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mit gegenseitiger Eifersucht verfolgt. In Marokko selbst, wie auch auf Seiten der andern Mächte, fürchtet man am meisten die französische Nachbarschaft. Seit lange strebt Frankreich darnach, seine konventionelle algerische Westgrenze bis zum Muluyaflusse vorzuschieben; auch hat es sich von Senegambien her dem Marokkanischen Reich bis Kap Blanco genähert. England befürchtet eine weitere Ausdehnung der französischen Machtsphäre in Nordafrika nicht bloß seines marokkanischen Handels wegen, sondern auch mit Rücksicht auf seine beherrschende Stellung an der Straße von Gibraltar. Spanien endlich hat allen Grund, keinem dieser mächtigen Konkurrenten im marokkanischen Nachbarreiche mehr Einfluß zu wünschen. Sind auch seine alten Besitzungen, die Presidios an der marokkanischen Mittelmeerküste, (Festung Ceuta, Peñon de Velez, Alhucemas, Melilla und Chafarinas) mit kaum 13 000 Einwohnern von keiner großen Ausdehnung, so gewahren sie ihm doch einen festen Halt, wie sie ihm denn auch im Kriege 1860 teilweise zur Operationsbasis dienten, und einen gewissen Trost für den Verlust von Gibraltar. Im übrigen hat Spanien bisher wenig gethan, um sich in Marokko größeren Einfluß zu verschaffen. Seine Bewohner beziehen von dort ansehnliche Mengen Garbanzos (Kichererbsen) und Mais, lassen aber den übrigen Handel in englischen und französischen Händen. Sie sind überzeugt, daß „die Natur Spanien zwischen zwei große Weltteile gestellt hat, um gleichsam anzudeuten, daß ihr Land die Bestimmung habe, dem einen die vorgeschrittene Civilisation des andern zu bringen“[1], haben aber seit den Tagen, wo auf den Rat des Kardinals Ximenes die unersetzliche maurische Bibliothek in Granada verbrannt wurde, keinerlei ernste Schritte gethan, um diesem stolzen Satz entsprechend zu handeln.

Wir Deutsche standen den widerstreitenden Interessen der in Marokko konkurrierenden Mächte noch vor 15 Jahren als unparteiische und uninteressierte Zuschauer gegenüber. Seitdem aber der deutsche Handel in den marokkanischen Küstenstädten ebenfalls festen Fuß gefaßt und die Reichsregierung demselben durch Verträge und offizielle Vertretung den nötigen Schutz geschaffen hat, ist das anders. Nunmehr gesellt sich zu unserem reinwissenschaftlichen Interesse auch ein handelspolitisches und kann es uns nicht mehr gleichgültig sein, welche europäische Macht das morsche islamitische Reich am großen Eingangstor zum Mittelmeer einmal über den Haufen wirft und dort ihre Flagge hißt, ob Freund oder Feind.


  1. Siehe Compendio de Historia de España por Alfonso Moreno y Espinosa. Cadix 1873. S. 3.
Empfohlene Zitierweise:
Johannes Justus Rein: Über Marokko. Dietrich Reimer, Berlin 1887, Seite 19. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:%C3%9Cber_Marokko.pdf/23&oldid=- (Version vom 1.8.2018)