Samuel zieht die Bilanz und Tomi melkt die Moralkuh oder Zweier Könige Sturz

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Theodor Lessing
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Samuel zieht die Bilanz und Tomi melkt die Moralkuh oder Zweier Könige Sturz
Untertitel: Eine Warnung für Deutsche, Satiren zu schreiben. Mit literarischen Beiträgen von Thomas Mann, Samuel Lublinski und den vierzig sittlichsten deutschen Dichtern und Denkern
aus: Vorlage:none
Herausgeber:
Auflage: 2te Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1910
Verlag: Verlag des „Antirüpel“
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Hannover
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Eigenscan Pdf bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
-10- Der Doktor Lessing. Ein Pamphlet..JPG
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[I]


Samuel zieht die Bilanz


und


Tomi melkt die Moralkuh


oder


Zweier Könige Sturz


Eine Warnung für Deutsche, Satiren zu schreiben


Von


Theodor Lessing


Mit literarischen Beiträgen von Thomas Mann,

Samuel Lublinski und den vierzig sittlichsten

deutschen Dichtern und Denkern




Hannover 1910

Verlag des „Antirüpel“


[II]

Diese Schrift wurde als Privatdruck hergestellt.

Im Buchhandel kann sie bezogen werden durch die

Geschäftsstelle des Vereins gegen Lärm,

Hannover, Stolzestraße.


Der Ladenpreis beträgt 1 Mark. Der Reinertrag fließt zur Hälfte dem Verein gegen Lärm, zur Hälfte der großen Karnevalsgesellschaft – Köln zu.
[III]

Inhalt.

Seite
Vorrede im Bänkelsängerstil
1-9
Vorrede in Prosa
11-16
Samuel zieht die Bilanz. Eine Satire
17-27
Der Doktor Lessing. Von Thomas Mann. Ein Pamphlet
28-33
Wider Thomas Mann
34-43
Pamphlet II. Von Thomas Mann
43-46
Preßgesetz § 11. Eine lehrreiche Korrespondenz
47-48
„Berichtigung“
48-51
Das Ehrengericht
52-66
Oeffentliche Erklärung
54
An das Ehrengericht
55-56
Froschmäusekrieg
57-76
Eine Aufforderung an den Doktor Lessing. Von Samuel Lublinski
58-60
Antwort an S. Lublinski – Rom
61-64
Antwort von Walter Nissen
64
Erzieher zum Geiste (Lichtstrahlen)
65-73
1) Aufgeknüpft oder Niedergeknallt. Von Erich Schlaikjer
65-66
2) Haut ihn tot! Von Julius Weber
67-68
3) Boykottiert ihn! Von Karl Fr. Nowack
68
4) Alleweil zart und vornehm. Von Herwarth Walden
69
5) „Zersetzende Elemente“. Von Karl Muth
69-70

[IV]

6) „Hurrah, Einer am Pranger“. Von Walter Behrend
70-71
7) Calumniare audacter. Von Paul Zschorlich.
71-72
Nachspiele
72-73
Literarische Ehrengerichte
73-76


Tomi melkt die Moralkuh
77-88
Erstes Kapitel: Personalia
78-80
Zweites Kapitel: Die „Moralkuh“
81-83
Drittes Kapitel: Zwei Seelen
83-86
Viertes Kapitel: Die Münchener Schule
86-88

Epilog.


[1]

Vorrede

im Bänkelsängerstil.

Zittern läßt mich nicht
Pallas Athene...


Hört, Leute, hört die grausliche Geschichte
Von einer schauderbaren Moritat,
Verübt von einem seelenlosen Wichte,
Trotz Polizei im deutschen Geisterstaat!
Lest, wie sie mit ihm gingen ins Gerichte,
Der einem Großen frevelnd sich genaht.
Als Dokument von unserer Zeiten Helle
Bewahr ichs auf!.. ich selbst! Der Schandgeselle...

Wo Goethes Faust erklang und Schillers Tell
Und Wielands aretinisch heitre Stanzen,
Lebt heut ein Fürst der Geister, Samuel,
Nach dessen Pfeife die Gestirne tanzen.
Viel Bücher schreibt er. Geistreich und reel
Zieht er der Weltgeschichte die Bilanzen.
Zu Pinne einst in dieser Zeiten Nacht
Hat Aphrodite ihn zur Welt gebracht.

Vor Jahren harmlos hat er mich besucht
Und sprach von Kunst, Kant, Pinne, Shaw und Bentschen,
Und meine heitre Muse hat gebucht
Den lieben kleinen fetten Gallenmenschen..
Mal später eines Tages – gottverflucht –
Stach meinen Pegasus, den wetterwendschen,
Aus purem Geistesübermut der Haber
Und eine Parodie entstand.. na aber!

[2]


Na aber – treibst in Deutschland Du Satirik,
Wirst boykottiert Du Schurke und gelyncht fast
Und Deine Lage schwierig und langwierig,
Viel schwieriger, als Du es Dir gewünscht hast.
Auch ich –, für Logik sehr begabt und Lyrik,
Verlor fast Brot und Amt und hab verwünscht fast
Daß, da vom schönen Spiel des Geistes brannte,
Was komisch ist, ich ehrlich komisch nannte.

Ui je! Kein Mensch verstand die Drolerie,
Obwohl man doch bei Nietzsche und Goldone,
Bei Börne, kleine, Scherr liest toller sie.
Ich weiß wohl, meine Feder ist nicht ohne,
Doch hat sie den Entrüstungskoller nie.
Ich lieb nicht wild-moralische Patrone.
Je suis d’artiste et j’aime la joie
Et voulais irriter les bourgeois...

2.

X’ so nen Wänzchen, Tschi.. nein! Zschorlich heißt er,
Schrieb sechs Artikel über meine Schand,
Und die Kollegenschaft von Scheer und Kleister
Erklärte verschimpfiert den keuschen Stand,
Und so begann ein großer Krieg der Geister.
Sechs Wochen tobte er durch deutsches Land
Und jeder las, wofern er es nicht auch schrieb:
Ein Narr ist Th. Lessing und ein Strauchdieb.

Sehr edle Deutsche ritten in die Schranken,
Geküßt von keuscher Muse, keuschem Kuß,
Zuerst der heitre Siegfried der Gedanken
Geheimrat Doktor Avenarius,
Des Werke stark an Langerweile kranken,
Zum Glück jedoch man sie nicht lesen muß,
Ihm sekundierte Ritter Hermann Kienzl,
Zum Strome schwoll der Sittlichkeit Gerinnsel.

Da sah man Arm in Arm mit O. H. Schmitzen
(Ich kenn ihn. O! welch Pallas keuscher Sitt!)
Im Knoblauchkrönchen Jettchens Sänger sitzen,
Auch Zweig und Karl Scheffler taten mit.
Huldschiner, Lissauer, der, frei von Witzen,
Schon früher eifernd mein Genie bestritt,
Und andre zarte Lyriker erschienen, –
Doch ich bin edel und verzeihe ihnen.

[3]


Auch seelenvoll ein Literarprofessor Auszug der Thebaner.
Herr Richard Moritz Meyer aus Berlin,
Des bildung-prächtig glitzernde Gewässer
Gleich wie Herrnhausens Wasserkünste sprühn,
Schwang richtend edler Sitte Schächtermesser,
Und Scholz und Schmid und Ernst verbanden kühn
Mit Schnabel-Vesper-Schäfer sich zum Haufen...
Ich glaub jedoch, ich laß die kleinren laufen.

Des Feldzugs Bonapart war ein Herr Greiner,
Ein qualmig philosophelnd Buchtalent,
Erheblich von der Streiterschar war keiner
Und Iliaden mopsen mich am End.
Schon würdger meiner Gegnerschaft war einer,
Den Ihr als Buddenbrook-Verfasser kennt.
Befreundet war ich lang mit der Familie
Herrn Tommi Manns,... so heißt die reine Lilie.

3.

Herr Tommi, der ein gar ein zärtig Herrchen
Und Semmi Fischers art’ger Liebling ist,
Lebt keusch am Isarstrand als Millionärrchen
(Sang einst Choral bei ihm am heil’gen Christ).
Ach, eine Feder, gleich der Alfred Kerr’schen,
Zu schildern, wie man liebt dort. spricht und ißt!
Sein Frauchen Katja gab manch’ Konfession mir,
Doch ich bewahre strengste Diskretion hier.

Mit Tommis Schwester auch im Leinetale,
Mit Carla schritt ich ehmals Arm in Arm,
Verträumt und stolze Sucher nach dem Graale...
Der stillen Abende, der Verse Charme
Mit Harri unsre reinen Bachanale Und wie ich treu war, Freund in manchem Harm –
Vergessen hat sie’s..... „Lump“ und „Narr“ und „Wicht“
Ließ man mich schmähn..... „Ich kenn den Menschen nicht“.

I gitt, i gitt, i gitt, i gitt, i gitte,
Wie seid Ihr selbstgerecht und voll und ganz.
Liegt auf dem Sopha in des Weltalls Mitte
Und glaubt, die Sonne dreh sich um die Manns.
Erteilt Zensur als Tribunal der Sitte
Und zieht dem lieben Gotte die Bilanz,
Als Philosoph und Ethiker von Fach ich
Ruf teils „ochott!“ und andernteils ruf „ach“ ich.

[4]


Herr Adolf Bartels, ein bewährter Arier,
Fand mich semitisch, frech und seelenroh,
Und drosch ergrimmt im Leibblatt der Agrarier
Sein altbewährtes Blond-Germanenstroh.
Das ärgerte die dunkleren Triarier
Und sie vermöbeln Bartels den Popo.
So meiner Feinde wütende Kohorte
Verhaut sich wechselseitig.... haste Worte?

Och hott, och hott, och hott, och hott, och hotte,
Verspürst Du, Lessing, nicht den Tatterich?
Wenn großer Geister aufgewühlte Rotte
Verschworen hat, zu Mus zu rattern Dich.
Was gibt Dir Mut zum Bänkelsanger-Spotte?
Ach, Jungens, wer von Euch denn kannte mich?
Seid nicht daheim in meines Geists Bereichen
Und schlagt nach mir, als sei ich Eures-Gleichen.

4.

Na siehst Du, Tom, nun hast Du Deine Keile,
Und glaub, mein Sohn, es fiel zuerst mir schwer,
Denn Deiner zarten Bücher manche Zeile
Und mehr noch Bruder Heinrichs lieb ich sehr.
Ein gütig Wort!... und ich begrub die Beile!
Und hätte gern erspart Dir diese Lehr,
Denn, Tom, Du machst Dir viel zu leicht das Fechten,
Und kamst mal, armer Junge, an den rechten.

Sprich, Tömchen, kennst Du Abelsche Funktionen
Und xten Grades Kegelschnitte nicht?
Ach, Jung, ich ward daheim in manchen Zonen,
Wo’s Eurer Brust an Atemluft gebricht.
Gib dreißig Mill von Deinen Millionen,
Gib mir Dein Leben ohne Zwang und Pflicht,
Und prüf, ob ich Novellchen bosteln kann
Nicht grad so artig, wie Herr Thomas Mann.

Ja, Du hast recht.. als Medikus, Magister
Hab ich gewirkt und frisch mein Brot erschafft,
Ging abseits stets von Straßen der Philister
Und bin das, was ich bin, kraft eigner Kraft.
An Euren Orgeln kenn ich die Register
Und kenn den Punkt, wo’s fehlt an Rechenschaft,
Ihr ahnt nicht meiner Schachte goldne Barren
Und seht mich nicht, – ich aber kenn Euch, Narren!

[5]


5.

Ich seh Dich vor mir, wie im roten Fräckchen Stammgeschlechter.
In unsrer Jugend ich zuerst Dich sah,
Velazguez-Prinzchen Du mit blassen Bäckchen,
Das war beim Feste der Allotria.
Seither in meinem Herzen gabs ein Eckchen,
Da wohnten Tomi, Katja und Carla,
Und hab, so oft ich kehrt zum Isarstrand,
Geküßt Frau Hedwigs einst mir gütge Hand...

Vom Anti- auch, vom Antilärmvereine
Aestetelt[1] höhnend Tom, der feine Snob,
Der „namenlose Schlucker an der Leine“,
Weltunbekannt, doch starker Art gottlob,
Durch dreier Jahre Arbeit, Fleiß und Peine,
Von früh bis nächtens ringend mit dem Mob,
So, Tom, aus steten Opfers eigner Kraft
Hab Volkswerk ich fürs deutsche Land geschafft.

Du, Tom, indes, ein Meister der Artistik,
Lagst auf dem Sopha und goutiertest zart
Des lieben Samuelchens Rabulistik,
Vor Hunger–, Bluts- und Geistesqual verwahrt,
Schriebst oder lasest neuste Belletristik
Und fandest roh-plebejisch meine Art,
Denn Ihr, so wohlig-warm in eigner Haut,
Habt nie am großen Notbau mitgebaut.

6.

Der alte Kampf der beiden Stammgeschlechter..
Ach, Tom, daß sie einander nie verstehn!
Ihr seid Artisten, Dandys, Volksverächter,
Ich muß durch Hölle, Tod und Teufel gehn,
Ihr seid das Ich, der zarten Seele Wächter,
Ich muß zum Geist und zu den Vielen stehn,
Auf Eurer Fahne: „Neuer Bildung Lenz“,
Auf meiner Fahne: „play for puritans“.

Das ist das Brahm, das mir die Not versagt hat,
Zu Eurer Bildwelt find ich nie zurück.
Das ist der Gram, der Heinrichs Glut geplagt hat,
Zu meinen Welten sucht er neue Brück...
Das ist die Scham, die, Tom, Dein Werk benagt hat,
Dir fehlt das Heilge und des Opfers Glück –
Nie komm zu Euch ich hin und muß vernichten,
Doch lebe ich und bin, was sie nur dichten...

[6]
7.

Moralkuh! – – Richtig Tom, das ist von Nietzsche,
Du hältst die Wendung sonst für schlechtes Nickel,
Und schreibst friseurfein: Lessings Prosa quietsche,
Drum, Vorsicht, Männchen! Nietzsche heißt’s Karnickel.
So fein wie Holzbock. Du und Ludwig Pietsche
Nehm ich und Nietzsche nie das Wort beim Wickel
Moralkuh, Tomi... ihre Milch trägt Galle
Und ihre Käse kriegste überalle.

Halt! – „Käse!“.. bei dem Wort kommt ein Histörchen
Mir à propos... ganz lehrreich!.. x so’n Gräulchen
(Beim Pfarrer Naumann dient’s als Redaktörchen)
Schliff hämisch mich durch sein Verleumdermäulchen
Und flehte, lechzte, bat... „o Theodörchen,
Gib mir ’nen Tritt!... ich bin Dein dankbar Päulchen“.
Doch Löwenjäger ich, von Stand und Ehr,
Knick nur sehr ungern Wanzen... ’s ist nicht fair.

Doch als nun Läuschen gar zu brünstig stank
Und schrie: ich halt mit Samuel krakehlt mich,
Hätt Literatenkrach, Mensurengang,
Und weiß nit was gehabt, was nur verhehlt ich.
(Ich hatte namlich nie mit Semmi Zank,
Und nur, was ich vom Liebling sah, erzählt ich.)
Da schrieb ich an den Gottesdiener Naumann
Berichtigend. – (Ehr galts und Brot!)... dem trau man!

Er schwieg... dann kam ein Brief vom Läuschenjungen.
“Geehrter Herr! Für mich sind Sie infame,
Drum bringt „die Hilfe“ nicht Berichtigungen,
Für Lumpe macht ein Naumann nicht Reklame.“ –
Im Käsblatt aber schrieb aus vollen Lungen:
“Ein Lump, den ich entlarvt, Lessing mit Name,
Hat auf die Prügelsuppe feig geschwiegen.
Das dürfte Naumann-Lesern wohl genügen.“ –

8.

..Schwamm drüber!... Unerheblich.. Dieser Hader,
Fast stahl er Leben mir, Humor und Ehr,
Das ganze Preßvolk schoß mit Hinterlader,
Die treusten Freunde grüßten schon nicht mehr...
Sogar mein Freund, Herr Fritze Philipp Baader,
Hannovers allerklügster Redakteur,
Auf hundert Spindeln spann man Lügenwerg,
Treu war mir Einer: Herbert Eulenberg.

[7]


Von Wien bis Danzig und von Genf bis Dover Kriegsgefangne.
Nicht Einer glaubt an Anstand, glaubt an Mut,
Man schrieb: was fühlt er wanzig, denkt er pauvre,
Man schrieb, ich hasse Juden, selber Jud.
Man ließ mich martern in dem Nest Hannover,
Das mich gebar und quälte bis aufs Blut.
Was je Dein Herz spricht, nimmt kein andrer voll,
Nur Witz gilt, ewig Witz... Hilf Du, Apoll!

9.

Kennt Ihr den Käfig furchtbarer Terzinen,
In denen Dante seine Gegner fing? –
Kennt Ihr die Jamben, die so harmlos schienen,
An denen Milton die Verräter hing? –
Ich bin ein andrer und ich gleich nicht ihnen,
Doch schmäht drum meine Muse nicht gering.
Sie hat auf ewig Euch hier eingemauert
Und Zeiten kommen, wo Ihr das bedauert.

Sind’s denn nicht mehr? nicht tausend? Dichter? Denker?
Daß ich an dreiunddreißig Preßkinädchen
Mein Schwert entweihn soll? – Bin ich denn ein Henker? –
Ein Kammerjäger?.. daß ich Pasquinädchen
Auf Narren schreibe?... Kleine Tintenstänker
Gleich Flöhen knicke?.. Gott der Litterätchen!
Zeug Genien meiner würdig! denn mich widern
Lublinskis, Manns und Gegner, die erniedern!

Doch da Ihr so verhetzt und sinnlos haßtet,
Sprech ich wie Luther vor der Bulle Brand:
“Da den Geweihten Du des Herrn betastet,
Verdamm ich Dich kraft meines heilgen Stand“.
Und dieser Vers, mit Eurer Schmach belastet,
Trägt meinen Gruß in meiner Kinder Land:
Honi soit qui mal y pense den Schwachen
Und für die Starken: heilig jedes Lachen.

10.

..Der Frühling kommt. Nun steckt vor allen Dingen
Euch erst mal sinnig ne Havana an,
Und seht Euch froh bei ihren blauen Ringen
Das Mannsche Ipekakuanah an.
Könnt Ihr Euch dann auf meinen Standpunkt schwingen,
Schmeckt mein Capriccio ganz wie Mannah dann,
Ich glaub, Ihr stimmt in meine Lache ein,
Und das soll meine ganze Rache sein.

[8]

Wie Gotthold Ephraim einst Grenzen zeigte
Edier ich Tomis Schrift, damit Ihr seht
Am Lied, das ich dem lieben Semmi geigte,
Die Grenze von Satire und Pamphlet.
Satiriker bin ich hier, wie mich deuchte,
Pamphlete schrieben Tom und sein Prophet.
Dies meine Ansicht. Ob mich Irrtum narrte,
Schreibt’s bitte mir auf einer Ansichtskarte.

Eins schmerzt mich freilich: daß Papier und Letter
Enthüllen muß so zarten Bruders Blöße.
Ich habe Mut. Kreuzhimmeldonnerwetter!
Doch.. schlägt ja Tom sich nur auf Semmelklöße.
“Mein Leben für mein Wort“, schrieb ich dem Vetter,
“Mit ihnen schieß ich nicht“, schrieb sehr pompöße
Herr Tom zurück, „auch hab ich grad Migräne
Und Knallen tut den Nerven garnicht bene“.

Ich hör, gleich wie auf Heine Madame Menzeln,
So sei seither auf mich Frau Katja wütig.
Kläuschen, Ihr Bruder, frozzt sie mit Sperenzeln,
Zum Beispiel, ob wohl Tom hermaphroditisch?
Auch seines lieben Söhnleins frühreif Hänseln
Stimmt unsern armen Tom antisemitisch,
Und hört er auf der Straß den Namen Mann,
Fangen die Beinchen ihm zu zittern an...

12.[2]

Nicht gerne ließ ich dies Geschreibsel drucken,
Und wär es möglich, hätt ich’s unterdrückt,
Doch Tom und Samuels verfluchte Mucken
Benehmen sich ja reineweg verrückt. –
Ich laß ja schließlich mich in Ruh bespucken,
Doch kommt ein Punkt, wo mich auch Zorn mal jückt,
Dann heb ich scherzend auf, was sie geschmissen,
Und zeig’s dem Volk, ich hab ein gut Gewissen.

Ein gut Gewissen, aber große Scheue:
So eigne Käuze, wie mein Tom und Schmühlchen,
Behaupten noch am End in aller Treue,
Ich wolle mahlen nur auf ihren Mühlchen,
Dukaten schlagen mir aus ihrer Spreue,
Mich wichtig tun mit ihren Haßgefühlchen.
Vor solcher Optik –, alles war schon da,
Wie schütz ich mich? ich hab es, Heureka!

[9]


Ich weih mein fröhlich Büchlein an Vereine, Jeck, Jeck elan.
Zur Hälfte für den Kölner Karneval,
Zur andern Hälfte aber kriegts der meine,
Der Antilärmbund.. Und zum Faschingsball
Stell ich ’nen Wagen in der Stadt am Rheine.
Drauf laß ich Masken spielen diesen Fall:
Wie Schmuhle zieht dem Weltgeist die Bilanz
Und Tomi die Moralkuh melkt am Schwanz.

Am Ende fahr ich auch noch selber mit.
Und seid Poeten ihr, dann kommt nach Köllen,
Wir feiern ganz gemütlich dann zu dritt,
Ich werd ’nen guten Rheinwein uns bestellen.
Man lebt nur einmal. Und wir sind jetzt quitt.
Wir lassen klappern unsre Narrenschellen,
Sehn Arm in Arm uns mal den Fasching an,
Und rufen alle drei: Jeck, Jeck elan.


Hannover, am 1. April 1910.



[11]
Vorrede in Prosa

(zur zweiten Auflage).

“Einst aber wollte ich tanzen, wie
ich noch nie noch getanzt, über alle Himmel
weg wollte ich tanzen.. Da überredetet
Ihr meinen liebsten Sänger. Und nun
stimmte er eine schaurige dumpfe Weise
an... Mörderischer Sänger, Werkzeug
der Bosheit, Unschuldigster. Schon
stand ich bereit zum besten Tanze“.


Der wohlwollende Leser, welcher ohne Moral- und andere Gehässigkeiten mir eine Stunde seiner Zeit schenken will, wird aus den Seiten dieses mir abgetrotzten Gelegenheitsschriftchens eine Fülle urkomischer Eindrücke erfahren. Er wird ernstem Kampfe um Leben und Ehre anwohnen und sich doch das Lachen verbeißen müssen. Er wird kunstheiter lächeln, auch wenn ihm etwa einmal die Galle überlaufen sollte...

