Schnipsel (Weltbühne, 1932, Nr. 27)

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Autor: Kurt Tucholsky
unter dem Pseudonym
Peter Panter
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Titel: Schnipsel
Untertitel:
aus: Die Weltbühne. 28. Jahrgang 1932, Nummer 27, Seite 21–23.
Herausgeber: Carl von Ossietzky
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 5. Juli 1932
Verlag: Verlag der Weltbühne
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Erscheinungsort: Berlin
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Kurzbeschreibung:
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[21] Schnipsel von Peter Panter

Man soll nichts tun, was einem nicht gemäß ist.

*

Von dem ausgestreckten Zeigefinger des Kindes: „Ein Onkel!“ bis: „Guck mal den da – wahrscheinlich ein süddeutscher Burschenschafter!“ ist es ein langer Weg in der Menschenbeobachtung. Nur haben die Babys meist mehr Instinkt als die Erwachsenen.

*

Ein Film… Was kann das schon sein, wenn es die Zensur erlaubt hat!

*

Schlange vor dem Schalter. Alles geht, wenn auch langsam, so doch regelmäßig; du ruckst voran. Bis der Mann vor dir herankommt. [22] Der Mann vor dir macht stets ungeahnte Schwierigkeiten, er will Herrn Eisenbahn persönlich sprechen und braucht für sich allein so viel Zeit wie alle andern Vormänner zusammen. So ist das Leben.

*

Die meisten Hotels verkaufen etwas, was sie gar nicht haben: Ruhe.

*

Dieser Schriftsteller schreibt einen läufigen Stil.

*

Was herauskommt, wenn ein Kunstvermittler sagt: „Ich hab mir gedacht…“, ist meist der Erfolg vom vergangenen Jahr, nur etwas plumper.

*

Wenn du liest: „Dem Dichter Potschappel ist der große Bananen-Preis zuerkannt worden“, so frage stets: Wer hat ihm den Preis gegeben? Das allein macht nämlich erst seinen Wert aus.

*

Es ist ein Charakteristikum des Maschinenzeitalters, daß die meisten Menschen glauben, etwas Gutes geleistet zu haben, wenn sie etwas geleistet haben. Sind die Regeln erfüllt, so sind alle befriedigt. Der Arzt hat operiert; der Richter hat terminmäßig ein Urteil gefällt; der Beamte hat das Gesuch geprüft – sie haben das Reglementmäßige getan. Was dabei herauskommt, ist ihnen völlig gleichgültig. „Das ist nicht mehr meine Sache…“ Da keiner die Gesamtwirkung der kleinen Teilarbeiten übersieht und sie auch gar nicht übersehn will, so bleibt die Gesamtwirkung nur einem haften: auf dem Erleidenden. Die andern haben ihre Pflicht getan.

*

Das schauerlichste Wort, das uns der marxistische Slang beschert hat, ist das Wort von der „richtigen“ Politik. Sie wissen es ganz genau.

*

Den Menschen aus der Seele zu schreiben –: das könnte eine Aufgabe sein.

Aber daß wir den Kunstkaufleuten aus der Seele schreiben –: das kann Gott nicht gewollt haben.

*

Da haben sie uns beigebracht, was ein Werkauftrag ist und was ein Kauf ist und ein Kauf auf Abzahlung… Es hat sich ein neues Geschäft herausgebildet.

Die Aufträge, die heute oft herausgehen und bei denen der Bestellende zunächst gar nicht daran denkt zu bezahlen, sind: Zwangsbeteiligungen an Unternehmen, die der Zwangsbeteiligte nicht kontrollieren kann. Gehts gut, kann er vielleicht etwas Geld bekommen – gehts schief, ist er der Lackierte. Überschrift: die Usance.

*

Und gehts gut, so ist der Kapitalist ein tüchtiger Kerl, auch zeigt dies, daß die Wirtschaft nicht auf private Initiative verzichten kann.

Gehts aber schief, so ist das ein elementares Ereignis, für das natürlich nicht der Nutznießer der guten Zeiten, sondern die Allgemeinheit zu haften hat.

Wirf den Bankier, wie du willst: er fällt immer auf dein Geld.

*

Wenn ein Autofahrer einen umgefahren hat und er ergreift dann die Flucht, etwa ein blutendes Kind auf der Landstraße hinter sich lassend –: das nennt die Rechtsprechung Führerflucht. Manche erklären solch ein gemeines Verhalten mit einem plötzlich einsetzenden [23] Chock. Man sollte Führerflucht stets mit Zuchthaus bestrafen. Verantwortung muß sein – ein Autofahrer ist doch kein Generaldirektor!

*

Vom Nationalstolz. Einem Norweger wurde in Kopenhagen der dicke, runde Turm gezeigt, in dessen Innern man auf einer spiralförmigen Rampe mit Pferd und Wagen hinauffahren kann. „Habt ihr so etwas auch in Norwegen?“ wurde er gefragt. „Nein“, sagte der Mann aus Oslo beleidigt. „Aber wenn wir so einen Turm hätten, dann wäre er höher und runder!“