Ravensburg (Glökler)

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Textdaten
Autor: Johann Philipp Glökler
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Titel: Ravensburg
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aus: Land und Leute Württembergs, Band 3, S. 382–414
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: C. Cammerer
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Scans bei Commons (Quelle: Google Books)
Kurzbeschreibung: Beschreibung der Städte Ravensburg und Weingarten in Oberschwaben
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[382]
Ravensburg.

Eine Stadt, die theils durch den Reiz ihrer Lage und ihrer Umgebung, theils durch geschichtliche Erinnerungen den sinnigen Wanderer von jeher einlud, in ihr einzukehren, darf auch von uns nicht übergangen werden. Eine Stadt, die vor noch nicht langen Jahren einen Enkel der weltberühmten Welfen, den jetzt regierenden König von Hannover, Georg V., als hochwillkommenen Gast in ihren Mauern beherbergte, muß etwas mehr als nur Gewöhnliches zu bieten haben. Und diese Stadt ist – Ravensburg, die Wiege der Welfen. Kehren auch wir in ihr ein!

1.

Die reichbethürmte Stadt, das alte Ravensburg, liegt in dem freundlichen, fruchtbaren Schussenthale. Hochprangend erhebt sich dort auf grünem Felsengrund die eben so alte „Rauenspurc,“ sich höchlich verwundernd über die gewaltige Umgestaltung der Neuzeit. Jahrhunderte lang rauschte die Schussen an ihrem Fuße dahin, und sie hörte mit sichtlichem Wohlgefallen die traute Geschwätzigkeit des eilendes Flusses. Seit aber auf Eisengeleisen die Gespanne [383] des vielverzweigten Mechanismus dahinrollen, weiß sich die „Alte“ noch immer nicht zurecht zu finden. Ist’s ihr doch fast ein ungewohnt Ding, das Haupt so recht eigentlich eingehüllt zu sehen von Wolken aus eisernem Schlunde.

Gerade diese ehemalige Burg möchte nun der geeignetste Punkt sein, von dem aus wir eine prächtige Rundschau über die Stadt und ihre Umgebung genießen können. Der Weg auf den „Veitsberg“ – so heißt heut zu Tage die Anhöhe, auf der die Welfenwiege gestanden – ist leicht zu erfragen und schwer zu verfehlen. Schon stehen wir am Fuße der nicht bedeutenden Erhebung. Der Berg ist aus Molasse, der in Oberschwaben vorherrschenden Gebirgsart, gebildet. Die Molasse ist häufig mit aufgeschwemmtem Gerölle, Torf, Lehm und Mergeladern bedeckt. Oft ist dies Trümmergestein durch einen Kalkteig zusammengekittet und zwar gewöhnlich so fest, daß man es zum Bauen benützen kann. Und in diesem Zustande nennt man das Gestein Nagelflue. Dem Veitsberg oder – wie man ihn gewöhnlich in Ravensburg heißt – dem Schloßberg dient das Gestein zum Fundamente. Ob es wohl zur Gestaltung dieser steilen Bergecke am östlichen Rande des Schussenthals beitrug?

Wir haben die Kuppe des Schloßberges erreicht. Ein offenbar künstlich gemachter Einschnitt trennt denselben von dem übrigen Bergrücken, auf dem die Pfarrei „St. Christina“ liegt. Während wir drunten in der Stadt am Postgebäude 1369 par. Fuß über dem Meere standen, sind wir hier oben am Gartenhaus 1614 par. Fuß über dasselbe erhaben. Die Aussicht ist hier oben erhebend.

Wie reizend stellt sich nicht von hier aus das Schussenthal dar, begrenzt von üppigen Weingeländen und holzreichen [384] Waldungen! Es gleicht einem fruchtbringenden Garten, wo der städtische Markt Altdorf neben den herrlichen Gebäuden der vormaligen Benediktiner-Abtei Weingarten prangt; wo Ravensburg, das unverfälschte Bild des mittelalterlichen Bürgerthums, mit seinen vielen hohen Thürmen hinter starken Mauern neben den neuerbauten Gebäuden der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei Weissenau und dem Schlößchen Rählen das Thal zieren, und wo von Nordost die Cisterzienser-Nonnen-Abtei Baind das Thal in anmuthiger Stille schließt. Nicht umsonst führt es in der Urkundensprache noch aus der Zeit der Welfen den wohlklingenden Namen „hortus floridus“ (blühender Garten)! In seiner südlichen Breite wird unser Thal aber geschmückt durch das Schloß Montfort zu Tettnang und durch die jugendfrische Stadt Friedrichshafen. Lieblichkeit und Anmuth lagern sich über die Landschaft. Fülle des Wachsthums kündet die dem Süden sich nähernde Natur. Die wein- und obstreichen Gestade des Bodensees breiten sich aus, und der Anblick derselben erfüllt den Beobachter mit Bewunderung. Aber nicht die Gestade des Sees allein, der See selber zeigt sich uns theilweise. Wir sehen einen langen Silberstreifen des schönen Gewässers. Will es uns mit seine Glanze verlocken, Alles eiligst zu verlassen und ihm zuzuwandern, um uns einzig an seinem Anblick zu weiden? Wie geruhig können wir von dieser Höhe aus seinen seltsamen Wunderschein betrachten! Auch das schmucke Konstanz hebt im Hintergrunde die Thurmspitzen hoch hinauf. Und in blauer Ferne verbreitet sich längshin das prangende Schweizerufer! Die himmelansteigenden Schneegebirge starren herüber zu uns und glitzern mit ihren Krystallen. Riesen an Riesen [385] reihen sich an einander und bilden einen mächtigen Grenzwall im Süden. Fürwahr ein kostbarer Punkt dieser Veitsberg! Und wir sollten uns wundern, daß sich die Welfen auf dieser sonnigen Höhe die Heimathburg gründeten? Und wir könnten zürnen darob, daß schon vor nahezu einem Jahrtausend an dieser Stelle sich manch ein junger Welfe eine Kaiserkrone träumen mochte? Wer solche Herrlichkeiten täglich anschaut, sollte nicht auch fürs Höchste begeistert werden?

Aber auch die nächste Nähe mit ihren bald sanft anmuthigen, bald wild romantischen Thälern, mit ihren malerischen Landschaften mit Burgen und Burgruinen, mit ihren großen und weiten Hochflächen gewährt dem Beschauer Vergnügen. Wie eng und wild erscheint nicht ganz nahe von Ravensburg das Höllenthälchen, wie düster und schaurig der Urbanstobel!

So zeigen sich uns der Punkte hier oben gar viele, wo der ernste Forscher und der sinnige Wanderer gerne verweilt, wo „ein empfindsames Gemüth ewige Liebe oder ewige Entsagung geloben möchte.“ In einem solch ernst-freundlichen Bilde stellt sich uns die landschaftliche Umgebung von Ravensburg dar!

Und auf diesem Berge stand einst die „Rauenspurc“ (rauhe Burg), deren Ursprung kein Lichtstrahl des Mittelalters erhellt. Dort steht noch ein festes Thor, durch welches wir in den inneren, von Mauern und alten Gebäuden umgebenen Raum, in den ehemaligen Burghof, gelangen. Außerhalb desselben, auf dem äußeren Burghofe, befand sich die Schloßkapelle „zum heil. Veit,“ von welcher der Berg auch den Namen „Veitsberg“ erhielt. Diese Kapelle wurde erst im Jahr 1833 abgebrochen.