Komisch ist zunächst das arme Opfer der Satire, mit der ich dieses Büchlein eröffne. Herr Samuel Lublinski, „Kulturkritiker“ in Weimar. Als ich ihn in karnevalistischer Laune ein wenig hänselte, nahm ich die Sache nicht sehr ernst. Ich fand sein propheteisch-orakulöses Literatentum von jeher so rührend und erhaben, als komisch. Ich amüsierte mich oft an seinen bleiern doktrinären Schwerfälligkeiten. An der ehrlich-blinden Pedanterei kettenschleppender Klugdummheit. Er erschien mir zugleich ahnungslos und überintelligent, und ich sah in ihm den Schulfall einer heutigeren Sorte talmudischer Geistigkeit, die zu wenig durchblutet und erschaut und zu viele belletristische Bücher liest.

Ich wollte jedoch dem amusisch-anmutlosen kleinen Herrn bei Leibe nicht wehe tun. Ja, ich ersehnte im Stillen, er möge frei und groß genug sein, um über seine eigene Karikatur lustig mitzulachen, wie ich es selber jederzeit vermöchte. Nun aber geschah ganz Unerwartetes.

[12]
2.

Mein armer Lublinski, der wohl nicht eben einen eigenwüchsigen, überlegenen Geist erbte, verstand überhaupt nicht, wie in seinem Zeitalter Menschen leben können, denen seine höchst ernsthafte Person andere als höchst ernsthafte Gefühle auslöst. Er wollte daher durchaus „gehaßt“ sein. Er stellte sich also auf den Markt und heischte Bürgermitleid als weinendes Opfer frechen Attentats. Er ging mit dem Beileidsteller herum und sammelte sich die Moralgroschen „aller anständigen Redakteure“. Er ließ durch „literarische Freunde“ Listen zirkulieren und das in diesem Büchlein veröffentlichte Capriccio, welches (ich bemerke es ausdrücklich) ursprünglich nur für einen kleinen Kennerkreis von Kunstgenossen geschrieben und gedruckt worden war, durch ganz Deutschland hin verbreiten. So wurden Namen „hervorragender Zeitgenossen“ zusammengescharrt zu einem Protest gegen „Mißbrauch der Satire“.

3.

Ein fröhliches ressentimentfreies Genre ästhetischer Karikatur ist bei uns Deutschen leider noch wenig bekannt und wohl auch wenig verstanden. Wir sind ernsthafte Leute und moralisieren. Es fanden sich daher dreiundreißig unfrohe Geister, die öffentlich nach Ehrengericht und Infamerklärung schrieen. Warum im aber mein Samuelchen gar so „hasse“, blieb ungeklärt. Eine Zeitung nur brachte die dunkle Kunde, Samuelchen meine, daß er vor zehn Jahren mich „rezensiert“ habe. Das habe mir so ans Mark gegriffen, daß im ein Jahrzehnt auf einem Basiliskenei brütete, bis die nachfolgende Natter zutage trat.

Ich habe nie eine Zeile Lublinskis über ober gegen mich gelesen. Seine urkomische Auslegung der Motive meines Schaffens machte mir leider unmöglich, die Komik, mit der ich „mein liebes Samuelchen“ behandle, durch ein paar Zeilen ernster Würdigung seiner schönen Gaben und Verdienste zu ergänzen. Ich hätte das gerne getan, denn ich habe das charmante und gespaßige Literaturfigürchen aufrichtig lieb. – Ach, er ist eine meiner unglücklichen Lieben, denn er erwidert meine Gefühle nicht.

4.

Meine gern geübte Liberalität für Samuelchen war aber auch zu seinem Glück nicht mehr nötig. Er ist nicht so einsam wie ich, sondern fand sogleich sehr viele freundliche [13] Kollegen, Artgenossen, „literarische Freunde“. Und unter Samuels Don Quichote. ihnen fand sogar die „unvergleichlich wundervolle Signora Dulcinea“ ihren löwenkühnen Don Quichote; Herr Thomas Mann, ein „literarischer Freund“, brach für Herrn Lublinski seine Lanze. Er schrieb die hier veröffentlichten beiden Pamphlete. Sie sind wohl ein bischen ordinär, aber ihre Unanständigkeit fließt (unser Dichter versichert es selber), aus „vollkommen unegoistischer Wallung“. Man wird also Tomi, wie Herr Mann im trauten Familienkreise genannt wird, auf den folgenden Blättern mit einer wirklich feinen, hochnoblen Geste vom Leder ziehen sehen, um ein Läuschen zu töten. Ich aber, „dieses Läuschen, werde mich bemühen (aus purer Bosheit und Lust an Verstellung), so zu tun, als ob ich kein Läuschen sei, sondern ein Löwe. Ihr werdet Euer Wunder erleben, wie dann Tomi, das Weibchen, sich darob indignieren wird! Er geht nämlich, wie Katja, sein Mann, mich oft versicherte, jeder Gelegenheit, sich heroisch zu benehmen, prinzipiell aus dem Wege. „Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich mich nicht ’schlage’“, ruft er dann aus. „Herrn Lessings Atemluft ekelt mich! Herr Lessing ist so unfein! Oh.. fi donc! – unfein! Er will sich nicht einmal von mir ein bischen bürgerlich infamieren lassen. Ich wünsche, ich erwarte, daß die Königliche Polizei einen so niederträchtigen Menschen einsteckt“... Mit so feiner, hochnobler Geste zieht Tom sich auf das Altenteil seines Literaturruhms mutig zurück. Mir keine andere Hoffnung lassend, als – diese Schrift.

5.

Herr Tomi Mann aber, zu dessen Psychologie diese Schrift einen wertvollen Beitrag liefern wird, blieb keineswegs der einzige Narr im literarischen Fastnachtsspiele. Ein Narr macht... dreiunddreißig. Sie setzten sich hin, hocherfreut, ihre berühmten Namen wieder einmal in empfehlende Erinnerung bringen zu können, und veröffentlichten „Reversen“ zu bürgerlicher Aechtung eines freien Geistes, von dessen nicht ganz leichten Schriften sie gewiß noch nie eine gelesen haben, noch eine lesen werden. Ja, sie wußten garnicht, um wen, um was wohl es sich handle. Sie verfuhren wie der absolute Czar, wenn er nach dem Diner schnell ein paar Todesurteile unterschreibt... Alsbald breitete sich eine kleine moralische Entrüstungs-Epidemie aus, was so ansteckend zu sein pflegt, wie Schnupfen oder Influenza. Ich wurde unter die „Presse“ gelegt. Das ist die neuzeitliche [14] Form der heiligen Inquisition. Die Presse ist eine „eiserne Jungfrau“: In sie wird der wehrlose Delinquent eingeschlossen und hübsch bürgerlich gemetzgert unter Einhaltung gewisser altheiliger Bräuche. Die pensionsberechtigten Folterknechte der Firma Scherl singen eine Litanei über Anstand und Sittlichkeit und die berufenen Ethiker der Nation, Feuilletonredakteure und Theaterreporter bei Mosse, künden priesterlich, daß die Anprangerung nur im Interesse des „Fortschritts“ und der „Entwicklung des Menschengeschlechts“ vorgenommen werde... Man hat mich natürlich nicht nackend auf den Rost geschnallt, wie jenen Giovanni Novizan, der im Jahre 1650 zu Florenz gestäupt wurde, weil auch er auf einen Lublinski jener Tage eine Satire geschrieben hatte. Man hat mich nur um „sozialen Kredit“ gebracht. Denn die allgemeine und durchschnittliche Dummheit ist längst an die Stelle der primitiveren Grausamkeit früherer Jahrhunderte getreten, und wo immer man heute lynchen will, da ruft man nicht mehr den lieben Gott an, sondern das liebe Publikum. Man zerrt einfach den Namen des Sünders durch die „liberale Presse“, bis man ihn als Erzieher, als akademischen Lehrer, als Bürger verunmöglicht, für die Gegenwart ums Brot, für die Zukunft um bürgerliche Achtung bringt.

Ich will auf diesen Blättern ein paar schwefelnde Fünkchen aufbewahren aus dem großen Hexenkessel „Presse“. Man lese und denke dabei nicht an mich. Man denke an Nietzsche, an Heine, an Feuerbach oder an Fichte. Denn alle diese erhaben-moralischen Allokutionen sind schon seit tausend Jahren in deutscher Sprache ebenso geschrieben worden. Packt die Moralmeute einen Schwächling, dann wird Mut und Eigenart ihm gebrochen. Stößt sie auf einen Wehrhaften, dann endet der Kampf zwar mit einem Siege. Aber, glaubt mir, solche Kämpfe erquicken und fördern niemanden, und ein anständiger Kerl schämt sich, wenn er über Gegner wie Tomi und Samuel siegen muß... „In Deutschland hat man es auch noch nicht zu einer auch nur mäßig achtbaren Besprechung auch nur eines meiner Bücher gebracht. Daß doch nie jemand sich beleidigt fühlt, wenn ich beschimpft werde!... Kein Tropfen erreichte mich, kein Tau der Liebe... ein regenloses Land“... O Geduld! Du brauchst nur Gelegenheit zu geben zum „Moralisch-Entrüstetsein“ und der Nation „führende Geister“ boykottieren Dich,.. vom „Kunstwart“ bis zum Pastor Naumann.

[15]
6.

Und warum das alles.. warum? Weil wir Deutsche Die heilige „Presse“. sind. Wir nehmen unser gleichgültig Erdenleben zu wichtig, uns fehlt der Spürsinn für Geister, die Welt, Mensch und Ich als komische Phänomene begreifen. Solch „ernsthafter“ Lublinski kann nicht fassen, daß seine sämtlichen Literatur- und Kultursorgen anders Erlebende den Teufel bekümmern. Und vollends ein „berühmter deutscher Romanzier mit dreißig Auflagen“ begreift nicht, daß seine Romane für einen anders Gestimmten nicht mehr bedeuten, als ein Zweiglein getriebenen Winterflieders, das zwischen tieferem Erleben man mit Freude beschaut und in Liebe wohl streichelt. Ein auf altem Vätererbe träumender Kulturgroschenrentner wie Tom Mann, glaubt, der Kampf mit großartigen Zeitgenossen, wie er, müsse das Selbstgefühl jedes arg erheben. Ich wolle mich neben ihm, dem Tom, im Berliner Tageblatte „gedruckt lesen“. Wie könnt ich solchen Geistes Optik anschaulich machen, daß ich, zu Selbstwehr gedrängt, in einsamer Position, durch diese Gegnerschaft mich entwürdigt fühle? Daß meine Selbstachtung höher langt, als nach dem berauschenden Bewußtsein, Ranggenosse der nicht völlig raren Thomas Manns zu heißen. Und diese „Ehrenrichter“ vollends! so hervorragende Zeitgenossen... oh, sie halten mich durchaus für größenwahnsinnig, wenn ich ehrlich gestehe, daß Aechtung oder Achtung sämtlicher dreiundzwanzigtausend aus Kürschners Literaturkalender für mein Gewissen weniger bedeuten würde, als leiseste Mahnung aus Platos Geistermund.

7.

Die komischste Figur aber dieser kleinen Literaturposse bin – ich selber. Weil ich gelegentlich ein Spottliedchen pfiff, muß ich nun die Seele mir aus dem Leibe schreiben, um Urteilsunfähige, Uebelwillige, Ungläubige zu versichern, daß ich ein vortrefflicher Mann bin. Muß um sogenannte Ehre kämpfen... und empfinde im Grunde als ganz gleichgültig, was Samuelchen von mir denkt, und Tomi über mich schreibt. Und endlich – in diesem lachenden Siege, bin ich am Ende – auch nur... deutsch? Kein Tänzer? Kein Erlöster? Ein Kämpfer nur um höhere Ethik wider die Allerweltsmoral der „sittlichen Entrüstung“?... Litterae manent. Vielleicht, daß nach sechzig Jahren einem klugen Manne, der zugleich ein Philosoph ist und ein Künstler, dieses Schriftchen in die Hände fällt.

[16] Seele, werde ich ihn fragen, war, was ich einstens zu Lebzeiten spottete, unerlaubt? Wisse, daß ich bis zu meinem seligen Ende unfähig war, meine Sünden zu begreifen. In jenem Falle Lublinski-Mann waren Kenner der Geister, von Zartheit und Takt gefordert und seine Klärung wäre für das „literarische Leben“ meiner Tage von Nutzen gewesen. Aber man hat leider stets meine Schriften totgeschwiegen. Sage Du, Seele neuer Generation, hab ich Unerlaubtes getan oder ist an mir unerlaubtes geübt worden?... Lies die folgenden Blätter. Ich, ein Narr, warte auf Antwort.

Hannover, 1. Mai 1910.



[17]

Samuel zieht die Bilanz

oder

der kleine Profete.

Eine Satire.

Wiederabdruck aus der „Schaubühne“ 1910, Nr. 3, S. 6-73.



Schüler: Wen suchst Du, Kerl?
Strepsiades: Ihn!
Schüler: So ruf ihn doch!..
He, Sokrates! Sokratelchen!
Sokrates: Pygmäe, kleiner Erdentropf,
was störst Du mich?
Grad dacht ich tief und zog Bilanz
Und teilte all Getier nach gut
und schlecht.
Strepsiades: Ach, lehr mich, Herr, die neuere Dreieinigkeit.
Unendlichkeit und Wolke und –
der Zunge Macht.
Sokrates: Setz den Popo auf’s heil’ge
Denksopha...
Aristophanes, Wolken, Akt 1.


1.

Gott, ich entsinn mich ja mit Vergnügen, wie das liebe kleine runde Männlein zuerst vor mir aufkugelte. Es kam zum ersten Mal nach München. Irgend wer in Berlin hatte ihm einige Zeilen an mich aufgeschrieben. Damit begab er sich vor das weltvergessene Häuschen am äußersten Ende von Schwabing, wo ich mit Frau und Kind damals lebte. Das ist fast zehen Jahre her, aber er traf mich nicht, denn ich war gerade beim Doktor Simon in der Türkenstraße und hielt Vortrag über transzendentale Analytik.

Plötzlich ging die Tür auf, und ein gestikulierend Entschuldigungs-Sermönchen purzelte ins Zimmer. Auf ein paar ganz kurzen fahrigen Beinchen ein fettiges Synagöglein. Sein Bäuchlein wie die Apsis (in der die Bundeslade verwahrt wird.) weit in die Außenwelt vorgestreckt. Gleichwie der Frosch sein Bäuchlein plustert, wenn er stolz tut und durch sein Tümpelchen schwimmt. Aber auf dem schwammigen Bäuchlein kurz aufgepfropft saß ein schwarz-rund Köpfchen mit ein paar siebengescheiten Knopfäuglein, die durch eine Brille hindurch zweifellos garnichts sahen und ahnten. Und wer das Männlein kommen sah, wußte sogleich: Ach, lieber Gott, der sieht nicht, der hört nicht, der schmeckt nicht, der riecht nicht. Der redet und schreibelt sich nur so durchs Leben! Aber das Männlein mauschelte sich gar naiv ins Zimmer und ließ Wortwürmlein fallen, nach links und nach [18] rechts: Ob der Doktor Lessing wohl hier sei? Er bitte gar sehr um Entschuldigung. Man möge ihm doch ja verzeihn. Er wolle nur eilend den Doktor Lessing sehn. Welches denn der Doktor Lessing sei? Er komme grade aus Schwabing.

Ob er sich nicht setzen und ein bischen zuhören wolle? Nein, er könne nicht zuhören. Er sei nur gar so kurz in München.. München sei ihm als Stadt im ganzen sympathisch. Ganz anders doch als Berlin! Er werde vielleicht darüber schreiben. Er sei am Morgen in der alten Pinakothek gewesen. nun wolle er gleich in die neue Pinakothek gehen. Aber am Abend, wenn es dunkel werde, dann könne man ja keine Kunst mehr sehen. Dann widme er mir mit Vergnügen seine wertvolle Zeit. Dann könnten wir vielleicht ein bischen unsere Seelen tauschen.

Jawohl, sagte ich, heut Abend um 9 Uhr im Café Luitpolde, hinten links auf dem roten Fauteuil unter dem großen Venetianerspiegel. Und das Gebürtchen knixte wieder rückwärts und machte neue Abschiedssermönchen und mauschelte mit den Beinchen, gar weit sein Bäuchlein streckend, wodurch es Würde markierte und den Stolz des ganz großen Literaten, oder die tragische Höhe eines Propheten unter den Sterblichen. Die Türe schloß sich hinter ihm. Die Herrschaften blickten einander an, ein bischen stupéfaits.

Oh, look, what a swell! sagte die wunderschöne Amerikanerin an meiner Seite, was soviel heißen sollte, wie: Welch interessanter Zeitgenosse! Was haben Sie denn für orajöse Bekanntschaften? fragte der Doktor Simon mit der ihm angeborenen Schnoddrigkeit. Ich aber sprach: Damen und Herren, der eben erlebte Augenblick möge ein Markstein auf ihrer Lebenspilgerschaft bleiben. Der Mann, den Sie soeben staunend erschaut, ist ein deutscher Dichter. Das heißt, er hat viele Bücher geschrieben und wird zweifellos auch künftighin viele Bücher schreiben. Ich kann sie nicht alle lesen, aber sie werden unbedingt sehr gescheit sein. Er heißt Samuel Lublinski und kommt aus Pinne in Posen.

2.

... Betrittst Du das Café Luitpolde, dann schreitest Du einen Gang entlang, der sich gegen Ende zu einem Carré weitet. An den Wänden dieses Carrés hängen rechts und links zwei große Spiegel aus Venetianerglas. Davor stehen zwei rote Plüschsofas. Auf dem roten Plüschsofa links habe ich drei Jahre gesessen. Ihr glaubt mirs nicht? „En est a vida todo es vertad y todo es mentira“: drei Jahre lang, [19] Nacht für Nacht bis gegen Morgen. Sehnsüchtig unklar,Im Café Größenwahn. größenrapplig, schwerblütig einsam, unzufrieden, ewig gereizt, gegen das Leben im allgemeinen und gegen jeden Menschen im besondern, mein dreiundzwanzigstes bis sechsundzwanzigstes Lebensjahr. Verträumte, vertändelte, vergrämte, verdüsterte, verspielte Jahre. Mein Gott, und wer nicht alles saß auf diesem Sofa neben mir, sein Schatten wohl wurde aufgefangen und zurückgehalten in den beiden großen Venetianerspiegeln. Meistens Ludwig Klages. So hieß der beste unter denen, die ich auf dieser Erde kannte. Er wird jung gestorben sein. Oder wird einige Jahrhunderte länger leben als wir andern. Oft saß Richard Perls dort. Er lebte schwer und starb. Er war ein geistiger Wunderbau. Richard Perls saß dort bleich und marmorschön. Lächelte oder schwärmte über Georg Simmel oder Theodor Lipps, und spiele ein bischen Fangball mit Erkenntnis-Problemen oder mit der kleinen Morphiumspritze, die er als Uhrberloque mit sich trug. Stefan George saß daneben, des heimatlosen Kometen lockende Sonne. Ein zäsarischer Leichnam auf Urlaub, ein vulkanischer Herd, der zwar damals noch Schlacken warf, aber aus dessen Laven schon die schönen Totenblumen der Dichtung brachen, unsterblich währende Asphodelosgärten.

An anderen Tagen kamen die vom Train oder auch das gröbere Fußvolk. Der Musiker Adalbert von Goldschmidt, ein sehr schöner, ehrgeiziger Mann, der nur aus Bequemlichkeitsgründen kein zweiter Richard Wagner geworden ist, auch Otto Erich und Otto Julius, das liebenswürdigste Dioskurenpaar klassischer Bierhellenen, welche damals in München moralische Sentiments, Wäsche und Waschermadl friedfertig mit einander teilten. Jakob Wassermann, Parvenu der Genialität. Michael Georg Conrad, ein prächtiges Berberroß, nur der Cäsar fehlte, der es zurechtritt. Detlev Liliencron, der aussah wie ein quicker, strammer Froschmäusekönig. Oder eine Art Bauerngoethe. Ein guter Kamerad und nicht viel dummer, als zum Ausüben edler Dichtkunst nun einmal nötig ist. Der arme Oskar Panizza, der immer das Klügste dachte und das Dummste tat. Er schrieb ein neues System des Buddhismus und seine Aspasia war die wunderschöne Tina von Service neun...

In diesen alten Spiegeln blieben sie hängen, eine lange Reihe. Unsrer Zeit beste und feinste Köpfe. Groß, still, schweigend... Aber an jenem Frühlingsabend, als ich vom Doktor Simon kam, saß der kleine Samuel durchaus [20] nicht schweigend vor dem Spiegel. Samuel, unser aller Rächer und Richter. Er zog Bilanzen. Er redete Weltanschauung. Orakelte mit den Aermchen seine Gedanken in die Luft. Erdolchte falsche Götter. Wanzte die ganze deutsche Literatur durch. Kurz, machte es wie Jehova am Posaunentage: die Böcke zur Rechten, die Schafe zur Linken. Er kollerte wie ein Streithähnchen: Kikeriki, Symbolismus, Neuromantik, Idealismus, sagte er. Und sagte: differenziert, eigene Note und Persönlichkeit. Oder sagte auch: Menschheit und Entwickelung des Menschengeschlechts. Er käute Literatur. Er spie Wortwürmchen aus und aß zwischenhinein an einer Kalbshaxen. Denn – so sagte er – er sehne sich endlich nach Erdscholle, Wurzelständigkeit und Lokalkolorit. Und er sah nichts und hörte nichts und wußte noch viel weniger und ahnte nicht das Allermindeste... Aber, o Gott, er redete. Er zog die Bilanz...

3.

