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Erlangen zu wirken begann, war der Stern des Rationalismus schon im Erbleichen; als er es verließ, war dieser unter den Geistlichen eine überwundene Macht. Widerspruch um seiner positiven Richtung willen hat Harleß in Erlangen wenig erfahren; er genoß im Gegenteil eine seltene Hingebung und Verehrung. In Sachsen stand bei Harleß’ Ankunft der Rationalismus noch in voller Blüte; an offenem Widerspruch und scharfer Kritik konnte es ihm nicht fehlen. Unter den dortigen tiefgehenden Gegensätzen wuchs Harleß aber innerlich ebenso, als seine Wirksamkeit eine noch intensivere wurde. Obwol auch in Leipzig das Evangelium nichts Neues war, so lässt sich denken, wie bei der Erregtheit der Geister das Wort eines Mannes zünden musste, welcher den vollen Ernst und die volle Tiefe der evangelischen Warheit mit der Macht einer glänzenden Persönlichkeit, der Schärfe einer geschulten Dialektik, dem umfassenden Blick eines im Gesamtleben der Kirche wurzelnden Geistes vertrat. Harleß’ Wirken war scheidend und sichtend, aber auch mächtig anziehend, tiefgewinnend, für manche überwältigend. Ein nicht übergroßer, aber um so fester geschlossener Kreis von Zuhörern bildete sich um ihn, der ihm mit voller Seele, theilweise mit warem Enthusiasmus ergeben war, auf welchen der bestimmendste Einfluss von ihm ausging. Auch weitere Kreise konnten sich diesem Einfluss nicht entziehen.

 Mit gespannter Erwartung sah man Harleß’ akademischem Auftreten in Leipzig entgegen. Als er seine Antrittsvorlesung hielt, war das Auditorium von Studenten und Dozenten aller Fakultäten überfüllt. Mit der Erklärung des Römerbriefs begann er. Schon in Erlangen war dies eine seiner gesuchtesten Vorlesungen. In Leipzig vermissten an ihr nicht Wenige die Klarheit und Gefälligkeit, das Genetische der Winer’schen Methode, auch wol den gelehrten Zierat; anderen ging schon durch dieses erste Kollegium eine neue Welt auf. „Harleß lehrt gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten“, schrieb damals ein Zuhörer.

 Die gewichtigste Vorlesung war aber die Dogmatik, über welche Disziplin Harleß in Erlangen nie gelesen hatte. Systematische Kraft und ein tiefgeschichtlicher Charakter machten sie äußerst anziehend. In sechs Nummern des „Sächsischen Kirchen- und

Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Löhe, Thomasius, Harleß. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1887, Seite 91. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_L%C3%B6he,_Thomasius,_Harle%C3%9F.pdf/105&oldid=3212218 (Version vom 31.7.2018)