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Evangeliums, des gelehrten Virtuosen und des Christen entgegen. Um echt menschliche und wahrhaft christliche Unterweisung und Bildung war es ihm überall zu thun. Die ganze Schule überhaupt im protestantischen Deutschland ist ohne Uebertreibung geredet, Melanchthon’s Schöpfung, wenn er selbstverständlich auch an mittelalterliche Einrichtungen anknüpfen konnte und mußte. Die gelehrte Schule insbesondere wurde mit bewundernswerter Weisheit und Thatkraft auf denselben Grundlagen, an erster Stelle den klassischen Studien, aufgerichtet, auf denen sie noch gegenwärtig ihren sicheren Bestand hat. Das Ferment des Evangeliums sollte aber zugleich das Ganze durchdringen. Er erteilte die maßgebenden Ratschläge für die zu errichtenden Unterrichtsanstalten, wie er z. B. das Gymnasium in Nürnberg und wohl auch in Augsburg einrichtete, er bildete die Lehrer zu, er empfahl die geeigneten Leute, aus seiner unmittelbaren Unterweisung und Anregung gingen ausnahmslos die großen Musterschulmänner jener Zeit hervor, ein Johann Sturm in Straßburg, ein Valentin Trozendorf in Goldberg, ein Michael Neander in Nordhausen, ein Hieronymus Wolf in Augsburg. Letzterer war in Ottingen im Ries geboren und wirkte im großen Segen 23 Jahre lang als Rektor des St. Anna-Gymnasiums dahier. In einer seiner Schriften hält er eine aus vollem Herzen fließende Lobrede auf seinen hochverehrten Lehrer Melanchthon. Wolf war in Augsburg hochangesehen und stand zu den vornehmsten Familien im innigsten, vertrautesten Verhältnis. Er war ein sehr bedeutender Philologe und hat sich um die Feststellung des Textes der griechischen Redner, vor allem des Demosthenes große Verdienste erworben. Durch sein Leben geht eine eigentümliche Tragik, ein schwermütiger Zug, aber auch tiefe Religiosität; seine Sorge, sagt er in seiner Selbstbiographie, sei auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit, seine Sehnsucht auf das himmlische Vaterland gerichtet.

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 Nicht minder bedeutend und weittragend ist Melanchthon’s Wirksamkeit für die Universitäten, sind doch nicht weniger als drei Universitäten: Marburg, Königsberg und Jena unter seinem Beirat entstanden, andere wie z. B. Heidelberg und Rostock hat er reorganisirt. Er hat unablässig gearbeitet für die rechte Gliederung und Harmonisierung der verschiedenen Fakultätswissenschaften, er konnte

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Adolf von Stählin: Philipp Melanchthon. J. A. Schlosser, Augsburg 1897, Seite 12. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_Philipp_Melanchthon.pdf/14&oldid=- (Version vom 31.7.2018)