Richtig, da saß er und hatte gleich sein liebes Schwesterlein mitgebracht, das den kleinen Samuel betreute und fütterte und an den hohen Feiertagen wohl auch einmal wusch. Bescheiden, still, gütig, ein unterirdisches Alt-Fräulein. Sie blickte gottergeben, schwärmerisch zu dem ewig redenden Brüderchen auf, das garnicht sah, wie sie ihm all die guten Häppchen vorschnitt. Ein bischen schwärmerisch, aber auch ein bischen kritisch und wieder auch ein bischen flehend, als sagten die alten Fräuleins-Augen: O, bitte, widersprechen Sie doch Samuelchen nicht! Er wird dann gleich so aufgeregt und schläft so schlecht, und das Essen bekommt ihm nicht. Sie ahnen nicht, wie Samuelchen ist. Schon auf der Schulbank der Stolz von ganz Pinne. Er tut man nur so bös, wenn er sich abjachtern und dem Menschengeschlecht die Bilanz ziehen muß. Wenn er aber nicht bedeutend ist, dann kann er ganz nett sein! So flehten die besorgten Augen des alten Fräuleins, die viel feiner, ahnender und klüger waren, als ihr großes Brüderlein, das, ach, gar so furchtbar klug redete, als sei es nur aus Versehen ein menschlich Gebürtchen geworden. Denn eigentlich einmal hatte sein liebes Väterchen an einem schönen Schabbes ein kleines Talmudtraktätchen erzeugen wollen, aber aus Versehen ist aus dem knifflig rabbinischen Büchlein ein kluges Samuelchen geworden. Und ich dachte mir, Liebe ist das beste Augenwasser. Ich werde mir dies liebe Talmud-Mißgebürtchen mit seinen hypertrophisch entarteten Schreib- und Redezentren [21] im klugen Fanatiker-Gehirnchen durch die Augen seinesLiteraturfontänchen. alten Schwesterchens besehen.

4.

Ich habe in Krakau einmal in der alten Judenschul einer Disputation zugehört. Sie handelte über Bücherstellen. Nicht aber über Bücher, die die Disputierenden lasen und erlebten, sondern über eine Bemerkung, die ein Rabbi geschrieben hat gegen die Bemerkung eines andern Rabbis der seinerseits etwas bemerkt hatte zu einer Stelle in einem Buche eines vierten Rabbi, welches aber heute nicht mehr zu haben ist.

So ungefähr entwickelte sich die Geistesblüte des lieben kleinen Samuel aus Pinne. Ein Professor aus Wien habe ihm gesagt, daß David Hume „moderner“ sei als Kant, was nun ich wohl zu dieser Bemerkung eines Fachgenossen aus Wien sage? Ich bin, da ich als Mediziner viel in Irrenkliniken lebte, an den Umgang mit Geisteskranken aller Schattierungen gewöhnt und werde sogar mit deutschen Dichtern und andern Monomanen im allgemeinen ganz gut fertig. Ich sage ihnen meistens entschuldigend, daß ich (es entspricht das auch der Wahrheit) für Literatur nur wenig Interesse habe und seit einigen Jahren mich nur mit Abelschen Funktionen und hyperboloiden Kegelschnitten xter Ordnung beschäftige. Dann haben Dichter schreckliche Angst. Ja, sie sind eigentlich schon entwurzelt, wenn sie mit einem Manne sprechen müssen, der keine deutschen Journale liest.

Indessen machte der kleine Samuel, als ich im Examen über Literatur vollkommen durchgerasselt war, noch einen zweiten Anlauf, indem er versuchte, mir einige Journalismen über Kunst abzutrotzen. Er verwickelte mich in ein Gespräch über die neue Pinakothek, die auf seine Seele, wie er sagte, am Nachmittag überwältigend und unauslöschlich gewirkt hatte. Hier muß ich nun aber aus langer Kenntnis jenes schreibenden Typus, den ich den espritjüdischen nenne, vorweg bemerken, daß der kleine Samuel in seinem ganzen Leben noch niemals ein Bild gesehen hat, so wenig als er je ein Musikstück gehört oder je eine lebendige Blume gerochen hat. Man sieht zwar seine flinken Beinchen durch sämtliche Galerien der Erde watscheln. Aber auch an jenem Frühlingsnachmittage hatte der kleine Samuel doch nur Schilder mit Namen und Bildunterschriften gesehen und sich gar wohl gemerkt... Er betrachtete nämlich gemalte Bilder [22] als Belegstücke zu den von ihm persönlich gelesenen Museumskatalogen. An den Bildern ist zu ersehen, ob die darunter stehenden Namen stimmen, und über diese Namen wieder liest man in Muthers neuester Kunstgeschichte nach. Man brauchte dem lieben kleinen Wüterich garnicht zu antworten. Er lebte in beständiger Defensive gegen einen imaginären Idioten, der andere literarische Ansicht hat als Samuelchen. Darüber giftete sich Samuelchen. Giftete sich bis zu galliger Gotttrunkenheit an den eigenen Worten empor, so wie eine Lerche, die an den eigenen Liedern in die Luft klettert. Der imaginäre Idiot vertrat soeben den Standpunkt der Neuromantik. Das ärgert das liebe Samuelchen immer am meisten. Sodaß er mit dem Messer wütend auf die arme Kalbshaxe schlug, als sei das eine Haxen vom Hugo von Hofmannsthal oder von einem andern deutschen Dichter, dessen Bilanz in Samuelchens Hauptbuch ein entschieden Defizit aufweist.

Zuletzt aber sagte der kleine Prophet, er möchte nun etwas vom Volksleben kennen lernen, denn er schwärme gar sehr für Quellfrische, Ursprünglichkeit und Erdduft. Ob ich ihm nicht ein bischen München zeigen wolle. Er sei schon ganz berauscht von unsrer Lebfrische. Hier gebe es doch noch wurzelhaftes Volksleben. Berlin sei ihm zu amerikanisch. Berlin sei nur groß in der ätzenden und zerfetzenden Kritik. Der Süddeutsche habe mehr Gemüt. Die Preußen hätten zwar schon eine Zivilisation, aber noch keine Kultur... So gab er seine Spruchbänder von sich, ein deutsches Literaturfontänchen. Lieber Gott! sagte ich schließlich resigniert, Herr Lublinski, wenn Sie Quellfrische und treues bayrisches Volksgemüt kennen lernen wollen, so gehn wir halt a bisserl zusammen ins Hofbräu. „Da feit Sie fein gar nixen“. (Ich lebte eben in München schon die zehen Jahr.)

5.

Ich habe also den kleinen Samuel Lublinski aus Pinne in Posen zum ersten Mal in seinem (wenn man so sagen darf) Leben ins Münchner Hofbräuhaus verschleppt. Ich ging mit den beiden Geschwistern über den Odeonsplatz, vorbei an der Residenz zum Theater, und dann die schöne Maximilianstraße hinunter. Ich sehe die lieben Beinchen noch heute vor mir. Er schnuffelte mir voran wie ein Hündchen nach literarischen Gelegenheiten, an denen er sein Wasser abschlagen könne. Die ganze Welt zerfiel ihm in solche, die [23] schreiben, und in solche, die nicht schreiben. Von jedem Kollege Ibsen. Menschen wußte er genau so viel, wie aus seinen Büchern durch Lesen zu entnehmen ist. Er trippelte neben mir und sah und hörte von mir nichts. Und hätte ebenso gut auch neben Dante oder neben Newton hertrippeln können, er hätte auch denen in all seiner Herzenseinfalt vororakelt, was für Dramen er zu schreiben gedenke, und wie seinem Stellung zu Dante sei, und was Er über Newton für Ansichten gelesen habe.

Vor dem Theater blieb der kleine Samuel stehn. Unter dem Giebel dort im Giebelfelde ist ein sodablaues Gemälde: Apoll und die Musen. Zählen Sie doch einmal die Musen nach, Herr Lublinski! sagte ich. Ich glaube, es ist eine zu viel dabei. Herr Lublinski zählte die Musen. Das ist die Muse der Zukunft, sagte Herr Lublinski zu der überzähligen. Ihre Schutzgöttin, meinte ich neckisch. Aber solche Huldigung steckte die kleine Gestalt gar naiv ein und begann sofort (wie übrigens die meisten Dichter, die ich kennen gelernt habe) mich mit Sätzen zu apostrophieren, wie etwa diesen: Apropos, Doktor Lessing, das wird Sie gewiß interessieren, Jonas Meier – Gott, ich halte ja freilich nicht viel von Jonas Meier – Jonas Meier schrieb neulich bei Scherl von mir, ich glaube, mit Recht, daß ich gegenwärtig in die dritte Periode meiner Entwicklung einzutreten im Begriff stehe. Es wird auch Ihnen gewiß nicht entgangen sein, daß zwischen dem Hebbelschen Oeuvre und dem Lublinskischen einige innere Verwandtschaften...

Das accentuierte er kräftiglich mit den literarischen Beinchen und steckte die Bauchapsis vor, womit er den Stolz des Schaffenden markieren wollte und die tragische Höhe der ganz großen Literaten. Sehen Sie, Herr Lublinski, sagte ich, dort das Caféhausfenster, dahinter hat Ibsen jeden Nachmittag seinen Kaffee getrunken. Sofort hub er wieder das literarische Beinchen und ließ Wässerchen. „Ibsen!!“ rief er, ich muß zwar bemerken, daß ich mich mit gewissen Unklarheiten seiner Problemstellung durchaus nicht einverstanden erklären kann. Wenigstens nicht voll und ganz. Aber immerhin scheint mir die Moderne nicht denkbar ohne den Magus aus Norden (so sagte er, natürlich! Er sagte ja auch nicht Bismarck, sondern die Eiche im Sachsenwald).

Vielleicht könnte Samuel auf dem Rückwege vom Hofbräuhaus dort ebenfalls sein Täßchen Nachtkaffee trinken, meinte das Schwesterchen. Ja! sagte Samuel groß, als wenn er zeigen wollte, daß er lebe und leben lasse, und als wenn [24] er bedächte, daß sein künftiger Lublinski-Biograph einmal befriedigt konstatieren werde: Bei seinem ersten Aufenthalt in München erwies Samuel aus Johannisburg Henrik aus Skien eine gewisse Hochachtung.

6.

Im Münchener Hofbräuhaus war der kleine Samuel, der natürlich Hofbräu von Augustinerbräu so wenig zu unterscheiden vermöchte, wie etwa eine Symphonie in C-Dur von einer Sonate in E-Moll oder wie einen Monet von einem Manet (falls er zufällig auf dem Namenstäfelchen die Buchstaben durch seine Brille verwechselt hat), der kleine Samuel war also sogleich dionysisch begeistert, zumal er absolut kein Bier vertragen kann. Sobald er auf einem Stühlchen saß, und das Schwesterchen ihn mit Münchner Radi ätzte, und er in kurzen Schlückchen zum ersten Mal aus einem richtigen Maßkrug statt aus einem Glase trinken konnte, da wurde er warm. Wenn aber ein Gesalbter des Herrn warm wird, – o, du mon dieu, mon dieu! – dann beginnt es bald zu tröpfeln: Oele der Weisheit. Nein, ich hielt es nicht länger aus! Der Mann wurde ja jede freie Minute literarisch. Ich glaube, sein ganzes Leben bestand aus gelesenen Wortbildern. Wenn er im Hofbräu sitzt, dann denkt er etwa an die Rolle des Hofbräus in der deutschen Literatur, oder daran, daß schon andere berühmte Dichter im Hofbräu gesessen haben. Zwischen ihm und dem weiten Leben steht der neueste Literaturkalender. Nein, ich hielt es nicht länger aus. Gerade prasselte es wieder los: Was halten Sie von Zola? Haben Sie schon Jörn Uhl gelesen? Schätzen Sie die Buddenbrooks? Was halten Sie von Rilke? Kennen Sie Richard Schaukal?

Herr Lublinski! rief ich, am Ende meiner Kräfte angelangt und mich zum letzten Entschluß aufraffend: Meine Tochter nämlich, jawohl, Judithchen, sie ist seit Nachmittag nicht gewickelt. Sie liegt gewiß ganz naß, denn sie ist gewohnt, daß ich sie wickle. Meine Frau wird eine sehr schlechte Nacht haben, wenn ich den Säugling nicht wickle. Adieu, leben Sie wohl! Es war mir ein Genuß, amüsieren Sie sich gut! Nannerl, zahlen! Und fort war ich. Ich habe den kleinen Lublinski nie wieder gesehen. Nur einmal, zufällig, vor fünf Jahren in einer Mitternacht.

7.

Das war bei Dresden, auf dem weißen Hirsch. Ich ging tief in der Nacht durch den Wald, die schöne Chaussee [25] entlang, die von Neustadt zum Weißen Hirsch führt. Ich Nachtspuk. war froh im Dunkeln, fern von Menschen. Wo der Waldweg sich schon zur Stadtstraße wandelt, nah heim Lahmannschen Sanatorium, sah ich vor mir auf dem Pfade drei groteske Schatten. Einen ganz langen, schwarzen Schatten und einen kugeligen, kurzen mit vorgestrecktem Bäuchlein und redenden Beinchen, und dahinter her humpelte noch traurig ein drittes unterirdisch und wehmütig verschrumpftes Gebilde. Indem ich erschreckt aufblicke, sehe ich schon dicht vor mir die drei verspäteten Nachtwandler. Ein semitischer Jüngling mit goldenem Pincenez schaut andachtsvoll nieder auf ein älteres wandelndes Synagöglein im maurischen Stil. Lublinski! hauche ich entsetzt. Und mein Blut erstarrt. Und nun höre ich schon den langen Jüngling fragen: Wie stehen Sie zu Stephan George? Und höre, wie das kleine Talmüdchen antwortet: Ich will ja gern zugeben, daß in formaler Hinsicht die Entwickelung der Moderne – aber andererseits stehe ich doch nicht an, ernsthaft davor zu warnen, daß die einseitige Ueberschätzung der ästhetischen Richtung... Um Gottes willen! schreie ich entsetzt, er ist’s! Leibhaftig! Es ist Lublinski, der wandelt hier bei Nacht durch den Wald unterm Sternenhimmel und zieht die Bilanz. Und ich lief und lief vorbei an den dreien, im guten Vertrauen darauf, daß dieser schreibende Typ, den ich den espritjüdischen nenne, zum Glück weder sieht, noch hört, noch schmeckt, noch riecht, noch ahnt, sondern redet oder schreibt...

8.

Wie wunderlich ergeht es doch mit kleinen unbedeutenden Erinnerungen unserem Lebens! Durch einen Zufall tauchte all dieses in meinem Gedächtnis wieder auf, als ich gestern Abend in der Schmuddelmopsschen Buchhandlung zwei Bücher liegen sah: Die Bilanz der Moderne[3] und Der Ausgang der Moderne[4] von Samuel Lublinski. Zwei dicke Bücher. Ich blätterte darin so ein bischen und las ein paar Seiten und dachte mir bei der ahnungslosen Klugdummheit ihres Stils: Gott, was gibt es doch in Deinem lieben Viehstall für verschiedenartig liebe Viecherchen!

Aber diese paar literarischen Klugschmusereien genügten, um mir heute eine furchtbare Nacht zu machen. Im fiebernden Halbschlaf sah ich ein großes Buch, das senkte sich zentnerschwer mir auf die Brust. Da lag es wie ein Alp. Aber plötzlich stieg aus seinen Blättern ein kleines Männchen und begann treuherzig mit den Beinchen zu predigen und streckte [26] sein Bäuchlein weit vor sich hin wie die Apsis an einer mißratenen maurischen Synagoge. Und daran erkannt’ ich im Traum, daß es Samuel Lublinski war aus Pinne oder auch aus Johannesburg, ich weiß das nicht so genau. Und plötzlich begann die Apsis, in der die Bundeslade lag, sich von der übrigen Synagoge abzukerben. Es sah aus, als ob sich Samuel Lublinski halbiere. Aber aus der Apsis wurde plötzlich ein neuer Samuel Lublinski, der predigte gleichfalls mit Beinchen und bekam gleichfalls ein Bäuchlein. Und so wie man es an befruchteten Seeigeleiern oder auch an Kerbtierchen unter dem Mikroskope[5] sieht: aus jedem Lublinski kroch ein neuer Lublinski heraus, und zuletzt wackelten viele tausend Samuelchen auf mich los wie eine Armee winzig kleiner verfehlter Synagogen oder wie ein Riesenaufgebot von beweinenswerten Mißgebürtchen, die nicht sehen und nicht riechen und nicht hören können und wohl eigentlich ein talmudisch Büchlein hatten werden sollen, das ihre Väterchen im klugen Köpfchen am Schabbes gar gerne gezeugt hätten. Und die Mißgebürtchen alle wurden deutsche Dichter. Aber da sie doch eigentlich wieder nicht Dichter sind, wurden sie Kunstkritiker. Und da sie doch auch eigentlich nichts von Kunst verstehen, wurden sie Psychologen. Und als „Psychologen“ bewiesen sie mir, ich hätte keine Existenzberechtigung. Und sie alle schwangen lange, spitze Stahlfedern, die ganz schwarz waren von Tinte, und sie wollten damit in mein Herz pieken. Aber im Traum ächzte ich, stöhnte, fieberte und schrie aus dem Traum: Stoßen Sie doch nicht mein Herz ab mit ihren Federn, meine Herren, das gibt ja die schwarze Blutvergiftung. Aber die Lublinski’s konnten nicht sehen und nicht zuhören, und der eine schrie mich an: Sie sind ein Nachzügler der Neuromantik! Geben Sie zu, daß Ihr Standpunkt ein überwundener ist! Ein überwundener, sagte er, denn selbst im Traum sprachen sie Literatur-Deutsch. Gnade, Gnade! ächzte ich. Was halten Sie von Reinhardt? inquirierte mich bereits ein Vierter. Ganz wehrlos lag ich da. Der Idealismus ist eine überwundene Weltanschauung. Es ist auszeichnend, von einem Richter der Zeit als repräsentativ aufs Korn genommen zu werden. Es fehlt in Deutschland an Psychologie! an Erkenntnis! an Reizbarkeit! an Gehässigkeit der Erkenntnis! Im Traume hörte ich noch viele, viele solche und ähnliche Worte sagen. Und im Fieber begannen vor meinen Augen Wortbilder und Sprachklischees zu tanzen. Die verheirateten Adjektive tanzten ein Pas de deux auf [27] meinem Herzen. Rosenlauben von Jargonblüten, voll undDie schwarze Blutvergiftung. ganz, unentwegt, heiligste Güter der Nation und Entwicklung des Menschengeschlechts schickten sich an, ein Moulinet des Dames aufzuführen, wobei ihnen mein armes, zuckendes, graues Hirn als Tanzboden diente. Und dann plötzlich träumte ich, der Nachtmahr habe sich auf mein unglückliches Hirn gesetzt. Aber als ich nachfühle, da ist es ein großer Hügel, der ist dort aufgeschichtet aus Berliner Tageblättern und Neuen Freien Pressen, für die ich so viel, so viel schreiben muß. Und die wachsen und wachsen nun überriesenhaft. Und nun war es schon ein kolossaler Berg. In seinen Rissen und Spalten kriechen und klettern wie Aeffchen die kleinen Lublinskis, und ich rief: Meine Herren, warum vermehren Sie sich denn so unvernünftig stark? Da sagte eine Stimme aus dem Berge: Dies ist der Parnaß und der Erdfloh vermehrt sich seit Aristoteles durch Urzeugung. Jeder muß lesen, was der andere schreibt...! Gott, Gott! stöhnte ich, es wimmelt von Gnomen und Kobolden und magischem Trudenvolk. Ich bin aus Samter, sagte einer. Ich bin aus Pinne. Ich bin aus Benschen. Ich bin aus Johannisburg. Wir ziehen die Bilanz, brüllte es rund um den Berg in meine Ohren. „Ach so“, es ist espritjüdischer Typus, blitzte es dumpf durch mein armes, erschöpftes Hirn, und mein Herzschlag ward ruhiger. Ich kanns erklären, hörte ich nun eine uralte Stimme sagen, denn ich bin der Berggeist. In Pinne, Samter und Benschen hocken viel arme kleine Jüngelchen. Sie sind sehr begabt, denn ihr Gehirn hat so wie deins seit zwei Jahrtausenden sich nicht ausgeschlafen. Ihre Mägen aber sind so hungrig wie deiner, darum arbeiten sie sich ein ins Bankfach oder in die Wäschekonfektion oder in die Jurisprudenz oder auch in die Literatur. Da ziehen sie nun eben überall die Bilanz. Und geschieht selten, daß ein Mensch eigen erfährt und abseits von den anderen leidet. Die meisten tauschen die Meinungen. Das gibt nun den Typ. Das ist die Vermehrung durch Urzeugung. Aber die Stimme aus dem papiernen Berge schwoll furchtbar an, sodaß ich erwachte.

.. Ach, ich war heute den ganzen Tag krank, müde, zerschlagen. Und nun weiß ich: Nichts von mir wird übrig bleiben. Nichts von Euch. Das Menschengeschlecht mit all seinen zufälligen Göttern und Idealen muß versinken. Aber auf den Trümmern des Kosmos sitzt der kleine Samuel Lublinski aus Pinne. Er streckt stolz sein Bäuchlein in den leeren Weltraum und zieht die Bilanz.



[28]
Der Doktor Lessing

von

Thomas Mann.

Ein Pamphlet.

Wiederabdruck aus Nr. 11 des Literar. Echo vom 1. März 1910.

Ach, Herr Pastor, wüßten Sie, wieviel
Moral dazu gehört, Karikaturen zu zeichnen.
G. E. Lessing



[Der Text von Thomas Mann wird in Europa erst 2026 gemeinfrei. Er kann bei der kanadischen Site biblio.wiki gelesen werden.]


[34]

Wider Thomas Mann

von

Theodor Lessing.

(Wiederabdruck aus Nr. 10 der „Schaubühne“ vom 10. März 1910.)



“Diese Krone des Lachenden, diese
Rosenkranzkrone... ich selber setzte
mir diese Krone auf, ich selber sprach
heilig mein Gelächter. Keinen andern
fand ich heute stark genug dazu“.


Ulyß, der Griechen Edelster, stieg würdevoll-widerwillig von stolzer Traumburg, um Thersites zu züchtigen. Den armen Schacher, den unverschämten Stümper, den alternden Nichtsnutz, das schäbigste Exemplar der schlechtesten Rasse, geduckt durchs Leben schleichend, ein geduldeter Privatdozent... Sie haben mit fiebernder Galle, verehrter Herr Thomas Mann, Ihren Blutsfreund gerochen: Samuel Lublinski, Prokurist bei Klio & Co. (für die er alljährlich die deutsche Kulturbilanz zieht).. Sie haben „alle anständigen deutschen Schriftsteller“ darüber aufgeklärt, daß dieser Mann, den ich rücksichtslos ausgelacht habe, ein durchaus ernsthafter Schriftsteller ist. (Oh bei Gott, ein „durchaus ernsthafter“!) Sie haben festgestellt, daß er ein Ehrenmann ist, dem niemand nichts beweisen kann! Sie haben, ein eminenter Psycholog, sogar herausgebracht, warum ich eigentlich mein schäbiges Winkelpamphlet geschrieben habe,.. obwohl ich doch gar keinen Grund dazu hatte. Weil Samuelchen mich in seinen Bilanzbüchern nicht erwähnt hat. Die Wahrheit tritt endlich an den Tag...


2.

