Reisende

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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Reisende
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, 18, S. 267–270, 276–278
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[267]
Reisende.
Von Fr. Gerstäcker.
Mit Illustration von L. Loeffler.

Es gibt auf der Welt zwei Menschenclassen, die sich wesentlich von einander unterscheiden. Die Einen, besonders reich mit Sitzfleisch begabt, kleben an der Scholle, werden groß und alt dabei und sterben endlich, ohne von Gottes Erdboden mehr gesehen zu haben, als was sie eben nicht gut vermeiden konnten –: ihre unmittelbare Umgebung. Wie es draußen aussieht, glauben sie Anderen auf’s Wort; daß der Himmel sich auch noch über andere Länder, als die spannt, die ihren festen Horizont bilden, haben sie aus Büchern gelernt und sind mit diesem Bewußtsein zufrieden. In dem gewöhnlichen Kreislauf des Lebens arbeiten sie ihren steten Gang, und wenn man sie einmal in ihr letztes ruhiges Kämmerchen legt, können sie von den gehabten Strapatzen ordentlich ausruhen.

Und sind sie glücklich dabei? – warum nicht? Sie bilden sich um sich selbst ihre kleine, abgeschlossene Welt, mit Sorgen und Mühen genug für einen ganzen Erdtheil, wie mit Freuden hinlänglich für ihre Bedürfnisse, und begnügen sich damit, ein Halm in dem großen Aehrenfelde zu sein, das unser Schöpfer auf die Erde gesäet hat. Mit den Nachbar-Aehren können sie sich ja immer unterhalten, und am letzten Tage werden wir doch alle mitsammen ausgedroschen.

Die andere Gattung hat, mehr oder weniger, kein Sitzfleisch. Wie der Wandervogel durchstreift sie die Welt, bald in größeren, bald in kleineren Zügen, nach allen Richtungen; sie erkennt keine Grenzen an, hat deshalb aber auch großentheils keine ordentliche Heimath: sie ist nirgends Stammgast, und fliegt (an einen dünnen Faden gebunden, den die Polizei in Händen hält und Paß nennt) nach allen Seiten hin gar fröhlich aus.

Und ist die glücklich? – warum nicht? Jedenfalls wollen wir uns dieselbe einmal näher betrachten.

Diese letzte Gattung wird gewöhnlich – um sie von der anderen, die gar keinen Namen hat, zu unterscheiden – unter die etwas allgemeine Rubrik: Reisende gebracht. Das Wort „Reisende“ faßt aber viel zu verschiedene Begriffe in sich, um so ohne Weiteres verstanden zu werden. Es möchte deshalb nöthig sein, diese diversen Reisenden schärfer zu zergliedern.

Eigentlich versteht man unter dem Wort: Ein Reisender, wenn nicht das ganz bestimmte Adjektiv „armer“ dazu gesetzt wird, nur Länder- und Waaren-Reisende. Die Uebrigen sind, solange sie sich unterwegs befinden, Passagiere, sobald sie in einem Gasthaus einkehren, Fremde. Nur Länder- und Waaren- [268] Reisende behalten ihr Prädicat unter allen Umständen und Verhältnissen bei, und man versteht hier unter den Ersteren nur solche, die in einem wissenschaftlichen Interesse oder aus reiner Neugierde die Welt durchstreifen, während der „Waaren-Reisende“ in einem weit beschränkteren Kreis den Gegenstand oder die Waaren an den Mann zu bringen sucht, „in denen er macht“.

Um mit den Ersteren, als den unabhängigsten, zu beginnen, so haben Reisende, die in einem etwas großartigen Maßstab die Welt durchziehen – gleichgültig welchen Zweck sie dabei verfolgen – also solche, die sich an keine Grenzen kehren und, wie der Deutsche sagt, „immer fortgehen und nie wiederkommen“, das Vorurtheil der Menge vollständig zu ihren Gunsten.

Wer einen einzelnen Menschen oder eine Familie todtschlägt, heißt ein Mörder und wird entweder gehenkt oder zu Zuchthaus begnadigt – wer sie dagegen in Masse und zu Tausenden schlachtet, ist ein Held und wird erst nach seinem Tode (in Marmor) ausgehauen. Aehnlich so ist es mit den Reisenden.

Wer sich auf der Landstraße, in einem kleinen District ohne bestimmte Beschäftigung und Arbeit herumtreibt, heißt ein Landstreicher und gelangt in irgend eine Besserungsanstalt, oder wird auch, zum Besten des Nachbarstaates, einfach und in passender Begleitung über die Grenze geschafft. – Wer sich dagegen auf einem recht großen District, womöglich über die ganze Welt, ohne bestimmte Beschäftigung und Arbeit herumtreibt, heißt ein Reisender, und sogar die Polizei ist freundlich gegen ihn.

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In Kattun.

