Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen: Callenberg

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Autor: O. M.
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Titel: Callenberg
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aus: Erzgebirgischer Kreis, in: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. Band 4, Seite 59–60
Herausgeber: Gustav Adolf Poenicke
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Erscheinungsdatum: [1856]
Verlag: Expedition des Ritterschaftlichen Album-Vereins
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Erscheinungsort: Leipzig
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Album der Schlösser und Rittergüter im Königreiche Sachsen IV 097.jpg
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Callenberg.


Das Dorf Callenberg, nebst den dazu gehörigen Ortstheilen Ober-Callenberg und Nieder-Callenberg, liegt eine Stunde südöstlich von Waldenburg an der Strasse nach Hohenstein und besteht aus einhundert und dreissig Häusern mit zwölfhundert Einwohnern, von denen die meisten Strumpfwirker sind und eine besondere Innung bilden. Westlich vom Dorfe liegen ein Teich und eine Mühle, nördlich das Callenberger Holz.

Das hiesige Rittergut wird in einer Urkunde vom Jahre 1307 erwähnt, wo es Eigenthum des Ritters Friedrich von Calenberg war; in der Mitte des funfzehnten Jahrhunderts aber gehörte es dem Bruder des bekannten Kunz von Kaufungen, der, nach der Volkssage, hier die Strickleiter anfertigen liess, welche er bei Entführung der churfürstlichen Prinzen benutzte, und auch die zwei grossen Eichen in der Nähe des Rittergutes gepflanzt haben soll. Dass Kaufungen auf Callenberg häufig seinen Wohnsitz hatte beweisen viele schriftliche Dokumente, auch ist der Brief, welchen Hans Schwalbe wenige Tage vor dem Prinzenraube an Kunz von Kaufungen schrieb an „den Erbaren strengken Jungker Cunradt von Kauffungen uf Kahlenberg“ gerichtet. Nach dem furchtbaren Gericht, welches Churfürst Friedrich über die verwegenen Prinzenräuber ausübte, und welches auch den Herrn auf Kahlenberg wegen der unüberlegten Aeusserung: „das Nest werden sie wohl finden, aber die Vögel sind ausgeflogen“ auf das Schafott lieferte, finden wir bis zum Ende des funfzehnten Jahrhunderts als Besitzer auf Kahlenberg Junker Dietrich von Kaufungen, bei dessen Familie das Gut bis 1581 blieb. Schon im Jahre 1564 war Callenberg an Balthasar von Taubenheim gekommen, der Vormund einiger unmündigen Kinder Dietrichs von Kaufungen gewesen zu sein scheint, um 1570 aber gehörte das Gut bereits wieder den Kaufungen. Von ihnen erzählt eine im hiesigen Pfarrarchive aufbewahrte alte Schrift: „Gedenk Verzeichnis nach anleitung auss den Alten Kirchregistern, der Pfarrer so damals Plebani sind genennet worden vnndt Kirchrechnung gehalten haben“ dass „am 2. September 1568 Wolfgang Bürkner von Glauchau, als Pfarrherr hierher gezogen und anfängklich im grosen ansehen bei den Jungkern zum Callenbergk, alss Cunrad, Haubold‚ Dietrich, Siegemunde, Nickel vndt Georgen gewessen und grose Gunst bei ihnen gehabt. Als aber gedachte Jungkern zu des Gottshauses hechsten schaden sich unbefugter weise zu ihren nutz darinne zu hauen und verkauffen unterstanden hat gedachter Herr Pfarrer solchen frevel ihnen nicht lenger gestatten wollen vndt gebürlicher weise sie darumb gestraffet. Darauf die gedachten Jungkern einen Zorn auf ihn geworffen, mit beträuung ihn vff der Cantzel zu erschiessen. Auss furcht zu rettung seines lebens hat er eilende seinen Dienst bei dem Herrn Superintendenten zu Waldenburgk alss Inspectori der Pfarr Callenbergk resigniret. Inn solchem seinen Exilio ist er entlich bei seinem Sohne Danielo Bürknero, Cantori zu Eger nach zwei Jahren gestorben. – Inndess hat das gantze geschlecht der Jungkern von Kauffungen vff Cahlenberg, Got der Herr nach seinem gerechten Gericht also gestrafft, das sie geschwinde und balt nach einand gestorben sein.