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RE:Magnes 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Person im Zshg. mit Epikur
Band XIV,1 (1928) S. 453457
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2) Ein Name, der in zwiefacher Beziehung zu Epikur steht. Einmal hat, wenn die Ergänzung richtig ist, einem M. gemeinsem mit dem Metro-dorus ans Lampsakos Epikur sein ἐπὶ Νικίου τὸν μετ' Ἀντιφάτην olymp. 121, 1, d« i. 296/5 v. Ohr· abgefaßtes 28. Buch περὶ φύσεως (Gomperz Ztschr. f. d. östr. Gymn.-Wesen 1867, 670 und S.-Ber. Akad. Wien 1876, 91) gewidmet, wie in dem Pap. Herculan. 1479 (vol. Here.² VI fol. 54, 4: *[τώι Μάγ]νητ[ι] καὶ Μητρ[οθώ]ρωι τώι [Ἀαμψακηνώι] Usener Epicurea 128, 28) zu lesen ist. Nimmt man dieses τῷ Μάγνητι, wie es wegen der Parallele τῶ Μητροδώρῳ auf den ersten Blick das Gegebene erscheint, als Mannsname (Susemi hl Gr. Lit. d. Alex.-Zeit I 99, 445), so ist eins auffällig. Während Metrodorus, den Epikur so hoch schätzte, daß er den Beinamen ὁ σοφός., den er im Gegensatz zu jenen durch den Volksmund so benannten Sieben Weisen als ,einziger⁴ für sich selbst in Anspruch nahm (Cic. de fin. II 3, ?» vgl. Flut. c. Epicuri beatitud. 18. Athen. VII 279f. Usenet 147 frg. 146/7) auch dem Me-trodor – der ihn nicht verschmäht haben soll – beigelegt hat, in diesem selben Buche noch zweimal (fol. 46, 3 und 40, 4. Usener 128, 29) wie auch sonst in seinen Schriften (,multa ad eum scripsit⁴ Usener 412) apostrophiert wird, ist von [454] Magnes

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einem Manne namens M. weder hier noch sonst in der ganzen Epikurüberlieferung fernerhin die Bede. In dem ziemlich umfangreichen Verzeichnis des Diogenes Laertius, das nicht nur die γνήσιοι, die unmittelbaren Schüler (μαθητάς δ’ ἔσχε πολλοὺς μὲν, σφοδρὰ δ¹ ἐλλογίμους Μητρόδωρον U8W. X 22, vgl. Usener 367ff.), sondern auch die von den ,echten* Epikureern als σοφισταί bezeichneten, fernerstehenden (an die Nicolai Gr. Lit.-Gesch.

10 Magdeburg 1877, II 249 die neun Bücher Metro-dors πρὸς τοὺς σοφιστῆς gerichtet sein läßt, wogegen Usener 417f. den Begriff weiter ausgedehnt wissen will) wie Orion u. a. (καὶ ἄλλοι, οὓς ol γνήσιοι Ἐπικούρειοι σοφιστας ἄποκαλουσιν Diog. Laert. X 26) umfaßt, suchen wir einen M. vergeblich. Es dürfte daher zum mindesten wohl als etwas übereilt anzusprechen sein, wenn er so ohne weiteres ,den unmittelbaren Schülern* Epikurs (Susemihl) zugerechnet wird, um so mehr, als

20 dann unerfindlich ist, was Epikur veranlaßt haben könnte, einem Mann so ganz ohne Verdienst und Namen der Auszeichnung, die in der Widmung eines Buches liegt, teiihaft werden zu lassen. Es könnte vielmehr geradezu der Verdacht entstehen, daß M. überhaupt keine dem engem oder weitern philosophischen Kreise des yswôç τῆς περὶ τοὺς ἴδΙους κήπους ἠδονῆς (Heraclit. all. Hom. 4) angehörende Persönlichkeit gewesen sei, sondern irgendeine, Epikur selbst irgendwie von außen her

30 bekanntgewordene Erscheinung, die ihm menschlich nahegetreten war oder ihn in ihrer Wirksamkeit so interessierte, daß er sie für würdig erachtete, sie seinem geliebten Metrodorus durch die gemeinsame Widmung gleichzustellen. Auf literarischem Gebiet bleibt da freilich bei der bekannten Einstellung Epikurs zu allem, was Kunst und Bildung hieß (Èpicurum qui disciplinas omnes fugit Quintil. II 17, 15) keine allzugroße Auswahl und da er τὸν Ὄμηρον ἐκβάλλει (Athen.