Ich habe nicht erwartet, meiner Satire vorausbemerken zu müssen, daß ich Herrn Manns Freundchen schätze. Nur seinen Stil schätze ich nicht, weil seine große Gescheutheit meine Nerven alteriert, und weil ich heilig glaube, daß er von den Gegenständen, die er verurteilt –, (Gott, die [35] Erkenntnistheorie, die Moral und die Kunst), – wirklichWarum Mann sich vergaß. garnichts versteht. Aber von der schönen Rechtlichkeit seines Charakters überzeugt auch mich die Langeweile, an der meine stete Sehnsucht scheitert, Herrn Samuel Lublinski zu meinem Lieblingsautor zu erwählen.

Ich würde, mein lieber Thomas Mann, zu Ihrem Wahnsinn gerne ... schweigen. Ich habe Sie lieb und fühle mich für Sie verantwortlich. Ich würde eisern schweigen, wenn große, verletzte Liebe für Ihren Freund Lublinski dies Vergessen Ihrer Würde verschuldet hätte. Leider bezeugen Sie öffentlich, daß Sie zu meinem lieben Samuelchen nur ganz flüchtige, sogenannte „literarische“ Beziehungen haben. Ihr Motiv ist banaler. Es genügt, Ihrem Versuche, mich bürgerlich zu defamieren[6], die folgende Feststellung objektiver Tatbestände gegenüberzustellen. – –




Am 8. Februar d. J. erhielt ich zu meiner Ueberraschung aus Berlin den brüsken Brief einer Dame, die Herrn Thomas Mann durch Verwandtschaft sehr nahe steht und auch mit mir seit etwa acht Jahren befreundet war. Der Brief zeigte kurz an, daß durch meine Satire in der „Schaubühne“ die Dame sich in ihren Gefühlen als Jüdin verletzt fühle und ihre „Beziehung zu mir löse“. Ich mußte hierüber um so erstaunter sein, als ich, selber Jude nach Blut und Stolz, Herrn Manns Familie, die bereits in zweiter Generation getauft ist, niemals gerne an die Tatsache ihrer jüdischen Abstammung erinnert sah, die ich für meine Person stets ausdrücklich und mit Stolz zu betonen pflege. Um den reinlichen und lauteren Sinn meiner satirischen Arbeit anerkannt zu sehen, wendete ich mich nach jenem brüsken Briefe an Thomas Mann, von dessen Sympathien für mich und mein Schaffen ich nach mancherlei brieflichen und mündlichen Kundgebungen naiv überzeugt war. Am zehnten Februar fragte ich bei ihm an, ob er den mir unbegreiflichen Schritt seiner Verwandten (die mir sechs Wochen zuvor noch aufs freundlichste geschrieben hatte), gutheißen könne? Herr Mann erwiderte zu meiner Ueberraschung am zwölften Februar, sein Unwille über mein „Pamphlet“ (so drückte er sich aus), sei „womöglich noch stärker“, als der seiner Angehörigen, er gedenke mich öffentlich „so scharf wie möglich“ zu desavouieren, falls ich nicht in der Schaubühne eine Erklärung veröffentliche, „welche feststellt, daß alles Persönliche, namentlich das alberne Geschwätz, das Sie Lublinski [36] zuschrieben, auf freier Erfindung beruht, und anerkennen,Tomi bewundert. daß Sie nur aus Unkenntnis gerade diesen Schriftsteller zum Gegenstand Ihrer Satire gemacht haben“. Meine umgehende Antwort auf diese androhende Gewissensvorschrift lautete: „Sehr geehrter Thomas Mann! Ihre ein bischen naive Aufforderung, Bedauern über meine Satire auszudrücken, andernfalls Sie mich so scharf wie möglich angreifen würden, unterschätzt erheblich die Freude, die ich daran habe, mit einem würdigen Gegner zu klärendem Kampfe antreten zu dürfen. Ich habe mich im Leben so viel unnobler und ekler Mückenstiche zu erwehren gehabt, so wenig Freude an geistigem Kampf im Vaterlande gekostet, daß ich mich auf das Kreuzen reinlicher Klingen wacker freue“. – – – Reinlicher Klingen! –


3.

Am 1. März d. J., Herr Thomas Mann, veröffentlichten Sie im „Literarischen Echo“ ihre Antwort auf diese, meine würdige Abfuhr.. „Ein unverschämter, unachtbarer Literat, als das Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse sich durchs Leben duckend, sein ärmliches Leben fristend und seine Nichtigkeit in Scene setzend so gut er kann.“ Vor noch nicht langer Zeit schrieben Sie an mich – (wie ich glaube, in ganz richtiger Einschätzung unsrer beider Persönlichkeiten) – in spontanem Briefe das Folgende: ... „Ich persönlich bitte, Ihnen versichern zu dürfen, daß Ihr Werk, (es handelte sich um mein Buch Schopenhauer-Wagner-Nietzsche), mir so viel geistige Bewegung mitgeteilt hat, wie ich sie nicht vielen Büchern verdanke. Lob ist in gewissen Fällen eine Taktlosigkeit .. Aber das psychologische Raffinement und die ganze oft äußerste Höhe und Freiheit dieser Leistung ist sicher bewunderungswürdig“ .. Und heute? .. „Irgendwer mußte den Schächer strafen. Kein ehrenvolles Geschäft. Aber vornehmes Uebersehen macht den Lumpen das Handwerk zu leicht“. Ein Dichter, Tomi, soll die Keuschheit der Worte ehren .. Haben Sie damals in jenem Briefe gelogen? Lügen Sie heute? ... „Wer kann für seine Bekanntschaften? .. Nur der vermag die herausfordernde Unmöglichkeit des Schaubühnenartikels völlig zu würdigen, der zufällig weiß, welch ein Gebürtchen als Autor dahinter steht“ .. Also, Thomas Mann! Ihre Nächsten haben sich fortgeworfen, die durch fast ein Jahrzehnt meine Freunde waren, mich suchten, mir manches dankten? ... „Nachdem dieser Herr Lessing als Mediziner, als Schullehrer falliert, als Lyriker, [37] Dramatiker und in jenen von ihm so dringlich empfohlenenTomi verachtet. philosophischen Werken seine weichliche Unfähigkeit erwiesen.... wird er nun, ein alternder Nichtsnutz, am Polytechnikum in Hannover als Privatdozent geduldet“. O weh, Ihr Schwiegervater zumeist handelte gewissenlos, da er mich zu diesem äußerst glanzvollen Posten an.. empfahl.... „Es ist nicht zu sagen, wo überall Herrn Lessings Wiege gestanden haben könnte, gesetzt, daß er eine gehabt hat, dieser unfähige Stümper, der froh sein sollte, daß auch ihn die Sonne bescheint“. So muß ich also dem Bruder ernst untersagen, vor Literaturmob die Schwester zu beschimpfen, die mich anders schätzt und meine Freundin ist...

Vor diesen ganz sinnlosen Beschimpfungen, die selbst vor Betastung persönlichen Adytons, vor Verdächtigung des mir ehrwürdigsten, treusten Menschen, vor Weitertragen albernen Klatsches nicht zurückscheuen..., was bleibt mir übrig, als öffentlich den mir schmerzlichen Vorwurf zu erheben, daß Sie, Thomas Mann, aus dem Motiv gekränkter Dichtereitelkeit, den Versuch gemacht haben, das Prestige ihres großen Bürgerruhms gegen meine unbekannte Existenz ausspielend, mich um den ethischen Kredit zu bringen?! – Das ist Ihnen dank Ihres bürgerlichen Renommees, dank der Unbekanntheit meiner Werke, dank auch ferner all der Mißdeutungen, die für gemeine Denkart in meine Lublinski-Satire sich billig hineininterpretieren lassen, zunächst geglückt... Aber Sie werden mich nicht lehren, mit Ihren Waffen zu erwidern!




4.

„Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen,
zu sehr gebricht er ihnen an – Scham...
Lernen wir besser uns freuen, so verlernen
wir am besten andern Wehe zu tun und Wehes
auszudenken“.

Sie halten also Samuelchen für den „berufenen Richter unserer Zeit“. „Von ihm verurteilt zu werden, ist auszeichnend“. – Wirklich, Tom, das macht mich froh! Denn gestehe ich nur, mein „niederträchtig Pamphlet“ hat mir doch einige Gewissensbisse gemachte „Wie?“ dacht ich bei mir, „ist denn solch Sujet Deiner Erregungen wert? Solch ein lausig Sujet? Wo steckt da der „Ewigkeitszug“?“... Die ästetische Freude an Bosheit nämlich wird bei lausigen Sujets allzu leicht von „bürgerlichen“ Sentiments durchkreuzt, wie Rührung, Gemüt, Zuneigung, [38] Bedauern, ja, (Sie verzeihen wohl die harte Andeutung),Sünde des Mitleids. sogar von... Mitleid. Aber ich meine, ein Geist, den ich doch immerhin fröhlichen Spottes wert erachtete, dürfte auch von Ihnen, Tom, nicht so entsetzlich grausam durch fürchtige Moralträne blasphemiert werden. Denn ich weiß ja, mein lieber Tom, daß ich nur Ihrem edlen Herzen das diffamierende Schimpfwort verdanke und daß Ihre recht stumpfen ästetischen Talmidolche doch an den Gluten ehrlicher, bürgerlich-moralischer Echauffements geschweißt sind. Was zuletzt Sie antrieb, wider mich nach der Königlichen Polizei zu rufen, ach, Tom, das lautete wahrscheinlich so: „Pfui, dieser Lessing!! einen armen brestigen Brudergeist öffentlich zu verunglimpfen!!“ – Und Sie – Rohling! Sie fühlen garnicht, daß nicht mein Witz, sondern nur Ihre Sorte „Ethik“ den Freund erniedert! Daß nicht meine Satire, wohl aber Ihre Tat hundsgemeinen Mitgefühls, Samuels brave Seele herabzieht... Lasset uns doch Männer sein! Mögen wir Schaffende die Illusion verlieren, „Unglücklichsein“ sei allemal Freibrief auf schlechte-Bücher-schreiben. Unglücklich sind wir alle! Aber nicht unser Leiden, sondern unser Sieg steht in Frage.. Ueber „Verrohung kritischen Geschmacks“ weinern Sie, ein zarterer Sudermann. Aber Sie halten mich garnicht für einen rohen Schriftsteller, sondern für einen schlechten Menschen... Gesetzt, Jungens, Ihr hättet mich verulkt,.. was täte ich? Wäre Eure Satire fein und treffend, dann erlernt ich lachen! Wäre sie unfein, dann lacht ich bereits! – Keiner Eurer Speicher bliebe von mir undurchstöbert, bis ich Euch.. besäße. So rächte ich mich! „Hier stehe ich nackend, schaut mich genauer an, Ihr habt noch einige meiner Schwächen und Mängel übersehen“. So beschämte ich Euch. Ihr aber... Du lieber Gott! Ihr ringt ja garnicht mit mir. Ihr dekretiert einfach. Ihr dekretiert Samuel ist ein Profete! Es fehlt uns an „Gehässigkeit der Erkenntnis“. (Und ich muß zugeben, daß Ihr diese kulturelle Forderung zur ersten Hälfte redlich erfüllt)... Aber diese Literaturdekrete machen mich glücklich. Denn ich bin ja schließlich kein Hundefänger. Ich will lieber einen Löwen als einen Floh „schändlich mißhandelt“ haben. Schopenhauer hatte seinen Hegel, Nietzsche seinen Wagner, ja, Aretino lachte sogar Päpste tot. Ich aber hatte nur Samuel Lublinski aus Pinne (und wer den Verblichenen kannte, wird meinen Schmerz zu würdigen wissen). Auch mein Talent könnte fröhlichere, stärkere Karikaturen zeichnen, von Samuelchen oder auch von Ihnen, Tom, wenn [39] Ihr Kerle danach wäret. Samuelchen ließ mich natürlichUeber Aesthetik der Satire. zu gleichmütig. Und insofern, fürcht ich, haben Sie ganz recht. Er eignet sich nicht zur Satire. Ach, könnt ich doch im Lublinskischen Zeitalter irgendwen ein bischen hassen. Aber auch Sie, Tomi, mein liebes, gutes Moralgroßmäulchen, so sittlich-rachsüchtig und dabei so friseurfein-schick, auch Sie, Tomi, werd ich immer nur lieb haben... Voila ma tragédie.

5.

Nein, Thomas Mann, Sie sind kein Dichter! Nur ein hochgezüchtet Marzipan-Mann aus Lübeck. Ich liebe tief Ihre wehmütig süßen Raffinements. Aber Sie tanzen mir zu schlecht! Warum ich grade dieses Oechslein dem Marsyasschinder weihete, so fragt Ihr Brief naiv bei mir an. Grade diesen Typ des liebearmen Esprit, welcher rezensiert, statt zu erbluten, „Stellung nimmt“, statt zu erleben? – Wirklich, ich weiß das nicht! Aber ich glaube, wir Dichter kennen weder Absichten noch Zufall. Apoll wohl zwang mich, aus Samuelchens lieber Seele das europäische Espritjüdchen herauszufiltern, ein Paradigma, ein neues Wort, einen neuen Irrtum schaffend. Nur die Bürger und die viel zu vielen anständigen Literaten glauben an Ressentiments als an das Gemeine, das sie verstehen. Denn wo die Anständigen einen kunstheiteren Spötter auf der Tat ertappen, haben sie die Strafe der Kastration vorgesehen, damit sein Fleisch fürder bitter schmeckt. Zur lachenden Bosheit (Tom, das verstehen Sie ja nicht) gehört viel selbstlose Liebe. Fragen Sie Ihren Nachbarn Thomas Theodor Heine, wie er Karikaturen macht. Er wird Ihnen sagen, daß er nur Menschen karikieren kann, zu deren Verspottung selbstquälerisch Wahlverwandtschaft ihn reizt. Wer Bismarck fein verlächerlicht, muß ein Stückchen Bismarck haben. Herzlich lachen, Tom, macht einzig Persiflage, die von uns selber erlöst. „Du verhöhnst dein eigen Blut!“ ruft der immergallige Bürger. Wir erwidern: „Was dürft ich wohl sonst verlachen? Ist denn nicht Satire Opfertat?“

6.

“Lüge“ aber schimpfen Sie meine Burleske! All das gräßliche Geschwätz, welches Lessing, der Pasquillant, meinem Freunde, dem „Dichter“, in den Mund legt, kann der in Fleisch und Blut an meinem Herzen Ruhende nie gesprochen haben! Denn mein Freund ist „geistreich und feinsinnig“. Er mauschelt nicht. Es ist nicht richtig, daß sein Schwesterlein nur an [40] hohen Feiertagen ihn waschen darf. Er ist ein schöner Mann.Problem der ästhetischen „Wahrheit“. Der Zeder gleich auf Karmels Höh... So minnesüß locket Ihr Lied. Ach, ich glaube ihm gern. Wenn es Ihnen, wenns dem lieben Samuel Genugtuung schafft, dann will ich auf alle deutschen Märkte gehen und beschwören, daß Euer beider reales Bein und Fleisch von jeher verführerisch durch stolzer Frauen Sehnsuchtsträume schritt. Wahrheiten der Burleske sind ästhetisch – psychologische, nicht historische Wahrheit. Nicht der reale, nur der unsichtbare Buckel reizt Satiriker. Nur hinter den trefflichen Schriftwerken des braven Mannes, für dessen Seifenkonsum und Moralität Sie mit allen schönen Seelen rechtens erglühen dürfen, äugt bescheiden mein Samuelchen. Nur mit Kirkes fluchgeborenem Zauberstab wandelt Satire Ihr schön gewaschen Freundchen in das irreale Traumferkelchen, das ich hinter dem Stachelzaun seiner Verse und hinterm Gatter seiner sehr schlechten Prosa habe grunzen hören...

7.

Was ist Satire? Was Pasquill? Heines Spott auf Platen nennt Börne: Satire, mancher Freund Platens: Pasquill. Heines Spott auf Börne nennt Börne: Pasquill, aber Platen: Satire. Sie finden meine Schilderung „gemein und niederträchtig“? Einseitig ist sie, wie jede Karikatur. Aber die Wahrheit meiner Satire hängt nie davon ab, ob Sie oder sonstwer daran glaubt, sondern ob ich daran glaube.

Gute Freunde verleumdeten einst auch Sie, Tom, daß Onkel und Tante aus ehrenwertem Hause in ihrem schönen Familienroman zur Farce entweiht sei. Man verglich ihre züchtig wohlerzogene Geistigkeit mit Geistlosigkeit irgend eines, der damals Skandalgeschichten aus kleinen deutschen Garnisonen gipste. Sie wehrten edel ab. Sie zeigten den Bürgern, daß Wirklichkeit unseres Lebens dem Dichter das Transparent ist, durch das er hinblickt auf die Welt seiner Wahrheit, – sein Ich.

Freilich, ich bezweifle, daß Sie für Ihre Kunst, die episch referierende, das Problem klar erschauen. Ihre seelische Kultur, Sie Lieber, wurzelt tiefer als Ihre geistige. Aber für meine Kunst, Tom, haben Sie recht... Für den Denker, den Kritiker ist reales Geschehen die Kette von Unwahrscheinlichkeit. Er macht erst das Wirkliche zur Wahrheit, indem er die Lüge zufälliger Geschichte in seine Weit voll Bedeutung – umlügt. Nicht trägt er, wie der Epiker, den [41] Spiegel, der Menschen zeige wie sie sind. Er trägt“In Ketten Häuser bauen“. den Hohlspiegel, der karikierend all ihr „Wesentliches“ offenbart.

Ihr liebes Freundchen war mein Zufalls-Transparent. Durch sein reinlich, redlich Gebein (Gott, wie oft muß ich noch sagen, daß ich nie mit ihm Kontroverse hatte und ihm herzlich gut bin?) glaubte ich zu erspähen, was ich harmlos ehrfürchtig niederschrieb in jener fröhlichen Groteske: Samuel zieht die Bilanz.

8.

Untragische Aesthetenmoral, welche fordert, Schwären zu verdecken, weil Verweichlichte scheuen, an sie erinnert zu werden, ziemt nicht für meinereins, der von früh an zu Not und Trotz bestimmt ist. Würdelos schaltet Ihr mich – Freunde –, weil ich an Samuelchen objektive Mängel karikierte, zu deren Träger zufällig oder notwendig jüdische Geistesart sich darlieh. Wohl, ich verstehe Eure Empfindsamkeit! Alter Pathologik gequälter Vorwelt entstiegen, unsicher-mißtrauisch aufzuckend, wenn irgendwo irgendwer eine Schärfe über Jüdisches sagt, ja, wenn des Blutes Erbbann nur erwähnt wird. Sie, lieber Tom, leben unabhängig, von je verwöhnt. Sie kostet weniger Wehe, wider mich, den Schirmherrn Israels zu mimen, als mir Wehe kostet, aus Wunden Lichter zu sammeln, mit Ketten Häuser zu bauen...

Aber glauben Sie wirklich, Tom, Ritter vom Graal, es komme darauf an, zu entscheiden, wer von uns dreien der schönste ist? Nun, dann gebe ich mit tausend Freuden zu, daß für Herrengeschmack Sie, Tomi, für Damen aber Samuelchen viel reizender ist, als ich. Doch erniedrigen wir einander nicht durch so elende Optik! – Wenn in Deutschland Kulturschulmeister von Gottes Gnaden Zensuren der Geister austeilen, naiv befindend, welche Richtung für Kunst oder Philosophie erlaubt, wer bedeutend, bedeutender, am bedeutendsten ist, wenn ungütig stelzend die Ewig-Ahnungslosen, die starrpathetischen Bürgerpriester historisch festlegen möchten, welcher Dichter die Welt befördert, welcher ganz, welcher teilweis, welcher garnicht, – dann wird das Lachen zur notwendigen Tat. Um so befreiender, je bedeutender der Literaturpapst ist! Was ich verbrach? Als der arme kleine Hanno bedrückt von aller Selbstgerechtigkeit, aller Bürgertugend der Ewig-Egozentrischen [42] halbtotgequält war, da ging er hin und malte dasAmoral des Lachens und Weinens. Portrait eines der Gerechten mit Kreide an die Wandtafel, und Geheimrat Professor Mann kam und relegierte ihn aus dem Orden aller anständigen Jungens. Ihr seid die Scharfrichter, ich bin nur Karikaturenzeichner. Warum Ihr mich defamiert? Weil Ihr herausfühlt, daß ich Euch nicht „hasse“. Am unbegreiflichsten ist den Menschen, daß man über sich und andere spotten kann ohne Galle. Eure verdammte Eitelkeit würde garnicht so empört Zetern, wenn hinter meiner harmlosen Burleske wirklich Häßliches und Gemeines steckte. Daß ich Euch nahe kam, und doch vorüberging, das verzeiht Ihr mir nie, Ihr möchtet den Spötter quälen oder bürgerlich schädigen. Ich aber will nur ästhetische Freiheit für mein Lachen über Euch. Und hätt ich Professuren und Orden zu vergeben , so bekämen Sie, Tom, für Ihr reizend Denunziatiönchen eine Professur der Moraltheologie und den Titel Kirchenrat, und mein Samuelchen schlüg ich zur Entschädigung für erlittene Karikatur zum Ritter des Adlerordens.

Was ich verbrach? Ich habe parodiert. Ich habe Humorlosigkeit, Emphatik, und talmudisch Literatur-Raisonnement eines bedeutenderen Bildungsbürgers unbürgerlich-kapriciös, mit Leichtsinn verspottet. Ich habe nicht gehässig moralisieren, nicht menschlich kränken wollen. Ich habe getan, was in politischen Witzblättern täglich geschieht: von einem bekannten Manne der Oeffentlichkeit, den ich menschlich ehre, mit drastischer Komik in derbem Umriß vergröbernder Schwarz-Weiß-Technik eine redlich harmlose Karikatur gezeichnet. Solche Persiflage sagt nicht: dieser Autor ist schlecht, nicht: dieser Mensch ist unliebenswürdig, sondern: dieser Autor ist komisch. Seht mein Gemälde aus richtiger Distanz an. Lasset dabei die armen Maßstäbe Eurer bürgerlichen Ressentiments zu Hause. Das Moralische versteht sich von selbst. Meine Satire sagt nicht gleich Eurem Bürgergemüt: Ich bin der Adonis. Ihr seid die Mißratenen. Sondern ich rufe lachend: Kinder, uns fehlt noch manches zum Adonis. Glauben Sie, guter Tom, es sei würdiger, stärker, das wimmernd zu verkündigen, so wie es hinter Ihren ein bischen schwachmatischen Romanen zu lesen steht. O nein, dazu litten wir zuviel, und von Kunst wissen wir genau so viel, wie wir litten. Sie, lieber Tom, sind zu roh und klein für mein Seelenrecht, wissen viel zu wenig von Kunst. Ihr Schmerz hat Tränen. Ach, darum schwimmt Ihnen immer die Größe davon.