Aber auch solcher Reisenden gibt es wieder verschiedene Arten und Classen. Einige ziehen über den ganzen Erdball, um jeden einzelnen Berg so genau auszumessen, als ob sie einen passenden Rock für ihn zuschneiden wollten; Andere sammeln Steine und Pflanzen, wieder Andere balgen Vögel ab, stopfen größere Thiere aus, blasen Fische und Spinnen auf und spießen Schmetterlinge und Käfer, um sie später in besonders dazu bestimmten Kasten durch einheimische Insecten getrocknet fressen zu lassen. Wieder Andere thun von alledem ein Wenig, oder auch gar Nichts; diese wollen nur sehen und genießen, und dabei die Welt „kennen lernen“; alle aber schreiben mehr oder minder dicke Bücher mit passenden oder unpassenden Illustrationen dazu, und ärgern sich nachher über Nachdrucker und literarische Diebe, die von ihnen doch nun einmal leben müssen.

Diese Art von Reisenden ist meist harmlos und wird nur in einzelnen seltenen Fällen durch eine krankhafte Wuth, irgend etwas vorzulesen, gefährlich. Selbst dann ist ihnen aber immer ziemlich leicht auszuweichen, während die zweite Art von Reisenden, die sogenannte Gattung der „commis voyageurs“ vollkommen unausweichlich ist.

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Im Fechten.

Diese durchziehen besonders Europa nach allen Richtungen hin, brandschatzen dasselbe zum Besten der Hauptbücher ihrer Principale, wie ihrer eigenen Portemonnaies, und gehören dabei zu den unwiderstehlichsten und unausstehlichsten Exemplaren ihres Geschlechts.

Kenntlich sind sie sehr leicht an ihrem auf der Mitte des Kopfes gescheitelten Haar, an einem kleinen, elegant gearbeiteten und eigenthümlich geformten Lederkoffer, den ein Lohnlakai hinter ihnen her durch die Stadt trägt, wie überhaupt an ihrem ganzen faden Wesen. In Gesellschaft von Damen spielen sie dabei stets die Liebenswürdigen, in Gesellschaft von Herren erzählen sie nur unanständige Anekdoten, und untereinander prahlen sie mit dem Nutzen, den sie ihren Principalen bringen, die sonderbarer Weise alle zu den geizigsten, kurzsichtigsten und ungerechtesten Exemplaren des genus homo gehören.

Der commis voyageur fuhr früher nur in Einspännern, kannte alle Wirthshäuser an der ganzen Straße und war eigentlich der alleinige und unumschränkte Colporteur von Neuigkeiten und Anekdoten für sämmtliche kleine Städte und einzeln gelegene Wirthshäuser. Durch die Eisenbahnen hat sich das freilich bedeutend verändert. Der vermehrte Verkehr sendet jetzt seine Boten und Zeitungen nach allen Winkeln aus, und dem commis voyageur widerfährt es zuweilen, daß er nach Vortrag einer, wie er glaubt, nagelneuen Anekdote ein altes Heft der Fliegenden Blätter vorgezeigt bekommt, in dem er auch eine Illustration dazu findet. So fährt er jetzt meist mürrisch über die unpassende Gesellschaft, aber doch aus Sparsamkeitsrücksichten dritter Classe von einer Stadt zur anderen. Es versteht sich indeß von selber, daß dem Principal zweite Classe dafür verrechnet wird.

Die commis voyageurs machen in verschiedenen Artikeln, als da sind: in kurzen und langen Waaren, in Knöpfen, Wein, Kattunen, Schwertern, Lederwaaren, Glas, Scheeren, Stecknadeln und tausend anderen Gegenständen. So verschieden aber auch das Product, mit dem sie umgehen, so gleich und ähnlich sind sie sich im Ganzen untereinander, und wenn es einen Superlativ unter ihnen gibt, so bilden diesen nur die in Wein machenden, also die sogenannten und überall bekannten Weinreisenden. Es sind dieses die liederlichsten und unvermeidlichsten von Allen, und so hartnäckig sie Nachts in ihrem Hotel hinter Flaschen und Gläsern sitzen und keine frühere Polizeistunde als zwei oder drei Uhr Morgens anerkennen, so unabweislich sind sie, wo sie einem alten oder neu zu gewinnenden Kunden ihrer „weltberühmten Firma“ ein Faß saueren Weines aufhängen wollen – und auch wirklich aufhängen, denn sie gehen einmal nicht eher wieder fort. Doch ihr Charakter ist geschichtlich geworden und deshalb eine weitere Beschreibung derselben völlig unnöthig.

Ein so zahlreiches Corps nun diese commis voyageurs bilden, so haben sie doch noch, und zwar seit Errichtung der Eisenbahnen, eine neue Gattung beigefügt bekommen, und zwar: die Diplomaten, die wir jetzt nothwendig dieser Classe einreihen müssen. Die Diplomaten machen eben „in Politik“, wie Andere in Kattun, Band, Stecknadeln oder Wein, nur mit dem Unterschied, daß sie zweite Classe fahren und erste berechnen, nie auf ihre Principale schimpfen, überhaupt außerordentlich vorsichtig in ihren Ausdrücken sind, Alles „gewußt haben“ (wie sich erst später herausstellt), nie etwas verrathen und Adressen statt Preiscourante bei sich führen. Uebrigens stiften sie im Ganzen, bei einem vortrefflichen Gehalt und noch besseren Diäten, mehr Unheil als alle übrigen commis voyageurs (selbst inclusive Weinreisende) zusammen.