40 V 12. 187 c), πάσαν ὀμου ποιητικὴν ὤσπερ ὀλέθριον μύθων δέλεαρ ἀφοσιούμενος (Heraclit. all. Hom. 4), müßte als Vertreter der Dichtung, auch wenn es sonst, chronologisch, nicht unmöglich wäre, der von Nicolaus Damascenus erwähnte poeta epicus libidinosissimus (Fabricius Harles II 453) M. aus Smyrna, den Suidas (s. v.) wohl mit Unrecht in die Zeit des Gyges und der heldenhaften* Kämpfe lydischer Bitter mit Amazonen hinaufrückt, ganz von selbst hier aus dem

50 Spiele bleiben. Andere Männer aber, die den Namen M. tragend, hier in Betracht kommen könnten, stehen uns nicht zur Verfügung. Und doch müßte man annehmen, daß der Mann, den Epikur in einem Atem mit seinem Lieblings-echüler und besten Freund Metrodorus zu nennen kein Bedenken trug, auch wenn er nicht zu dem engem Kreis der, Epikureer* gehörte, doch kein so obskures Individuum gewesen sein kann, daß keiner von all den Jüngern Epikurs oder auch

60 von seinen Feinden über ihn auch nur ein Wort zu verlieren sich gemüßigt sah.

Ein anderes Bedenken tritt hinzu. Bei genauerer Betrachtung der oben zitierten Stelle der herkulanensischen Bolle muß auffallen, daß der üblichen volleren Benennung des Metrodorus nach Personenname und Heimatsort die bloße Namensangabe Μάγνητι – noch dazu in einer Bücherwidmung, einer Sache, die die Höflichkeit angeht [455] 455 Magnes}}

und wo jede Abweichung von der Norm der offiziellen Namensnennung peinlich wirken mußte – voraufgegangen sein soll. Die bei Usener durch Asteriscus angedeutete Lücke – wenn anders es eine solche sein soll und der Stern nicht etwa nur Interpunktions- oder sonstiges Zeichen ist –, mehr aber noch der bei bloßer Namensnennung ungewöhnliche Artikel τῷ vor Μάγνητι führt dazu, anzunehmen, daß eben dieses τῷ Μάγνητι dem Zusatz τῷ Λαμγακηνφ bei Metrodorus entsprechend nichts anderes als die Bezeichnung des Heimats-ortes ist; dann muß vor τῷ Μάγνητι ein Personennamen ausgefallen sein, die Widmung aber würde ,dem X. X. aus Magnesia und dem Metrodor aus Lampsakus‘ gelautet haben. Wem damit nicht gedient ist, weil nichts Gewisses dadurch gewonnen wird, wir vielmehr nur noch tiefer in die Anonymität hineingeraten, dem mag es vielleicht plausibler erscheinen, daß das τῷ Μάγνητι Epikur als Bezeichnung genügte, und daß unter ,dem Magnesier‘ sich ein Mann verbirgt, der bei Epikur und den Seinigen so bekannt und beliebt war, daß der von dem Herkunftsort abgeleitete Übername imstande war, den eigentlichen Namen sozusagen ganz vergessen zu lassen.

Zu einer solchen Erklärung bietet nun jene zweite Stelle, in der der Name M. in Verbindung mit Epikur vorkommt, die Handhabe. Gemeint ist der ,Epikur aus Magnesia‘, der als zweiter mit zwei anderen als Namensvettern des großen Epikur von Diogenes Laertius seiner Gewohnheit gemäß am Ende seiner eigentlichen biographischen Angaben – scheinbar übrigens hier ohne Vollständigkeit anzustreben, da er Metrodors Sohn Epikur, der doch in dem von ihm wortgetreu wiedergegebenen Testament genannt ist, nicht erwähnt – aufgezählt wird (θσαν δὲ καὶ ἄλλοι Ἐπίκουροι τρεις ' 3 τε Λεοντέως υἱός καὶ θεμίοτας · ἔτερος Μάγνης τέταρτος ὀπλομάχος Diog. Laert. X 26. Usener 370).