[43]
Coda.

Ich bin ein Gentleman, Herr Lublinski ist ein Gentleman.Abschluß und „Antwort“. Herr Mann war einer. Herr Mann hat bewußt gelogen, bewußt gefälscht. Seine vornehme Feder ward unrein. Es ist bitter, in beengter bürgerlicher Existenz gezwungen zu sein, gegen unabhängige Menschen, die durch viele Jahre meine nahen Freunde waren, öffentlich zu rechten. Ein zartes Würzelchen reißt: Ein lauteres Glöckchen wird trübe. Ich habe, ehevor man mich zwang, hier mit der Feder mein Gewissen durchzusetzen, Herrn Mann wissen lassen, daß ich für meine Satire auch mit gröberer Waffe Genugtuung gebe. Mehr als das Leben kann kein Geist für seine seelische Freiheit einsetzen. Herr Mann depeschierte mir zurück, daß meine Auffassung der Dinge ihm unverständlich sei und dem Herkommen widerspreche. Beides ist mir nicht neu... So verlange ich von ihm eine öffentliche Ehrenerklärung im „Literarischen Echo“. Erfolgt sie, dann betrachte ich die armselige Bagatellsache als gebührend erledigt. Erfolgt Schweigen, Versuch der Desavouierung oder Insult, dann bitte ich das hier Gesagte als harmloses Vorgefecht aufzufassen. Dann beginne mein Kampf.




“Antwort“

von

Thomas Mann.

Wiederabdruck aus dem „Literar. Echo“ vom 1. April 1910.



“Willst Du genau erfahren, was sich ziemt,
So frage nur beim edlen Tomi an“.
Goethe an Mann.


[Der Text von Thomas Mann wird in Europa erst 2026 gemeinfrei. Er kann bei der kanadischen Seite Bibliowiki gelesen werden.]


[47]

Preßgesetz § 11.

Eine lehrreiche Korrespondenz.



Nach heute geltendem Rechte...
wird ein Mann, der eine trockene Semmel
stiehlt, schwerer bestraft, als einer,
der öffentlich Ehre stiehlt.
Oskar Wilde


1.

Nach der Veröffentlichung des zweiten Mannschen Pamphletes erklärte die Zeitschrift, welche es in viertausend Exemplaren verbreitete, das „Literar. Echo“, die Angelegenheit für „genügend geklärt“ und verweigerte jede Berichtigung der Mannschen Invektive.

Vier Mal versuchte ich vergeblich, die Aufnahme von Berichtigungen (die ich zuvor von Juristen begutachten ließ) gemäß § 11 des Preßgesetzes durchzusetzen.

Aus dem bei dieser Gelegenheit geführten Briefwechsel verdienen einige Stellen als lehrreich für die Ethik „vornehmer Presse“ aufbewahrt zu bleiben.


2.

l) Aus Zuschrift der Schriftleitung: „Der einzige Punkt, für den Anlaß zu sachlicher Berichtigung gegeben erscheint, ist die Tatsache, daß Sie Ihr Buch seinerzeit nicht an Herrn Mann persönlich, sondern an seine Frau adressiert haben. Wenn Sie darauf Wert legen!... Alles andere ist keine Berichtigung, sondern sind Widerlegungen, zu deren Aufnahme unter keinen Umständen wir uns herbeilassen, nachdem die ganze für die Oeffentlichkeit in jeder Hinsicht unerquickliche Angelegenheit uns reichlich Raum weggenommen hat. Wir bitten, alle weiteren Zuschriften als zwecklos unterlassen zu wollen.

2) Aus Brief des Herausgebers Dr. J. Ettlinger: „Ich bin wirklich nicht deshalb auf ärztliche Anordnung Kurgast, um mich früh um 7 Uhr durch eingeschriebenen [48] Brief aus dem Schlaf scheuchen zu lassen; ich habe nichtPreßgesetz § 11. Berichtigung. Lust, mich mit dem Inhalt Ihres Schreibens zu beschäftigen. Ich bitte Sie, zu verfahren, wie es ihnen beliebt: Klagen anzustrengen, Flugblätter, Broschüren herauszugeben oder was Sie sonst für gut halten, mich aber mit diesem langweiligen Handel zu verschonen. Ich darf Sie bitten, Ihre zurückerfolgende Zuschrift als das letzte anzusehen, was ich in dieser Angelegenheit erhalten zu haben wünsche“.

3) Aus Zuschrift des Verlegers (E. Fleischel & Co.): „Ihr an Herrn Dr. Ettlinger gerichtetes Schreiben übergab uns Herr Dr. E. mit dem Bemerken, daß die Redaktion nicht in der Lage wäre, Replik aufzunehmen. Falls Ihnen aber doch daran liegt, die Replik unsern Lesern bekannt zu machen, empfehlen wir, dies in Form einer Beilage zu tun. Die Kosten für das Beilegen würden wir Ihnen mit M. 36 netto berechnen, auch sind wir bereit, die Beilage in unserer Druckerei billig herzustellen“.




Warum zitier ich diese „lehrreiche Korrespondenz“? Man soll begreifen, warum ich diese Schrift, nachdem ich alle anderen Instanzen erschöpft hatte, drucken lassen mußte. Man ließ mir keine Wahl!




Berichtigung

zur „Antwort“ Herrn Mann’s.

Drucklegung vom „Literar. Echo“ verweigert.


“Den folgenden[7] Erklärungen, mit welchen ich nichts anstrebe als Schutz vor Waffen, die schon abwehren zu müssen wider die Scham geht, habe ich vorauszuschicken, daß ich alles, was ich in dieser Angelegenheit geschrieben habe und schreibe, als unter Ehrenwort und an Eides statt gesagt betrachte....


1.

Herr Thomas Mann richtete an mich am 13. Februar d. J. brieflich die Aufforderung, ein „Pamphlet auf Lublinski“ (so drückte er sich aus), öffentlich zu widerrufen, widrigenfalls er „so scharf wie möglich“ einen Artikel gegen mich veröffentlichen werde. Meine würdig-abweisende Antwort bezeichnet [49] Tomis Sündenregister. Herr Mann als „exaltiert und von sonderbarem Hochmut“... Ich ließ mich selbstverständlich in keine Verhandlung weiter mit Herrn Mann ein. Darauf ging Herr Mann hin und veröffentlichte am 1. März den Artikel „Der Doktor Lessing“. Dies der objektive Tatbestand. In die Motive Herrn Manns habe ich keinen Einblick.


2.

Aus ungefähr vierzig Briefen, die ich aus persönlicher Beziehung während der Jahre 1902-1910 von Herrn Mann und Angehörigen besitze, zitierte ich die folgende Stelle eines spontanen, von mir unbeantwortet gelassenen Schreibens vom 27. Februar 1906: „...ich persönlich bitte, Ihnen versichern zu dürfen, daß Ihr Werk (es handelt sich um mein Buch Schopenhauer-Wagner-Nietzsche) mir soviel geistige Bewegung mitgeteilt hat, wie ich sie nicht vielen Büchern verdanke. Lob ist in gewissen Fällen eine Taktlosigkeit. Aber das psychologische Raffinement und die ganze oft äußerste Höhe und Freiheit dieser Leistung ist sicher bewunderungswürdig“... Um den Widerspruch dieser Briefstelle zu heutigen Entäußerungen abzuschwächen, insinuierte Herr Thomas Mann, das Schreiben, in welchem er von seiner mir wertlosen Bewunderung sprach, sei „Antwort“ auf ein ihm dediziertes Buch gewesen. Ich habe Herrn Mann nie ein Buch geschickt!! – Herr Mann nimmt vielmehr in jenem Briefe, der nur durch Zufall mir wieder zu Händen kam, auf ein Werk Bezug, welches ich etwa acht Monate bevor Herr Mann so artig schrieb, bei ganz persönlichem Anlaß seiner mir damals nahestehenden späteren Frau versprach und mit eingeschriebenem, mir wörtlich im Gedächtnis gegenwärtigem Gedichtchen durch ihre Mutter übermitteln ließ. Herr Mann versuchte (eine Briefstelle an seine Schwester bezeugte das) ich glaube während eines Aufenthalts in Oberammergau Herbst 1905 meine Philosophie zu studieren. Unbewußte Spuren dieses, Herrn Manns Eigenart fernliegenden Studiums glaube ich in einem Essay zu finden, in dem er bestimmte, mir allein zugehörige Termini verwendet.


3.

Herr Mann sucht meinen durch unsinnige Beschimpfung aufgedrängten Hinweis auf alte „Freundschaft“ mit seinen Angehörigen als „Prahlerei und Schnorrer-Zudringlichkeit“ zu entkräften. – Ich bin bereit, Privatbriefe (deren Inhalt [50] ich öffentlich nicht verwende) vorzulegen, sowie zwanzigRevelabo pudenda tua. einwandfreie Persönlichkeiten als Zeugen dafür anzuführen, daß sich meine Illusion von „Freundschaft“ an überzeugenden Tatbeständen nähren konnte. Meine Selbstachtung fordert, die ehemals gern und oft dokumentierte Behauptung der Angehörigen Herrn Manns, meiner diffamierten Person „nahe zu stehen“, als mich verletzend und herabwürdigend zurückzuweisen.


4.

Ich habe, bevor ich nur eine Antwortzeile auf Herrn Manns öffentlichen Insult drucken ließ, bei Herrn Mann, das Private des Falles betonend, telegraphisch angefragt, ob er für seine Ueberzeugung mit der Waffe eintreten wolle. – Ich habe das Austragen in der Oeffentlichkeit (um Herrn Manns willen) gewissenhaft zu verhüten gestrebt und erst als seine unsinnig-selbstgerechte Blindheit keine Wahl ließ, meine bis zum Verlust des Lebensunterhalts bedrohte bürgerliche Person mit der Feder zu schützen versucht. – Ich bin froh, daß Herr Mann selber sein und mein Telegramm zitiert, denn es zeigt besser als ich sonst vermöchte, wie ich als Angelegenheit persönlichen Gewissens zu behandeln gesucht habe, was Thomas Mann zu würdelosem Literatenstreit erniedrigt.


5.

Herr Mann zitiert falsch! Ich habe nicht geschrieben er sei „Lügner“ und „Fälscher“, denn ich würde selbst einen Sträfling nicht so plump iniuriös benennen. Ich habe behauptet und behaupte fernerhin, daß Herr Mann in bestimmt gekennzeichneter Hinsicht nicht die Wahrheit sagt und Tatbestände fälscht... Der Zwerg, mit dem Herr Mann mich artig vergleicht, der Gnom, den der Mann im Märchen auf dem Rücken tragen muß“, ist – das Gewissen. An ihm scheint Herrn Manns allzu genügsame Bürgerethik nicht allzuschwer schleppen zu müssen, sonst würde er auch den Namen des in der „Lessingschen Psyche“ so prächtig Bewanderten anständig und klar nennen, da vague Zwischenträgerei bisher ungreifbarer Sykophanten namenloses Vorrecht war...

[51]

Coda.

(Vergl. „Literar. Echo“ vom 1. April 1910.)


“Ich stelle hiermit Herrn Thomas Mann vor die alte Wahl.Herkules am Scheideweg. Entweder er tut, was einzig seiner würdig ist und was jeder, der sein edles zartes Talent so herzlich verehrt wie ich, nur dringend wünschen kann. Er sagt klar, vornehm und schlicht: „ich habe geirrt!“ Oder er nimmt mein nochmals wiederholtes Anerbieten an, mit entscheidenderer Waffe als mit unsern Federn unsere Ueberzeugungen zu verantworten...

Tut er keines von beiden, so schaffe ich mir Recht, wie einst Heine gegen die gleiche Feigheit „Menzels des Denunzianten“. Ich lasse meine Satire „Samuel zieht die Bilanz“ als Broschüre drucken und füge den Angriff Thomas Manns wörtlich, wie er im „Literar. Echo“ erfolgt ist, hinzu, ferner auch meine Antwort, die ich nach einem Nietzschewort benenne. „Tomi melkt die Moralkuh“. Da mag sich dann jeder sein Urteil bilden. Damit nun aber niemand, (selbst Hans der Träumer wird ja schließlich menschenklug), mir etwa nachsagen könne, daß ich aus den Grenzen eines Gegners Nutzen zog, so widme ich den Reinertrag, der etwa aus meiner Satire und dem Thomas Mannschen Pamphlete erzielt wird, der – großen Karnevals-Gesellschaft in Köln. Diese werde ich bitten, mir die Zuwendung öffentlich zu beglaubigen“.

Hannover.
Theodor Lessing.




Herr Mann hat jede Genugtuung verweigert!...

Voilà donc!




[53]

Das Ehrengericht

oder

die landwirtschaftliche Ausstellung.


„Es fanden sich bei der Rindviehausstellung
viel weniger ertragsfähige Ochsen, als von
den verdienten Veranstaltern gehofft und im
Interesse der guten Sache erwartet wurde...
Aber diese oft beklagte Tatsache, daß bei uns
in Deutschland die Anzahl produktiven Rindviehs
beständig im Abnehmen begriffen ist,
wird zum Glück vollständig kompensiert durch
die anerkannte Qualität des einzelnen deutschen
Ochsen.“


Gustav Schmoller.
(„Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft“.)





[54]

Oeffentliche Erklärung.


Auch sittliche Sänger haben ihr Gutes,
Zwölf machen ein Dutzend, die Menge tut es.


Die folgende Erklärung wurde in einer Anzahl deutscherDeutschland, siehe deine Ehrengenien! Literaturblätter durch Herrn Leo Greiner – München veröffentlicht:

„Die Unterzeichneten drücken gelegentlich des Artikels „Samuel zieht die Bilanz“ von Theodor Lessing in Nummer 3 der „Schaubühne“ ihr Bedauern darüber aus, daß es kein Ehrengericht für Journalisten gibt.“


Ferdinand Avenarius,
Peter Baum,
Walter Bloem,
Felix Braun,
Robert Breuer,
Paul Ernst,
Otto Falkenberg,
Hans Franck,
S. Friedlaender,
Emil Geyer,
Leo Greiner,
Paul Hausmann,
Georg Herrmann,
Theodor Heuß,
Camill Hoffmann,
Richard Huldschiner,
Hans Landsberg,
Ernst Lissauer,
Richard M. Meyer,
Ernst Milan,
Willy Rat,
Anselm Ruest,
Wilhelm Schäfer,
Karl Schettler,
Rudolf Johannes Schmied,
Oskar A. H. Schmitz,
Heinz Schnabel,
Wilhelm von Scholz,
Felix Stößinger,
Otto Stößl,
Will Vesper,
Paul Zschorlich,
Stefan Zweig.





[55]

An das Ehrengericht.

Eine Antwort.

Wiederabdruck aus der „Schaubühne“ Nr. 12 vom 24. März.


Unsern dreiunddreißig Sittlichsten.

Es ging spazoren zu Athen
Ein literarisch Phänomen,
Ein Bürgergott, ein Würdebär,
Ein stadtbekannter Raisonneur.

Einst stund er auf der Agorá
Und trotzte „Nein“ und lobte „Ja“,
Sprach „zielbewußt“ und „voll und ganz“.
Und zog dem Weltgeist die Bilanz.

Ein schnöder Gauch vorüberging,
Begaffte den Sophistenthing,
Und hat den Großen parodiert,
Mit Glatz und Bäuchlein porträtiert.

Zum Glücke im Ilissos-Tal
Gab es schon Stützen der Moral,
Die einen riefen „o popoi“,
Die andern schrien zu Adanoi.

Berechtigt ist der Galle Fluß,
Weil man sein Fett verseifen muß,
Es nützt moralsche Weltanschauung
Zu Zwecken friedlicher Verdauung.

Und Schmied und Schmitz, Zweig, Ernst und Meyer,
Scholz, Schäfer, Heuß und Bloem und Geyer,
Begründeten den „Bund der Weiner“,
Sein Ehrenvorstand hieß Herr Greiner.

Wer künftig will Satiren machen,
Muß nach dem Ehrenkodex lachen,
Den dreiunddreißig Ehrengenien
Ersannen als die Norm der Xenien.


[56]

So mußte damals zu Athen
Der schnöde Gauch am Pranger stehn!
Geknickt, geknackt und ganz gebrochen.
Doch insgeheim hat er gesprochen:

Der eine Esel, den ich fing,
Galt meiner Würde zu gering,
Drum hocherfreut willkommen heiß ich
Den Zuwachs weitrer dreiunddreißig.

* * *

Halt! ruft Ihr zornig, little less,
Du bist kein Aristophanes.
Je nun, verehrte Herrn der Presse
Seid Ihr am Ende.. Sokratesse?


Hannover, Frühlingsbeginn 1910.

[57]

Froschmäusekrieg.



“Pfützmann wie er im Sterben erblickt den befreundeten Vielquack.
Warf er nach Höhlengräber mit Macht den gewaltigen Mühlstein.
Leckmann der zweite, zielte darauf mit der schimmernden Lanze.
Schlämmer erblickt’s und wirft eine Hand voll Kot auf den Gegner.
Schreihals stürmt schon zur Rache herbei und bekämpfet den Lauchgrün...
Weh, Ihr Götter, gewaltiges Tun entdecket mein Auge!“

Homer (Froschmäusekrieg) [8].




[58]

Froschmäusekrieg.


Nach der Veröffentlichung der Ehrengerichtskundgebung begann der satirisierte Samuel Lublinski selber in die Schranke zu reiten. In der Wochenschrift „Das Blaubuch“, die schon zuvor einen moralischen Entrüstungsartikel gebracht hatte, publizierte er die nachfolgende „öffentliche Aufforderung“.


Eine Aufforderung an den Doktor Lessing

von

Samuel Lublinski–Rom.

Wiederabdruck aus dem „Blaubuch“ 1910, S. 281-282.

Roma locuta, causa finita.


Vorbemerkung: Man fühlt, wie sehr die „Aufforderung“, die Herr Lublinski uns mit der Bitte um Abdruck zusendet, contre coeur geschrieben ist, wie er sie seiner Verachtung gleichsam abgerungen hat.
Die Redaktion des „Blaubuch“.


1.

Herr Doktor Theodor Lessing stellt sich, nachdem ihm wegen seines Pamphletes gegen mich in der Schaubühne von verschiedenen Seiten die Meinung gesagt wurde, auf den Standpunkt, daß er durchaus keine „Beleidigung meiner bürgerlichen Person beabsichtigt“ habe, sondern nur den Schriftsteller, die „literarische Persönlichkeit“ treffen wollte. Der Spitzbauch, die mauschelnden Arme und Beinchen, das ungewaschene Gesicht – das alles sollte, – man sei nicht zu verblüfft, symbolische Bedeutung haben, und der Herr Doktor haben dadurch nicht meinen Leib kennzeichnen wollen, sondern meine verwachsene Seele. Dieses wundersame Geständnis ist bezeichnend für den hohlen Formalismus und die falsche Plastik, mit der sich mein Gegner seine [59] “Satiren“ zurechtzumachen pflegt. Doch diese „literarische“Das Buch Samuelis oder Roma locuta. Seite bleibe vorläufig unbeachtet, und ebenso verspare ich mir den Nachweis, daß allerdings der Herr Doktor eine scharfe persönliche Kontroverse mit mir gehabt hat, auf eine spätere Zeit, falls er nach dieser Andeutung fortfahren sollte, zu leugnen. Dagegen möchte ich jetzt schon auf einen Umstand hinweisen, der von grundsätzlicher Bedeutung ist, weil er beweist, mit welchem Manko an Gewissenhaftigkeit in Deutschland literarische Kritik und Polemik betrieben wird.


2.

Der Herr Doktor Lessing wollte den „espritjüdischen Typus“ treffen und den zensurierenden Schulmeister, der über Kunstwerke urteilt, die er nicht erlebt hat, oder der, wie der Doktor sich geschmacklos ausdrückt, nicht sieht, nicht hört, nicht riecht. Ich will nicht so pedantisch sein, nachzuweisen, daß diese beiden Typen einander vollkommen ausschließen, und daß man z. B. dem unzweifelhaft „espritjüdischen“ Heine alles Mögliche vorwerfen kann, nur nicht Mangel an Erlebnis und Leidensfähigkeit. Aber wer wird es mit einem professionellen Satiriker so genau nehmen!

“Espritjüdisch“ und „Schulmeister“ sind ja längst schon allgemein verbreitete Schlagworte geworden, inhaltslose Phrasen für jedermann aus dem Volk, und so merkt der ahnungslose Doktor nicht den Widerspruch und heftet meiner „literarischen“ Persönlichkeit diese beiden Etiketten an. Das tut er, obgleich er mich nach eigenem Geständnis als Schriftsteller garnicht kennt. Meine beiden kritischen Bücher hat er nur „angeblättert“ und kann also nicht wissen, ob sie aus schulmeisterlicher Erlebnisunfähigkeit herkommen oder vielleicht aus ganz anderen Eigenschaften des Autors geboren wurden! Auch von meiner Produktion weiß der Doktor Lessing, das sage ich ihm auf den Kopf zu, garnichts, und so wird sich seine Kenntnis meiner „literarischen“ Persönlichkeit auf einige Zeitungsartikel beschränken, die seine „leidensfähigen“ Nerven irritierten. Trotzdem besitzt dieser Mann die Gewissenlosigkeit, über mich als Schriftsteller aburteilen zu wollen, trotzdem wiederholt er hartnäckig in seinem letzten Artikel „wider Thomas Mann“, daß ich ein espritjüdischer zensurierender Schulmeister sei, während er gleichzeitig so freundlich ist, mich für einen Gentleman zu erklären. Sehr verbunden, Herr Doktor, und ich bin nicht in der Lage, Ihnen dieses Kompliment zurückzugeben. Wenn der Doktor [60] Lessing von Thomas Mann eine „Ehrenerklärung“ imSamuel’s römische Bulle. Literarischen Echo abverlangt, so muß ich seinerseits von ihm verlangen, daß er in der Schaubühne sein Bedauern darüber ausspricht, über die literarische Persönlichkeit eines Schriftstellers, der ihm bisher völlig unbekannt war, ein Urteil abgegeben zu haben, obgleich er wußte, daß ihm dazu jede Unterlage fehlte. Wenn er das nicht tut, dann wird über den Charakter des Braven in weiteren Kreisen kein Zweifel mehr herrschen, und man wird es mit heller Heiterkeit entgegennehmen, daß er Thomas Mann gegenüber die schwer gekränkte Unschuld mimt. Mich selbst könnte sein geschminktes Pathos mit einer so „zarten und fröhlichen Bosheit“ erfüllen, daß ich mich am Ende herabließe, ihn zu karikieren, wobei ich gewiß nicht nötig hätte, symbolische Spitzbäuche zu erfinden, da mir seine literarische „Persönlichkeit“ nichts weniger als unbekannt ist.


