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uns von erfahrener Seite gewordenen Rat und gaben uns für Hekim oder Ärzte aus, ohne genügend zu erwägen, welche Last und Verantwortung wir damit auf uns luden. In Mogador hatte damals der einzige gelernte Arzt eine längere Reise nach seiner südfranzösischen Heimat angetreten und für diese Zeit seinem Diener die Fortsetzung seiner Praxis anvertraut. Mit diesem konkurrierten ein spanischer Barbier und während unseres mehrwöchentlichen Aufenthaltes daselbst auch wir, denen sich namentlich die vornehmere Judenschaft zuwandte. Aus der für uns mitgenommenen kleinen Hausapotheke wandten wir die unschuldigsten Mittel an, so daß wir wenigstens die Beruhigung mitnahmen, daß durch unsere Kurpfuscherei Niemand zu Schaden gekommen ist. Während unserer Reise ins Landesinnere sollten wir hier und da auch vornehme Mauren und Araber von Leiden befreien, welche sich hier nicht näher bezeichnen lassen, die uns aber eine der großen Schattenseiten der Vielweiberei in überraschender Weise kennen lehrten.

Wer ohne des Sultans spezielle Erlaubnis und Empfehlung reist, setzt sich den größten Gefahren aus. So erwähnt O. Lenz in seinem „Timbuktu“, daß man 1880 den österreichischen Maler Ladein, einen kräftigen Mann und tüchtigen Jäger, der sich ungeachtet der erhaltenen Warnung im Vertrauen auf seine Kraft und Geschicklichkeit allein und ohne einen solchen Schutz nach dem Atlasgebirge begeben wollte, eines Tags auf dem Wege von Marokko nach Amsmiz in der Nähe des Flusses Nfys ermordet fand. Anderseits hat ein Reisepaß vom Sultan wieder eine Menge Belästigungen und Beschränkungen der freien Bewegung zur Folge, ohne in allen Fällen für persönliche Sicherheit vollständige Gewähr zu bieten.

Das Deutsche Reich besaß im Jahr 1872 noch keinen Vertreter in Marokko. Dafür waren wir durch Vermittelung des Auswärtigen Amtes in Berlin an die englischen und spanischen Gesandten in Tanger und die denselben unterstellten Konsuln der Hafenstädte empfohlen worden und fanden dementsprechend auch überall eine freundliche Aufnahme.

Wir hatten uns in Tanger mit dem englischen Gesandten Sir John Hay besprochen und seinem Rate gemäß unsere Reise mit kurzen Unterbrechungen an verschiedenen marokkanischen Hafenorten nach den Canarischen Inseln fortgesetzt, von denen wir vier Wochen später nach Mogador (Suërah) zurückkehrten. Da die Erlaubnis des Sultans, welche uns Sir John Hay mittlerweile auswirken wollte, noch nicht eingetroffen war, benutzten wir die nächsten 14 Tage zu Ausflügen in die Umgegend, von denen namentlich derjenige auf den gegen 800 m hohen Dschˇbél Hadíd uns eine reiche naturwissenschaftliche Ausbeute bot. Endlich teilte uns der englische Konsul den Empfang des ersehnten

Empfohlene Zitierweise:
Johannes Justus Rein: Über Marokko. Dietrich Reimer, Berlin 1887, Seite 8. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:%C3%9Cber_Marokko.pdf/12&oldid=- (Version vom 1.8.2018)