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Seite:Über die Dresdner Kunstausstellung im Herbst 1822.djvu/5

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darauf blickt; selbst das hellgelbe Pelzchen, womit das kleine Wesen bekleidet ist, zeigt sich äußerst natürlich. Die Mutter dieses Kindes kniet dahinten, ihr im Profil stehender Kopf ist mit ungemeiner Wahrheit aufgefaßt. Neben ihr steht Petrus, ein kräftiger, aber mehr gemeiner als idealer Kopf; der Faltenwurf seiner Gewänder ist sehr schön, er scheint den Ungestüm eines schönen blonden Knaben, welcher herbey eilt, mildern zu wollen. Der Kopf dieses Kindes ist herrlich, die Gestalt sieht man nur halb; das Beinchen desselben hat der Maler fast zu nachlässig behandelt. Weiter zurück auf dieser rechten Seite sieht man noch ganz im Helldunkel eine Alte mit ihrem Kind, kräftig und brav gemalt, so wie einen ältern Apostel, dessen Kopf schön behandelt ist, und noch ein Paar Gestalten im Hintergrund. Links hinter der edlen Mutter steht ein zartes herangewachsenes Mädchen, ein Kind vor ihr dahinter, eine Mutter mit einem kleinern Kind, welches sehnsüchtig nach dem Heiland hinstrebt und von einem Apostel sanft berührt wird, und mehrere Frauen; diese sehen alle sehr modern und ziemlich theilnahmlos. Es stört überdem sehr, daß auf dieser Seite fast alle Köpfe in ganz gleicher Richtung stehen und dreyviertel sichtbar sind, auf der andern Seite hingegen die Mehrzahl der Köpfe im Profil steht; wären diese Stellungen gemischter, so würde das Ganze sehr gewinnen. Der Maler müssen wir in dem ganzen Werk unbedingt loben und bewundern, dem Erfinder wäre etwas kritischere Strenge zu wünschen gewesen. Die Leichtigkeit und Kraft der Behandlung zeigt den geübten und durch stetes Studium der Natur gebildeten Meister.

Das Portrait unsers Schauspielers Hellwig ist von Edlinger recht gelungen, warm und kräftig, sprechend ähnlich und frey von Manier. Prof. Pochmann malte den Sänger Bergmann auch sehr ähnlich, mit vieler Wahrheit in Stellung und Ausdruck. Außerdem malte er nach einer Skizze von Lucca Giordano eine Mutter mit einem Kind, welche recht hübsch wäre, wenn es nur nicht eine Madonna seyn sollte! Der Schlagschatten, den der Schleyer über den halben Kopf der Mutter und des Kindes Gesicht wirft, bringt eine malerische Wirkung hervor; der Farbenton ist warm und gut, nur die eigentliche Seele vermißt man, so wie das zartere Charakterstudium. Von Professor Seydelmann ist zum ersten Mal ein Portrait nach der Natur da in seiner gewohnten Sepiamanier, diese ist aber für das Portrait, zumal in Lebensgröße, gar nicht günstig. Mehrere Portraits in dieser Art müßten dasselbe schauerliche Gefühl erwecken, wie eine Phantasmagorie.

An Landschaften ist unsere Ausstellung recht reich; Dahl, der geniale Norwege, gab uns fünf Stück. Von den größern sind zwey besonders anziehend: eine Aussicht über das Meer an den Küsten der Insel Capri, bey Mondlicht, das von Wolken sehr umhüllt ist; der geheimnisvolle Duft und die magische Düsterheit machen einzig das Interesse dieser Landschaft aus. Die zweyte ist ein Seestück nach einem Sturm, mit einem Theil der Insel Capri und einem auf Klippen aufgetriebnen Schiffe; dieß ist seitwärts im Hintergrund, vorn segelt ein anderes kräftig hin. Alles hieran ist brav gezeichnet, selbst die Figuren sind treu und wahr der Natur abgelauscht. Die noch eben so stürmischen Wogen heben ihre weißschäumenden Häupter überall geisterartig empor, als lüstete ihnen noch nach mehr Beute, die Wolken sind zerrissen und sturmgepeitscht, breite weiße Strahlen streifen zwischen ihnen durch, das Ganze beleuchtend. Die dritte größere Landschaft stellt eine Ansicht bey Dresden vor, von Cosels Garten aus, nach Findlaters Villa hin. Bey diesen beyden letztern stört der Mangel des wärmern Farbentones und des Schmelzes, welchen eigentlich Ölfarben haben; man bleibt zweifelhaft, ob es nicht Aquarellgemälde sind, mit Geist gemacht, aber ohne Wärme. Eine kleine Winterlandschaft mit einer beschneyten Eiche, ist trefflich; das Abendroth ist so im dunkeln Rosenlicht glühend, wie oft nach recht kalten Tagen, schwere dunkle Dünste senken sich am, Horizont, zwey Wanderer eilen nach der Heimath, der Widerschein der Abendröthe auf dem Schnee ist schön dargestellt. Eben so ist eine Parthie mit einem Wasserfalle aus dem Tyroler Vorgebirge lobenswerth gemalt; der kleinste Detail ist hier mit Wahrheit und Leichtigkeit wie hingeschrieben.

Traugott Faber stellte eine treffliche Copie des berühmten Klosters von Ruisdael aus; wir sehen hier das Original völlig treu, nur rein and klar, vom trüben Hauch

Empfohlene Zitierweise:
Unbekannt: Über die Dresdner Kunstausstellung im Herbst 1822. Anton Strauß, Wien 1822, Seite 5. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:%C3%9Cber_die_Dresdner_Kunstausstellung_im_Herbst_1822.djvu/5&oldid=- (Version vom 6.8.2025)