3.

Die nächsten sieben Wochen hat der spaßhafte Witzbold vor mir Ruhe, da ich ihn in Italien vollständig vergessen und mich erst in Deutschland wieder an ihn erinnern werde.

S. Lublinski–Rom.




[61]

II.

Antwort an S. Lublinski – Rom

von


Theodor Lessing.

Wiederabdruck aus dem „Blaubuch“ Nr. 15 v. 14. April 1910.


“Dieses Glas frischen Quellwassers, Herr
Pastor, wird zum Niederschlagen Ihres
aufgeregten Geblütes sehr dienlich sein“.
G. E. Lessing an Samuel Lange.


1.

Geehrte Redaktion des Blaubuchs: Ich weiß nicht, ob Ihr Freimut gestattet, Worte von mir ins Blaubuch aufzunehmen, da Sie mich ja für einen auszurottenden Schädling halten....

Am 24 März d. J. brachten Sie unter dem Titel „Eine Aufforderung an den Doktor Lessing“ einen Artikel des Schriftstellers Herrn Samuel Lublinski–Rom, den ich Schurke karikiert habe... Sie fügten hinzu, daß Herr Lublinski–Rom diese Antwort nur mühsam seiner Verachtung für meine Person abgerungen hat... Was enthält nun Herrn Lublinski–Rom’s Artikel? Er fordert mich auf, Bedauern auszusprechen, seine „literarische Persönlichkeit ohne genügende Unterlage kritisiert zu haben“. Anderfalls Herr Lublinski–Rom (so drückt er sich aus) sich „am Ende“ dazu herablassen werde, auch mich zu karikieren...

Tonart und schlechter Stil beruhigen mich ganz erheblich... Als Friedrich Nietzsche den „Bildungsphilister“ parodierte, da schrieb er an die Schwester etwa so: „Nur eines machte mir Schmerz, einem verdienten Manne, der doch immerhin würdig war, mit Leidenschaft von mir persifliert zu werden, persönlich wehe tun zu müssen. Nun aber, da ich sehe, welch ahnungsloser satisfait er ist, schwindet mein letztes Restchen bürgerlicher Schwäche“. – Herr Samuel Lublinski – Rom ist, – nicht zwar als geistige Persönlichkeit, wohl aber in allerlei Einzelzügen ein stärkerer Autor, als [62] David Friedrich Strauß. Aber ein naiver satisfait ist er, wie je einer war. Vor dem Inhalt meiner Satire steht er so ahnungslos, wie David Strauß vor Nietzsches Philisterbetrachtung, als er schrieb: „Ich weiß nicht, was der widerwärtige Mensch eigentlich will“....

Herr Lublinski – Rom wünscht Bedauern über mein Urteil! Ich habe ihn nicht „beurteilt“! Ich habe Erlebtes, das mir komisch schien, geschildert, wie ich es sehe. Ob der reale Herr Lublinski dem Bilde gleicht, das ich aus literarischen Impressionen mir gebildet habe, kommt auf die Doktorfrage hinaus, ob Sokrates, der reale, so schön oder unschön gewesen sei, wie der Sokrates in des Aristophanes Porträte. Ich kann irren. Möglich! Zweifellos aber ist, daß Herrn Lublinski – Rom’s „Aufforderung“ mich nicht eines bessern belehren kann. Ich kann nichts tun, als was ich schon tat: feierlich erklären, daß sich bürgerliche Moralitäten von selbst verstehen. Herr Lublinski ist gewiß ein trefflicher Mann. Aber seine ästhetisch-psychologischen Arbeiten (ich kenne seine Werke seit wenigstens zehn Jahren) sind nach Ethos und Geistesart für meinen inkompetenten Geschmack quälend-unerträglich. Ich sage damit nicht, daß dieser Autor schlecht ist! Ich sage nur, daß er mich zum Gähnen reizt. Und ich weiß, oder vorsichtiger, ich glaube zu wissen, daß der Gehalt seiner gewiß sehr nützlichen Bücher für mein Innenleben gleich belanglos bleiben wird, ob ich hundert seiner Werke studiere oder dreie. Die Optik geistigen Lebens steht in Frage.


2.

Zwei Punkte nur möcht’ ich geklärt sehen. Herr Lublinski wünscht den Nachweis zu führen, daß ich aus persönlichem Ressentiment spotte. Nicht artistische Motive, nein, niedere Antriebe sollen meine Satire eingegeben haben. Ich hätte, so behauptet Herr Lublinski – Rom, ein scharfes persönliches Renkontre mit ihm gehabt. Ich martere vergeblich mein sonst recht gutes Gedächtnis. Ich gebe mein Ehrenwort, ich ahne nicht, was die Herren meinen! Herr Lublinski – Rom hat mich vor vielen Jahren einmal freundlich besucht. Er wurde selbstverständlich freundlich aufgenommen. Sodann vor etwa Jahresfrist erhielt ich von ihm bei unerheblichem Anlaß ein paar artige Briefzeilen. Sonst habe ich mit ihm meines Wissens nie irgendwelche Berührung gehabt. Ich brenne, werter Herr Lublinski, vor Neugier auf Ihren gewiß sehr interessanten Nachweis! [63] Zweitens: „Die nächsten sieben Wochen hat der spaßhafte“Vom übel berichteten Papst an den besser zu berichtenden.“ Witzbold vor mir Ruhe, da ich ihn in Italien vollständig vergessen und mich erst in Deutschland an ihn erinnern werde.“ – Hier, meine Herren Richter, liegt der Hase im Pfeffer. Edle Gesinnungen haben wir Menschen bekanntlich alle. Im Rechte glaubt jeder zu sein. Worauf es in literarischen Streitfällen, wie diesem, ankommt, ist das Maß von Opferkraft, von Treue, von Leidenschaft, meinethalb von Fanatik des Hasses oder der Erbitterung, mit dem jeder für seine Art Auffassung eintritt. Wenn ich Herrn L.’s stolzende Wesensart komisch finde, wenn ich (durch häßliches Pamphlet leider gezwungen), Herrn Thomas Mann, dessen geistige Qualitäten ich liebe, als zartes Talent glossiere, getragen von defektem Menschentum, dann weiß ich genau, was ich da sage. Ich bin gewillt, für diese Entäußerung einzutreten! Wenn’s not tut, mit meiner Existenz! Wenn Sie aber, sehr geehrte Herren Richter, mich öffentlich infam machen, die moralische Rachsucht des Volkes mobil machen... sind Sie dann auch gewillt, für diese Ueberzeugung, wenn’s not tut, Existenzen einzusetzen?

Sie, mein geschätzter Herr Lublinski – Rom, gehen jetzt auf Gräbern der Päpste heiter lächelnd spazieren, unbekümmert im selbstgerechten Gemüte. Nur en passant wollen Sie mich ein bischen bürgerlich infamieren. Und es handelt sich doch um Fragen persönlichster Ethik, für die man sich einsetzen muß. Glaubt mir, edelentrüstete Moralisten, durch die Hetze auf Holzpapier, die Ihr durch Wochen veranstaltet habt – „zielbewußt und unentwegt“ durch verständnislosen Boykott, der öffentlich ächtet, ohne auf die fremde Art Weltschau eingehen zu wollen, habt Ihr gewissenloser gequält und geschadet, als je eine künstlerisch gemeinte, bewußt verantwortete Satire quälen oder schädigen kann! Moralisch entrüstet sein... wie billig ist das! Aber wenn sämtliche Idealisten Deutschlands meine Existenz erschweren würden, ich könnte nichts widerrufen und nichts bedauern, als nur, daß der Gegenstand meiner Satire zu unerheblich ist, um all die großtönende Emphase zu rechtfertigen. Ich habe mit künstlerischen Mitteln ästhetische Ueberzeugung vertreten. Ohne Galle und Uebelwollen. Urteilen mag jeder, wie er muß! Allemal unerlaubt aber ist, einen Autor für einen schlechten Kerl zu erklären, weil sein Werk nicht behagt. Niemand hat das Recht, Motive zu verdächtigen, weil er mit mir nicht übereinstimmen kann. Ich stimme mit meinen dreiunddreißig literarischen Richtern nicht überein. [64] Aber es wird mir nicht beikommen, anzuzweifeln, daß die“Schreihals schon stürmt zur Rache herbei.“ Herren ihr leichtfertig Ketzergericht in bester Absicht halten. Es wird mir auch nicht beikommen, Herrn Lublinski’s ethischen Wert anzuzweifeln, weil ich für seine Literaturprodukte nicht das mindeste Verständnis habe.




Antwort

von


Walter Nissen – Berlin.

Wiederabdruck aus dem „Blaubuch“ Nr. 15, S. 356-357


“Es handelt sich um den typischen Fall des ernststrebenden Autors, der von einem Herrn, welcher erklärt, er könne nicht anders, und es sei das Recht seiner „Persönlichkeit“, öffentlich schmachvoll verhöhnt wird. Wir erleben jeden Tag, daß ein Reklamewicht Aufsehen zu machen versucht, indem er verunreinigt, was in seine Nähe kommt. Er wähnt, etwas geleistet zu haben, wenn er in fremde Gläser spuckt, redet wo es angeht oder nicht angeht von seiner „Mission“ und wirft sich fortwährend augendrehend in die Brust: „Anchio sono artista!“ In Wirklichkeit spekuliert er ganz schlicht auf den gemeinsten Instinkt des Lesepöbels, die Schadenfreude, er macht sich den alten Trick zu Nutze, Bedeutendes verächtlich zu machen, um für noch bedeutender zu gelten. Seit wann ist Satire ihrem Wesen nach etwas anderes als Kritik? Wo in aller Welt können dergleichen Wortdrehereien und Spiegelfechtereien Anspruch auf „Achtung“ machen. Man wehrt ihn ab, nicht einmal um seiner Person willen, sondern weil man gegen das niedere Treiben der ästhetischen Nihilisten längst schon mehreres auf dem Herzen hat. Er fühlt sich infolgedessen als „Märtyrer“, spricht von verständnislosem Boykott, von Aechtung, redet sich ein, man veranstaltete eine Hetze gegen ihn. Niemand würde sich wundern, wenn er morgen mitteilt, er sei lebendig verbrannt worden, weil er die Wahrheit gesagt habe. Wie Huß. Wie Savonarola. Wie Giordano Bruno. – Daß Aristophanes oder G. E. Lessing, oder Goethe, oder Heine, Satiren auf Lebende geschrieben haben, das braucht Herrn Th. Lessing nicht die Ruhe zu nehmen. Wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht dasselbe oder da er ja antike Stimmungen und Tierbilder liebt – quod licet Jovi –! Was natürlich nur symbolisch gemeint ist.“

[65]

Erzieher zum Geiste



oder

Lichtstrahlen aus den Werken deutscher „Ehrenrichter“.

(Einige Proben.)





Aufgeknüpft?! oder Niedergeknallt?!

von

Erich Schlaikjer – Berlin.

(Wiederabdruck aus der „Welt am Montag“ vom 11. April 1910.)



Wenn mein verehrter Kollege Schlaijker
einen überführten Sünder öffentlich vermöbelt,
so ist es allemal ein Genuß, seine Auslassungen
zu lesen. Er verfügt über das große, starke Pathos des öffentlichen Anklägers... nur
hätte mein verehrter Kollege sich sagen müssen,
daß er einem Siegfried Jacobson und Theodor
Lessing zu große Ehre antut, indem er seine
schönen großen Gaben an solche Kreaturen verschwendet.

Aus einem Artikel von Karl Schneldt
in der „Zeit am Montag“ vom 18. April 1910.


“In einem Blättchen, das nach Maßgabe seiner bescheidenen Kräfte der konzentrierten Theatervergiftung dient, veröffentlichte kürzlich ein Herr Theodor Lessing einen Artikel, der selbst an dieser Stelle durch eine ungewöhnlich hämische Gesinnung aufzufallen vermochte. Im Besonderen machte es Herrn Lessing ein untergeordnetes Vergnügen, dem Juden Lublinski die Kleider vom Leibe zu reißen, obwohl er seinen Artikel in einer Weise zusammenmauschelte, die auch im Herrenfeld- Theater eine kleine Sensation gewesen wäre. Es soll eingeräumt werden, daß es sich um eine besonders übelriechende Brühe handelte, [66] und so versteht man es auch, daß einige angesehene Zeitschriften an dem Vorgang Anstoß nahmen. Herr Lessing wurde an einem neu errichteten Galgen aufgeknüpft, und niemand wird bestreiten wollen, daß der literarische Tod durch den Strick für ihn ein durchaus angemessenes Ende bedeutete!.... Was an ihm auffiel, war eine gewisse Offenherzigkeit der Pöbelei. In der literarischen Demimonde mochte er daher immerhin mit einiger Melancholie darüber nachsinnen, warum nur er, nicht aber die ganze Gesellschaft an den Galgen kam. Es war mehr eine Auszeichnung als eigentlich eine Strafe, daß man die ganze Sache in einer Weise behandelte, als ob man sich in der Sphäre auch eines anderen hätte versehen können. Eine literarische Razzia in die Spelunken der künstlerischen Halbwelt mag indessen auch ihren Nutzen haben, und ganz zur Unzeit wird von dieser Gesellschaft so leicht niemand gehängt! Nun aber treten plötzlich eine Anzahl angesehener Schriftsteller mit einer gewichtigen Erklärung auf den Plan, in der sie die Abwesenheit von journalistischen Ehrengerichten bedauern. Wenn das nicht so viel heißt, als Wanzen mit Kanonen ausrotten zu wollen, müßte uns der Sinn für Distanze völlig abhanden gekommen sein!.. Treffen wir auf Marodeure, werden wir nicht erst ein umständlich Ehrengericht einsetzen, sondern sie niederknallen wie es der Krieg verlangt“.




[67]

II.

Haut ihn tot!

von

Julius Weber – Czernowitz.

Wiederabdruck aus der „Volkswehr“ Czernowitz vom 21. Februar 1910.


“Seit Wochen warte ich mit vor SchmerzBeiträge zur Psychologie der „Presse“. zusammengekrümmtem Herzen auf lauten Protest gegen den bedeutungslosen obskuren Privatdozenten, dessen klägliche Geistesarmut und obstinate Impotenz aus verzweiflungsvoller Isoliertheit wohl zur Berühmtheit[9] gelangen möchte... Wer ist denn eigentlich dieser Herr Theodor Lessing? Ich muß die Beantwortung dieser Frage vorausschicken, weil ich die feste Ueberzeugung habe, daß sein Name in wohlverdienter Vergessenheit bliebe, wenn nicht ein unglückseliger Zufall es gefügt hätte, daß dieser Name an jenen großen deutschen Dichter und Denker Lessing erinnert. Herr Theodor Lessing hat aber mit jenem großen Denker nichts gemein! Jener war ein arischer Philosemit, dieser ist ein jüdischer Antisemit. Theodor Lessing ist einer von den zahllosen Kläffern, die hinter der deutschen Literatur und Philosophie einherlaufen und nach der Art der Köter an jeder großen Mauer stehen bleiben, um sie zu verunreinigen. Unser neuester Lessing ist der Sohn armer jüdischer Eltern, die einer streng religiösen Familie entstammen. Er verriet schon früh einen starken Charakter und eine abgeklärte Weltanschauung. Um die Tochter eines preußischen Generals heiraten zu können, ließ er sich taufen. Vor etwa zwölf Jahren begann er seine sogenannte schriftstellerische Tätigkeit. Er veröffentlichte Gedichte und andere Prosaschriften. Diese Erzeugnisse waren von so kläglicher Art, daß sie in den ernsten literarischen Kreisen Deutschlands ein mitleidiges Lächeln hervorriefen. Herr Lessing war dann verschiedentlich auch als Bildner der [68] Jugend tätig, bis er auf den unglückseligen Gedanken kam, sich ganz der – Philosophie zu widmen. Vor kurzem schrieb er ein Buch über den Straßenlärm oder etwas ähnliches, was mit der Straße zu tun hat.... Ich muß den Schluß ziehn, daß dieser Mensch sich der Tragweite dessen was er tut nicht bewußt und daher ein moralisch minderwertiges Individuum ist.. Wenn aber Worte der Verachtung Schwungkraft besitzen, dann ist es mein sehnlichster Wunsch, daß diese Worte wie Keulenschläge auf die gedankenlose Stirn des Hannoverschen Privatdozenten niedersausen mögen, so daß er sich gedemütigt in den Staub wirft“.




III.

Boykottiert ihn!

oder

Wir Psychologen

von

Karl Fr. Nowak – Leipzig.

Wieder abgedruckt aus dem Leipziger Tageblatt vom 21. April 1910.


... „Schriftsteller von Klang und Namen veröffentlichen einen Protest; aber ein journalistisches Ehrengericht erscheint mir schon deshalb zwecklos, weil der Defamierte, wenn selbst das Ehrengericht Exempel statuierte, immer noch reichlich Gelegenheit hätte, Unterschlupf für seine Unsauberkeiten zu besorgen. – Die Mittel, auf die Thomas Mann und Paul Zschorlich verfielen, sind wesentlich einfacher und wirksamer! Sie stellten Lessing einfach weithin sichtbar an den Pranger. Zeitschriften und Tageszeitungen, die sich ihrer Vornehmheit willen nichts vergeben wollen, müssen künftig bloß vor Lessing die Tür verschließen. Es ist schön von Thomas Mann, daß er die „Schwäche“, aus Zuvorkommenheit einst an diesen Kollegen im Dunkel geschrieben zu haben, nicht beschönigt. Infolge jenes Briefes ernannte sich Herrn Lessings Fantasie zum Genietum. Man wird künftig vorsichtiger, den Größenwahn sich auf eigene Kosten großziehen lassen, und verhindern, daß wieder einer wie Herr Lessing, mit alten Sachen handelt“. –




[69]

IV. Alleweil zart und vornehm

von

Herwarth Walden.

Aus einem Artikel „Die Schreihälse“ in „Der Sturm“ vom 28. April 1910, S. 70.


“Wie wenigen bekannt sein dürfte, hat in einemMoralisch minderwertig! Ausgesperrt! Totgeschossen! Bühnenblättchen irgend jemand den Literarhistoriker Lublinski in schmieriger Weise mit antisemitischen Witzlosigkeiten angepöbelt... Ich will Lublinski nicht beleidigen, wenn ich seinen Namen in so kläglicher Gesellschaft ausspreche; es ist mir begreiflich, daß der Verfasser mehrerer Werke, welche um ihrer Originalität willen sogar in fachphilologischen Kreisen Ansehen genießen, nichts gemeinsam hat mit einem professionellen Schwätzer, doch erfordert die Deutlichkeit, den Namen zu nennen: Der Rüpel war ein Herr Theodor Lessing... Der edle Satiriker forderte den Dichter Thomas Mann, weil ihm dieser wegen seiner Rüpeleien energisch übers Maul fuhr: Herr Lessing hat offenbar das richtige Gefühl, daß man ihm nur mit einer Revolverkugel sein Maulwerk stopfen kann.“[10]




V. „Zersetzende Elemente“

oder

zur Rassenpsychologie

von

Karl Muth.

Aus einem Aufsatz „Die Juden und die deutsche Literatur“ „Das Hochland“ 1910, Nr. 8, Seite 246-248.


... An das widerliche Machwerk, mit dem Heine das Andenken des verstorbenen Börne zu besudeln suchte, in [70] der Tat aber sein eigenes geschändet hat, fühlt man sich erinnert angesichts der Art, wie der Schriftsteller Lessing über den in viel weiteren Kreisen angesehenen Literaturästhetiker Samuel Lublinski in einem satirisch sein sollenden Aufsatz hergefallen ist. Obwohl Lessing schon in der zionistischen Bewegung von sich reden gemacht hat, man also bei ihm eine gewisse Selbstachtung jüdischen Blutes erwarten sollte, scheut er sich nicht, sein literarisches Opfer ein „fettes Synagöglein“ zu nennen, welches „mauschelt“. Solche Leistungen können, so gerne es geschehe, nicht mit Stillschweigen übergangen werden, denn der Pamphletist Lessing, am bekanntesten durch seine lärmende Reklame für seinen „Antilärmbund“, ist, wie Thomas Mann in einer Brandmarkung, die er im „Literar. Echo“ ihm hat angedeihen lassen, aus naher Kenntnis mit Selbstüberwindung konstatiert, „ein unachtbarer Literat, der sich als Schreckbeispiel jüdischer Rasse durchs Leben duckt in schmutziger Selbstverachtung“. – Mann war zu seinem unliebsamen Ehrenamt berufen, weil er die beiden in Betracht kommenden Personen genau kennt. Auch die Redaktion des Echo bezeugt, daß Mann damit für die Ehre und Reinlichkeit des gesamten deutschen Schrifttums, einschließlich aller anständigen jüdischen Elemente eingetreten ist. Es wäre nur zu wünschen, daß sein Exempel den Selbstreinigungsprozeß fördern helfe. Je mehr jene zersetzenden Elemente ausgeschaltet werden, vor denen auch Ludwig Geiger die Stammesgenossen warnt, desto eher werden sich einige als positive Mitarbeiter behaupten können, obwohl schwerlich große Schöpfertaten von ihnen zu erwarten sind“.




VI. Hurrah, einer am Pranger!

von

Walter Behrend.

Aus einem Artikel „Der abgekanzelte Lessing“, Leipziger Neueste Nachrichten vom 3. März 1910.


... „Lessings Aufsatz sollte amüsant klingen, ist aber eine schändliche, verwerfliche Karikatur... Lessing bezieht nun, nachdem sich die „Hilfe“ in liebevoller Gründlichkeit [71] seiner angenommen hat, seine zweite ordentliche Tracht“Muß man denn etwas von Ihnen kennen?“ Prügel soeben von Thomas Mann, wie er es nicht besser verdient hat. Die Züchtigung mußte äußerst scharf ausfallen, denn Lessing ist unfein und zeigt Mangel an Selbstkontrolle. Keine psychologische Deutung des Falles Lessing kann das Urteil über den Missetäter abändern, er wird die verabreichten Prügelsuppen beschämt hinunterschlucken müssen“.


VII. Calumniare audacter!

von

Paul Zschorlich – Berlin.

Wiederabdruck aus der „Hilfe“, Herausgeber Fr. Naumann, Jahrgang 1910, Nr. 5 und 8.


