Reineke, der Fuchs

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Reineke, der Fuchs
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung) S. 219–228
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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4.

Die Deutsche Epopee, die ich Ihnen zu nennen hatte, ist nichts anders als der Ulysses aller Ulysse, Reineke, der Fuchs; eine der ersten Compositionen, die ich in irgend einer neueren Sprache kenne.

Ueber eine Sache, die uns lieb ist, mag man gern reden; erlauben Sie also, daß ich hier etwas weit aushole.

Leßing hat gezeigt, daß die Bestandheit der Thiercharaktere Thiere vorzüglich zu handelnden Personen der Fabel empfehle. 17)[1] Er hat auch einen Vorschlag zu fortgesetzten äsopischen Fabeln gethan, und davon Proben gegeben; er wußte aber selbst, daß dergleichen fortgesetzte, ja zu einer größeren Composition zusammengeordnete Fabeln längst da und bei mehreren Völkern beliebt waren. Sie kennen die Indischen Fabeln Bidpai, die Wilkins vor einigen Jahren aus der Ursprache bekannt gemacht hat. 18)[2] Diese waren vorher im Persischen, Arabischen, Griechischen und seitdem unter verschiedenen Namen in mehreren Europäischen Sprachen bekannt, und allenthalben mit Recht gepriesen; gegen unsern Reineke Fuchs sind sie indessen nichts als ein zusammengereiheter Rosenkranz, oder vielmehr eine Einschachtelung von Fabeln, da eine in der andern steckt, so daß man zuletzt nicht weiß, wer erzählet? Die Morgenländer gingen auf dieses Kunststück eigentlich aus, und ich mag sie in ihrem Geschmack nicht tadeln; darf aber auch nicht bergen, wie lieber mir Reineke, der Fuchs, sei. Hier ist alles fortgehende Epische Geschichte; nirgend steht die Fabel stille; nirgend wird sie unterbrochen; die Thiercharactere handeln in ihrer Bestimmtheit, mit der angenehmsten Abwechselung fort, und Reineke, der in einem großen Theil des Gedichts, wie Achill, in seinem Schloß Malepartus ruhig sitzet, ist und bleibt doch, das Hauptrad, das alles in Bewegung bringt, in Bewegung erhält, und mit seinem unübertreflichen Fuchscharakter dem Ganzen ein immer wachsendes Intereße mittheilet. Man lieset eine Fabel der Welt, aller Berufsarten, Stände, Leidenschaften und Charaktere. Eine Känntniß der Menschen, der Höfe, der Geschlechter, des Laufs der Begebenheiten ist in ihm bemerkbar, daß man beständig vor dem köstlichen Spiegel zu stehen glaubt, von welchem der Fuchs so angenehm lüget; und die Scenen der größesten Gefahr werden natürlich auch die lehrreichsten, die intereßantsten Scenen. Alles ist mit Kunst angelegt, ohne im mindesten schwerfällig zu werden; die Leichtigkeit des Fuchscharakters half nicht nur dem Reineke, sondern auch dem Dichter aus; sie half ihm zu sinnreichen Wendungen, in einer Leichtigkeit und Anmuth, die ihn bis zur letzten Zeile begleitet. Ich gestehe, daß dies alles der angenommenen Theorie ziemlich entgegen sei, und daß, wenn man mir von einer Thierfabel, die durch lange vier Bücher fortgeführt wird, erzählt hätte, man mich ungläubig würde gefunden haben. In der Ausführung, je länger der Fuchs schwätzt, und betrügt, je gelehrter und künstlicher er lüget; desto angenehmer wird er. Durch unmerkliche Gradationen wurden wir auf alles zubereitet; und die Geschichte vom Schatz und von den Kleinodien, die Ihren beiden Majestäten bestimmt waren, ist vielleicht das Ergötzlichste, das in dieser Gattung je geschrieben werden konnte. Disputire man von vernunftmäßiger Erhöhung der Thiercharaktere, wie weit sie dem Fabulisten erlaubt oder versagt sei; das Genie spottet dieser unbestimmten Verbote. Es weiß durch innere Regel, wie hoch es den Charakter eines Thieres oder Menschen hie und nicht dort, dort und nicht hie erhöhen könne, erhöhen müsse und dörfe. Diese innere Regel ist ihm Gesetz, und die Würkung auf uns sein sicherer Bürge. Die anmuthige Ruhe endlich, die in diesem ganzen Gedicht herrschet, die Unmoralität, ja sogar die Schadenfreude des Fuchses, die leider zum lustigen Gange der Welt mitgehöret; sie machen das Buch zur lehrreichsten Einkleidung eben dadurch, daß sie es über eine enge, einzelne End-Moral erheben: denn eine Epopee oder Tragödie, die sich zuletzt in einen einzelnen Satz zusammenzöge, wäre zuverläßig arm und elend.

Dank also dem Heldendichter des Fuchses, wer er auch sei; Dank allen, die sich mit diesem Buche bemüht haben. Auch Gottsched wollen wir unter diesen nicht vergessen, so viel er bei seiner Uebersetzung gefehlt haben möge. 19)[3] Seine Ausgabe hat dies Gedicht wenigstens bekannt gemacht; die dabei gebrauchten Everdingschen Kupfer, Baumanns moralischen Commentar mit denen in ihm oft vorkommenden Stellen alter Deutschen Gnomologen hat man auch daneben; und hinten beigefügt ist die niederdeutsche Urschrift selbst. Allerdings ist diese von sonderbarer Süßigkeit und Anmuth; fast ohne gewöhnliche Flickreime fliessen die Verse, wie ein sanfter Strom; das Lustige, Naive, Poßirliche wird in ihm siebenfach natürlich und lustig.