Gleich nach den Diplomaten, von diesen aber sehr verschieden, kommen wir zu den sogenannten „armen Reisenden“, eine sehr wunderliche und gemischte Menschenclasse, deren Existenz aber, im Gegensatz zu den vorigen, durch die Eisenbahn einen sehr bedeutenden [269] Stoß erhalten hat. Ihre Wirksamkeit konnte sie freilich nur erschweren, nicht vernichten.

Die „armen Reisenden“ gehören meist Alle dem Handwerkerstande an, denn liederliches Gesindel, das sich mit einem heugestopften Tornister bettelnd an Kreuzwegen herumtreibt und sich fälschlicher Weise für einen „armen Reisenden“ ausgibt, kann nur als ein Auswuchs des sonst gesundem, kräftigen Stammes betrachtet werden. Der wirkliche „armen Reisende“ hat in den letzten Tagen nie etwas Warmes gegessen, trägt seine Stiefeln statt an den Füßen oben auf dem Tornister, wodurch er stets auf dem einen Beine etwas hinkt, und nennt betteln in seiner Kunstsprache fechten – symbolisch dadurch vielleicht seinen ewigen und hartnäckigen Kampf mit dem Leben anzudeuten. Eine andere auffallende Eigenschaft an ihnen ist, daß sie in Gegenwart von anständig gekleideten Fremden stets äußerst schwermüthig und niedergedrückt aussehen, während sie unter ihres Gleichen und in der nächst zu erreichenden Schenke heiter und glücklich scheinen.

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Auch ein Reisender.

Das Zeitalter vor der Erfindung der Eisenbahnen war indeß ihr goldenes, als noch Lohnkutscher und Extraposten die Landstraßen belebten, Frachtwagen ihre Tornister oft meilenweit trugen und sie selber, aus einer Arbeit entlassen, wochenlang dazu gebrauchten, ehe sie einen anderen Arbeitsort erreichen konnten.

Damals hatten sie keine Feinde auf der Welt, Postillone und Gensd’armen vielleicht ausgenommen. Bequem hinten auf dem Bedientenbock einer Extrapost stationiert, den Tornister neben sich, ein Knie über das andere geschlagen, die kurze, qualmende Pfeife im Munde, war die Chaussee ihre eigentliche Heimath, und an ihrem Lebenspfad standen zwei Reihen hochwüchsiger Pappeln – wie traurig hat sich das aber jetzt verändert.

Welcher Handwerksbursche kann jetzt noch bei einem Bahnzug hinten aufsitzen? und fahren die selbst in einem Coupé, wofür sie – etwas Unerhörtes im früheren Handwerksburschenleben – sogar bezahlen müssen, wo bleibt ihnen dann noch Zeit, das unterwegs so nöthige und unentbehrliche „Fechten“ zu besorgen? Ehe sie nur an irgend einer Station – auf denen überhaupt nie etwas gegeben wird – den Hut abgezogen und ein klägliches Gesicht geschnitten haben, pfeift die verwünschte Locomotive schon wieder, und jede weitere Hoffnung auf Erfolg ist erbarmungslos abgebrochen.

Außerdem existirt durch die Eisenbahnen gar keine Entfernung mehr zwischen Hauptstädten. Die Pappelalleen, neben denen sie hinsausen, fliegen wie Gespenster einer früheren, glücklicheren Zeit an ihnen vorüber, und der am Morgen kaum gepackte Tornister muß an dem nämlichen Abend schon wieder entlastet werden, die Beine unter einen neuen Arbeitstisch zu strecken, den Kampf mit einer frischen Meisterin aufzunehmen.

„Es wird Nichts besser auf der Welt,“ ist ein altes gutes deutsches Sprüchwort, und die „armen reisenden Handwerksburschen“ vor allen Anderen haben diesen traurigen Wahlspruch, unter der Fülle der Ereignisse, zu ihrem Motiv genommen.

Alle diese vorgenannten Classen nun könnten wir auch noch unter den Sammeltitel „Zweck-Reisende“ bringen, von denen wir zu den Vergnügungs-Reisenden übergehen würden, blieben nicht noch zwei Gattungen, die keinen eigentlichen, wenigstens keinen freiwilligen Zweck haben, und nie im Leben zum Vergnügen reisen würden.

Die Ersten sind die Postillone und Frachtfuhrleute und in neuerer Zeit die Conducteure, die Alle nur ein bestimmtes kurzes Ziel haben und dann umkehren, ihre Bahn von vorne zu beginnen. Früher machten die Frachtfuhrleute davon eine Ausnahme, indem sie, fast wie die Schiffscapitaine, eine gewisse Fracht für irgend einen entfernten Theil Deutschlands übernahmen und denselben auch, ob die Reise Wochen oder Monate dauerte, getreulich ablieferten. Jetzt erstreckt sich ihre Wirksamkeit höchstens von einer Eisenbahnlinie bis zur anderen, und wie bei Postillonen und Conducteuren liegt ihr Reiseziel innerhalb zweier Stationen – ein ewiges Kommen und Gehen, Abschiednehmen und Wiedersehen, wenn man in neuerer Zeit überhaupt noch von dem sentimentalen Abschiednehmen etwas Anderes beibehalten hätte, als vielleicht den Abschiedstrunk.