[386] Obschon Spuren römischer Niederlassungen in der Umgegend von Ravensburg nicht zu verkennen sind, so zeigt die alte Rauenspurc dennoch nichts, was auf römischen Ursprung schließen ließe, den ihr Einige durchaus geben wollen. Die römische Herrschaft war am Bodenseeufer flüchtig und unsicher. Darum wollen gelehrte Leute einen großen Theil sogenannter Römer- und Heidenthürme dem aufstrebenden Zeitalter der Karolinger einverleiben, „wo die rohe Kraft anfieng, sich für das Schöne zu veredeln und wo der Besitz ein sicherer und ruhmvoller geworden war.“ Auch die Stadt, unten am Berge liegend, besitzt keine römischen Ueberreste. – Selbst das künstliche Gefüge der Steinzeichnung an der mittägigen Seite der Kirche des Nonnenklosters, welche jetzt die Stadtmauer beim Mehlsackthurme - den wir vor Augen haben - bildet, und die einst die Burgkapelle des Welf’schen „Ammans von Ravensburg“ war, gehört nach der Ansicht Sachkundiger nicht der Römerzeit an.

Jedenfalls ist aber großartig zu nennen, was jene Zeiten zur Vollendung gebracht haben. In einem stundenweiten Umfange erhoben sich starke Mauern und hohe Thürme stolz und mächtig aus den um sie gezogenen breiten und tiefen Gräben, und die Spitze des Berges krönten einst drei feste Burgen. Mit der Hauptburg waren mehrere Gebäude der Stadt durch unterirdische Gänge verbunden. Manche derselben sind noch gut erhalten und bleiben immerhin herrliche Denkmale von dem Reichthum und der Vorsicht unserer Altvordern, die auf solche geheime Rettungsmittel denken und solchen Aufwand bestreiten konnten.

Die Stammburg war von einer Menge fester Burghuten nach allen Seiten gleich einem Gürtel umstellt. Diese [387] sind jedoch spurlos verschwunden, und man findet ihre Namen nur noch in alten Lagerbüchern und im Munde des Volkes als Güter-(Gewende-)Bezeichnungen. Alles deutet übrigens darauf hin, daß schon in frühester Zeit die militärische Wichtigkeit dieses Punktes recht wohl erkannt worden war.

Von der Festigkeit und Sicherheit, welche diese Burg und Stadt den Welfen gewährte, liefert die Geschichte mannigfache Beweise: hieher brachte Herzog Welf III. den gefangenen Bischof Sigfried von Augsburg (1088 n. Chr.) in sichere Verwahrung; hieher führte Herzog Heinrich von Bayern seinen Feind, den Grafen Konrad von Wolfrathshausen (1125); hieher derselbe seine Gemahlin Gertrud, Kaiser Lothars Tochter, nach den Vermählungsfeierlichkeiten auf dem Gunzlech (1127). Hier wurde auch Heinrich der Löwe, Heinrichs des Schwarzen Sohn, (1129) geboren. Ja, es soll sogar nach der Sage Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) hier geboren worden sein.

Obgleich mit der Stadt eng verbunden, blieb aber dennoch nachmals unter den Staufen und den späteren Kaisern die Burg von ihr getrennt und im unmittelbaren Besitze von Kaiser und Reich. Im Jahr 1647 gieng sie in Flammen auf und zwar durch die Bosheit zweier Taugenichtse, die sie anzündeten. Von dieser Zeit an ist das Schloß nicht wieder aufgebaut worden. Später aber wurden die Ruinen desselben mit einem Theile des Schloßberges der Stadt Ravensburg in lehnbarer Eigenschaft überlassen. Diese aber veräußerte im Jahr 1798 den Platz an Privatpersonen. Heute finden wir eine kleine Sommerwirthschaft auf demselben eingerichtet.

[388]
2.

Setzen wir uns in das Gartenhäuschen, um uns noch einen Augenblick mit der Vergangenheit zu beschäftigen! Obgleich wir schon in dem Gebiete der Geschichte verweilten, so dürfte ein näherer Einblick in die Erlebnisse der Burg und der Stadt nicht gerade überflüssig erscheinen.

Wir haben schon so Verschiedenes über die „Welfen“ gehört, daß wir zunächst wohl ihr Geschlecht sollten kennen lernen. Ueber den Ursprung ihres Namens geben gelehrte Forscher gelehrten Aufschluß. Die Sage weiß ebenfalls davon zu erzählen. Hören wir ihren Bericht!

Zu der reichen Gräfin von Altdorf im nahen Scherzachthale kam einst ein armes Weib und bat um eine Gabe für sich und ihre hungernden Kinder. Aber die Gräfin wies das Weib hartherzig ab und schmähte die Bettlerin noch.

Diese, erbittert und tiefgekränkt, wünschte der Gräfin, daß sie zwölf Kinder zumal gebären möge. Nicht lange nachher gieng dieser Wunsch der Bettlerin in Erfüllung. Zwölf Knaben erfüllten auf einmal das Schloß mit ihrem Geschrei. Darüber entsetzte sich die Gräfin gar sehr. Ihr Gemahl war zu dieser Stunde glücklicherweise ausgegangen. Um ihn nun nicht allzusehr in Schrecken zu versetzen, schickte sie auf der Stelle ihre Magd mit elf Knaben fort und befahl ihr, die Jungen in die nahe Scherzach zu werfen, damit sie daselbst ertränken. Zugleich bemerkte sie der Magd, so sie Jemand anhalte und befrage, solle sie sie nur sagen, sie müsse junge Hunde ertränken.

[389] Schon war die Magd mit ihrem Korbe bis in die Nähe des Mühlbachs gekommen; da traf es sich, daß gerade der Graf des Weges kam. Der fragte sie, wohin sie wolle und was sie denn im Korbe habe. Die Magd that, was ihre Frau sie angewiesen hatte. Aber der Graf gab sich mit der erhaltenen Antwort nicht zufrieden; er verlangte die Hunde zu sehen. Wie die Magd sich wehren mochte: es half Alles nichts, und am Ende beichtete sie dem Grafen die ganze Geschichte. Dieser befahl nun der Magd tiefes Schweigen; sie solle der Gräfin nur sagen, daß sie ihren Auftrag vollzogen habe.

Hierauf ließ er die elf Knaben zu einem Müller tragen, der in der Nähe der Scherzach wohnte, und der Müllerin empfahl er, für die Kleinen zu sorgen und sie liebevoll zu pflegen. Die Knaben wuchsen auch rüstig und wacker heran, und es gedieh einer so lieblich als der andere. Als sie das siebente Jahr erreicht hatten, veranstaltete der Graf ein großes Fest, zu dem viele vornehme Gäste geladen wurden. Während des Essens brachte der Graf, wie zufällig, das Gespräch auf verschiedene Verbrechen und fragte dann die Gäste, welche Strafe sie für jedes derselben ansetzen würden. Jeder Gast äußerte seine Meinung freimüthig. Endlich kam auch die Reihe an die Gräfin, seine Gemahlin, und der Graf fragte sie, welche Strafe wohl eine Mutter verdiene, die elf Kinder umgebracht habe. „Ei“, sagte die Gräfin rasch, „die verdiente, daß man sie lebendig in Oel siede.“ „So hast du dir selber dein Urtheil gesprochen“, versetzte der Graf und öffnete eine Seitenthüre, durch welche er elf stattliche Knaben hereintreten ließ. Zudem erzählte er seinen Gästen die ganze Geschichte. Die Gräfin aber [390] fiel ihm todesbleich zu Füßen und bat um Gnade, die ihr der Graf auch gewährt haben soll.