... „Ein neuer Lessing ist aufgestanden, ein Theodor Lessing, der Lessing unserer Zeit und wenn nicht alle Zeichen trügen, der Lessing aller Zeiten, der Lessing aller Lessinge, der Ueberlessing... Mit einer Art Wollust wälzt er sich in dem selbsterzeugten Dreck herum! Er ergeht sich in einem Jargon, wie er in Destillen und Kaschemmen an der Tagesordnung ist! Herr Lessing tut, als habe er eine literarische Satire geschrieben oder schreiben wollen, kunstheiter, zarter und fröhlicher Bosheit voll“. Fragt sich nur, ob Herr Lessing einen findet, der ihm das glaubt! Ich für mein Teil weise dieses scheinheilige Bemühen, dem Leser Sachlichkeit vorspiegeln zu wollen, als einen groben Täuschungsversuch zurück, ebenso wie ich Herrn Lessings augenverdrehende Versicherung „ich habe Lublinski als Mensch sogar lieb“, als eine absurde Phrase bezeichnen muß... Heute ist mir bestätigt, was anfangs nur eine Vermutung von mir war: es ist eine Racheakt! Im großen Publikum weiß man davon natürlich nichts, aber wir wissen es, Herr Lessing und ich... Ob ich sonst etwas von ihnen kenne? Nichts kenne ich! Muß man denn etwas von ihnen kennen? Nein!! ich habe noch kein einziges ihrer Werke „durchdacht“, die Sie für so bedeutsam halten. Ich glaube auch nicht, daß unsere Weltanschauungen besser harmonieren würden, als unsere Begriffe von Anstand, flegeln Sie weiter. [72] Pathologische Veranlagung läßt sich nicht so leicht kurieren.Erzieher zum Geiste. Nachspiele. Aber glauben Sie mir, wenn ich Sie wieder auf einem literarischen Bubenstreich ertappe , dann gibts wieder was auf die Finger. Verstanden?“




Nachspiele.

Wieder abgedruckt aus einem Artikel von Otto Krille in der „Leipziger Volkszeitung“ vom 8. April 1910.


“Die „Hilfe“ hatte unter anderen Zeitschriften sehr kräftig gegen Lessing Stellung genommen und veröffentlicht nun hochbefriedigt dreiunddreißig Namen von Schriftstellern, die alle bedauern, daß es Herrn Lessings wegen kein Ehrengericht für Journalisten gibt... Vielleicht etabliert man ein Ehrengericht, ähnlich wie es die Rechtsanwälte haben. Wer sich mißliebig gemacht hat, fliegt.

Mich erinnerte aber die Geschichte an einige Briefe, die ich seit einem Jahre in meiner Schatulle habe. Der Verleger meiner Gedichtbände hatte eine Mahnkarte an die Redaktionen gesandt, die meine letzte Sammlung zur Rezension erhalten hatten. Darauf lief bei ihm folgendes Schreiben des Redakteurs ein: „Auf die gefl. Zirkularanfrage erwidern wir ergebenst, daß wir das Buch von Krille... zu besprechen vorhaben... Bei dem großen Andrange müssen wir eine gewisse Reihenfolge innehalten und danach kann immerhin noch einige Zeit verstreichen, ehe wir die Besprechung veröffentlichen können. Andererseits können wir verstehen, daß Sie die Leser alsbald möchten über Ihr Buch informiert wissen. Deshalb wird es vielleicht in ihrem Interesse liegen, das Buch durch Inserate anzukündigen. Die Anzeigenabteilung wird ein solches Inserat jederzeit gern aufnehmen und hat uns das angefügte Preiszirkular vorgelegt“... Der Verleger reagierte nicht auf diesen plumpen Wink... Darauf ereilte ihn ein anderes Schreiben, in dem es heißt: „Wir erlauben uns heute ergebenst anzufragen, wann wir den Inseratenauftrag erwarten können“. Als auch dieses Schreiben seinen Zweck verfehlte, lief ein drittes ein: „Unter höfl. Bezugnahme auf die Anregung zum Annoncieren... erlauben wir uns, Sie zu ersuchen, den Text ihres w. Inserates nunmehr recht bald gefl. zusenden zu wollen“. Da der Text des Inserats nicht kam, unterblieb die Besprechung. Ich beobachtete des Humors wegen die Rezensionen. Natürlich erschienen sie nicht nach der Reihenfolge des Büchereinlaufs. Das [73] Blatt heißt – – „Die Hilfe“! Wenn es das Kapitel des journalistischen Anstands abhandelt, sollte es auch diesen Beitrag berücksichtigen!




Aus der „Staatsbürgerzeitung“ – Berlin vom 20. Februar 1910.


“Herr Paul Zschorlich, der sich, wie aus unserem Feuilleton bekannt, zum Verteidiger des von Herrn Lessing aufs gemeinste angegriffenen Samuel Lublinski aufwarf, hat sich in unserer Geschäftsstelle als Arier mit Gerechtigkeitsgefühl vorgestellt. Von der Redaktion war leider gerade niemand anwesend. Auf die von Herrn Zsch. angebotenen weiteren Beweise verzichten wir, stellen aber mit Genugtuung fest, daß sein Reinlichkeitsgefühl sich sträubt, als Stammesgenosse der Makkabäer angesehen zu werden“.




Literarische Ehrengerichte.

Zuschrift an Maximilian Harden vom 4. April 1910.


Durch unerheblichen Anlaß ist eine Frage mir nahe gerückt, mit der mein literarisches Gewissen sich oft beschäftigt hat. Die Frage nach dem Recht unbeschränkter Pressfreiheit deren Mißbrauch und Gefahr ebenso klare ist, wie Gefahr und Mißbrauch allgemeinen direkten Wahlrechts.

Ich hatte gelegentlich eine harmlose Satire veröffentlicht. Zart und kunstheiter, fröhlicher Bosheit voll. Eine groteske Drolerie. Sie parodierte einen Schriftstellertyp, den ich gern meide. Einen doktrinären, schulmeisterlich rechthaberischen und bücherweisen, den ich den espritjüdischen nannte und den fröhlich zu verspotten mir umsomehr anstand, als ich selber stets mit Stolz mein jüdisches Blut bekenne und grobe Organe zweifellos sagen werden, daß ich nur meine eigenste Haut zu Markte trug.

Ich karikierte einen trefflichen Schriftsteller, den ich für ebenso empfehlenswert als theoretisch langweilig halte, dem ich Mensch zu Mensch ebenso willig jede bürgerliche Ehre erweisen würde, als mir sein Stil fatal und seine stelzende Art kunstkritischen Raisonnements schwer erträglich ist. Herrn Samuel Lublinski, weicher ein Buch veröffentlichte unter dem zensurierenden Titel: Die Bilanz der Moderne. Ich schilderte diesen Mann mit burleskem Spaße so, wie er als angehender Berliner Literat vor etwa zehn Jahren aus seinem östlich-polnischen [74] Heimatnest kommend in München mich besuchte. Bewußt übertreibend, aber mit Wahrheit der ästetischen Karikatur. Diese Burleske verstimmte mancheinen. Es war zu erwarten. Was aber nicht zu erwarten stand, war die unglaubliche Auslegung, die man dem Falle gab. Der Karikierte trat mit der unmotivierten Behauptung vor, es handle sich um „Rache“, denn ich hätte mit seiner parodierten Person ein Renkontre gehabt. Ich bitte seither vergeblich, meinem sonst guten Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen... Andere literarisch Schaffende mischten sich ein. Sie schrieben nicht, was ich ruhig hingenommen hätte, daß meine Arbeit, sondern daß mein Charakter schlecht sei. Sie schrieben nicht, daß sie mit der Satire nicht übereinstimmen, sondern: „dieser Pamphletist ist ein erbärmlich Subjekt“! Und während ich von allen Seiten Prügel bekam wie ein Kind, das nicht versteht, warum die Großen schimpfen, legte man mir jede hämische Moralität unter, und rief empört nach einem „literarischen Ehrengericht“, Unterschriften sammelnd zu einer Entrüstungskundgebung „aller anständigen deutschen Schriftsteller“.


2.

Ich setze den Fall, treffliche Ehrenrichter wüßten aus Kunstgeschichten nicht von Rembrandts Werk. Ihnen begegnete irgendwo das Spötter-Bild, welches den kleinen Ganymed zeigt, von Jupiters Adler entführt, das Knäblein halb spielend, verängstigt, halb über flatternder Wolke, ein schön gemalt Notwässerchen auf die Erde sendend... Was wäre die Folge? Ein Entrüstungsmeeting jener Anständigen, die von Dichtern, Künstlern, Philosophen bekanntlich nur dann Notiz nehmen, wenn diese Anlaß geben zum Moralisch-Entrüstetsein. Denn jedes Ehrengericht kann nur die einzelne Leistung betrachten. Diese wiegt aber in Kunst und Philosophie als dem Ausdruck der Menschenseele mit tausend Widersprüchen wenig. Indizienbeweise gelten nicht. Bei literarischen Prozessen wird daher die dem Wesen der Geistigkeit fremdeste Methode geübt. Man urteilt über Menschen nach der Sentenz, und es kann geschehen, daß man ein Leben vernichtet, weil einer einflußreichen Persönlichkeit ein Zitat nicht gefällt. Der Musikliebhaber stelle sich vor, jemand wolle seine Ablehnung Mahlers oder Regers damit begründen, daß er Dissonanzen eines modernen Tonstücks dem Publikum auf dem Klavier vorführt. Das Volk würde die Tonsetzer steinigen. Hat [75] also keinem meiner dreiunddreißig Ehrenrichter die ich umEin artig Schuftenstückchen. ihre Verantwortungssicherheit beneide, die Hand gezittert, als er eine Kundgebung unterschrieb, deren Tragweite er nicht abschätzen kann?


3.

Anläßlich jener Lublinski-Satire schrieb der Redakteur einer bedeutenderen politischen Wochenschrift fulminante Zeitungsartikel in der ehrlichen Ueberzeugung, einen niederträchtigen Schädling in mir vernichten zu müssen, obwohl er erklärte, daß er nie ein Werk von mir gelesen hätte. Die unsinnigsten Personalien streute er aus: jene Satire sei Racheakt, ich sei bezahlter Pamphletist, Antisemit, Verleumder, und erbot sich, dem Publikum das zu beweisen. Eine erste Erwiderung, die ich einsandte, wurde willkürlich verändert mit neuem Schimpf kommentiert. Ich wendete mich nun an den Herausgeber, mit dringlicher Bitte, kurzer Richtigstellung der schlimmsten Unwahrheit Raum zu gewähren. Fast zwei Wochen später, durch den betreffenden Redakteur zugestellt, kam folgende Antwort: „Sehr geehrter Herr! lhre Erklärung haben wir natürlich nicht gebracht, da wir keine Veranlassung haben, für Sie Reklame zu machen. Beiläufig möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich meinen Angriff in der letzten Nummer der Halbmonatsschrift „Das Theater“ (Berlin) wiederholt habe, und daß auch der Berliner Börsenkourier Ihre literarische Entgleisung unter dem niedlichen Titel Klopffechter festgenagelt hat. Hochachtungsvoll X. X.“

In der darauffolgenden Nummer seiner Wochenschrift schrieb der betreffende Herr, den Protest meiner dreiunddreißig Ehrenrichter (unrechtmäßig und entgegen einer Abmachung mit der „Schaubühne“) veröffentlichend: „Die geschlossene Kundgebung der anständigen deutschen Schriftsteller beweist zur Genüge, daß der von uns festgenagelte Herr nicht als Zierde seines Standes empfunden wird. Beiläufig bemerken wir, daß er seit unserer Enthüllung vorgezogen hat – zu schweigen“.

Gegen solche Optik, wo finde ich Schutz? Wo eine deutsche Zeitung, die einen öffentlich Infamierten auch nur zu Worte kommen läßt. Ich glaube, der Schutz vor moderner Gewissensfolter, genannt Presse, liegt darin, daß innerhalb des Zeitungsbetriebes freie Geister sich ansiedeln, die den Teufel fragen nach literarischen Ehren und Ehrengericht und [76] außerhalb berufsmäßigem Thing stehend, dennoch das Beiwort Journalist und Literat für ihre Person als Ehrennamen fordern. Sollten aber wirklich Ehrengerichte der Geister zustande kommen, mit Macht öffentlichen Bannes, dann wäre die heilige Inquisition im modernen Gewande der Gesinnungstüchtigkeit neu erstanden...




[77]

Tomi melkt die Moralkuh.

Ein Dichter-Psychologem.



Das ist traurige Erfahrung für Psychologen
der Literatur, daß die stärksten Talente von
schwächlichen Charakteren getragen sind und
die Schönheit eines Romans nichts besagt für
die Schönheit der Seele, in der er zu
stande kommt.
St. Beuve.


[78]

Erstes Kapitel.

Personalia.


Als ich Herrn Thomas Mann, welcher nachmals der mächtigste Zuckerkönig deutscher Leihbibliotheken wurde, zum ersten Male sah, da waren wir beide halb noch Knaben. Es war auf einem jener schönen Feste im Karneval, die die Münchener Künstler in den Riesensälen der Münchner Bräus veranstalteten. Der Löwenbräukeller an der Briennerstraße war in einen Hain verwandelt, wo festliche, bewegte Masken schwärmten, unter Blumen und Lichtern. Ich war „Kandidat der Medizin“ und an jenem Tage, (darum blieb er mir gut im Gedächtnis), zu meiner „ersten Geburt“ beordert, ins äußerste Giesing an das Bett einer armen Italienerin. Von dort kam ich auf den Ball; krassem Wechsel der Eindrücke hingegeben, und das wunder-wundervolle Leben in mich schlürfend in Tanz, Maskenscherz und Flirt... Plötzlich machte mich mein Freund auf ein feines Herrlein aufmerksam, welches einsam dasaß, auf einer vergoldeten Stuck-Empore unter einem Lorbeerkübel... „Ein angehender junger Dichter. Sohn eines Senators aus Lübeck“. Auf der Schulbank schon von Goethes problematischen Naturen. Mathematikfeindlich und aus Sekunda relegiert. Dann in einem Bankgeschäft untergebracht. Ueberall caballero de triste figura. Nur zum Träumen und Dichten gut, wie Hamlet. Zum Glücke sind er und sein jüngerer Bruder unabhängig-reich, sie werden sich der Kunst weihn“.. Doktor Georg Hirth stellte uns einander vor.. Welch feines, blasses Bürgerprinzchen! So eine stille, späte Goldschnittseele, nicht vom Weibe geboren; wohl von der lieben Mama bei Wertheim in der „Abteilung für feine kunstgewerbliche Raritäten“ billig und mit Geschmack alt-eingekauft...


2.

Ich schämte mich gewohnter Unmittelbarkeit vor den jungen, alten Augen. Denn ich schwamm noch kindlich in Lebensdingen, während dieser Altersgenosse einen neuen [79] bewußteren Typ des Poeten mir zuerst vor die Seele brachte. Dieser Herr aus „besser bemittelter Gesellschaft“, so dürftig-konventionell, mit dem alltäglichen Gesicht guterzogener Dandy auf schmächtig – grazilem Figürchen, war Künstler-Dichter.. Meine Unreife aber lockte damals ein ander Ideal: Die neu-pathetische Genossenschaft sozialer Anarchisten,.. Menschenhelfer, Priester-Dichter.. Die beste deutsche Prosa schreiben und an einer Buchseite feilen, wie an schön gemachtem Spangengeschmeid ein Goldschmied, fremde Kulturen aufnehmen und das Leben als Gelegenheit schöner Selbstzucht leben, ach, wie fern lag ingrimmigem Bluterwillen brutal-jugendlichen Einreißertrotzes solch edel-griechisches Anbild! Dieser etwas feminine, dekadente Patriziersohn mußte mich in meinem Haß auf Bürgerallure als geschmacklos empfinden, oder gar als unangenehm. Er aber schien mir nur fern.


3.

Nach dieser Begegnung las ich von ihm köstliche kleine Novellen, bezaubernd mit wehmütig süßem Reiz. Abendliche Träne zitterte darin, der Seele zarteste Flutung, die nie sich zu Entschiedenheit tätiger Leidenschaft aufgipfelte. Der Gefühle Wellengekräusel offenbarte nicht Aufschwung und einsame Größe, aber zarte, mir artfremde Köstlichkeiten, wie der neueren österreichischen Dichter. Ich las mehr, las alles. Und immer wieder stand, auch in späteren Jahren, jenes Jugendbild vor mir: betrachtend saß er da, auf vergoldeter Stuck-Empore, einsam unter seinem Lorbeerkübel...


4.

Beim großen Lebensfest tanzte er nicht mit. Er blickte, jung schon lorbeergekrönt, Weinerlichkeit unter guten Formen bergend, mit hungrig-heimsüchtigen Augen verächtlich auf die Welt, die er beneidete. Mir wurde er zum epischen Berichterstatter über Seelendinge, die ich Unerlöster litt. Er aber litt nicht. Weder Reue, noch Mitleid. Er goutierte wehmütig bespiegelnd seine Schmerz-Emotiönchen. Nie fühlte ich ihn einverschlungen in starkes Leben. Er schwärmte nie darin, sondern dafür. Er stand draußen, dürftig angezärtelt und ästetelte. Aber sein Schönstes war die heiße junge Sehnsucht, hinüberzukommen... auf die andere Seite.

[80]
5.

Dieses zarte Portrait des Romantiker-Bourgeois, der sentimentalisch zum Halkyonisch-Heitern sich trainiert, bekam kräftigeren Umriß, frischeren Ton durch persönlichen Zufall. Thomas Manns spätere Gattin, Hedwig Dohms begabte und reizvolle Enkelin, kannte ich seit frühen Mädchenjahren. Hörte manch Konfidentielles in Tagen, wo junger Gefühle schwankende Peripetie der jungen Frau Enttäuschtes, Bitteres, Ungerechtes auf die Zunge drängte. Ihn und seinen genialeren Bruder sah ich einige Male flüchtig. Täglich eine Zeitlang die Schwester. Sie spielte Theater im heimatlichen Göttingen, wo ich damals Mathematik studierte und Theaterkritiken schrieb; eine junge Schauspielerin, die ihre resignierte Chaiselongueexistenz, mit heroischer Sehnsucht nach einem Millionär, mit der Politur ihrer sehr schönen Hände und vieler Romanlektüre ausfüllte. Mit Rat und Tat suchte ich Ihr müdes, spätes Künstlertum zu stacheln; hundertmal sprach sie und schrieb von Dank. Plauderstunden, im Wald und stillem Zimmer ernste Gespräche in der Goßlerstraße, auf dem Rhons; die vielen kleinen, unscheinbaren Eindrücke der Tage können einem bewußten Geiste, der Gelebtes begrifflich seziert, fremde Seelen besser verständlich machen, als sie sich selber kennen. Ich glaube, Thomas Mann gut und scharf zu überschauen. Sollte es Trug sein, so weiß ich doch, daß ich ihn besser kenne, als er mich.


6.

Parabase.


Thomas Mann hat versucht (was er nie vermöchte) mich zu „beleidigen“; eines harmlos spielenden Satirchens flatternd tanzende Kordax mit knäbischer Hand zerstörend. Seine Nächsten, die mich kennen, deren selbstverständliche Pflicht war, ihren töricht verrannten Tomi vor gern ersparter Scham zu wahren, ließen wider besseres Wissen Unrecht zu; ohne Sinn und Grazie. – Soll ich nun Hesiods lockendem Liede trauen, welches „Rache“ süßer heißt, als des Hymettos Honig?.. Nein!! Ich fühle tief die Macht, mit Sinn und Grazie bürgerlich amüsante Existenzen zu portraitieren; tiefer: die Verantwortung, zu schonen, wo je ich mit Freundschaft beschenkte. Bin ich widerwillig gezwungen, hartnäckigen Eseln zu erwidern, so geschehe es, um objektiv nutzend aufzuweisen, was für Literaturgeschichte und Psychologie aus eines feinen Dichters kritischer Entgleisung zu gewinnen ist...

[81]

Zweites Kapitel.

Die „Moralkuh“.


Eine typisch Mannsche Novelle diene unserer AnalyseKulturgreisentum. zum Ausgang: ein mißgeborener Krüppel wohnt vor der Stadt im düsteren Gäßchen. Wagt er sich in die Straßen hinaus, dann höhnen johlend die Kinder hinter ihm drein, und die arme Seele wird giftig. Eines Tages findet er auf seinen Gängen einen kranken, jungen Hund von schöner Rasse. Der ist räudig und ganz jämmerlich anzuschauen. Er kauft den Hund und pflegt ihn. Er erlebt an dem Tiere alle Zärtlichkeit und Wärme, deren seine getretene Seele noch fähig ist. Er schwelgt im Gefühl, ein Gott zu sein für ein Geschöpf, das noch ärmer daran ist, als er selbst. Der Dialog des Elends mit dem Hunde wird zur tröstenden Gewohnheit. Da gesundet der Hund. Der Frühling kommt. Die gute Art regt sich. Er bellt, tobt und kapriolt durch die Gassen und kommt zu seinem defekten Herrn nur noch zu Gast. In dem regt sich Neid, Eifersucht und Enttäuschung. In einem Anfall von Verzweiflung ersticht er den schlafenden Hund, seinen einzigen Freund.


2.

Der seelische Vorgang dieser typisch Mannschen Novelle ist psychologisch wahr. Nun aber zittert ahnungslos in Thomas Manns Epik eine gefühlvolle Note entsetzlich unheldischer Schwächlichkeit! Anderer Wesen Freude neiden, weil man sich selber freudlos fühlt, den anderen bedrückt sehen wollen, weil man nicht genug Kraft hat, Glück zu verschenken, das ist das Wesen erkrankten Machtwillens. Jedes Gebrechen, das sich selber zu Markte trägt, will ich begreifend ehren. Aber sich selbst bemitleidenden Freudenhaß, der ein Bewußtsein eigener Unfruchtbarkeit am anderen rächt, den nenne ich schlechthin unsittlich. Diese Schwächlingsnote aber ist für Mann „spezifisch“. Ich deute auf den toten Punkt in Thomas Manns artistischer Psyche!

Ich muß, mit gebotener Ehrfurcht; davon reden, weil Manns moralisch getöntes Grollen gegen derbe Drastik, lachende Kapriole und frische Gaminlaune aus gleichem Flutschacht der Seele quillt, wo der Freudenneid durchlöcherter Menschen lauert. All die moralische „Entrüstung“ gegen natürlichen Wagemut und die artistelnde, von Natur humorlose Vergnügtheit eines in satter Sonne aufgekratzten Kulturgreises.

[82]
3.

