Roußeau

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Textdaten
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Autor: Friedrich Schiller
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Titel: Roußeau
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aus: Anthologie auf das Jahr 1782, S. 33–37
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1782
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Scans auf Commons
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[33]
Roußeau.


Monument von unsrer Zeiten Schande!
Ew’ge Schandschrift deiner Mutterlande!
     Roußeaus Grab! Gegrüßet seyst du mir.
Fried und Ruh den Trümmern deines Lebens!

5
Fried und Ruhe suchtest du vergebens,

     Fried und Ruhe fandst du hier.

Kaum ein Grabmal ist ihm überblieben,
Den von Reich zu Reich der Neid getrieben,
     Frommer Eifer umgestrudelt hat.

10
Ha! Um den einst Ströme Bluts zerfließen,

Wem’s gebühr’ ihn pralend Sohn zu grüßen,
     Fand im Leben keine Vaterstadt.

Und wer sind sie die den Weisen richten?
Geisterschlaken die zur Tiefe flüchten

15
     Vor dem Silberblike des Genies;

Abgesplittert von dem Schöpfungswerke
Gegen Riesen Roußeau kind’sche[1] Zwerge,
     Denen nie Prometheus Feuer blies.

[34]

Brüken vom Instinkte zum Gedanken,

20
Angefliket an der Menschheit Schranken,

     Wo schon gröbre Lüfte wehn.
In die Kluft der Wesen eingekeilet,
Wo der Affe aus dem Thierreich geilet,
     Und die Menschheit anhebt abzustehn.

25
Neu und einzig – eine Irresonne

Standest du am Ufer der Garonne
     Meteorisch für Franzosenhirn.
Schwelgerei und Hunger brüten Seuchen,
Tollheit raßt mavortisch in den Reichen

30
     Wer ist schuld – das arme Irrgestirn.


Deine Parze – hat sie gar geträumet?
Hat in Fieberhize sie gereimet
     Die dich an der Seine Strand gesäugt?
Ha! schon seh ich unsre Enkel staunen,

35
Wann beim Klang belebender Posaunen

     Aus Franzosengräbern – Roußeau steigt!

[35]

Wann wird doch die alte Wunde narben?
Einst wars finster – und die Weisen starben,
     Nun ists lichter, – und der Weise stirbt.

40
Sokrates ging unter durch Sofisten,

Roußeau leidet – Roußeau fällt durch Christen,
     Roußeau – der aus Christen Menschen wirbt.

Ha! mit Jubel die sich feurig gießen
Sey Religion von mir gepriesen,

45
     Himmelstochter sey geküßt!

Welten werden durch dich zu Geschwistern,
Und der Liebe sanfte Odem flistern
     Um die Fluren die dein Flug begrüßt.

Aber wehe – Basiliskenpfeile

50
Deine Blike – Krokodilgeheule

     Deiner Stimme sanfte Melodien
Menschen bluten unter deinem Zahne,
Wenn verderbengeifernde Imane
     Zur Erennys dich verziehn.

[36]
55
Ja! im acht und zehnten Jubeljare,

Seit das Weib den Himmelsohn gebare,
     (Kroniker vergeßt es nie)
Hier erfanden schlauere Perille
Ein noch musikalischer Gebrülle,

60
     Als dort aus dem ehrnen Ochsen schrie.


Mag es Roußeau! mag das Ungeheuer
Vorurtheil, ein thürmendes Gemäuer
     Gegen kühne Reformanten stehn,
Nacht und Dummheit boshaft sich versammeln,

65
Deinem Licht die Pfade zu verrammeln,

     Himmelstürmend dir entgegen gehn.

Mag die hundertrachigte Hyäne
Eigennuz die gelben Zackenzähne
     Hungerglühend in die Armuth haun,

70
Erzumpanzert gegen Waisenthräne,

Thurmumrammelt gegen Jammertöne,
     Goldne Schlösser auf Ruinen baun.

[37]

Geh du Opfer dieses Trillingsdrachen,
Hüpfe freudig in den Todesnachen,

75
     Großer Dulder! frank und frei.

Geh erzähl dort in der Geister Kraise
Diesen Traum vom Krieg der Frösch’ und Mäuse,
     Dieses Lebens Jahrmarktsdudelei.

Nicht für diese Welt warst du – zu bider

80
Warst du ihr, zu hoch – vielleicht zu nieder –

     Roußeau doch du warst ein Christ.
Mag der Wahnwiz diese Erde gängeln!
Geh du heim zu deinen Brüdern Engeln,
     Denen du entlaufen bist.

M.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. WS: Druckfehler in der Vorlage: kind sche.