Vor dem Rathhause zu Altdorf sind die zwölf Knaben nebst dem Müller und der Müllerin abgebildet, ebenso aus einem alten Oelbild im Innern dieses Hauses. Es enthält die Inschrift: „Eine unerhörte Historia von dem Ursprung und Namen der Guelfen, vor Zeiten Grafen und Herren zu Altdorf im Alllgäu, nachmals Fürsten in Baiern, dergleichen von Anbeginn der Welt nie gehört noch vernommen worden: Isenhard, Graf zu Altdorf, lebt im Anno 780. Seine Gemahlin Irmentrudis brachte auf einmal zwölf Kinder zur Welt und wollte aylffe davon, gleich als junge Hunde lassen ins Wasser werfen.“ Das ist die schreckliche Geschichte mit den zwölf Knaben.

„Und wozu diese Sage?“ – Nun, sie spinnt sich noch weiter fort und stempelt diese zwölf Bürschchen zu Stammherren bes Welfengeschlechts.

Aber die strengen Gelehrten weisen die Mähr gnadenlos in das Reich der Fabeln, und finden einen ganz anderen Ursprung der Welfen.

Nach den vorliegenden geschichtlichen Urkunden sind die Welfen Nachkommen der alten Gaugrafen des Argen- und Linzgaus. Einer dieser Gaugrafen, Rudhard, war zugleich königlicher Kammerbote unter Karl dem Großen. Die zweite Gemahlin Ludwigs des Frommen soll eine Tochter des schwäbischen Grafen Welf, eines Stammvaters der Welf-Altdorf’schen Grafen, gewesen sein. Kaum zu bezweifeln ist ferner, daß die Gemahlm Karls des Großen, Hildegard, eine Welfin war. Ein Bruder dieser Kaiserin, Ulrich, wurde sehr vom König Ludwig begünstigt, daß er [391] neben dem Argengau auch noch die Verwaltung des Linzgaus erhielt. Jedenfalls dürften aber von diesem Ulrich an die Gaugrafen für Welfen zu halten sein. Auf den Grafen Ulrich folgten Graf Welf von 846 an, dann wieder ein Graf Ulrich von 861 bis 884 und jetzt ein Ulrich der Jüngere; dieser ist der Vater eines Rudolfs und Welfs, und letzterer wird in der Regel der „Erste“ genannt. Dieser erhielt nach seines Bruders Tode auch die väterlichen Stammgüter in Schwaben und starb im Jahr 960. Welf II. trat zuerst den Kampf mit den Kaisern aus dem fränkischen Hause an. Dieser Welf wird auch als Erbauer von Ravensburg, der Stadt, aufgeführt. Uebrigens ist wahrscheinlich, daß er seine heimathliche Burg nur erweiterte und mehr befestigte; auch liegt die Vermuthung nahe, daß er den oberen Theil der jetzigen Stadt, der damals aus zahlreichen Burghuten seiner Ministerialen (Schultheißen) und Dienstleute bestand, zu einem Ganzen verband und dadurch der Ansiedlung um seine Stammburg ein mehr städtisches Ansehen verlieh. Welf III. erbte bie deutschen Länder seines Vaters und behauptete kühn die Würde seines Geschlechts. Er ward der mächtigste der Großen in Schwaben. Mit ihm endete, da er 1055 unverehelicht starb, der alte Welfenstamm, und der Sohn seiner Schwester Cunizza (Kunigunde) wurde als Welf IV. von seiner Großmutter Irmengard zum Erben berufen und erhielt zu seines Vaters italienischen Besitzungen auch die ausgebreiteten deutschen seines mütterlichen Oheims. Er ist es auch, der den zweiten, zur Stunde noch blühenden Welfenstamm begründete. Als einer der angesehensten und tapfersten Krieger seiner Zeit war er [392] in dem großen Kampf zwischen Kirche und Staat, der unter Kaiser Heinrich IV. begann, recht ernstlich betheiligt.

In hohem Alter, im Jahre 1100 unternahm er einen Zug nach Jerusalem. Auf der Rückreise starb er auf der Insel Cypern. Acht Jahre später wurden seine Gebeine in der Familiengruft der Klosterkirche zu Weingarten beigesetzt. Er vergrößerte seine schwäbischen Besitzungen, so daß sie vom Bodensee durch Schwaben bis an den Kochergau reichten. Als Herzog in Bayern machte er sich und seine schwäbischen Erblande während des Kampfes mit den Hohenstaufen von der Herrschaft der alemannischen Herzoge frei und besaß diese nebst Bayern als eine dem Kaiser allein und unmittelbar unterworfene Herrschaft. Bemerkt muß noch werden, daß Welf IV. der Vollender des Stifts Weingarten war.

Von den beiden Söhnen des letztgenannten Grafen starb Welf V. früh und Heinrich der Schwarze vereinigte alle welfischen Besitzungen unter sich. Eine seiner Töchter, Judith, vermählte sich mit Friedrich von Staufen, Herzog in Schwaben, und war die Mutter Kaiser Friedrichs I. Trotzdem schlug sich aber Heinrich der Schwarze auf die Seite derer, die Lothar zum Kaiser erwählten; dieser aber verlobte seine einzige Tochter, Gertrud, mit Heinrichs gleichnamigem Sohne, Heinrich dem Stolzen, und eröffnete so dem Welfenstamm die wohl schon lang genährte Hoffnung auf die Königskrone. Das Glück entschied für den Hohenstaufen Konrad III. Zwölf Jahre lang führte nun Welf VI. den Krieg gegen den Kaiser mit Muth und Ausdauer. Dadurch wurde der Same zu dem tödtlichen Hasse beider Häuser ausgestreut. Die Namen Welfen und Gibellinen wurden wurden als Parteinamen [393] damals zuerst gehört. Erst im Jahr 1151 legte er unter Vermittelung des Kaisers Friedrich I. die Waffen nieder. Welf behielt seine schwäbischen Güter und empfieng noch mehrere Reichsgüter zu Lehen. Die allgemeine Geschichte der Deutschen berichtet noch des Weiteren über die Kämpfe der Welfen und Gibellinen. Deßhalb möge hier nur noch angeführt werden, daß Welf VI., durch den Tod seines Sohnes Welf VII. im Jahr 1167 kinderlos, beschloß, den Rest seiner Lebenstage in Ruhe in seinen Lieblingsorten Ravensburg und Memmingen zuzubringen. Hier hielt er einen glänzenden Hof und überließ sich dem Vergnügen. Um die nöthigen Mittel hiezu zu bekommen, schenkte er seine italienischen Besitzungen – mit Uebergehung Heinrichs des Löwen – seinem Neffen Kaiser Friedrich I. und trat 1180 selbst seine deutschen Länder an ihn ab.

Nochmals entbrannte der Streit nach Welf VI. Tode zwischen Welfen und Gibellinen im Jahr 1198. Philipp von Schwaben und Otto, der Sohn Heinrichs des Löwen, kämpften um die Kaiserkrone. Wenn auch Otto 1208 empor kam, so erlag er doch 1212 dem Gegenkönig Friedrich II. aus staufischem Blute.

Die Besitzungen der Welfen giengen nun an die Hohenstaufen über. Aber noch strahlt der Glanz des Hauses in den Nachkommen Heinrichs dies- und jenseits des deutschen Meeres auf zwei Königsthronen: England und Hannover, sowie in dem noch regierenden Hause Braunschweig.

Die früheste Stammburg des Welfengeschlechts war das nahe Altdorf. Als aber das von den Welfen gestiftete Kloster Altdorf 1053 abbrannte, räumte Welf III. [394] den Mönchen sein daselbst auf einem Hügel gelegenes Schloß zur Wohnung ein, welches, weil der Hügel mit Reben bepflanzt war, von den Mönchen Weingarten genannt wurde. Von jener Zeit an, bewohnten die Welfen ihr Schloß, die alte Rauenspurc, ununterbrochen bis zur Besitzergreifung der Staufen.