“ Der Pfarrer Bürkner hat mehrere auf diesen Streit bezügliche Schriften verfasst, worunter sich auch ein lateinisches Schreiben an den damaligen Superintendenten zu Waldenburg, M. Nikol Seydel, befindet, worin diesem der Vorwurf gemacht wird, dass er sich des Pfarrers nicht hinreichend angenommen habe. Der Superintendent wollte diesen Verdacht nicht auf sich ruhen lassen und hat den Hauptmann von Lindenau die in das Kirchenbuch eingehefteten diesen Streit betreffenden Notizen herauszuschneiden, was bei der Kirchenvisitation 1596 auch geschah, der Pfarrer Bartholomäus Mann zu Callenberg aber, um bei der Nachwelt nicht in Verdacht zu kommen als ob er andere und wichtigere Dinge der Vergessenheit anheim geben wollen, hat den ganzen Hergang der Sache auf einem besonderen Blatte mitgetheilt und im Archive niedergelegt. Bemerkenswerth [60] ist, dass das Absterben der genannten Junker von Kaufungen mit auffallender Schnelligkeit stattfand, worin natürlich die damalige Zeit ein Gottesurtheil erblickte. Nach dem Kirchenbuche starb Georg von Kaufungen am 11. October 1578 zu Santremont in Brabant, Nikel blieb am 10. Februar 1579 in einem Gefecht, Conrad starb am 18. August 1580 im achtunddreissigsten Lebensjahre zu Callenberg, Sigismund zehn Tage darauf, neunundzwanzig Jahre alt, und Dietrich wurde am 31. Juli 1581 in hiesiger Kirche beerdigt. Wo Haubold von Kaufungen hingekommen ist darüber fehlen alle Nachrichten, doch scheint er 1582 ebenfalls nicht mehr am Leben gewesen zu sein, denn in diesem Jahre verkauften die Kaufungenschen Erben Callenberg an Georg von Schönburg-Waldenburg, der das Gut 1605 seinem Vetter Wolf III. von Schönburg-Penig überliess. Dieser starb 1612 und Callenberg fiel an seine acht Söhne, Wolf Ernst, Hans Georg, Otto Wilhelm, Hans Heinrich, Hans Casper, August Siegfried, Christian und Wolf Heinrich von Schönburg, von denen, wegen bedeutender Schuldenlast, es 1618 an Jacob von Bellyn verkauft wurde. Der nächste Besitzer Callenbergs war Christoph von Dobeneck, der das Gut 1650 an den Oberstleutnant Heinrich Hildebrand Edlen von der Planitz veräusserte. Heinrich August Edler von der Planitz verkaufte 1714 das Rittergut an den Grafen Christian Heinrich von Schönburg-Waldenburg, welcher es bis zu seinem 1753 erfolgtem Tode behielt, worauf es an den einzigen Sohn, Christian August, Grafen von Schönburg-Waldenburg gelangte. Als dieser 1754 kinderlos starb fiel Callenberg mit Waldenburg an die nächsten Lehnsvettern, die Grafen Friedrich Albert von Schönburg-Hartenstein und Albert Carl Friedrich von Schönburg-Stein. Ersterer starb 1786 kinderlos, der Letztere schon 1765 mit Hinterlassung eines einzigen Sohnes, des Grafen Otto Carl Friedrich, welcher 1786 in alleinigen Besitz von Callenberg gelangte. Graf Otto Carl Friedrich, der 1790 in den Reichsfürstenstand erhoben wurde, starb 1800, und Callenberg erbte nun dessen ältester Sohn, S. Durchlaucht Fürst Otto Victor von Schönburg-Waldenburg, der es gegenwärtig noch besitzt.

