tarobolien die Priester des hier wohl mit Attis geglichenen L. beteiligt sind (CIL XII 1567).[20] In der Zeit des versinkenden Heidentums finden wir auch vielfach die Priester-tümer des L. mit denen der Magna Mater, des Mithras und der Hekate in einer Hand (VI 500. 504. 507. 510). Der eine Gott, der in allen Mysterien verehrt wird, erscheint damals auf Bildwerken als L. pantheus mit den Attributen der verschiedensten Götter (XIV 2865 aus Praeneste: signum L, patr[is] panthei cum suis parfergisj. IX 3145 aus Corfinium. Vgl. Auson. epigr. 48. 49 p. 330f. Peip.). So ist der römische Gott der Fruchtbarkeit durch seine Gleichsetzung mit Dionysos ganz in den Strom der orientalischen Religionsbewegung geraten.

Neben L. tritt seine Kultgenossin Libéra stark in den Hintergrund. Nach Varros Angabe sorgte sie für die semina feminarum (Aug. e. d. IV 11; vgi. VI 9. VII 2. III 16). Bei der Hellenisierung des Kults ist sie in die Stelle der Kore-Perse-phone eingerückt (Cic. Verr. IV 1060. Arnob. V 21. 35 u. a. m.). Literarisch nimmt sie gelegentlich auch neben Dionysos-L. den Platz der [76] Liber pontificalis 76

Ariadne ein (Ovid. fast. III 512 = Hyg. fab. 224, wohl auch bei Plin. n. h. XXXVI 29 in der Schilderung eines griechischen Bildes). Weihinschriften, in denen sie neben L. erscheint, sind selten, wenn man von den illyrischen Provinzen absieht (s. o.). Wo sie allein auftritt (CIL VI 469.[21] III 1095.[22] 3467 = Suppl. 10434. VIII 860), ist sie wohl für andere mit L. verbundene Göttinnen eingetreten. So ist die triformis Libéra 10 (CIL III 1095[22] aus Apulum in Dakien) offenbar identisch mit der Hekate (s. W i s s o w a Myth. Lex. II 2030 Art. Libéra).

In der bildenden Kunst hat L. den Typus des Dionysos übernommen, so daß wir seine Bilder von denen dieses Gottes nur dort unterscheiden können, wo eine Beischrift des Namens dabei ist. Besonders zu erwähnen sind die Münzen eines L. Cassius aus dem 1. Jhdt., die auf dem Avers L., auf dem Revers Libéra zeigen und an den 20 Namen des Weihenden vom J. 493 anknüpfen (s. B a b e 1 n Monn, de la rép. Rom. 1329 nr. 9).

[Schur. ]
  1. a b Corpus Inscriptionum Latinarum III, 1784.
  2. Corpus Inscriptionum Latinarum I, 174.
  3. Corpus Inscriptionum Latinarum IX, 3513.
  4. Corpus Inscriptionum Latinarum X, 3786.
  5. Corpus Inscriptionum Latinarum X, 3685.
  6. Corpus Inscriptionum Latinarum V, 5543.
  7. Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 467.
  8. Corpus Inscriptionum Latinarum V, 294.
  9. Corpus Inscriptionum Latinarum IX, 3603.
  10. Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 461.
  11. Corpus Inscriptionum Latinarum XII, 250.
  12. Corpus Inscriptionum Latinarum VIII, 4883.
  13. Corpus Inscriptionum Latinarum VIII, 9016.
  14. Corpus Inscriptionum Latinarum III, 1790.
  15. Corpus Inscriptionum Latinarum I, 196.
  16. Corpus Inscriptionum Latinarum III, 703.
  17. Corpus Inscriptionum Latinarum III, 1303.
  18. Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 2251.
  19. Corpus Inscriptionum Latinarum III, 2903.
  20. Corpus Inscriptionum Latinarum XII, 1567.
  21. Corpus Inscriptionum Latinarum VI, 469.
  22. a b Corpus Inscriptionum Latinarum III, 1095.