Die Stadt selbst, die sich zu den Füßen der Burg lagerte, wurde 1100 mit Mauern umgeben und zur angesehenen Fürstenstadt erhobe. Dadurch wurde ihr aber auch der Weg gebahnt zu dem nachherigen Wohlstande und der Höhe ihrer politischen Freiheiten, auf welche sie sich in stufenweiser Reihenfolge nach dem Untergange der Staufen und des Herzogtums Schwaben emporschwang.

Halten wir uns daher noch einen Augenblick bei der Geschichte der Stadt auf.

Mit der Zunahme ihres eben erwähnten Wohlstandes und ihrer Bevölkerung zeigte sich auch das Bedürfnis einer Vergrößerung ihres Umfangs. Auf solche Weise entstanden ihre Vorstädte. Heute noch besteht Ravensburg aus der eigentlichen Stadt und den drei Vorstädten Oehlschwang, Pfannenstiel und Heiligkreuz. Ihre Mauern sind mit mehreren Thürmen besetzt und mit Gräben umgeben, um welche angenehme schattige Spaziergänge führen.

Wie belebt Ravensburgs Märkte schon früher gewesen sein müssen, dafür sprechen Urkunden aus jener Zeit. Besonders lebhaft war der Linnenhandel mit Italien. Nebenbei ertheilten ihr die Welfen manche Begünstigungen und Freiheiten. Die Hohenstaufen hatten in der Stadt ihren [395] „Ammann“ oder Schultheißen, welcher in ihrem Namen die Gerichtsbarkeit übte. Mit dem Verfall dieses Kaisergeschlechts hob sich die Macht Ravensburgs; auch während des Zwischenreichs unterwarf es sich keinem neuen Herrn. Rudolf von Habsburg und Adolf bestätigten die Freiheiten und Rechte der Stadt. So war Ravensburg eine unmittelbare Reichsstadt geworden. Der Wohlstand nahm sichtlich zu. Mit dem inneren Wohlstand wuchs auch das Ansehen der Stadt nach außen. Sehr erschüttert, ja zerstört wurde dieser glänzende Zustand der Stadt durch die Verheerungen des dreißigjährigen Kriegs. – Der Reformation wendete sich ein großer Theil der Bürgerschaft zu, so sehr auch der Abt Blarer von Weingarten und der Graf Hugo von Montfort sich widersetzten. Nach 1649 wurde eine gewisse Gleichheit zwischen beiden Konfessionen ziemlich hergestellt und namentlich die städtische Verwaltung von beiden Konfessionsverwandten gleich besetzt. Die „Geschlechter“ waren größtentheils katholisch geblieben.

In Ravensburg gab es – wie in Ulm und andern Reichsstädten - zweierlei Einwohner: edle (Geschlechter, Bürger) und nicht edle (gemeine). Die Regierung war anfänglich in den Händen der Geschlechter, bis sich aus den reichen Kaufleuten und den bedeutenderen Gewerbsleuten ein Mittelstand bildete, der eine dritte Klasse von Einwohnern ausmachte. So gab es also Geschlechter, Kaufleute und Zünfte (Patrizier, Honoratioren, Handwerker), welche mit der Zeit große Bedeutung erhielten. Die Gesellschaft ber Patrizier hieß „Gesellschaft zum Esel“, führte einen Esel im Wappen und besaß Ihren „Eselsbrief“. Die „Gesellschaft zum Esel“ löste sich erst im Jahr 1818 völlig [396] auf. Der Zweck derselben war, eine Trinkgesellschaft zu bilden, ein Gesellschaftshaus zu besitzen. - Die Gesellschaft der Honoratioren hieß die „Gesellschaft zum Ballen.“ Sie führte ihren Namen von ihrem Gesellschaftshause, das „Ballen“ genannt wurde. – Die acht Zünfte hatten eben so viele Trinkstuben.

Durch den Frieden zu Luneville (1801) und den Separatvertrag zwischen Frankreich und Bayern kam Ravensburg an Bayern und im Jahr 1810 an die Krone Württemberg. Wenn auch in den ersten Zeiten nach Aufhörung der Reichsunmittelbarkeit und Reichsfreiheit die Patrizier und Honoratioren und Zünfte sich nicht gar wohl fühlten unter der königlichen Herrschaft, so hat insbesondere die milde Regierung des Königs Wilhelm die Herzen versöhnt und gewonnen, und als ein Theil von „Neuwürttemberg“ blüht die Stadt sichtlich empor und erfreut sich des glücklichsten Gedeihens und eines steigenden Wohlstandes.

3.

Beinahe hätten wir uns hier oben zu lange aufgehalten. Die Pfarrei zu St. Christina, wo voreinst der welfische Burgkaplan wohnte, wo auch das welfische Hofgesinde sich aufhielt, lassen wir unbesucht, obgleich die Pfarrstelle eine der ältesten in dieser Gegend ist.

Wir merken wohl, daß die Stadt gegen den Schloßberg nicht wenig ansteigt, daß sie überhaupt uneben ist. Dennoch ist ihre Lage äußerst angenehm und freundlich. Die Fruchtbarkeit der Gegend, geschmackvolle Gärten und Landhäuser, Weingärten, hübsche Waldungen, romantische Thaleinschnitte, Thürme, Burgen, der rauschende Fluß: dies [397] Alles vereinigt sich hier zu einem schönen Landschaftsbilde. Die Eisenbahn und mehrere hier zusammenstoßende Landstraßen beleben den Verkehr außerordentlich. Neben Feldbau und nicht unbeträchtlichem Weinbau – von Weingarten an bis zum Bodensee wird die Rebe wieder gepflegt – treibt Ravensburg auch lebhaftes Gewerbe und nicht unbedeutenden Handel. Besonders stark ist der Umtrieb auf den jeden Samstag stattfindenden Wochenmärkten, da Ravensburg zu den bedeutendsten Fruchtmärkten in ganz Württemberg zählt. An solchen Tagen ist in der Stadt ein Getriebe, wie man es anderwärts höchstens an Jahrmarktstagen zu sehen gewohnt ist. Seidenspinnereien, Baumwollwebereien, Strumpffabriken, eine Wollspinnerei, Färberei, Tuchmacherei, Papier- und andere Fabriken erheben sich zu immer bedeutenderem Umfang und scheinen sich fortdauernd vermehren zu wollen. Wen sollte es wundern, daß unter solch günstigen Verhältnnissen die Stadt ein gutes und wohlhabendes Aussehen hat? Ihre Straßen und Gassen sind – wie dies in Oberschwaben gewöhnlich der Fall ist – mit Gerölle (großen Kieseln) gepflastert. Die Gebäude zeigen Wohlstand an, wenn sie auch sonst sich nicht auszeichnen. Manche derselben haben ein sehr alterthümliches Aussehen, wie das Rathhaus, das Kornhaus, die Halle. Wenn auch die Bauart der Privathäuser im Ganzen die gewöhnliche des Landes ist, so nähert sie sich doch darin etwas der italienischen, daß die bedeutenderen Gebäude mit einem durch Altane verbundenen Hinterhause versehen sind und in ihrer Mitte einen Hofraum einschließen.

Die Stadt besitzt drei Kirchen, zwei katholische und eine evangelische. Die erste katholische Pfarrkirche ist die [398] „Lieb Frauenkirche,“ in welcher sich zwei Monumente der Familie Martini aus kararischem Marmor befinden; bie zweite ist die St. Jodok- oder Jos-Kirche, auch untere Pfarrkirche genannt, da sie für die Bewohner der unteren Stadt bestimmt war. Die evangelische Pfarrkirche ist die ehemalige Carmeliter-Kirche, 1701 neu gebaut.