Die Gebäude des Rittergutes Callenberg standen früher in der Mitte des Dorfes, nahe bei der Kirche, bis 1800 der grösste Theil derselben durch eine Feuersbrunst eingeäschert wurde, worauf man sie auf der jetzigen Stelle neu baute. Dieselben haben durch den Herrn Besitzer in neuerer Zeit viele und bedeutende Veränderungen und Verbesserungen erfahren. – Zu dem Rittergute Callenberg gehören ausser dem Dorfe gleichen Namens auch das Dorf Langenberg, funfzig Häuser in Langenchursdorf, neun Häuser in Niederlungwitz, drei Häuser und eine Mühle in Oberwinkel, ein Haus in Falken und vierunddreissig Häuser nebst Kirche, Pfarre und Schule zu Mühlau.

Zu den reichsten Kirchen des Landes gehört ohne Zweifel die zu Callenberg, denn sie besitzt ausser den liegenden Gründen ein Vermögen von etwa 50000 Thalern, mit Ausschluss der mit dem Kirchenvermögen verwalteten Staats-Entschädigungs-Renten, an welche jedoch nur die recessherrschaftliche Gemeinde Callenberg ein Recht hat. Diesen Reichthum verdankt das alte Gotteshaus dem Ablass, welcher ihr mittelst eines noch im Original vorhandenen und beim Pfarrarchiv befindlichen, von zwölf Erzbischöfen und Bischöfen unter Papst Johann XXII., zur Zeit des sogenannten babylonischen Exils von Avignon aus, unter dem 5. November 1323 ausgestellten Ablassbriefes verliehen worden ist, und welchem der Bischof von Meissen, Witigo, im Jahre 1325 die Confirmation gegeben hat. Dieser Ablassbrief ist noch völlig erhalten und lesbar, nur sind die Wachssiegel sehr defekt. – Die Kirche war im Mittelalter der heiligen Katharina geweiht und hat die Spuren ihres wahrscheinlich sehr hohen Alterthums durch mannigfache Veränderungen verloren, nur ein rothes Kreuz und gothische Zierrathen an der Sakristeithüre erinnern an die vorübergezogenen Jahrhunderte. Der Altar ist einer der bekannten Schrankaltäre, worin sich fünf Hauptfiguren, Maria, Katharina, Margarethe, Paulus und Petrus darstellend, und ausserdem viele kleinere Figuren befinden, und stammt aus dem funfzehnten oder höchstens den ersten beiden Jahrzehnten des sechszehnten Jahrhunderts her. Obgleich die Bildhauerarbeit dieses Altars nicht eben hohen künstlerischen Werth verräth, zeichnet sich dieselbe doch durch ihre reiche Vergoldung aus. – Der Thurm wurde 1776 erbaut. Ausser dem Gottesacker, der die Kirche umgiebt, ist noch ein zweiter, oberhalb des Dorfes in östlicher Richtung gelegener Friedhof vorhanden, der bereits seit dem Jahre 1577 besteht und immer dann benutzt wird wenn der andere mit Leichen besetzt ist. – Das Pfarramt, mit liegenden Gründen, Getreide, Holz und einigen Geldgefällen dotirt, übt das Lehnsrecht über zwei Gartennahrungen. Die Pfarre wurde wahrscheinlich 1638 erbaut und mag mancherlei Reparaturen erlitten haben, es war jedoch zuletzt sehr nothwendig einen Neubau vorzunehmen der auch im Jahre 1843 zur Ausführung kam. Ein Wirthschaftsgebäude trug man ab, und die übrigen erfuhren eine Reparatur. – Callenberg ist der Geburtsort des durch die Herausgabe des beliebten Taschenbuchs zum geselligen Vergnügen bekannt gewordenen Hofraths Becker.

O. M.