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Beruf durch Harleß empfing. Es ist dies der ehrwürdige, unvergessliche D. von Zezschwitz, dem in späterer reichgesegneter Wirksamkeit selbst wie Wenigen gegeben war, anregend, zündend, begeisternd für theologisch-kirchliche Ideale unter dem jüngeren Geschlechts zu wirken und zwar weit über Bayerns Grenzen hinaus.

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 Übte die Dogmatik dadurch einen so mächtigen Zauber aus, dass sie entgegen dem Zuge der Zeit das Vollmaß biblischer Warheit und das ihr entquellende Wort kirchlicher Bezeugung zum ungebrochensten Ausdruck brachte und sich aller zersetzenden Einflüsse philosophischer Doktrinen erwehrte, one doch die Schulung durch letztere und auch eine teilweise spekulative Behandlung zu verleugnen: so bewärte die Ethik darin eine tiefe Anziehungskraft, dass sie ungeachtet der schärfsten Betonung des Mysteriums christlichen Lebens im Gegensatz zu alledem, was man mit Recht pietistisch nennt, in echt christlicher und echt lutherischer Weise der gottgeschaffenen Natur und allen Gaben der Schöpfung die volle Ehre gab. Wie einschneidend und den kirchlichen Charakter von innen aus bildend die Ethik wirkte, davon legt ein damaliger Zuhörer, Max Frommel, in einem seiner Jubiläumspredigt beigegebenen Lebensabriss ein merkwürdiges Zeugnis ab. Er schreibt: „So hörte ich denn im Sommer 1849 bei Harleß Ethik oder christliche Sittenlehre, und das war, was ich brauchte. Da trat mir eine ganze, in sich abgerundete, biblisch begründete Weltanschauung entgegen, die mir Licht gab über die tiefsten Fragen des ganzen Christenlebens. Jede Stunde ein vollendeter Vortrag, frei quellend aus der edlen Persönlichkeit des Meisters, heiliges Maß haltend zwischen den Abwegen zur Rechten und zur Linken, zwischen falscher Freiheit und falscher Gesetzlichkeit, zwischen der falschen Heiligung der Römischen und der Schwarmgeister, überall die rechte Stellung einnehmend zu Gott und der Welt, zu Gesetz und Evangelium, zum Zentrum und der Peripherie. Da war mehr Ernst, als im ganzen Pietismus, und doch mehr Freiheit und Weitschaft; da war voller Kampf gegen die Sünde, und doch volle Berechtigung der Kreatur. Der Irrtum wird nur überwunden durch die höhere Warheit. Was an meinem bisherigen Leben irrtümlich war, die große Gefar, in der ich schwebte, dass meine innere Frömmigkeit und das Gewarwerden

Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Löhe, Thomasius, Harleß. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1887, Seite 93. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_L%C3%B6he,_Thomasius,_Harle%C3%9F.pdf/107&oldid=3212220 (Version vom 31.7.2018)