Diese Kirche war ursprünglich eine flach gedeckte Basilika mit Spitzbogen-Arkaden. Längst war sie einer Ausbesserung und Verschönerung dringend bedürftig, und diese wurde in den letzten Jahren mit großen Opfern zu Stande gebracht. Die vier Schiffe und der Chor wurden eingewölbt und durchweg mit neuen, zum Theil reichen und prächtig geschnitzten Stühlen versehen. Altar und Kanzel sind in reinen gothischen Formen äußerst schön aus Eichenholz geschnitzt; aus dem Altar wächst ein Kreuz mit einem herrlichen Crucifix. Der schönste Schmuck der Kirche sind aber ihre Glasgemälde, die für immer ein glänzendes Denkmal der Kunst und der Opferwilligkeit des kirchlichen Sinnes der Gemeinde sein werden, sofern sie theils Stiftungen einzelner Familien sind, theils durch freiwillig gegebene einzelne Beiträge ermöglicht wurden. Im Chor bescheint die Morgensonne die majestätische Darstellung der Auferstehung Christi, welche die drei Fenster des Chorschlusses einnehmen, während ihnen gegenüber am Ende des Mittelschiffes zwischen den beiden Orgelgehäusen die Prachtgestalt des königlichen Sängers David in dem 32 Fuß hohen und 10 Fuß breiten Fenster auf die Gemeinde herniederschaut. Die Fenster des südlichen Seitenschiffs sind durchweg mit Männern der Reformationszeit geschmückt, nämlich mit drei Reformationsfürsten: Friedrich der Weise, Herzog Christoph und Gustav Adolph, und [399] vier Reformatoren: Luther, Melanchthon, Zwingli und Johannes Brenz.

Am 10. August 1862 wurde die auf diese Weise neugeschmückte und wahrhaft prachtvolle Kirche feierlich eingeweiht und den evangelischen Gemeindegenossen übergeben.

Unter den Thürmen der Stadt verdienen besonders genannt zu werden der schlanke Mehlsack, hoch und am höchsten Saume der Stadt im 15. Jahrhundert zum Schutze gegen die Veitsburg erbaut, seinen Namen führend von seiner schlanken Form und weißen Farbe; ferner der Blasenthurm neben dem Rathhaus, im Jahr 1556 neu erbaut und 154 par. (175 württ.) Fuß hoch.

Früher besaß Ravensburg mehrere Klöster, im Jahr 1802 noch drei, nämlich ein Carmeliter-, ein Kapuziner- und ein Franziskaner-Nonnen-Kloster, die sämmtlich im Jahr 1806 aufgehoben wurden.

An wohltätigen Anstalten und Stiftungen besitzt Ravensburg eine nicht unbedeutende Zahl. Der Ursprung des „Heil. Geistspitals“ geht ins 13. Jahrhundert zurück; er gehört unter die vorzüglichst ausgestatteten seiner Art. –

Ravensburg ist in geistlicher und leiblicher Richtung ein wohlberathener Ort und die etwa 5000 Einwohner der paritätischen Stadt führen ein behäbiges Leben und wissen sich durch Bälle und Conzerte – Musik und Gesang werden sehr gepflegt und hoch in Ehren gehalten – und durch Schauspiele, sowie durch Feste aller Art die Zeit der Erholung angenehm zu würzen. [400] Ein solches Fest, das alljährlich im August gefeiert wird, bringt Jung und Alt in Ravensburg viele Freude und Vergnügen: es ist das Ruthenfest.

Wochenlang freuen sich Kinder und Eltern, Jünglinge und Greise auf die schönen Tage des Ruthenfestes. Vorbereitungen aller Art werden zur würdigen Feier desselben getroffen; unter ungeduldigem Harren verstreicht der stürmischen Jugend die Zeit viel zu langsam. Endlich ist die Festwoche angebrochen. Der Abend des Sonntags derselben muß hievon der Stadt die nöthige Kunde darbringen. Sechs etwa zwölfjährige Knaben durchziehen mit rasselden Trommeln die Stadt. Kaum hat der kommende Morgen gegraut, so sind unsere Bürschlein schon wieder lebendig. Abermals Ungeduld, aber auch Freude auf jedem Gesicht. Es will so lange nicht sechs Uhr schlagen! Horch! der Hammer verkündet die sechste Stunde des Tages. Ha! eine stolze Musikbande von gesundheitstrotzenden Knaben bewegt sich mit klingendem Spiel durch sämtliche Straßen. Jetzt herrscht das regste Leben allwärts. Die Arbeit ruht: es ist Festtag in der Stadt. Die Kinder prangen im größesten Festschmuck. Auch die Erwachsenen haben für heut ihren schönsten Putz hervorgesucht. Schon Tags zuvor rückte Festgast um Festgast ein. Aber auch der Morgen des Festes bringt noch der Gäste gar viele. Kein Haus, in welchem sich nicht die Freunde von auswärts hätten zahlreich zusammen gefunden! Und in den Gasthöfen herrscht ein buntes Gewimmel. Die Fremden eilen von allen Seiten herbei.

Es ist halb neun Uhr. Die Glocken aller Kirchen der Stadt rufen zum Gottesdienst. Eine Predigt, ganz der Schuljugend angemessen, gibt dem Ganzen die höhere Weihe. [401] Kaum ist die „Kirche beendigt“, so versammelt sich die Gesammtschülerschaft mit ihren Lehrern und mit den städtischen Behörden vor dem Lyceum. Unter eigenen, zu diesem Feste gedichteten Gesängen zieht das ganze Volk zuerst durch mehrere Straßen der Stadt und dann hinaus auf den Festplatz, die Kuppelnau. Die ganze Versammlung stimmt – begleitet von brillanter Musik – in das Lied ein: „Heil unsrem König, Heil!“. Die Kinder werden mit Wecken beschenkt und dann nach Hause entlassen. Man kommt gerade recht zum Festschmause. – Der Nachmittag sammelt um halb zwei Uhr wieder sämmtliche Schüler und ihre Lehrer, auch die geistlichen und weltlichen Beamten und die meisten Frauen und Jungfrauen in schönstem Schmucke beim Lyceum. Die Musik fehlt ebenfalls nichts. Diese voraus, zieht man wieder auf die Kuppelnau. Alles stellt sich in nette Ordnung. Es wird auf einmal ganz stille. Die Festrede beginnt. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgt ihr Jung und Alt. Sogar die flatterhaften und stets zerstreuten Schüler sind diesmal ganz Ohr. Aber nicht zu lang darf der Redner die Aufmerksamkeit fesseln. Eine andere Freude harrt noch der Jugend. Es werden die Preise vertheilt an die tüchtigsten Knaben und Mädchen. In erster Reihe kommen die Lyceal- und dann die Realschüler; ihnen folgen die Schüler der Volksschulklassen, welche die Preise in Empfang nehmen. Wie sie strahlen, die Augen der Preisträger! Sie sind die Glücklichsten unter den Glücklichen. Aber auch Thränen und traurige Mienen lassen sich – trotz des festlichen Tages – wahrnehmen. Doch ist der Schmerz über getäuschte Hoffnungen jählings verweht; der Strudel der Freude verschlingt ihn nach wenigen Augenblicken. [402] Die glänzendste Rolle beim Feste spielen zwei „Königinnen.“ Sie sind die besten Schülerinnen der obersten evangelischen und katholischen Mädchenklasse. Ein weißes Kleid mit blauer und rother Schärpe und eine prachtvolle Krone auf dem Haupte zeichnen diese „Königinnen“ aus. Die Umgebung, der Hofstaat, dieser Beiden wird gebildet von je sechs ebenfalls weißgekleideten, blumenbekränzten Mädchen ans denselben Klassen. Diese müssen den Königinnen in der Lokation am nächsten stehen, um ebenbürtig zu sein. – Und wie sieht’s bei den Knaben aus? Die besten Schüler unter ihnen prangen mit Federhut, Schärpe und Schwert an der Seite; sie heißen „Oberstfähndriche“ und haben auch eine Umgebung, ein Gefolge, die „Fährndriche“, von je sechs ähnlich gekleideten Knaben der gleichen Klasse. Wie sie sich fühlen in ihrer besonderen Auszeichnung, diese Königinnen und Oberstfähndriche! Wie manch ein Auge sieht aber auch mit heimlichem Neide auf sie? Wie manch ein Herz mißgönnt den Glücklichen die Lust! Doch die Freude nimmt ihren ungestörten Fortgang, und wenn der Himmel auch sein blaues Auge auf die Menge liebend lenkt, so fehlt zum Hochgenuß des Tages nicht Ein Gut.