Derartige Angestellte könnte man auch füglich Zwangs-Reisende nennen, denn was einem Theile des Menschengeschlechts Erholung and Vergnügen gewährt, wird bei ihnen zur oft unangenehmen Pflicht, mit der sie Jahr aus Jahr ein dieselbe Strecke durchfliegen. Reisende kann man sie eigentlich gar nicht nennen, und doch sind sie stets auf Reisen, sind ununterbrochen unterwegs. Ja, sie lernen die Strecke, die sie hin und her fahren, so genau kennen, daß sie jeden Steinhaufen, jeden Baum und Strauch auswendig wissen, und vollständig competente Richter über das beste Bier in allen Gasthäusern oder Stationen auf eine Entfernung hin werden, über die man sonst nur brieflich Nachricht erhalten konnte.

Aber sie führen kein gemüthliches Leben, denn nicht umsonst hat die deutsche Sprache für das Wort Heimath gar keinen Plural. Es gibt eben für den Menschen nur eine Heimath, und wer, wie ein solcher Conducteur oder Postillion, sich zwei, drei oder noch mehr derselben gründen muß, um an den verschiedenen Orten, wo er gezwungen ist, seinen Rasttag zu halten, nothdürftig zu Hause zu sein, der entbehrt vor allen Dingen das größte und höchste Glück das der Mensch kennen sollte, das Glück des eigenen Heerdes. Wollten wir es recht genau nehmen, so wären das eigentlich die richtigen und einzigen „armen Reisenden.“

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Zwangspassagier.

Noch gibt es eine Art von Zwangspassagieren, die eben wie die vorigen ein gegebenes Ziel haben; sie gehören aber einer unheimlichen Gattung des Menschengeschlechts an, und man trifft sie auch nie einzeln, sondern immer nur paarweis: den „Zwangspassagier“ mit zusammengebundenen Händen, seinen Gefährten mit Czackow oder Helm, Flinte und Seitengewehr. So sitzen sie in den Wartesälen dritter Classe, bis der nächste Zug kommt, mit Niemandem verkehrend, von Allen gemieden, und wenn die keuchende Locomotive hält, nimmt ein besonderes Coupé die Beiden auf, bis sie an irgend einer anderen Station plötzlich wieder verschwunden sind – still und unheimlich, wie sie gekommen. Reisende sind es freilich, wenn sie auch Beide gerade nicht zu „ihrem Vergnügen“ reisen.

Ehe wir aber zu den wirklichen Vergnügungsreisenden übergehen, gerathen wir auf ein Mittelding zwischen Vergnügen und Zweck, das gewissermaßen den Uebergang von einer Classe zur anderen [270] bildet. Es sind dies die Badereisenden, insofern der angebliche Zweck ihrer Reise oft weiter Nichts als nur ein Vorwand ist – eine Thatsache, die sich besonders bei der schönen Hälfte dieser Art von Reisenden nur zu häufig ergeben soll.

Der Ursprung wirklichen Bahnreisenden, d. h. solcher, die in der That genöthigt sind, zum Besten ihres maltraitirten Körpers eine Heilquelle aufzusuchen, verliert sich in das graue Alterthum, und die Meisten von ihnen verlangen, daß ein paar Gläser Wasser mit einem Dutzend warmer Bäder das wieder in drei oder vier Wochen aus dem Körper jagen soll, worauf elf Monate im Jahre mit allem nur erdenklichen Eifer gesündigt wurde. Trotz aller vergebens erhofften Erfolge aber bleiben die Versuche doch Jahr nach Jahr dieselben, und die Einbildungskraft muß dann ersetzen, was die Natur nicht im Stande war zu erreichen. Wenige Menschen haben soviel Phantasie, wie Badereisende.

[276] Wie schon gesagt, bilden die Badereisenden den Uebergang von Zweck- zu Vergnügungs-Reisenden. Viele von ihnen wurden nämlich durch einen wirklich kranken Körper, oder einen gesunden Arzt – der sich auch einmal eine Sommererholung gönnen wollte – in ein Bad geschickt – Andere wollen theils Menschen sehen, theils ihr Geld am grünen Tisch verlieren, theils auch – und das ist besonders die schöne Hälfte der Badegäste – einen Platz und Gelegenheit suchen, um gesehen zu werden; die schlechte Badekost verzehren sie dann nebenbei.

Mit einem derartigen Schwanken zwischen Zweck und Vergnügen, mit diesem ewigen ängstlichen Streben, das Angenehme mit dem Nothwendigen zu verbinden, ist aber nun ein für alle Mal Nichts anzufangen. Das Dasein solcher Badegäste theilt sich deshalb auch – solange ihre sogenannte Cur dauert – in die unausgesetzten Bemühungen, ihren Körper zu mißhandeln und wieder zu versöhnen, ihn Morgens selbst vor der kleinsten Aufregung zu bewahren, und ihn Abends der schlimmsten und gefährlichsten hinzugeben, die überhaupt auf der Welt existirt: dem Spiel.