Aber, werden sie sagen, ist dieses Gedicht denn ein Deutsches Product? ists nicht eine Uebersetzung aus dem Alt französischen, wie sein Verfasser selbst saget? Allerdings. Darauf laße ich mich aber nicht ein; gnug, wir sind im Besitz, und kennen bisher kein französisches Original, aus dem es übersetzt wäre. Welche Nation sich des Werks anmaaßet, beweise ihre Anmaaßung, nicht durch Titel des oder jenes Romans, sondern durch Bekanntmachung des Originals selbst. [4] Fände sich auch ein solcher Roman (und ich wünschte, daß man sich um die in dieser Streitsache genannten Gedichte Mühe gäbe;) so bleibt meines Erachtens dem Alkmar oder wer der Verfaßer unsres Gedichts sei, immer noch sein ganzes Verdienst; er hat, da er übersetzte, wirklich gedichtet. Da ist auch keine Lücke, kein Zwang einer Nachahmung oder eines Erborgten sichtbar; die Scene des Gedichts liegt um den Verfaßer wie seine Welt da; jede Thierseele, ja der lebendige Lauf der Zeit hat ihn beseelet. In einem Jahrhundert, da Comines seine Geschichte schrieb, konnte ein andrer wohl auch Reinike den Fuchs schreiben; sie lebten auf einem Gipfel des Glanzes der Höfe, so wie auch politischer Ränke und Unterhandlung. Damals waren diese Dinge viel mehr in sinnlichem Anblick, als sie es jetzt sind; die Politik hat sich seitdem immer mehr in die Cabinetter verkrochen, die Charakter-Bestandheit einzelner Stände ist geschwächt, ja hie und da ausgelöscht worden. Zu unsrer Zeit kann kaum jemand mehr einen Reineke Fuchs mit der anschaulichen Wahrheit schreiben, die in diesem Gedicht durchhin herrschet und lebet. Ein verdienter Jurist hat eine gelehrte und angenehme Abhandlung vom Nutzen dieses Gedichts in Erklärung der Deutschen Reichsalterthümer, insonderheit des ehemaligen Gerichtswesens geschrieben, 20) [5] die gelesen zu werden verdient; eine politische Abhandlung über Reineke aus dem Geist seiner und aller Zeiten macht Jeder sich leicht selbst in Gedanken.

Damit aber bin ich nicht auf der Seite derer, die dem ganzen Gedicht ein einzelnes historisches Factum, von dem es nur Einkleidung sei, unterlegen wollen. Eccard brachte eine solche Hypothese auf, 21) [6] und neulich hat man sie sogar dahin erneuren wollen, als ob der ganze Reineke nichts als ein Fränkischer Edelmann, ein Herr von Fuchs oder Voß gewesen. 22) [7] Wahrlich, das wäre der Rede werth! Nein, mein feiner Reineke treibt seine Wirthschaft im Namen aller Füchse auf Gottes Erde; in ihrer aller Namen hintergeht er, beichtet, verantwortet sich und kommt von der Leiter des Galgens zu hohen Ehren empor. Sein Schloß Malepartus hat tausend und abermal tausend Namen; so wie Majestäten, Beichtvater, Geheimschreiber, Canzler und Räthe, (eben der von Leßing bewiesenen Charakter-Bestandheit wegen) ihre ewige Urbilder haben. Eine historische Hypothese solcher Art zerstört den Zweck und die Absicht der ganzen poetischen Schöpfung, und ist eben so unnatürlich als unpoetisch. Wenn alle Herrn von Fuchs und Voß aussterben, stirbt das Geschlecht der Reineke zum Besten der Welt nie aus, und so lange es Löwen, Dächse, Wölfe, Bären, Kater, Böcke, Hasen und Schlangen giebt, wirds den Füchsen wohlgehen, für die Hof und Welt gemacht zu seyn scheinen.

Weil ich mit meinem Reineke der Zeit nach etwas vorgeschritten bin; so wollen wir nächstens einige Schritte zurückgehn. Im Wege sind wir dennoch geblieben.


  1. 17) Abhandlungen hinter seinen Fabeln.
  2. 18) The Hitopades of Vishnu-Sarma, Bath, 1787.
  3. 19) Heinrich von Alkmar Reineke der Fuchs, übersetzt von Gottsched. Leipzig 1752. in 4.
  4. Den von Suhl aus der Lübeckschen Bibliothek herausgegebnen holländischen Reineke kenne ich noch nicht. Nach denen von Gottsched gegebnen Proben scheinet er dem Französischen Original näher zu kommen; das wahre Epische Kunstgedicht bleibet indessen vor der Hand dennoch das Deutsche, bis das Original selbst erscheinet.
  5. Dreyers Nebenstunden, Butzow 1762
  6. Vorrede zu Leibnitz collectan. etymolog.
  7. Mich dünkt, im Journal von und für Deutschland habe ich die Hypothese gelesen.