RE:Sillybos

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
korrigiert  
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Band III A,1 (1927), Sp. 99–100
Linkvorlage für WP   
* {{RE|III A,1|99|100|Sillybos|[[REAutor]]|RE:Sillybos}}        

Sillybos (σίλλυβος, σίλλυβον, σίττυβος – über die Herstellung letzterer Form bei Cic. ad Att. IV 4b vgl. M. Haupt Opusc. III 410; zur Form auch Lobeck Pathologiae serm. Graec. prolegomena 290; er entspricht dem latein. index oder titulus). Der S. ist ein aus Pergament hergestellter und daher besonders dauerhafter Streifen, der den im Büchergestell ruhenden und oft zum Schutze noch in feste Hüllen eingeschlossenen Bücherrollen angeheftet wurde, herabhing und Verfasser nebst Titel eines Buches aufgeschrieben trug, so daß eine schnelle Orientierung unter den Rollen möglich wurde. Auch für Aktenrollen wurde er, ähnlich unserem Aktenschwanz, der ja ebenfalls häufig aus Leder zu sein pflegt, verwendet. Die älteste Stelle, an der er mit dem griechischen Namen erwähnt wird, ist Cic. ad Att. IV 4 b, wo dem Atticus aufgetragen wird, daß er librariolischicke iisque imperes, ut sumant membranulam, ex qua indices fiant, quos vos Graeci, ut opinor, σιλλύβους appellatis. Vgl. ebd. IV 5 und IV 8 a. An letzterer Stelle heißt es: postea vero quam Tyrannio mihi libros disposuit, mens addita videtur meis aedibus; – – – nihil venustius quam illa tua pegmata, postquam mihi sittybis (Haupt a. O. schreibt sittiboe) libros inlustrarunt. Sehr kurz ist Hesych. s. Σίλλυβα ... καὶ τῶν βιβλίων τὰ δερμάτια.

Bei vornehmen Buchausgaben war er statt weiß oder grün scharlachrot oder zinnoberrot (Martial: III 2. 11. Ovid. Trist. I 1, 7. Catull. 22, 7). Wir haben aus dem Altertum eine Reihe von σ.‚ teils im Original erhalten, teils in Abbildung. So enthält Pap. Oxyrh. VIII 1091 (2. Jhdt. n. Chr.) 1 Kolumne von Bakchylides’ 16. Gedicht und über der Kolumne (to the top of the column) ist der S. aus Pergament befestigt, der den Titel Βακχυλίδου διθύραμβοι trägt. Pap. Oxyrh. II 301 ist ein ebensolcher, leider ohne den zugehörigen Text erhaltener S., mit den Worten: ΣΩΦΡΟΝΟΣ ΜΙΜΟΙ ΓΥΝΕΙΚΕΙΟΙ in Unzialschritt (Größe 2,8 ✕ 12,5 cm). Ein ebensolCher für Akten ist vielleicht in Pap. Oxyrh. II 38l aus dem J. 76 n. Chr.‚ und zwar auf Papyrus (nicht Tierhaut!) erhalten: θ ■ Οὐεσπασιανοῦ μνημονικῶν (Größe 4 ✕ 30,5 cm). Vgl. Pap. Oxyrh. VI 957 (122/3 n. Chr.) aus Leder; ebd. 958 (80 n. Chr.) und 987 (?) (5./6. Jhdt. n. Chr.) aus Pergament (vgl. Preisigke Girowesen im griech. Ägypten 457). Daß die σ. bei literarischen Werken mehr als Verfasser und Titel, etwa das Anfangs- und Endwort jedes Volumens, trugen – so Birt Buchwes. 324 – ist zwar möglich, aber nicht zu beweisen.

Daneben gibt es eine Reihe von Abbildungen aus dem Altertum, z. B. Museo Borbon. Vol. I tav. XII 2. Giornale degli scavi di Pomp. N. S. I tav. II; einige hat Birt Die Buchrolle in der Kunst abgebildet: nr. 64 (Farbe grün, von einem porträtartigen Brustbild aus Pompeii); nr. 67, nr. 103 (der S. ist durch ein rotes Fähnchen angedeutet, das am oberen Ende der Rolle, offenbar etwa in der Mitte der ganzen Rolle, angebracht ist); nr.148. der S. ähnlich, nur am unteren Ende befestigt und tief rot (nach einer wahrscheinlichen Vermutung Birts Buchrolle 239 steht hier aber die Rolle auf dem Kopf, damit der Beschauer des Bildes den S. lesen kann); [100] nr. 154 (S. weiß); nr. 156 und 157 von pompeianischen Gemälden, insofern beachtenswert als hier auf dem S. nur Homerus bezw. Plato, ohne Buchangabe steht (Farbe des S. weiß); am instruktivsten nr. 159: ein Relief aus Neumagen, auf dem in zwei Fächern die Rollen in drei und mehr Schichten übereinanderliegen; fast jede derselben hat ihren S., der hier ziemlich am Anfang der Rolle angeklebt erscheint und sich nach außen verbreitert; doch ist die Erklärung als Buchrollen von A. Brinkmann (Bonner Jahrb. 1906, 461f.) angefochten worden, der vielmehr Tuchrollen darauf sehen will; nr. 184 (mittelalterlich). Über Verwendung in der päpstlichen Kanzlei vgl. Marquardt Privatl. d. Röm.² 817. 5. Die Erfindung des S. schreibt Birt Buchrolle 238 der hellenistischen Zeit zu, auf deren Gelehrte und Bibliothekare vielfach erst die heute üblichen Titel antiker Werke zurückgehen. Wenn Birt ebd. 17 dagegen glaubt, daß bei der Rolle, die Ramses II. in der bei Prisse d’Avennes Histoire de l’art égyptienne, Atlas tom. 2 Skulpt. Taf. 34 abgebildeten Kolossalstatue in der Linken trägt, ein S. dargestellt sei, so irrt er. Der König hält hier überhaupt keine Papyrusrolle, sondern den sog. Schattenstab (der den Schatten der offenen Hand verhindert und die Hand stützt). Was Birt für den S. hält, ist eine Königskartusche mit dem Namen Rʿ-mśś mrj ἰmn (= Ramses, geliebt von Amon), also dem Namen des Königs, nicht aber ein Buchtitel.

In der Zeit des Cicero und Ovid waren die S. jedenfalls allbekannt, wie auch des letzteren Verse Trist. I 1, 109 zeigen (vgl. ep. ex P. IV 13, 7): cetera turba (der Bücher) palam titulos ostendet apertos, et sua detecta nomina fronte geret; an der Stirnseite also wurde der S. angebracht. Auch Martial I 53 erwähnt den index, ebenso Seneca de tranq. an. IX 6.

Literatur: Marquardt Das Privatleben der Römer² (Handbuch d. röm. Altert. VII 2) 817. Birt Das antike Buchwesen 66; Die Buchrolle in der Kunst 237f. Dziatzko Untersuchungen über ausgewählte Kapitel des antiken Buchwes. 118. Gardthausen Griech. Palaeogr. I² 146f. Schubart Das Buch bei d. Griechen u. Röm.² 104. Blümner Die röm. Privatalt. (J. v. Müllers Hdbch.) 647.