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Nach Baden-Baden.

Wasserbad und erbärmliches Essen mit harten Betten und saueren Weinen zehren dabei den Körper ab, und durch den ganzen Monat August fahren sämmtliche Bahnzüge, zur directen Verzweiflung aller gesunden Reisenden, mit heraufgezogenen und festverschlossenen Fenstern, weil in jedem Coupé wenigstens ein solches unglückseliges Menschenkind sitzt, das keinen Zug, nicht einmal mehr frische Luft vertragen kann. Natürlich kommt es direct aus einem Bade.

Doch fort mit der langweiligen Gesellschaft; da finden wir noch mehr Interesse an den wirklichen Vergnügungs-Reisenden, die, blos diesen einen Zweck verfolgend, zwei oder drei Monate im Jahre mit allen Wirthen Europa’s wegen bougies und service in Fehde liegen und sich, sobald sie nach beschwerlicher Fahrt irgend einen nächsten, erstrebten Ort erreichen, augenblicklich erkundigen, wann der nächste Zug weiter geht. Ihre Zeit wird denn auch während der Reise durch ein fortdauerndes Aus- und Einpacken in Anspruch genommen, das sie nur dann und wann einmal unterbrechen, auf irgend einen steilen Berg hinauf zu klettern. Oben angelangt finden sie nachher, daß „gerade heute“ ein dichter Nebel die ganze Gegend hermetisch verschließt; beim Heruntersteigen lassen sie sich von einem furchtbaren Gewitter erwischen, und bezahlen Abends noch, todtmüde, einen Lohnbedienten, um die Namen verschiedener Gebäude und Plätze, auf die sie sich später nie wieder besinnen können, mit ihrem Reise-Handbuch zu vergleichen.

Am gefährlichsten sind unter diesen eine gewisse Classe von Engländern, die nämlich der Mr. Smith’s und Jones etc., deren [277] sicheres Ziel jedes Jahr der Continent ist. Hier treten nun diese Herren, die daheim einen kleinen Specereiladen oder eine Schneiderwerkstätte besitzen, mit mühsam ersparten hundert Pfund Sterling als Lords auf und werden von Wirthen, Lohndienern und anderen unschuldigen Continentsbewohnern angestaunt und verehrt.

Den Engländern selber muß man darin allerdings Manches nachsehen. Die angeborene Unverschämtheit der ungebildeten Classe gegen Alles, was deutsch ist, gibt ihnen gerade das nöthige, anscheinend vornehme Wesen, und wie ein Berliner Levy oder Meier, der mit einer Kiste Kattun nach Leipzig zur Messe kommt, die Stadt für die Zeit seines dortigen Aufenthalts als ihm gehörig betrachtet, so sieht der jener Classe von Engländern Angehörende, wenn er den Continent betritt, schon seine Existenz als eine dem festen Land erwiesene Wohlthat an. Opfert er ihm doch so und soviel Pfund Sterling, die er auf viel langweiligere und schnellere Art hatte in Old England selber loswerden können!

Diese Gattung von Albionskindern wird nur mit einem rotheingebundenen Murray (ihrem Koran), dann mit Plaid, Regenmantel und Mütze von leichtem carrirten Stoff getroffen. Eine solche Mütze ist nämlich zu einer Reise nach dem Continent unentbehrlich, und so wenig Mr. Jones daran denken würde, sich mit einer solchen Bedeckung in the hearing of St. Paul’s sehen zu lassen, ebenso wenig möchte er ohne eine solche den Rhein befahren oder sich in einen deutschen Waggon setzen.

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Mr. Jones.

Von London ab fahren alle diese Mr. Smith’s und Jones dritter Classe, selbst noch von Ostende oder Calais bis Cöln – von da an aber beginnt für sie der Continent, und solange ihr Geld reicht, sind es lauter Lords. Je unverschämter sie sich dabei betragen, desto höflicher und achtungsvoller werden sie von den Deutschen behandelt, und würdevoll genießen sie, als eine der Continental-Früchte, solche ungewohnte Huldigungen. Lieber Gott, sie dauern ja überdies nicht lange und daheim sinken sie doch wieder nur zu bald in ihr altes Nichts zurück!

Der wirklich vornehme Engländer ist indeß bald von diesem Auswuchs zu unterscheiden. Wie jeder wirklich vornehme und gebildete Mann, zeigt er sich überall freundlich und anspruchslos, läßt sich – als auf Reisen, gern eine kleine Unbequemlichkeit gefallen, und schmiert seinen Namen nicht auf jede Statue an jedes merkwürdige Gebäude an, das er erreicht.

