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Sigismund Grimm in Augsburg fügte seiner Ausgabe vom Jahre 1524 ein Bild, den kämpfenden Herkules darstellend, bei. Spalatin hat das Buch ins Deutsche übersetzt. Es ist nun ferner gewiß keine Beeinträchtigung der Größe Luthers, der, wie Ranke sagt, selbstherrschender, gewaltiger aufgetreten ist, wie kein anderer Schriftsteller in keiner Nation der Welt, wie auch keiner die vollkommenste Verständlichkeit und Popularität, gesunden, treuherzigen Menschenverstand mit so viel echtem Geist, Schwung und Genius vereinigt hat wie er, wenn zugleich behauptet wird, daß Luthers derbe Popularität und zu Zeiten maßlose Polemik viele namentlich unter Gebildeten und Gelehrten, unter Staatsmännern und Fürsten auch abstieß. Hier trat nun Melanchthon mildernd, ermäßigend, berichtigend durch seine ruhige, objektive, leidenschaftslose, anknüpfende Weise ein. Vielen hat er hiedurch die Thüre zum Evangelium aufgethan. An Mannesmut und Entschiedenheit fehlte es dabei Melanchthon nicht. Gleich im Anfang trat er Angriffen auf Luther, die von Rom und Paris ausgingen, mit allem Nachdruck entgegen. Endlich muß Melanchthon als der eigentliche Organisator des evangelischen Kirchenwesens betrachtet werden. Es handelte sich um die Einführung und Durchführung der Reformation, um die Sicherung derselben für Gegenwart und Zukunft durch angemessene Ordnungen. Es war dies eine hochwichtige, aber auch unendlich schwierige Arbeit. Die Hauptarbeit hatte hier Melanchthon. Luther nannte ihn wohl den Atlas, der alles trägt. Auf diesem Gebiete entwickelte Melanchthon einen feinen architektonischen Sinn, eine zarte seelsorgerliche Rücksichtnahme auf das gegebene Bedürfnis, eine glückliche Verbindung des dogmatischen und ethischen Moments. Er hat Kirchen- und Lehrordnungen nicht bloß in Kursachsen, sondern auch in Hessen, Mecklenburg, am Rhein, in der Pfalz, in Brandenburg, in dem herzoglichen Sachsen zur Einführung gebracht. Melanchthon war der Theologe, der Apologet (der wissenschaftliche Verteidiger), der Organisator (Kirchenordner) der Reformation.

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 In der kursächsischen Kirchenordunng, einem Musterwerk für so viele andere, war nun auch der Schule in sehr wirksamer Weise gedacht. Auch auf pädagogischem Gebiet tritt uns in Melanchthon ein ergreifendes Bild der Einigung des Humanismus und des

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Adolf von Stählin: Philipp Melanchthon. J. A. Schlosser, Augsburg 1897, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_Philipp_Melanchthon.pdf/13&oldid=- (Version vom 31.7.2018)