Die Preise sind vertheilt, die Preisträger von ihren Angehörigen geherzt, geküßt. Jetzt wird gespielt in dieser oder jener Weise, Karrousel gefahren, in den Glückshafen gesetzt, kurz: es ist ein Leben, wie auf dem größten Jahrmarkt. In den naheliegenden Gärten spielen zahlreiche Musikbanden. An Speisen und Getränken zur Erfrischung ist kein Mangel. Man sieht, die Freude hat an allen Tischen ihren Thron aufgeschlagen. Aber nur allzuschnell zerrinnt die Zeit. Schon ist es Abend geworden. Um halb sieben Uhr [403] zieht froherregt die Schülerschaar zurück in die Heimath. Noch eine kurze Andacht – und beendigt ist die Feier des ersten Festtages.

Und damit wär’s genug? – O nein! Ein zweiter Festtag folgt. Der Dienstag hat sein ganz besonderes Vergnügen. Schon um halb acht Uhr Morgens eilt Klein und Groß ins Schauspielhaus. Da spielen Lyceal-, Real- und Elementarschüler für Kinder berechnete Stücke. Es ist oft zum Verwundern, wie gut sie ihre Rollen geben. Die Pausen zwischen dem ersten und zweiten Schauspiel werden ausgefüllt durch Deklamationen theils ernsthafter, theils komischer Gedichte. Und Zuschauer und Zuhörer – das ziemlich geräumige Theater ist jedesmal schier zum Erdrücken voll – sind Aug und Ohr. Mag auch das Spiel so lange dauern, als es will, kein Mensch klagt über Zeitverlust. Zudem ist’s heut ja gerade so gut noch Festtag, wie am jüngstverfloßnen Tage. Auch heute ruht die Arbeit.

Der Nachmittag lockt wieder den größten Theil der Schülerschaft und Alle, die sich gestern eingefunden, hinaus auf den bekannten Festplatz. Das „Adlerschießen“ der Schüler der höheren Lehranstalten wird jetzt vorgenommen. Es herrscht abermals das bunteste Gewimmel auf der Kuppelnau. Die Knaben aber mühen sich mit größtem Eifer, den Adler seiner Federn und Kleinodien zu berauben mittelst ihrer Armbrust. Wer den Reichsapfel trifft, der ist „Schützenkönig“, der wird im Triumph von sämmtlichen Schützen und sehr vielem Volke nach Hause begleitet.

So vergeht auch der zweite Festtag unter Scherz und Lust. Die Abende aber werden von den Erwachsenen bei Bällen zugebracht, zum klaren Beweise dafür, daß nicht blos [404] für Kinder, sondern für alle Stände und Altersklassen das Ruthenfest ein Freudenfest sei, das sich oft bis zum Schluß der Woche fortspinnt. Ja, wer an solchen Tagen in Ravensburg weilt, dem mag das bewegte und lustige Leben nicht wenig auffallen.

Worauf gründet sich aber die Feier dieses Festes? Der Ursprung desselben reicht sehr weit in die Vorzeit hinauf. Die am meisten verbreitetste Sage berichtet, es habe im 16. Jahrhundert eine pestartige Krankheit in Ravensburg gewüthet und sehr viele Einwohner, namentlich aber viele Kinder weggerafft. Nachdem man alle ärztliche und religiöse Mittel erschöpft gehabt habe, da haben die Kinder mit „Ruthen“ (Baumzweigen) in Händen unter Gebet eine Prozession durch die ganze Stadt gehalten und sehr bald sei dann die Seuche verschwunden. Zum Danke dafür habe der Rath beschlossen, jedes Jahr das Andenken an die Rettung der Stadt durch das Gebet der Kleinen durch ein Schuljugendfest zu feiern, Von den Zweigen, welche jene Kinder in den Händen trugen, habe das Fest dann seinen Namen bekommen.

Eine andere Sage, in den Hauptpunkten mit der eben erzählten übereinstimmend, leitet den Namen davon ab, daß diejenigen Personen, in deren Hause ein Angesteckter krank lag, „Ruthen“ (Zweige) in der Hand haben tragen müssen, wenn sie ausgegangen seien, um die Begegnenden zu warnen, ihnen nicht zu nahe zu kommen.

Die historischen Quellen sind hierüber leider sehr unvollkommen. Nur eine alte Ravensburger Kronik, die vom Jahr 1100 bis zum Ende des 18. Jahrhunderts das Merkwürdigste meldet, berichtet aus dem 16. Jahrhundert zwei [405] verheerende Seuchen, die eine vom Jahr 1541, welche – nach den Worten der Kronik – über tausend Menschen schnell wegraffte; die andere wüthete im Jahr 1558; die Kronik nennt diese Seuche die „rothe Ruhr“ und sagt, sie habe im Monat August über hundert Kinder „gefressen.“ Da das Ruthenfest regelmäßig und seit uralter Zeit im August, und zwar am Montag nach Mariä Himmelfahrt gefeiert wird, so wäre gar nicht unmöglich, daß die letztgenannte Seuche die wirkliche Veranlassung des Festes gewesen. Auch im Jahr 1634 war, nach derselben Kronik, ein großer „Sterbent“; täglich wurden 40 Menschen begraben und in wenigen Monaten waren über zweitausend Personen gestorben; die evangelische Schule zählte nur noch 4 bis 5 Kinder.

4.

Verlassen wir nun die Stadt, um uns auch in der Umgegend umzusehen. Wir gehen durch die Heiligkreuzvorstadt nach Altdorf und Weingarten. Links von dieser Vorstadt liegt die berühmte mit hohen Linden besetzte Kuppelnau. Der Weg ist äußerst angenehm. Die Thürme Weingartens ragen schon hervor. Noch etliche Schritte und wir haben Altdorf, den einzigen Ort von Bedeutung im Oberamt Ravensburg, betreten. Es war ehemals der Hauptort der östreichischen Landvogtei, liegt in fruchtbarer, freundlicher Gegend und bietet mit den schönen Klostergebäuden einen äußerst malerischen Anblick dar. Die Scherzach durchrauscht den Ort, der etwa 2500 Einwohner zählt. Altdorf ist zugleich eine der ältesten Pfarreien Oberschwabens. Droben am Martinsberg saß jenes mächtige Geschlecht der Welfen, das wir bereits kennen lernten. Am Fuße der Martinsburg [406] entstand dann der Flecken, von dem die alte Grafschaft und die alten Grafen von Altdorf ihren Namen führten. Die Verlegung des Wohnsitzes der Welfen nach Ravensburg hemmte das Emporblühen des Orts; auch die Nähe des Klosters scheint dem Flecken zur Erringung einer gewissen Selbstständigkeit und eines größeren Wohlstandes hinderlich gewesen zu sein. Obgleich Altdorf und Weingarten fast durchgängig durch eine hohe Mauer geschieden sind, so bilden sie doch nur Einen Ort und sind sehr eng mit einander verbunden.