Das Wort „Vergnügungs-Reisender“ ist übrigens ein sehr unbestimmter und oft nur imaginärer Begriff denn wie selten finden solche Reisenden wirkliches Vergnügen unterwegs! Gewöhnlich sind sie freilich selber daran schuld, denn mit wenigen Ausnahmen verbittern sie sich das Reisen so viel als irgend möglich dadurch, daß sie an der Straße alle die Bequemlichkeiten zu finden erwarten, ja verlangen, die sie daheim verlassen haben. Eine Unmasse Gepäck erschwert dabei jede ihrer Bewegungen und vertheuert ganz unnützer Weise ihr Fortkommen. Ebenso wenig mögen sie sich an die Speisen und Getränke des fremden Landes gewöhnen und sind außer sich, wenn sie das dem Boden Ungewohnte schlechter als zu Hause bekommen und theurer bezahlen müssen.

Ein Franzose z. B. der nach London kommt, fordert ohne Weiteres Suppe und Bordeaux so gut wie daheim; der Engländer in Paris dagegen Beefsteak und Ale. Beide müssen dafür doppelte Preise bezahlen und können das Bestellte kaum genießen, und diesen Fehler begehen die meisten „Vergnügungs-Reisenden“, von welchem Lande sie auch immer kommen.

So, mit harten Betten und theueren Preisen, zerbrochenen Rädern, versäumten Zügen, mit schlechtem Wetter und vergessenen Reisesäcken, verlorenen Schlüsseln, heillosen Paßscherereien und zahllosen anderen Reisetrübsalen, kämpfen sie sich durch die Zeit, die sie zu ihrer „Vergnügungs-Reise“ bestimmt hatten, und sind seelenglücklich, wenn sie dieselbe endlich überstanden, die Heimath wieder erreicht haben.

Aber eine Art von Vergnügungs-Reisenden gibt es trotzdem, die wirklich nur Vergnügen auf ihrer Reise haben, und denen jedes kleine Ungemach, jedes Hinderniß, jede gestörte oder vereitelte Bequemlichkeit nur den Reiz ihrer Fahrt erhöht, und sie noch lange nachher mit Jubel selbst an der Erinnerung zehren läßt.

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16 Jahre alt.

O sel’ge Schulzeit! sel’ge Zeit der Ferien, wo das junge Volk, den Tornister auf dem Rücken, den Stock in der Hand, hinausstreift über Berg und Thal, und mit zwei Thaler zwanzig Groschen Europa zu durchwandern meint. In deren Herzen liegt wirklich Glück und Freude, und wie Jean Paul von seinem in die Ferien ziehenden kleinen Wuz sagt, „haben sie Mitleiden mit allen Menschen, die daheim bleiben müssen.“ Das sind denn auch die wahren und leider auch die einzigen Vergnügungs-Reisenden, die sich die kurze Lust nicht unnöthig verbittern, sondern sie ganz und voll genießen.

Reisen und Reisenein Name begreift all’ die verschiedenen Arten in sich, eine Bedeutung hat das Wort in dem gleichmäßigen Entgegenstreben eines Ziels, und welcher Unterschied trennt die verschiedenen Classen, welche Kluft des Einen Seligkeit von des Anderen Jammer!

Reisen und Reisen – hier haben wir den lebensfrischen, frohen sechszehnjährigen Bursch, der mit ein paar Thalern – mehr als er je in seinem Leben zusammen besessen – jubelnd in das Leben hinauszieht, seine längst ersehnte Ferien-Reise anzutreten; und mit ihm auf derselben Bank, eine kurze Strecke denselben Weg verfolgend, fährt der Auswanderer seine müde, dornenvolle Bahn.

Die Maschine rasselt, aber mit jedem klappernden Schlag, den sie gibt, zuckt sie dem Einen in Freude und Jubel durch die Adern, denn näher und näher trägt sie ihn dem duftigen, schattigen Wald – stößt sie dem Anderen einen Dorn in’s Herz, denn weiter und weiter führt sie ihn fort von den Lippen der Lieben, von den Gräbern der Seinen.

Reisen und Reisen! und malen wir uns das Bild weiter aus, das uns ein einziges solches Coupé dritter Classe in einem Bahnzug bietet. – Nur zehn Personen enthält der kleine, für sich abgeschlossene Raum, und wie gemischt die einzelnen Charaktere: der junge Bursch, der in die Ferien zieht, schaut nur voraus, den fernen blauen Bergen, seinem Ziel, entgegen; der Auswanderer nur zurück, nach jeder Bergkuppe, jedem Kirchthurm, jedem Baum. An Jedes knüpft sich irgend eine Erinnerung: es sind ihm lauter liebe Freunde, die er läßt. Jugend und Alter! hat doch das eine nur eine Zukunft, das andere nur eine Vergangenheit.

