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dem Pastorat von St. Nikolai angenommen, eine Berufung zurück nach Erlangen erhielt, welcher er sicherlich, one eben von neuem für Leipzig sich gebunden zu haben, Folge gegeben hätte! Hinsichtlich seiner Predigttätigkeit liegt es vor aller Augen, wie Harleß durch die Leipziger Atmosphäre an Kraft und Weitschaft gewonnen hat. Auch in Erlangen wurde er sehr gern, zumal von Studenten und überhaupt der Universitätsgemeinde, gehört; die hier herausgegebenen zwanzig Predigten: „Christi Reich und Christi Kraft“ (1840) bekunden bereits in der unverhüllten Bezeugung der Heilswarheit, der sicheren dialektischen Bewegung und Abrundung, der schlichten Textgemäßheit und der nervigen Darstellung seine Eigentümlichkeit auf diesem Gebiete: aber etwas Abstraktes, dem Gros der Gemeinde ferner Liegendes haftete ihnen doch an. Der Ton der Leipziger Predigten ward von selbst um einige Stufen höher gestimmt. Harleß trat in denselben aber auch mehr und mehr in die Gegenwart mit ihren Kämpfen und Strebungen ein. Dadurch erhielten sie ein konkreteres, wol auch kräftig realistisches Gepräge. Sie wurden Zeitpredigten im besten Sinne des Wortes; sie wurden es in hervorragendster Weise, als die Stürme des Jares 1848 hereinbrachen. In seiner „Heer“- und seiner „Bußpredigt an die Deutschen“, gehalten am 12. und am 24. März 1848, hat Harleß seine innersten Empfindungen angesichts des großen Völkergerichts zu einem mächtigen, sich gegenseitig ergänzenden, glühenden Patriotismus und tiefen christlichen Ernst vereinenden Ausdruck gebracht. „Ihr wißt, wo Deutschland liegt, zwischen den Eissteppen des Nordens und den südlichen Glutlanden, dem Klima Europas die rechte Temperatur, die frische, freie, reine Luft zu erhalten, das ist Deutschlands Beruf“, ruft er in der ersten aus. In der zweiten: „Es ist unter unserem Volke, namentlich in der allerneuesten Zeit, ein Geist der Lästerung Christi aus dem Abgrund aufgestiegen, der, wenn er Volksgeist wird, unser Volk dem Untergange weiht; wollen wir nicht diese und jene richten, sondern uns alle schuldigen; denn hätten sich nicht in die christlich-kirchlichen Strömungen der Gegenwart so viele unklare, zweideutige, unlautere Elemente eingemengt, oder wäre das herrschende Christentum im deutschen Volke lebendiger und warer, mannhafter und

Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Löhe, Thomasius, Harleß. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1887, Seite 95. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_L%C3%B6he,_Thomasius,_Harle%C3%9F.pdf/109&oldid=3212222 (Version vom 31.7.2018)