Requiem (Rainer Maria Rilke):Seite 20

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Rainer Maria Rilke: Requiem
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Requiem (Rainer Maria Rilke) 19.jpg
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daß sie verwandeln müssen, wo sie lieben.
Beides begannst du; beides ist in dem,
was jetzt ein Ruhm entstellt, der es dir fortnimmt.
Ach, du warst weit von jedem Ruhm. Du warst
unscheinbar; hattest leise deine Schönheit
hineingenommen, wie man eine Fahne
einzieht am grauen Morgen eines Werktags
und wolltest nichts, als eine lange Arbeit, —
die nicht getan ist: dennoch nicht getan.
     Wenn du noch da bist, wenn in diesem Dunkel
noch eine Stelle ist, an der dein Geist
empfindlich mitschwingt auf den flachen Schallwelln,
die eine Stimme, einsam in der Nacht,
aufregt in eines hohen Zimmers Strömung:
So hör mich: hilf mir. Sieh, wir gleiten so,
nicht wissend wann, zurück aus unserm Fortschritt
in irgendwas, was wir nicht meinen; drin
wir uns verfangen wie in einem Traum
und drin wir sterben, ohne zu erwachen.

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