Schreiben von Georg Bell an Karl Leon Graf Du Moulin-Eckart vom 16. April 1932

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Scan der Wiedergabe des Briefes in der Dokumentensammlung Weimar und der Kampf gegen 'rechts'.
2. Teil.

Georg Bell

Krottenmühl, den 16. April 1932


S.H. Herrn Leon Graf Du Moulin-Eckart München Hohenzollernplatz 1/0


Mein lieber Graf!

Da man mir mitteilte, dass Sie sich weigern würden, sich mit mir zu unterhalten, es sei denn in Gegenwart des Stabschefs, so sehe ich mich veranlasst, Ihnen einige Zeilen zu schreiben. Ich betone dabei, um jeden Irrtum zu vermeiden und auf Grund der genauen Kenntnis Ihrer Mentalität, dass dieser Brief keine Rechtfertigung irgendwelcher Art aus irgendwelchen Gründen ist, sondern lediglich von dem Wunsche diktiert wurde, eine anscheinend zwischen uns herrschende Unklarheit zu beseitigen. Meine Absicht, sie gestern zu sehen, hatte eben diesen Zweck, abgesehen natürlich von meinem rein sachlichen Interesse an dem Stande der Anschlags-Affaire gegen uns. Als ich mich seinerzeit von ihnen [sic!] trennte, war das nicht, wie sie annahmen, eine Laune von mir, sondern die Ausführung einer seit Wochen bestehenden Absicht. Ich habe seit Monaten versucht, Sie auf die Unhaltbarkeit Ihrer Position aufmerksam zu machen und fast täglich auf die Unmöglichkeit der Rolle hingewiesen, die Sie zu spielen sich einbildeten und auf die Rolle, die Sie mir zuweisen zu können glaubten. Sie haben mich nicht verstanden und wenn ich mit Prinzip, allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Ich nehme Ihnen das nicht übel, wenn Sie sich mit fremden Federn schmücken z.B. bewusst oder unbewusst auf meine Kosten, nur dürfen Sie nicht verlangen, dass andere Leute diese Federn auch für echt halten. Ich habe Ihre Tätigkeit in den letzten drei Monaten genau beobachtet, bevor ich mich entschloss, diesem Theater ein Ende zu machen. Ich kenne Ihre Berliner 'Vertrauensleute', ebenso wie Ihre italienischen 'Agenten', ich habe genau so sorgfältig beobachtet, wie Sie sich im Braunen Haus und anderswo gegeben haben und nicht zuletzt, wie Sie sich mir gegenüber verhielten. Mein lieber graf! Einen grausameren Dilettantismus, der von einer noch größeren persönlichen Unfähigkeit auf dem Gebiet des Nachrichtendienstes ausgeübt wurde, kenne ich weder vom Hörensagen noch aus persönlichem Erlebnis. Verzeihen Sie die offene Kritik Ihrer Leistungen, die ja zunächst unter uns bleiben kann. Persönlich bin ich ja überzeugt, dass an ihren Misserfolgen am laufenden Band vor allem ihre geringe Menschenkenntnis und der Mangel jeder Fachschulung die Schuld trägt. Bekanntlich zählt aber die Welt nur die Resultate und kümmert sich weder um Gründe noch um sanatoriumsreife Nerven. Ich habe mich lange gegen besseres Wissen gegen eine Trennung gewehrt, obwohl die Duldung ihrer Tätigkeit voraussichtlich eine Katastrophe für uns alle war, aber jede Geduld hat schließlich ein Ende vor allem, wenn man dann ungerechtfertigterweise dafür mitverantwortlich gemacht wird. Ich trage es Ihnen nicht nach, dass Sie mich so fürchterlich unterschätzt haben; ich habe stets nur gelächelt, dass Sie fortwährend nicht nur einen Chef des Nachrichtendienstes spielen wollten, sondern dass Sie sich tatsächlich einbildeten, ein wirklicher Nachrichtenchef zu sein und diesen Titel überall kund und zu wissen taten. Das sind erklärliche Kindereien. Unmöglich können Sie mir aber im Ernst zumuten, eine von mir ursprünglich aus Passion übernommene Rolle unter diesen Umständen auch heute noch weiterzuspielen, womit ich sagen will, dass es keinen Sinn hat, immer und immer wieder Vorschläge und Pläne für Sie zu entwerfen, wenn Sie doch an Ihrer Unzulänglichkeit oder an der Untragbarkeit Ihrer Person scheitern müssen. Diese Behauptung wird natürlich Ihren Widerspruch herausfordern, es wäre aber von Ihnen unklug, mich in diesem Falle beweispflichtig zu machen. Vermutlich sind Sie sich gar nicht klar darüber, wie viel wertvolle Anregungen und Hinweise ich Ihnen im Laufe unserer Zusammenarbeit uf den Schreibtisch gelegt habe. Wenn sich aber die Perspektive von außen her so verschiebt, dass wir beide auf ein und dieselbe Linie gebracht werden oder ich Ihnen gar nachgeordnet erscheine, so muss ich dieser Verzerrung entgegentreten. Ich bin kein Zufallsamateur, der gerade einmal in Politik machen will, weil das aktuell ist, sondern ich habe meine ganze Jugend für politische Ideen geopfert und kann mir unmöglich den Anschein eines unfähigen Dilettanten leisten. Sie müssen mir zugestehen, dass ich Sie wiederholt gewarnt habe und Sie fortgesetzt auf das sich zusammenziehende Unwetter aufmerksam machte. Es liegt mir fern, Ihnen nachträglich Vorwürfe zu machen oder Sie zur Verantwortung ziehen zu wollen, ich habe aber ein Recht darauf, Ihnen meine Meinung unumwunden zu sagen, denn Sie haben auch mich in eine mehr als heikle Situation gebracht. Wenn Sie sich heute einer klärenden Auseinandersetzung entziehen, so macht das weder Ihrem Mut noch Ihrem Verantwortungsbewusstsein große Ehre und beweist mit vor allem, wie wenig Sie mich kennen. Sie werden aus diesem Briefe unschwer ersehen, wie sehr notwendig gerade von Ihrem Standpunkt die von mir angebotene Aussprache gewesen wäre und wie sehr nötig sie noch für Sie ist, wenn Sie sich nicht völlig auf Ihr 'Gschloss' zurückziehen wollen, um ein für alle mal die Politik zu meiden. Sie scheinen, nach aller Ihrer Freunde Ansicht - also auch meiner - den Kopf vollkommen verloren zu haben. Ich kann das auch verstehen, nicht verstehen kann ich aber, wenn man mit mir spielen oder mich gar hintergehen will, gleichgültig in welcher Form. Sie wissen doch aus Erfahrung, dass ich unangenehm reagiere, wenn ich geärgert werde, das ist nun einmal eine meiner Untugenden. hätten Sie dieser Tatsache Rechnung getragen, so hätte ich unsere sonst herzliche Freundschaft sicher nicht getrübt. Ich nehme an, aus mehr denn einem Grunde, dass Sie mir den Empfang dieses Briefes bestätigen werden und grüße Sie - trotz allem - Herzlich Ihr

Quelle[Bearbeiten]

  • Alexander Dimitrios: Weimar und der Kampf gegen «rechts». Eine politische Biographie, Bd. 3 (Dokumente), Ulm 2009, S. 271-273.