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beherrscht. Trotz all der kriegerischen Verwicklungen im Westen und Osten, dort mit Frankreich, hier mit den Osmanen, drängte sich die kirchliche Frage immer wieder in den Vordergrund; auf fünf Reichstagen war bereits über sie verhandelt worden. Gegenwärtig stand nun der Kaiser Karl V., dessen riesiges Reich sich über drei Weltteile erstreckte, auf dem Höhepunkt seiner Macht. Er hatte mit Frankreich und dem Papst Friede geschlossen, von letzterem sich auch in Bologna krönen lassen. Jetzt oder nie sollte die religiöse Frage zum Austrag kommen. Seinem Machtbewußtsein entsprach der damalige Einzug in Augsburg zum Reichstag. Unter einem Pomp ohnegleichen, mit einem glänzenden Gefolge von geistlichen Würdenträgern, Kurfürsten, Fürsten und Herren mit ihren reisigen Mannen, unter einem prächtigen dreifarbigen Baldachin, welchen sechs Herren vom Augsburger Rate trugen, ritt er am 15. