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Unterschied in landeskirchlicher und freikirchlicher Würdigung kirchlicher Bewegungen und Persönlichkeiten zutage[1].

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  1. Über Löhes Verhältnis zu Harleß und zur Landeskirche äußert sich mein verehrter Freund, Herr Oberkirchenrat Lotze in Gera in folgender Weise:
     „Zehn Jare gesegneten Andenkens, von 1856 bis 1866, durfte ich in Neuendettelsau leben und arbeiten helfen, in fast täglichem Verkehr mit dem unvergesslichen Löhe. Jeder große Mann ist ein Son seines Volkes. Das ist mir da zuerst klar geworden. Harleß und Löhe, die Jugendfreunde, jener aus gut bürgerlicher Familie in Nürnberg dieser dem ehrsamen Kaufmannshause in Fürth entsprossen. Aber Löhe trug noch mehr das Gepräge seiner Heimat, diente ihr mit seiner ganzen Lebenskraft und war ein fränkischer Mann vom Scheitel bis zur Sole. Den Thüringer, an dem er Gefallen fand, ehrte er mit dem Lobe: Sie sind ein Thuringofrank. Der Hesse galt ihm nur etwas als Hassofrank. Die sehr einfache Hochebene, auf der sein Neuendettelsau liegt, gefiel ihm besser, als am Fuss der Seealpen die herrlichsten Landschaften, die er gesehen. Die Kleidung seiner Diakonissen sollte nach seiner Intention ursprünglich nichts anderes sein, als die etwas veredelte Tracht mittelfränkischer Bauernmädchen. So reichsfreundlich er nachher war, den Franken konnte und mochte er nicht verleugnen bis zum seligen Ende.
     Das zweite, das noch leuchtender hervortrat und mit Ehrfurcht erfüllte, war seine geheiligte Liebe zum Sakrament des Altars. Haus und Hof und die schönen Anstalten allzumal, er hätte sie getrost und one eine einzige Träne verlassen, wenn es die Treue gegen das lutherische Abendmal erfordert hätte. Aber Gott hat es nicht zugelassen, dass sich schied, was so fest verbunden war, und ganz falsch ist, wenn man sich Löhes Leben denkt als einen fortdauernden Kampf gegen die Landeskirche. Vielmehr war es ein Ringen, die Separation zu vermeiden. Das Auge der Liebe sieht scharf, darum sah er die Mängel und Schäden seiner heimatlichen Kirche genau. Doch war er eben so wenig blind gegen ihre besonderen Gaben. Und man sehe doch auch diese bayerische lutherische Kirche an, wie sie etwa in den letzten fünfzig Jaren sich gestaltet hat. An der Spitze ein Theolog, der einen warhaft bischöflichen Einfluss zu üben vermag. Im Regimente schon seit langer Zeit ernste, kirchliche Männer, die das Bekenntnis hoch halten. Im geistlichen Amte eine Schar entschlossener, zielbewusster Arbeiter. Synoden, die nicht ein Abbild [119]
Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Löhe, Thomasius, Harleß. J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung, Leipzig 1887, Seite 118. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_L%C3%B6he,_Thomasius,_Harle%C3%9F.pdf/132&oldid=3212248 (Version vom 31.7.2018)