Weingarten selbst liegt auf einem schönen Hügel über Altdorf, an der von da aufsteigenden Bergwand und stellt sich eben so großartig als malerisch und freundlich dar. Gehen wir von Altdorf die schöne steinerne Treppe von 70 Stufen hinauf, so gelangen wir auf eine Terrasse mit herrlicher Aussicht auf das Schussenthal. Aber auch die wahrhaft fürstlichen Gebäude fesseln das Auge, das sich hier eben so sehr an den Wundern der reichen Natur, als an den Gebilden der Kunst weidet und labt. Besonders beachtenswerth ist die Kirche. Sie ist eine der größten und schönsten im Lande. Von 1715 bis 1724 im neuromanischen Stil in Kreuzesform neuerbaut, beträgt ihre Länge 353, ihre Breite im Chor 100, im Langhaus aber 150 Fuß. Mit der mit Kupfer bedeckten Kuppel ist sie 232, der Vordergiebel 140 Fuß hoch. Zu beiden Seiten steht je ein massiver, von Quadern erbauter, 208 Fuß hoher Thurm. Das Langhaus ist nur 47 Fuß kleiner als das des Kölner Doms und wird von sechzehn gewaltigen Pfeilern getragen. Der Hauptaltar ist von rothem Marmor; vier große Spulen mit goldenen [407] Kapitälen tragen einen mit vielen allegorischen Figuren verzierten Aufsatz. Zwei große Nebenaltäre mit blauen und rothen Marmorwänden sind reich verziert. Zwei Altarbilder, Kreuzigung und Kreuzabnahme, schmücken sie. Unter den vielen Wand- und Deckengemälden – der Plafond allein zeigt an 50 Fresco-Gemälde – befinden sich auch solche, welche auf die Geschichte des Klosters und dessen Stifter, die Welfen, Bezug haben.

Eine Hauptzierde dieser Kirche ist aber die Orgel, die zu den größten Deutschlands zählt. Zwölf Personen arbeiteten 15 Jahre lang unter Leitung des berühmten Orgelbauers J. Gabler aus Ravensburg. Die Orgel hat 76 Register und 6666 Pfeifen. Das ganze Werk gewährt einen majestätischen Anblick. Besonders zierlich hängt das fein konstruirte Glockenspiel in Form zweier großen Weintrauben – das Sinnbild des ehemaligen Klosterwappens – an diesem Orgelwerk herab. Die zweite Orgel im Chor dieser Kirche enthält 24 Register und 3333 Pfeifen. Somit sind 100 Register mit 10,000 Pfeifen weniger Eine in dieser Kirche vorhanden.

Unter der alten Klosterkirche befand sich die Gruft der welfischen, sowie der Königsegg’schen Familie. In Folge des Abbruchs dieser Kirche wurden die Gebeine beider Familien herausgenommen und in die Gruft der neuen Kirche versetzt.

Besonders zu bemerken ist – als Seltenheit – eine Reliquie: sie besteht aus einem Theil von dem heiligen Blute Christi. Wie dieses Heiligthum nach Weingarten gekommen, das sagt eine besondere in der Kirche aufbewahrte Druckschrift: „Wunderwürkender auf dem heil. Calvarienberg entsprungener Gnadenbrunnen, d. i. gründlicher Bericht und [408] ausführliche Beschreibung deß Hochheiligen Herz- und Seitenbluts Christi Jesu, welches von Longino, dem Soldaten, erstlich nach Mantua gebracht etc. Altdorf, 1735.“ Dieser Longinus soll derselbe Kriegsknecht gewesen sein, der dem Erlöser mit einem Speer die Seite öffnete; glaubig soll er einen Theil des Blutes in einem Gefässe aufgefaßt und dasselbe später in Mantua vergraben haben. Nachher dort aufgefunden, sei es in drei Theile getheilt worden, wovon der eine in Mantua geblieben, der andere nach Rom gebracht und der dritte von Kaiser Heinrich III. zur Hand genommen, durch diesen aber an den Grafen Balduin von Flandern und hierauf an dessen Tochter, die Gemahlin Welfs IV., übergegangen sein soll, die dann dem Kloster Weingarten im Jahr 1090 damit ein Geschenk machte. Es ist in einem Gefäß, reich in Gold mit Edelsteinen gefaßt, aufbewahrt und wird hoch in Ehren gehalten. Alljährlich wird es am Tage nach dem Himmelfahrtsfest, am Blutfreitage, in einer großartigen Prozession herumgetragen. Von nah und fern erscheinen Tausende, um an dieser Handlung Theil zu nehmen. Das Fest selber führt den Namen „Blutritt.“ Ein junger katholischer Geistlicher, hoch zu Rosse sitzend, trägt die Reliquie in den Händen. Viele hundert berittene Landleute folgen dem Vorreiter. Die Musikchöre aus der ganzen Umgegend und unzählige Wallfahrer begleiten den Zug. Das ganze Fest hat den Charakter eines Volksfestes. – Durch den Ritt und die Herumtragung des Blutes sollen die Felder und ihr Ertrag gesegnet werden, daß ihnen kein Wetter schadet. Der Ritt geht seit alter Zeit immer durch die Scheuer eines Bauern in der Nähe von Weingarten. Einer der Teilnehmer hat die heilige Blutglocke, die während des [409] Segens beständig geläutet wird. – Auch den Pferden soll dieser Blutritt Gedeihen bringen, weßhalb die Landleute sich in so großer Zahl zum Ritte einfinden.

Von ganz besonderer Bedeutung ist die Martinskirche aber als Grabstätte des alten welfischen Hauses. Unter dem Hochaltar des nördlichen Kreuzschiffes ruhen die Gebeine von neun Mitgliedern dieses edlen Geschlechts. Ueberreste derselben wurden beim Neubau der Kirche gewissenhaft gesammelt und in einer gemeinsamen hölzernen Truhe beigesetzt. Diese Truhe entbehrte aber, wie der sie umgebende unterirdische Raum alles äußerlichen Schmuckes. Erst die jüngste Zeit hat den Gebeinen dieser längst Verstorbenen eine würdigere Stätte bereitet.