Jugend und Alter! – Dicht neben dem jungen, lebensfrohen [278] Burschen, der Alles sieht, was um ihn webt und lebt, an Allem Theil nimmt, sich an Allem freut, sitzen Seite an Seite zwei ganz verschiedene Wesen – andere Repräsentanten von Jugend und Alter: ein junges Mädchen das Eine, ärmlich, aber sauber und anständig gekleidet, bleich und schüchtern dabei, denn die vielen fremden Menschen ist sie nicht gewohnt. Und doch will sie gerad’ allein in’s Leben ziehen, allein und unbeschützt, die eben noch des Schutzes so sehr bedürfte. Als Gouvernante sucht sie eine Stelle, und wenn auch mit all den dazu nöthigen Kenntnissen ausgestattet, fehlt ihr doch der Muth, dem künftigen Schicksale fest in’s Auge zu schauen, fehlt ihr die Zuversicht noch auf sich selbst. Ist sie ja doch noch so jung, und leise nur und verstohlen hebt mancher schwere Seufzer ihr die sorgenvolle Brust.

Und wie verschieden von ihr sitzt ihr Nachbar mit ihr auf derselben Bank! Der „Vieh-Veitel“ – wie ihn die Bauern nennen, weil er ausschließlich mit Vieh handelt, ist eine kurze, schwammige, gedrungene Gestalt, in sich zusammengedrückt, und die kleinen Augen halb zugekniffen. Das verhindert ihn aber nicht, Alles, was um ihn her vorgeht, scharf und aufmerksam zu beobachten, und die dicken, schmutzigen, mit einem breiten Siegelring verzierten Finger auf einem schweren, um den Leib geschnallten Geldgurt gefaltet, die Wäsche unsauber, und doch auf dem mehrtägigen Vorhemdchen eine unechte Tuchnadel, die alte fettige Mütze neben sich gedrückt, die grauen Haare wirr und ungekämmt um die hohe gewölbte Stirn hängend, so sitzt er da, lauernd, wie eine fette, gesättigte und doch wieder beutegierige Spinne, den letzten Handel berechnend, den nächsten überlegend. Was kümmert ihn die Reise selber! sie dient nur dazu, ihn rasch von Ort zu Ort zu schaffen; je schneller das geschieht, desto besser; und seine Mitpassagiere? – was scheeren ihn die; ist doch mit ihnen kein Handel abzuschließen!

Ihm gegenüber sitzt sein vollständiges Gegentheil. Wohl wissen wir, daß es nicht zwei Menschen auf der Welt gibt, die sich einander vollkommen ähnlich sehen, aber man sollte trotzdem doch nicht glauben, daß zwei – im Aeußeren wenigstens – so verschieden sein könnten.

Das Gegenüber des Vieh-Veitels ist ein junger geschniegelter Mann – natürlich commis voyageur, die eingeölten und gekräuselten Haare mitten auf dem Kopfe bis hinten in die Cravatte hinein gescheitelt, daß es ordentlich aussieht, als ob der Kopf einmal mitten voneinander gebrochen und nur nothdürftig wieder verkittet wäre. Er ist äußerst modern und eng gekleidet, nur mit sehr weiten, kirschroth gefütterten Aermeln, mit sechs, sieben Ringen an den Fingern der rechten Hand, die linke in einem Glacéhandschuh, mit echt goldener – oder vergoldeter Uhrkette, Tuchnadel, Hemdknöpfchen, Rockhalter und eine Kneiplorgnette im rechten Auge, das junge, gar nicht auf ihn achtende Mädchen damit zu fixiren. Ein geöffnetes Taschenbuch, das getrocknete Blumen, Locken und Wirthshausrechnungen enthält, liegt auf seinem übergeschlagenen Knie, und nachdenkend hebt er den Bleistift zwischen die mit einem kleinen Schnurrbart gezierten Lippen – er muß seine Kostenberechnung vom letzten Nachtquartier zusammenstellen. Jetzt ist er damit fertig, steckt das Buch ein und nimmt eine gestickte Cigarrentasche vor, knipst seine Fünfpfennig-Cigarre mit einem an der Uhrkette hängenden goldenen Hufeisen ab, zündet sie mit einem Patentfeuerzeug an und erkundigt sich dann, um ein Gespräch anzuknüpfen, bei dem jungen Mädchen, ob ihr das Rauchen vielleicht unangenehm wäre.

„Nein,“ sagte sie leise, ohne ihn anzusehen.

„Sehr schönes Wetter heute, mein Fräulein!“

Keine Antwort.

„Reisen Sie weit mit uns?“

„Nein.“ Lange Pause.

„Ihr Arbeitskorb,wird Sie belästigen.“

Keine Antwort, der Jüngling dampft stärker; das Gespräch ist total abgebrochen, der Vieh-Veitel lacht still und vergnügt vor sich hin, denn er haßt Jeden, der reine Wäsche trägt, und der commis voyageur findet das „Landgänschen abominabel abgeschmackt.“

Neben ihm sitzt eine ältliche Dame, die fortwährend den Rauch gerade in’s Gesicht bekommt und schon ein paar Mal heftig husten mußte, aber ihr Nachbar bemerkt es nicht. Der commis voyageur lebt nur ganz sich selbst, und wie der Auswanderer keine Zukunft, der auf Ferien gehende Knabe keine Vergangenheit kennt, so existirt für ihn weder die eine noch die andere, denn Alles, was für ihn Berechtigung hat zu sein, ist nur die Gegenwart. Er reist für Breihuber und Comp., eines der geachtetsten Häuser in Xstadt – er führt reizende Proben mit mäßigen Preisen, hat vortreffliche Diäten und Procente, und ist einer der glücklichsten Sterblichen, weil er eben nicht einsieht, daß er einer der unbedeutendsten ist. Ihn drängt auch keine Zeit, und doch sitzen neben ihm und ihm gegenüber zwei andere Personen, die selbst die Minuten zählen und vor Ungeduld vergehen wollen, wenn der Zug auf den Stationen zögernd hält.