Nehmen wir an, Thomas Mann wolle schildern, wieNietzsches Moralpsychologie. der Onkel Gustav seinen Neuralgiekrampf im linken Beine verspürt,.. der bucklige kleine Onkel Gustav, mit dem blühweißen Vorhemdchen und dem goldenen Krückstock, den er von Großpapa Senator geerbt hat.. Oder nehmen wir an, Thomas Mann wolle schildern, wie Tante Riekchen stirbt,... das liebe, schmale, herzkranke Tante Riekchen, das so froh und gerne gelebt hat, – dann blüht Thomas Manns Weizen! Dann schwelgt, dann triumphiert Thomas Mann. Er kostet die Neuralgien Onkel Gustavs auf sechs Buchseiten aus und erläßt uns keinen letzten Luftschnapper Tante Riekchens, des lieben, schmalen, herzkranken Tante Riekchens. – Sehet her, so sagt Thomas Mann, so grausam ist das Leben, so schandbar bresthaft und so zum Weinen! O kommet und weheleidet ein bischen mit. Wir aber sagen: nein, Tomi, Dir fehlt jene weiche Härte, die die Seele des Kämpfers vor dem Klageliede über sich selber bewahrt; hol der Teufel Deine Sorte Gefühl! Du und Deinesgleichen helfen, wenn es drauf ankommt, niemanden! Verweichle Dich nicht, Du hast Ehrgeiz, aber bist ethisch-bequem. Du bist bevorzugt, aber schwächlich und süß-lamentabel. Du weißt nichts von schlichter, großer Herzen Not. Keiner hätte so viel Grund, frei-frech zu lachen. Lache frei und frech! lieber und verehrter Thomas Mann...


4.

Wenn Friedrich Nietzsche heute lebte, und Beispiele brauchte für seine heroische Psychologie der alten Moralaffekte, – für die Herkunft empfindsamen Mitleids aus allzumenschlicher Schwäche, der moralischen Emphatik aus giftigem Ressentiment, der belfernd-kategorischen Forderung aus der Ohnmacht Tyrannengelüste,... kein anderer Dichter deutscher Gegenwart könnte ihm so klare Belege liefern, wie dieses typische Weib, das beständig unter ästhetischem Vorwande dekadente Moralitäten bespiegelt und mit gar empfindsamer Klangfarbe allgemeinste, gemeinste Resonanzen weckt... Thomas Mann ist heimlich ein „Moralist“, heimlicher noch eine unethische Seele; zugleich selbstgerecht und weinerlich-altruistisch, zugleich egozentrisch und sentimental! Er schwelgt in sympathetischen Emotionen, ohne doch je Menschenfragen bis auf den Kern zu durchdenken und auszuwerten. – Thomas Mann ist ein Dichter, welcher Konventionelles höher bildet, nie aber in neuem und eigenem [83] Sinne neu und eigen verantwortet. Der geistige GehaltDie Bürger- und die Künstlerseele. seines Werks und der persönliche Fond, dem seine wundervolle Begabung für Form und konkrete Gestaltung zum Träger ward, ist Zuguterletzt dürftig-roh und trivial. Dieser zarte Bourgeois-Romantiker fühlt kühl-verstandesmäßig und ohne elementare Ursprünglichkeit. Was ihm als Eigenstes zugehört, ist der gefühlvoll-zitternde Krankheitsstolz impotenter Tränenseligkeiten. Tönend schlägt er auf den windigen Sack der „Aesthetik“ – ach! er meint die Eselin nur: die dicke, große, braune, nützliche Bürgerkuh... die „Moral“.


Drittes Kapitel.

Zwei Seelen.


Der Konflikt einer Bürger- und einer Künstlerseele ist der Bruch in den Büchern beider Mann. Bei Heinrich aber ist das Problem wurzelhafter zu Gunsten des Künstlers entschieden, während in dem armen Tom die Lübecker Bürger-Vorsteher und Ehren-Senatoren dreier Jahrhunderte rumoren und sich fein- und maßvoll-moralisch indignieren! Heinrich hat sich früher, gewaltsamer, schmerzhafter losgerissen und dabei wohl stärker geblutet. Darum ist er der zwar weniger reinliche, aber reichere Dichter geworden. Seine Register sind voller. Sie bergen freilich die dunkleren Dissonanzen, weil die Musik aus den Schmerzen des Heimatlosen bricht, deren Ueberwindung nur große Werke erschafft. Nicht immer aber ist Heinrich der Ueberwinder. Bestimmte Romane (zum Beispiel das Zweirassenbuch) sind.. schlechthin unlauter und schwächlich. Aber wo Heinrich Größe gewinnt, da ist sie von andrer Höhe und Würde, als die Tomis. Es ist die Schönheit nach dem Sturm. Nicht wie bei Tom Vollendung, die vor dem Kampf resigniert. Es ist die Harmonie der versöhnten Kontraste, nicht Tomis kontrastlose Vollkommenheit, die sich klug vom Leibe hält, was sie beunruhigt. Denn Tomi, unser liebes Bürgergöttlein, ist kein Welteinreißer, kein Ahasver, sondern ein im Kunstbereich solide angesiedelter, satter, kleiner Hausbesitzer. Da sitzt er gar goetisch-selbstzufrieden im artistischen Gärtlein und füttert hastlos und rastlos seine harmonischen Romänchen auf. Da mästet er ihre sauberen snobfeinen Sätzchen mit lyrischen Rosinen und reicht ihnen die Nährflasche, mit der sauer angelaufenen Milch der berühmten Bürgerkuh...

[84] Zuweilen aber gebärden sich die snobfeinen Romänchen ganzDas „Goethische“ bei Tom. Der Sänger der Liberalität. dionysisch-berauscht. Denn Tom hat „Leidenschaft“. Er haßt zum Beispiel aufs tiefste alle Leuten die nicht edel und gebildet sind. Jeden Sonntag wirft Tom fünfundzwanzig Pfennig in die Armenbüchse; denn er hat auch Seele... Die Menschen seiner in den feinsten Kreisen spielenden Romane sind so nobel, wie die Welt in Paul Heyses Novellen. Ein Bankkapitälchen in den Tresors der bairischen Filiale der deutschen Bank zu München ist stillschweigende Voraussetzung einer bürgerlichen Poesiewelt der gebildetsten Gefühle. Es ist eine moralisch-unsittliche Welt. In ihr gedeihen keine Heroen. In ihr legt niemand seinen Kopf auf den Block. In ihr lebt gut bürgerliche Moral des gefüllten Gänsebratens und garnierten Caviars. All’ diese Menschen schleppen ahnungslos eine Atmosphäre belletristischen Gefühles. Sie sind Geschöpfe der Kunst und Literatur. Nicht Menschheit, sondern gute deutsche Prosa, nicht Daseinsproblematik, sondern guter Kunstgeschmack steht in Frage. Nie würde Tom, so wie Heinrich „unmoralische“ Bücher schreiben, aber auch nie, wie Dostojewski oder Zola ethische. So weit Toms Menschheit nicht gesellschaftsfähig ist, ist sie eben „desequilibriert“. Denn so tief steckt dem deutschen Lieblinge aller guten Familien sein Wertprämeditiv in den Knochen, daß er selbst nicht fühlt, bis zu welchem Grade überkommene Ordnung aus ihm dichtet und seine konventionell geschmackvollen Werke fernerückt den großen Infragestellern und echten Freimachern der Seele.

2.

Es ist die mittlere Breite eines gemütreichen bürgerlichen Liberalismus, in der Tomis schöne Bilderwelt gedeiht. Sie ist keine Ewigkeits- und keine Kulturangelegenheit. Aber sie gehört zum Bildungsinventar unserer guten Gesellschaft. Für diese nämlich gilt ein unbewußtes Prämeditiv, welches die Welt stillschweigend gliedert in solche, die dazugehören, und solche, die nicht dazugehören. Wenn beispielsweise ein bürgerliches Programm vom Schutz der weniger bemittelten Klasse spricht, dann geriert sich ein Teil, der „es hat“, naiv und mit Fug als Gewährer und Protektor für die anderen, die „es nicht so haben“. Ihre Toleranz ist Selbstgerechtigkeit, ihre Liberalität Seelendünkel. Der gesellschaftliche Mensch, der Herr, die Dame setzen nicht den andern sich gleich, sondern autorisieren sich zu vormundschaftlicher Beglückung aller zufällig Schwächern...

[85] Hier liegt vielleicht eine letzte Tiefe des Mißverstehens,Das „Shakespearesche“ bei Heinrich: Der Sänger der Anarchie. aus dem dieses Schriftchen entstand. Ich bin Psychologe und Relativist. Ich bekämpfte edle Bürger, die Bilanzen ziehen und Zensuren erteilen.


3.

Heinrich Mann,... ein fugitivus errans, ist der beglückenden Bürgerwelt entwachsen. Anarchistische, kommunistische, revolutionäre Gefühle klingen bei ihm an. Nicht aus Zwang des Blutes. Aber aus Schmerz und zweifelndem Erkennen. Denn Heinrich Mann ist ein tragisch Geflissentlicher.

... Ach, ein furchtbar marodes Schwächlingstum steckt in Heinrich Mann. Zuweilen ist er wie ein erfrorener Sumpf, aus dem nur im Monde, in kranken Ekstasen der Nacht, künstlicher Träume Leben bricht. Dann erschüttert er mit Mitleid und Gegenwillen. Denn in den Debaucherieen seines Gehirnlebens bleibt ein Erdenrest, zu tragen peinlich. Die Pariser Finesse nennt es, unübersetzbar, nostalgie de la boue. Ein zu innerst angstvoll Gebundener, Vereisender... (bald dekadenter Aristokrat, bald exzedierender Oberlehrer), rächt sich durch Gedankenwüstlingsschaften für das freudlos-ästhetische Gleichmaß einer luxurierenden[11] Sanatorien- und Rivieraexistenz. Einer, der keine Fliege tötet ohne Nervenchok, der nie auf einen hohen Berg klettert, geht, in die Polster eines Boulevard-Cafés geschmiegt, auf die Löwen- und Freudenjagd. Er schweigt im Cesare Borgia-Traum, und erkältet sich ohne Halstuch. Ein asketischer Libertin, ein platonischer Don Juan... In steifen Empirezimmern unter subtilem Kunstzierrat haust ein „Später“. Er ist kultiviert, nein, „domestiziert“ bis hart an die Grenze der physischen Feigheit, der moralischen Laschheit. Aber eines Morgens erwacht er zu brutal-rasender Sehnsucht, alle das kostbare Gerät kurz und klein zu schlagen, die Ahnenbilder von den Wänden zu reißen, sein geordnetes Moralkrimskram aus den Fenstern zu werfen. Das ist Heinrich Manns eine Seele seine Oskar-Wilde-Seele. Sie drängt zu übersteigerten Accenten, hinter denen peinliche Schwäche lauert. Sie koquettiert mit der Philosophie. Sie trägt viele Masken; die Masken primitiverer Energie. – Heinrichs andere Seele aber heißt: Gustave Flaubert. Flaubert, der Ethiker, andere Feinheiten aller späten Lateiner geschult, der, vom Leben abgesperrt, um den Sinn des Lebens bemüht, zum höchsten Aestheten sich züchtet, welcher Bücher bauend, wie ein Hund lebt. wie ein Hund stirbt...

[86] Es ist Snob in Heinrich Mann, Blasé, Dilettant; aberWilde. Flaubert. Heyse. auch Größe, die wild hinauslangt über die ausbalanzierte Bürgerwelt und den gesicherten Literaturhorizont seines reputierlichen Bruders, der als kleiner Bürgerkosmos sich um sich selbst dreht, reinlich und zweifelsohne, wo Heinrich sein Chaos versprüht. Aber jeder Kosmos ist dem Geiste aus schöpfbar. Irrationales allein kann neue Welten gebären...

4. Parabase.

Man wird jedenfalls nicht versäumen, anzunehmen, daß diese Psychologisierung der Brüder Mann eine durch „persönliches Ressentiment“ beeinflußte Voreingenommenheit berge.

Es scheint mir daher gut, darauf hinzuweisen, daß dieses Kapitel 1906 am 27. November, nachts, nach einer Begegnung mit Herrn Heinrich Mann skizziert worden ist. Man findet es zum größeren Teil gedruckt in der Göttinger Zeitung vom 28. November 1906.


Viertes Kapitel.

Die Neu-Münchener Schule.


Tomi, der lachende Erbe einer alternden Welt, gemahnt durchaus nicht an Oskar Wilde. Er gemahnt noch viel weniger an den großen Flaubert. Er gemahnt gleichfalls nicht an Newton oder Napoleon. An ersteren nicht, weil er der Mathematik nur in Gestalt der Millionen seines Schwiegerpapas ein subtrahierendes Interesse entgegenbringt. An letztern nicht, weil ihm eine bairische Dampfnudel entschieden lieber ist, als die schönste Kanonenkugel. Aber er erinnert an München und an Paul Heyse. –


2.

Jene Münchener Stilschule, welche von Ueberlieferungen der deutschen Klassiker ihr Licht empfängt, wie der Mond von der Sonne,... jenes buchliterarische Epigonenschülchen mondsilberner Hellenisten,... alle die aussterbenden, besseren Kostkinder aus der ehemaligen Münchener Kleindichterbewahranstalt, (mit der einst König Max sein bierbairisch Heilas gründete),.. unsere hochverehrten Grosse, Lingg, Geibel, Wilbrandt, Jensen, Heyse – sie mögen in Thomas Mann ihren lieben Sohn, ihren jungen Thronerben grüßen! Eine [87] Menschheitsangelegenheit ist das nicht, wohl aber eineDrama und Ethik. Deutschlands Kulturrumpelspeicher. Angelegenheit unseres guten bürgerlichen Lesegeschmacks. Dies noble akademische Maß, die feine mittlere Linie, die gebrochenen Farben gedämpfter Schönheit und eine gleichsam blaßbläuliche Heiterkeit stilisierender Verklärung... das sind die Tugenden unsers „deutschen Meisters der Novelle“. Seine Grenze aber fällt zusammen mit den Grenzen episch-lyrischer Bedeutsamkeiten überhaupt.


3.

Was ist Drama? – Konkret geschaute Ethik! Große Auswerter, große Infragesteller müssen zu Philosophen oder Dramatikern werden. Dichter aber wie Paul Heyse und Thomas Mann hadern nicht mit Gott. Sie kennen weder den Himmel noch die Hölle. Auch steht wohl fest, daß Tomi weder jemals eine Bombe werfen, noch etwa, ein neuer André Chénier, pfeifend ein Königl. bayerisches Schaffot besteigen wird. Er wird vielmehr einst zu München in der Arcisstraße im Besitze reifer Weltanschauung und des Maximilianordens für Kunst und Wissenschaft durchaus normal das Zeitliche segnen. Und Katja, die dann unsern allverehrten deutschen Dichter siebenzig Jahre hegen durfte, wird ihn aus silbernem Löffel sein letztes Tokaierchen schlucken lassen. Auch führt kein Zufall unsere werdende Schule neuer Bürgerklassik am Strande der Isar oder Donau zusammen. An den Stätten halb südlich-romanischer, halb antikisierender, immer historisierender und ästetelnder Kultur. Denn Wien und München sind Burgen unsrer konservativen Romantik. Unsre traditionellen Stilmuseen. Jonische Tempel und Säulen stiegen empor. Das Christentum ward hellenisiert. Rom und Orient kamen zusammen. Aber auf nordischem Boden erwuchs inzwischen das neue Lebensgefühl.


4.

Unter einem ruhigen, härteren Himmel, hat die steigende Not sozialer Lebenskämpfe die artistelnde Vorherrschaft von Buch- und Bildungswelten entthront. Im märkischen Sande wuchs die Riesenstadt unsrer Liebe und Arbeit. Schon durchschauen wir: im Geisterreich der Werte ist die schönste Kunstwelt gediegener Belletristik eine Angelegenheit sehr zweiten Ranges! Ist einmal eigenste [88] Seelennot geworden: das Dahinsterben, der Wahnsinn, dieEnde des Egotismus. Kunst als Tat. Roheit, die Ungerechtigkeit, die Problematik einer technisch neuen Erde dreifach, bald zehnfach vermehrten europäischen Menschengewimmels... so können schöne Werke bloßer Geschmackskultur, auch der reifsten, nicht mehr sättigen, so kann keine Schöngeisterseele mehr zu glücklichem Genießertraum locken, die an den ethischen Höllen mit ästhetischer Lebenslüge sich vorbeischleicht und Gletscher der Erkenntnis unbestiegen läßt...

Was bedeuten uns also Thomas Manns nette Romane? Schöne Bücher, sehr schöne Bücher! Zweige blühenden Treibhausflieders! Sie dauern nicht länger, als die Leihbibliotheken, die sie ausleihen, als die, ach sehr sterbliche Gesellschaft, deren Kuh Tomi, der zarte Hirtenknabe, auf die fetteste Weide führt!




Glaubt Ihr, das Menschenleben sei Gelegenheit zu schönen Büchern? Meint Ihr, die Weit sei Anlaß zu belletristischer Moralität? Tout est matière pour nous? Ach, das Treibhaus predigt Renaissance! Aber es kommt, wovon Ihr den Namen im Munde führt: Kulturpsychologie! Sie durchschaut Eure Wertwelt. Die Zustände des Ich, das ist alles, was Ihr zu künden habt. Und je defekter dieses Ich.. um so subtiler gerät Euch die Kultur seiner Ausschmückung. Ihr rechtfertigt ein unheroisches Leben durch erklügeltes Kunstwerk. Kein Erdengeschöpf sagte und sang mehr von Liebe. Keines war verschenkender Wärme, verantwortender Liebe ärmer. Schöne Gefühle, Flutungen, Stimmungen waren die schnellverwehte Ernte hochkultivierter Mußen. Aber kennt Ihr das tägliche Morgen–, tägliche Abend-Gebet neuer Dichter-Denker kommender Welt: „Mögen wir geweiht sein, den Kopf auf den Block zu legen für das, woran wir glauben“.




[89]

Epilog.



Wenn es galt, Dein Werk zu ächten,
Schmähten wacker die Gerechten.
Wenn es gilt, Dein Werk verstehen,
Schweigt man... als sei nichts geschehen.


Ein Indianerpfahl ist dieses Büchlein, an den ich einige ausgezeichnete Zeitgenossen als Kriegsgefangene knebeln mußte. Da zappeln sie nun, meine armen Opfer. Aber lasset uns schön und würdig von einander scheiden...

Seid Ihr freie Geister und vornehme Seelen, dann zum Teufel alle „Literatur“, alle Kleingeisterei. Ehren wir einander! Nicht einen Augenblick, glaubt mir, habe ich ernstlich auf Euch gezürnt. Auch nicht auf Sie, Tom, oder auf Sie, Samuelchen.

Könnt Ihr stark sein und so vornehm, als Eure Talente verpflichten...: hier ist meine Hand. Wenn nicht... so ist es mir auch recht.

Schöner, heiterer Gott, fernhintreffender, leuchtender und wärmender... nimm fröhlich meine kleine Hekatombe. Es sind ja, die ich darbringe, wohl nicht eben besondere Ingenien. Aber immerhin „führende Geister“ meines Vaterlandes und nur ein Schelm gibt mehr als er hat...



Anmerkungen (Wikisource)

Entstehungsgeschichte

Am 20. Januar 1910 hatte Theodor Lessing in der Zeitschrift Die Schaubühne – aus der später Die Weltbühne wurde – den Literaturkritiker Samuel Lublinski verunglimpfend kritisiert. Thomas Mann war Lublinski verbunden, da dieser ihn gewürdigt hatte und verteidigte ihn am 1. März 1910 im Literarischen Echo mit dem ebenfalls verunglimpfenden Beitrag Der Doktor Lessing. Ein Pamphlet. Lessing konterte mit einer Replik, die am 3. März 1910 gleichzeitig in der Schaubühne und im Literarischen Echo erschien. Thomas Manns Berichtigung dazu erschien am 1. April 1910 im Literarischen Echo. Lessing, dessen weitere Vorstöße unbeantwortet blieben, ließ dann die vorliegende Broschüre drucken. Nun intervenierte Thomas Manns Schwiegervater Alfred Pringsheim, dem auch Lessing verbunden war, woraufhin Lessing die Broschüre einstampfen ließ – bis auf 63 Exemplare, die sich nicht mehr zurückrufen ließen, siehe: Peter de Mendelssohn, Der Zauberer – Das Leben des deutschen Schriftstellers Thomas Mann, Frankfurt 1997, S. 1349-1365. Das erklärt die außerordentliche Seltenheit der Schrift, die in großem Kontrast zu ihrer Berühmtheit steht. Nur wenige Bibliotheken besitzen sie – die Exemplare der Bibliotheken Wuppertal und Düsseldorf sind unvollständige und entstellte Photokopien; die gewählte Vorlage stammt aus der Universitätsbibliothek Göttingen. Der Unterschied zwischen erster und zweiter Auflage scheint darin zu liegen, dass Lessings Antwort auf Lublinski nicht enthalten war und vielleicht auch nicht die Presseschau, denn Mann schrieb am 16. Mai 1910 an Lublinski nach Rom (Mendelssohn, S.1362), dass die Broschüre erschienen sei, wobei dem Untertitel die Zeile „und den vierzig sittlichsten deutschen Dichtern und Denkern“ zu fehlen schien.

  1. Lessing schreibt schwankend „Aestetik“ und „Aesthetik“ – Die Transkription folgt der Vorlage
  2. Abschnitt 11 nicht vorhanden
  3. Samuel Lublinski: Die Bilanz der Moderne, Berlin 1904, Verlag Siegfried Cronbach Google-USA* IA?
  4. Samuel Lublinski: Der Ausgang der Moderne – Ein Buch der Opposition, Dresden 1909, Verlag von Carl Reissner Internet Archive
  5. Vorlage: Miskroskope
  6. Lessing schreibt durchgängig: defamieren
  7. Vorlage: foigenden
  8. siehe Froschmäusekrieg
  9. Vorlage: Berühmheit
  10. Lessing wurde am 30. August 1933 von den sudetendeutschen Nationalsozialisten Max Rudolf Eckart und Rudolf Zischka in Marienbad erschossen. Siehe Rainer Marwedel: Theodor Lessing 1872-1933 – eine Biographie, Darmstadt 1987, S. 341 ff.
  11. Vorlage: luxuriierenden

Sekundärliteratur

  • B.W. Segel Die Entdeckungsreise des Herrn D. Theodor Lessing zu den Ostjuden, Lemberg 1910.
  • K. Loewenstein Rand-Juden, Rand-Zionisten und Deutsche. Samuel Lublinski – Theodor Lessing – Thomas Mann. Zu einem Vorläufer der "Kunstwart"-Debatte, in: Mitteilungsblatt. Wochenzeitung des Irgun Olej Merkas Europa, 33.Jg., 1965, Nr.1, S.4ff.