Wie Metrodor erfreute sich auch das Ehepaar Leonteus (der nach Plut. adv. Colot 3 εἰς τῶν ἔπ' ἄκρον Ἐπικούρου μαθητῶν war) und The-mista, die Tochter des Zoilus ans Lampsakos, der besonderen Zuneigung Epikurs; der Frau vor allem, deren sapientia selbst bei Cicero (or. in Pis. 26. 62. Usener 101) anerkannt wird, schreibt er Briefe (Usener frg. 125 und 126 aus Diog. Laert. X 25), ihr widmet er das Buch Neocles und oft genug mag er sie erwähnt haben, wenn er auch nicht gleich in all seinen Büchern (tantis voluminibus wie Cic. de fin. II 21. 68 übertreibend behauptet), von ihr geredet hat; sie – die τὰ Ἐπικούρεια ἐφιλοοόφει (Clem. Alex, ström. IV 19 (224, 15), vgl. Lactant. inst. III 25, wo sie als einzige Frau, die die Epikureer phi-losophari doeuerunt, hingestellt wird, während andererseits die Hetäre Leontion allen Ernstes als Verfasserin einer seito sermone gehaltenen Streitschrift gegen Theophrast von Cicero (nat. deor. I 33. 93) und Plinius (n. h. 29) erwähnt wird, was Philodem (vol. Here.² I fol. 149) freilich als Geschwätz brandmarkt, obgleich er selbst sie in anderer Stelle (vol. Here.² I 119) εὐφήμως und πρεπόντως mit Epikur περὶ θεου disputieren läßt – bei seinen paraenetischen Erörterungen um eich zu haben ist er so gewöhnt, daß er es ihr schreiben muß (πάλιν πρὸς θεμί- [456] Magnes 456

σταν γραφῶν (ὡς) νομίζει αὐτὴ παραινων (·νείν libri) καθὰ φηοὶ Θεόδοτος [ὡς] ἐν τῷ τετάρτῳ τῶν πρὸς Ἐπίκουρον (Diog. Laert. X 5 = frg. 126 Us.), was von der rein geistigen Gemeinschaft zu verstehen in böswilliger Verdrehung ins Erotische leicht als körperliche Gemeinschaft erklärt und so zu einem Anwurf ausgestaltet werden konnte, der seiner Natur nach besser zu den üblichen Angriffen auf Epikur paßt, als wenn man 10 annehmen sollte, er selbst habe in grober und seiner σεμνότης völlig fernliegender Laszivität Themista sein Verhältnis genannt (ὀνομάζει αὐτὴν ἐταίραν Us en er) oder zum geschlechtlichen Verkehr aufgefordert (ὀμιλεῖν αὐτρ παραινεί C. F. Herrmann Ztschr. f. Altertumsw. 1834, 110) – und daß er, wenn sie nicht zu ihm kommen, Hals Über Kopf zu ihnen stürzen will (οἰὸς τε εἰμί, ἐὰν μὴ ὑμείς πρὸς μὲ ἄφικησθε, αὐτὸς τρικυλιστὸς δποὶ ἄν ὑμείς καὶ θεμίστα [vgl. ἐκεί, 20 d. i. in Lampsakos, κατειλήφαμεν ὑγιαίνοντας θέ-

μίσταν καὶ τοὺς λοιποὺς φίλους Vol. Here. 176 c 18 frg. 176 Us. Gomperz Herm. V 386] παρακαλήτε ὠθεῖσθαι (Diog. Laert. X 5 frg. 125 Us.). Was Wunders also, wenn wie Metrodor auch Leonteus und Themista ihren (ersten ?) Sohn, das geliebte Oberhaupt zu ehren, auf seinen Namen ,taufen* ließen ? Daß aber dies die einzigen Beispiele einer »lebendigen* Ehrung Epikurs gewesen sein sollten, ist in einem Kreise ,von Schülern, 30 die einmütigen Sinnes in gläubiger Hingabe an die Person und Autorität des Meisters zusammen-standen und ein trautes Freundeleben führten* (Nicolai II 249), nicht gerade wahrscheinlich. Use ne r s Vermutung, daß vielleicht auch der Magnesier hier a pâtre Epieuri seetatore in honorem magistri Epikur genannt sei (a. O. 411), trifft wohl insofern das Richtige, als die Beilegung des Namens Epikur darauf deutet, daß wir in dem, der das tat, einen solchen Mann vor uns 40 haben, der Epikur und seinem Kreise nicht nur als Gesinnungsgenosse, sondern auch rein menschlich näher gestanden haben muß. War dieser Mann, der später Vater jenes Epikur wurde, mit Epikur nach 310 in Asien oder nach 306 vielleicht gelegentlich eines Aufenthalts in Athen bekannt geworden, selbst Schüler Epikurs und in täglichem Zusammensein ihm und den Seinigen vertraut gewesen, so konnte er sehr wohl – anfangs vielleicht mit einem leisen Unterton gutmütiger 50 Ironie (,na, du Magnesier*), dann der Bequemlichkeit halber von Epikur selbst wie von den Freunden und Mitschülern ganz gewohnheitsmäßig der Magnesier genannt und angeredet worden sein. Und wenn er dann nach vollendeter Lehrzeit in die Heimat zurückgekehrt – wäre er in Athen ansässig geblieben, hätte die ,Magnes‘nennerei auf die Dauer ihren Sinn verloren – einen Hausstand gründete und ein Weib nahm, so mochte er genau wie Metrodor, der trotz der Abneigung 60 Epikurs gegen die Beschwerden der Ehe (Sen.