Die alte Dame neben dem glücklichen commis voyageur eilt an das Sterbebett ihres Kindes – ihrer einzigen Tochter – die weit von da erkrankt ist und sich nach der Mutter sehnt. Die Stunden wachsen ihr dabei zu Wochen, zu Monaten an, und wieder und wieder nimmt sie einen zerlesenen, zerweinten Brief aus ihrem Arbeitsbeutel, die traurigen Zeilen, die er enthält, noch einmal verstohlen zu durchlesen. Wohl kennt sie den Inhalt schon lange auswendig, wohl weiß sie jedes Wort, das darinnen steht, denn das Herz ist ihr ja fast darüber gebrochen – aber möglich bleibt es ja doch, daß sie trotz alledem noch irgend einen bis dahin übersehenen Trost herausfände, denn an die letzte Hoffnung klammern wir uns an.

Der Andere ist ein kräftiger Mann mit lockigem Haar und vollem Bart, sonngebräunt, mit wetterharten Zügen, und im Schnitt seiner bequemen einfachen Kleidung den Seemann kündend. Und nach langer, langer Fahrt kehrt er zurück in’s Vaterhaus; nach langen Jahren grüßen zum ersten Mal wieder der Mutterlaute süße Töne sein Ohr, und still und in sich gekehrt, aber einen ganzen Himmel von Glück im Herzen, sieht er die Lerche draußen im Feld emporsteigen, hört er, wie der Zug hält, der Dorfglocken melodisch Getön.

In die eine Ecke fest hineingepreßt, den Hut in die Augen gezogen, den Rock bis oben hin zugeknöpft, sitzt ein bleicher, hagerer Mann. Auch er ist ein Reisender, aber weder die aufsteigende Lerche sieht er, noch hört er das Läuten der Glocken; nur wenn der Wagenschlag sich öffnet, fliegt sein scheuer Blick zum Conducteur hinüber, und wer die Hand dann an sein Herz legen könnte, würde fühlen, wie es da drinnen stärker klopft und hämmert.

Neben ihm sitzt ein Kind, das zum ersten Mal mit dem Bahnzug fahren durfte und jubelnd den vorüberfliegenden Bäumen und Häusern nachjauchzt. Die Mutter aber hält es an der Hand, ängstlich, daß es aus der festverschlossenen Thüre fallen könnte, und doch dabei mit lächelndem Blick die Freude des Lieblings schauend. Und immer drängt das kleine, muntere, muthwillige Wesen aus der Mutter Griff, stützt sich, das lichte Antlitz zu der Glasscheibe hebend, auf des bleichen Mannes Knie und schaut nur manchmal verwundert zu ihm auf, daß er allein so still und bleich und krank aussieht und seine kindische Lust nicht theilen will.

Auf dem Telegraphendrahte hin fliegt indeß die Nachricht von einem verübten großartigen Cassendiebstahl, und dem bleichen Mann ist es, als ob eben diese Drähte – wie sie schlangengleich neben dem Fenster hinschossen – ein Netz, ein dichtes, festen Netz um ihn zögen, das ihn, je weiter er flöhe, immer enger und enger umstricke. Er sieht nicht das lächelnde Kind zwischen seinen Knieen, er hört sein fröhliches Plaudern nicht, und wie es ihn fortdrängt, weiter und immer weiter, ist das Bewußtsein seiner Schuld das einzige Gefühl, das ihn erfüllt.

Und solch eine Mischung von Charakteren birgt oft ein einziges Coupé – aus solchen Elementen besteht wie häufig ein kleiner Trupp von Reisenden, die für eine oder mehre Stationen, oft auch tagelang zusammenhalten, bis sie auseinanderstieben, ohne Gruß, ohne Handdruck, wie sie gekommen – Jeder seine eigene Bahn verfolgend.

Das ist Reisen, und das Ganze eigentlich nur ein Miniaturbild unseres Lebens überhaupt. Der endlose Bahnzug kreist seinen wirbelnden Flug, gefüllt mit Passagieren, und hier und da, an einzelnen Stationen, nimmt er neue auf, setzt er alte ab, rastlos, ununterbrochen, ohne sich um den Inhalt seiner Fracht zu kümmern. Manche der Passagiere fahren dabei erster, Viele zweiter, die Meisten dritter Classe; verlassen sie aber den Zug, sind sie sich Alle gleich, und die Weiterbrausenden drehen nur höchstens den Kopf nach ihnen um und nicken ihnen zu.

Wunderliches Leben das, in der Welt! wunderliche Reisende, die wir sind!