Als nämlich im Jahr 1853 der gegenwärtig regierende König von Hannover, Georg V., die Wiege seiner Ahnen besuchte und auch an ihre unscheinbare Gruft trat, faßte er den Gedanken, seinen Ahnen eine würdigere Ruhestätte zu bereiten. Dieser Gedanke wurde durch kunstverständige Techniker verwirklicht. Innerhalb der aus geschliffenen Backsteinen gemauerten Krypta (Gruftkirche), deren Raum durch angebrachte Rundfenster beleuchtet wird, ruht der mächtige Sarkophag aus polirtem Granitmarmor. Die verwitterten Schädel und gebräunten Gebeine, welche Stück für Stück, Hand voll um Hand voll in die neue kühle Todesbehausung übertragen wurden, gehören nach sicherer geschichtlicher Bürgschaft folgenden Personen an: Rudolf † 992; Heinrich † 990; Welf II. † 1030; Welf III. † 1055; Welf IV. † 1101; Welf V. † 1119; Heinrich dem Schwarzen † 1126 und Wulfhilden. Ein Schlüssel der Gruft liegt in dem württembergischen Archiv, ein zweiter in den Händen [410] des erlauchten Welfensprößlings, der sich durch seine Pietät gegen die Ahnen verewigt hat. –

Weingarten, vormals unmittelbare Reichsabtei des Benediktinerordens, leitet seine Stiftung von einem Schüler des heil. Bonifacius, Alto, her, der unter Pipin um 750 n. Chr. die Zelle Altomünster zwischen Augsburg und Freising gebaut haben soll, welche von Herzog Heinrich, des Welfen Eticho Sohn, vermehrt und erweitert worden sei. Eben derselbe soll auch zehn Jahre später zu Altdorf im Schussenthale ein Kloster, das jedoch die Hunnen bald wieder zerstört hätten, erbaut haben, das Welf II. wieder herstellte und mit Mönchen aus Altomünster besetzte. Nach einem Anschlage im Jahr 1802 hatte das Kloster ein Gebiet von sechs Quadratmeilen mit 11,100 Einwohnern und 100,000 Gulden Einkünfte. Nicht mit Unrecht wurde es das reichste Kloster in Schwaben genannt. Das Jahr 1810 brachte es nach vielen Streitigkeiten und Federnkriegen an die Krone Württemberg. Uebrigens wurde das Kloster schon im Jahr 1802 aufgehoben.

Und ein Dichter fragt nun:

Was ist aus den Benediktinern geworden,
Die einst diese prächtigen Hallen bewohnt?
Wo ist der Krummstab, der heilige Orden,
Die Aebte, die über den Vätern gethront?
     Sie liegen bestattet in dunkler Gruft,
     Um ihre Gebeine weht Moderluft;
Mit ihren Geistern sei Gottes Frieden –
Vergänglich ist Alles, was athmet hienieden.

[411]

Die größte der Orgeln, mit Donnerlauten
Sie drängt sich noch immer zur Kuppel empor,
Doch anders, als da sich die Beter erbauten
Der Priestergemeinde im festlichen Chor;
     Die mächtigen Pfeiler, der Hochaltar,
     Ganz wie es in grauen Zeiten war;
Die Väter aber sind heimgegangen,
Die einst die heilige Messe hier sangen.

Noch schwimmt um die herrlichen Kapitäler
Der klassische Duft der Vergangenheit,
Noch mahnen der Andacht Riesenmäler
An eine fromme, romantische Zeit;
     Doch der Tritt der Sandale erschallt nicht mehr,
     Die Zellen sind ausgestorben, sind leer,
Aus den stattlichen Gängen und Corridoren
Hat sich das Gesumm’ der Breviere verloren.

Und dennoch wimmelt’s vom rührigsten Leben,
Und trippelt geschäftig im eiligen Lauf;
Dreihundert geborgene Waisen heben
Die Hände zum himmlischen Vater hinauf.
     Zwar längst sind Vater und Mutter todt,
     Doch die Sinne sind frisch und die Wangen roth,
Sie haben noch einen Vater gefunden,
Wir kennen und lieben ihn alle – hier unten.

Drum laßt Euch, Ihr guten Väter, versöhnen,
Und laßt Euch nicht stören in Eurer Ruh’;
Was irdisch ist, muß sich an Wechsel gewöhnen,
Der Veränderung strebt das Vergängliche zu;
     Nur drüben ist Alles vom Wandel frei,
     Und ob’s auch bleibe, doch ewig neu;
Laßt friedlich das Kloster als Waisenhaus stehen
Bis Priester und Waisen in’s Vaterhaus gehen. *)

     * F. Cleß

[412] Ja, ein herrlicher, lieblicher Aufenthaltsort ist das Kloster geworden für die große Schaar Waisen, die wir hier so munter und fröhlich sich umtreiben sehen, daß wir nothwendig schließen müssen, es gefalle ihnen an dieser Stätte gar gut. Und die Geister der heimgegangenen Klosterinsaßen rumoren nicht ob dem kindlich-freudigen Getriebe der Jugend; sie „lassen friedlich das Kloster als Waisenhaus stehen.“

Die Umgebungen Weingartens sind sehr reich an Naturschönheiten, wie an geschichtlichen Erinnerungen. So fällt uns Weingarten gegenüber der „Schloßberg“ in die Augen, wo einst ein welfisches Schloß stand, das vor Erbauung der „Rauenspurc“ das Hauptschloß der Welfen gewesen sein soll. Weiter hinauf, am Walde Haslach, stand die Haslachburg. In Urkunden ist von zwei andern Burgen in dieser Gegend die Rede, von denen die eine Reuti, die andere Wildeneck genannt wird. Zwischen beiden liegen noch im Thale die Trümmer des großen Steins, an den sich eine Sage von dem wilden Ritter knüpft. Von all` diesen Burgen ist heut zu Tage keine Spur mehr zu finden. Wir ziehen daher weiter im „Laurathal.“ Die Scherzach durchfließt dieses wilde, enge Waldthal. Der Pfad zieht sich an dem murmelnden Gewässer hin. Etwa anderthalb Stunden lang windet sich das Thal unter dem Laub hochstämmiger Bäume aufwärts. Da und dort bildet das Flüßchen auch einen kleinen Wasserfall. Es bäumt sich, aber schäumend muß es dennoch hinunter zur Tiefe. Doch – beinah hätten wir jene Sage vergessen! Ein junger Ritter von Wildeneck – so berichtet sie – warb um die Hand der Tochter eines [413] benachbarten Ritters. Allein Gunda – so hieß die Schöne – verschmähte den „wilden Ritter“ und gab einem Andern den Vorzug. Wildeneck konnte solche Zurücksetzung nicht verschmerzen. Am Tage der Hochzeit raubt er die Braut, zündet die Burg an und ermordet den Bräutigam. Im Thale – bei jenem großen Stein – rastet er mit der geliebten Beute. Aber Gunda entreißt ihm kräftig das Schwert und stürzt sich in dasselbe. Verfolgt von der Vehme und gepeinigt von seinem Gewissen irrt der „Wilde“ unstät und flüchtig umher. In einer Gewitternacht führt ihn sein Weg wieder ins Laurathal an jenen Stein, und hier wird er jählings vom Blitze erschlagen!

Unser Thal wird immer enger. Endlich kommen wir auf eine freie Höhe. Vor uns liegt das Dorf Schlier, früher eine Besitzung des Klosters Weingarten. Bienenzucht ist hier ganz besonders zu Hause. Wanderten wir weiter und immer weiter, so würden wir die hoch und romantisch gelegene Waldburg erreichen und uns der herrlichen Aussicht daselbst erfreuen. Doch versagen wir uns diesen Genuß, so verlockend er auch sein mag.

* * *

Die freundliche Stadt will uns nochmals beglücken und uns noch länger mit ihren holden Reizen fesseln. Allein wir danken ihr herzlich für die dargebotene Freundlichkeit, die wir – auch fern – im Andenken behalten werden.

Indem wir aber von dieser Stätte mit ihren Schönheiten und Schätzen scheiden, fragen wir und antworten mit dem Dichter:

[414]

„Was suchen wir, wenn wir das Land durchziehen? –
Der einen Sonne Licht- und Lebensspuren!
Und strahlt sie nicht, so kann kein Garten blühen,
Wir wandeln achtlos durch die reichsten Fluren.
Nur Licht bedarf Natur und Menschenseele,
Dann grünt lebendig, was sonst arm und wüste,
Zum Friedenstempel wird die düstre Höhle,
Zum heitern Ruhesitz die nackte Küste.“