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auferlegte Gastfreundschaft fühlten wir in vielen Fällen als eine Last, so scheinbar zuvorkommend und herzlich der Empfang und die Bewirtung auch aussahen.

Vor dem Eintritt in ein Zimmer entledigten wir uns nach Landessitte des Schuhwerks; dann wurde auf einem Teppich mit untergeschlagenen Beinen (Schneidersitz) Platz genommen und dabei der rechte Arm auf ein Wollkissen gestützt. Darauf begann die Unterhaltung, welche meist aus zahlreichen Fragen an uns und den entsprechenden Antworten bestand, woran sich bald die erste Bewirtung mit grünem chinesischem Thee reihte[1]. Gewöhnlich brachte ein Negerknabe auf einem großen Präsentierteller alle dazu nötigen Vorrichtungen und stellte sie vor seinen Herrn oder den Vertreter desselben. Nachdem dieser die erforderliche Menge Thee in die Kanne gethan und mit wenig warmem Wasser abgespült hatte, wurde Zucker, dann kochendes Wasser hinzugefügt, und bald darauf versucht, ob der Aufguß dem Geschmack entspreche. War dies endlich der Fall, so füllte der Wirt die vor ihm stehenden Tassen oder Gläser und ließ sie seinen Gästen ringsum reichen. Meist kommen auch einige frische Blätter der sehr beliebten Pfefferminze in die Theekanne, die dem Aufguß einen angenehmen Beigeschmack geben, an den man sich rasch gewöhnt und der jedenfalls mitwirkt, die fetten Speisen, welche dem Thee folgen, verdaulicher zu machen.

In der Regel gab es zwei Mahlzeiten, die eine morgens zwischen 8 und 11 Uhr, die andere spät abends mit je drei Gängen. Die Art, wie gespeist wurde, ist nicht ohne Interesse. Als Beispiel erwähne ich unser Nachtessen in Ali Henschan 25 km östlich von Mogador. In der Abenddämmerung rückten wir in diese festungsartige Kasbah des Gouverneurs der Provinz Schiodma ein, müde vom langen Ritt und der Hitze des Tages. Nachdem wir stundenlang Thee getrunken und der Neugierde unserer Wirte in mancherlei Weise gedient hatten, kam endlich gegen Mitternacht das Essen. Zu dem Zweck wurde ein Eßtischchen hereingebracht, welches an Größe und Gestalt auffallend einem gewöhnlichen Sieb unserer Landwirte glich. Es ruhte auf zwei parallelen handhohen Leisten, statt der sonst quadratisch gestellten vier Füße, und hatte natürlich einen festen Boden. In der Mitte stand eine große


  1. Kaffee und Chokolade sind bei Marokkanern nicht gebräuchlich. Der gemeine Mann trinkt nur Wasser und Milch, der vornehmere nebenbei auch grünen Thee (Young Hyson), den er, wie die Kanne aus Britanniametall und die schönen kleinen, mit Gold gezierten Porzellantassen oder Gläser, aus England bezieht, während der Zucker, ächte Raffinade in kleinen Hüten, früher ausschließlich aus Frankreich kam.
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Justus Rein: Über Marokko. Dietrich Reimer, Berlin 1887, Seite 10. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:%C3%9Cber_Marokko.pdf/14&oldid=- (Version vom 1.8.2018)