Seite:Über die Verfassung des deutschen Reiches.djvu/129

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jeden Andersdenkenden zu ewigem Feuertode verurtheilt, und selbst Gott nicht einmal die Möglichkeit zugesteht, ein so hartes Urtheil umzustoßen.

Der Egoismus dagegen, dessen ich oben zu zweit erwähnte, und der es übel aufnimmt, wenn Andere das eigene Interesse beeinträchtigen, ist, das muß man zugestehen, viel weniger unvernünftig, als jene Verachtung.

§. 7. Der Charakter der beiden protestantischen Konfessionen.

Um aber die Gründe der Kirchenspaltung in Deutschland ganz zu verstehen, muß man auf die Natur der drei Kirchen näher eingehen, denen in Deutschland freie Religionsübung verstattet ist. Doch ist es dabei nicht unsere Sache, zu untersuchen, inwieweit jedes der drei Bekenntnisse seine Glaubenssätze aus der heiligen Schrift zu belegen vermag: das mag der Einzelne thun, um seines eigenen Glaubens sich klar zu werden. Und es liegt mir auch völlig fern, unsere heilige Mutterkirche zu verdächtigen, indem ich die Möglichkeit annehme, sie könne uns, die wir sie so gläubig verehren, durch verderblichen Irrthum täuschen wollen.

Doch danach werden wir fragen dürfen, in wieweit die Mittel zur Erlangung der ewigen Seligkeit, welche die Geistlichen angeben, zu unseren politischen Ansichten stimmen. Denn das glaube ich nicht, daß der allgütige Gott beabsichtigen sollte, daß durch seine Verehrung die Ruhe des bürgerlichen Lebens gestört werde.

Um nun also mit den vom Katholicismus abgefallenen Secten zu beginnen, so bemerke ich im Lutherthum nichts, was den Grundlehren des Staates oder des Naturrechtes widerspräche. Denn die höchste Gewalt in Kirchensachen ist den Fürsten eingeräumt, die geistlichen Güter sind - wenn ihr euch auch über diese Ansicht entsetzt - zum großen Nutzen für den Staat bedeutend beschränkt worden, dem Volke ist vorgeschrieben, die Obrigkeit als Vertreterin Gottes auf Erden zu verehren, endlich ist das Vollbringen guter Werke für die Pflicht eines frommen Mannes erklärt worden. Auch ist es zu billigen, daß einige nichts bedeutende Ceremonien beibehalten sind, um den öffentlichen Gottesdienst zu schmücken und einfachere Leute, über deren Fassungskraft der nackte religiöse Gedanke hinausgeht, zur Andacht zu stimmen. In Betreff der religiösen Mysterien verlangt man zwar keinen vernunftwidrigen Aberglauben, aber, und das ist durchaus angemessen, man muthet dem menschlichen Geiste Einsicht genug zu, eine göttliche Macht und Weisheit anzuerkennen, von der Erhabeneres bewirkt zu werden vermag, als das, was ihm zu erkennen verstattet ist. Ja selbst jene „Dickköpfigkeit“,[1] die man den Lutheranern vorwirft, trägt dazu bei, ihnen den Ruf der Aufrichtigkeit zu erwerben.

Dazu kommt, daß keine Religion den deutschen Fürsten nützlicher sein könnte, wie denn überhaupt keine besser zu monarchischen Staatsformen paßt. Und fürwahr, hätte Karl V. nicht Rücksichten auf seine anderen Länder zu nehmen gehabt, so würde der deutsche Kaiser den Vorwurf verdienen, sehr thöricht gehandelt zu haben, als er, nachdem einzelne Fürsten

  1. Ich muß hier den allerdings nicht ganz schriftgemäßen Ausdruck „Dickköpfigkeit“ für das lateinische crassities beibehalten; denn wie Thomasius in einer Anmerkung zu dieser Stelle sagt, waren „Dickköpfe“ und „Spitzköpfe“ Spottnamen, welche Lutheraner und Calvinisten einander beizulegen pflegten.
Empfohlene Zitierweise:
Samuel von Pufendorf: Ueber die Verfassung des deutschen Reiches. Berlin: L. Heimann, 1870, Seite 130. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:%C3%9Cber_die_Verfassung_des_deutschen_Reiches.djvu/129&oldid=- (Version vom 1.8.2018)