frg. 45 ap. Hieronym. adv. lovin. I 48 frg. 98 Us.), nachdem er seine Schwester ordnungsmäßig an Idomeneus verheiratet hatte (368 c. Us.), selbst in richtiger, für Mutter und Schwester einen Grund zur Freude bedeutender (Plut contra beatit. Epic. 16, 412 Us.) Ehe mit einer ungenannten Frau – keineswegs, wie der biedere Seneca glaubt versichern zu müssen, mit der auch im Umgang mi* [457] 457

Magnes

Metrodorus ausdrücklich als πολλά«)) bezeichneten (Diog. Laert X 23, 368 Us.) Leontion; diese ganze erotische Nutzanwendung des Satzes κοινὰ τὰ τῶν φίλων, die sich bis zur Behauptung einer Vaterschaftsgemeinschaft Epikurs mit Polyainus (Epi-curum κοινὴ μετὰ τοῦ Πολναίνον παιδοποιουμενον ἐκ τῆς Κυζικηνης ἐταίρας Plut. contra beatit. Epie. 16 416 Us.) versteigt, gehört in das Gebiet stoischer Gehässigkeit, die der Ausgangspunkt der in der gesamten Popularphilosophie auf Schritt und Tritt bei der bloßen Namensnennung Epikurs zum Ausdruck gebrachten, oft geheuchelten Entrüstung geworden ist – mehrere von Epikur im Testament der besonderen Obhut der Nachlaßpfleger empfohlene (Usener 166) Kinder (darunter als ältesten Sohn einen Epikuros) hatte, auch seinerseits als glücklicher Vater in dankbarer Erinnerung an die in den κήποι verlebte Zeit in Athen seinen Sohn, natürlich im Einverständnis und mit Einwilligung Epikurs, auf den Namen des Meisters haben taufen lassen.

So drang einmal die Kunde von der Existenz eines Epikur in Magnesia nach Athen; und dieser selbst wurde vielleicht, wie seine Namensvettern, des Metrodor Sohn Epikur, und (neben dem ungenannten Sohn Polyains’) vielleicht auch der des Leonteus, nachmals Anhänger Epikurs und wohl gar noch unmittelbar Epikurs eigener Schüler.

Dann aber ergibt sich – und das erscheint als das Wichtigere – für die Doppelwidmung des 296 erschienenen Buches ein unmittelbarer Anlaß; wir brauchen nur anzunehmen, daß in der Zeit, als Epikur sich mit der Abfassung des Buches trug, mit der im Leben so häufig zu beobachtenden Duplizität der Ereignisse mehr oder weniger kurz nacheinander die beiden Geburten und mit ihnen die beiden auf Epikurs Namen lautenden Taufen stattgefunden haben; was lag da für Epikur näher als sich für diese doppelte Ehrung dadurch erkenntlich zu zeigen, daß er dem Magnesier in der Ferne zugleich mit dem nahen Freunde das Buch, das er gerade fertigzustellen im Begriff war, zu widmen sich entschloß ? Der Gewinn dieses Zuges liebenswürdiger Menschlichkeit innerhalb des Kreises der Epikureer muß dafür entschädigen, daß der Magnesier damit zu ewiger Anonymität verurteilt ist und die Literatur um einen M. ärmer wird,

[Hobein. ]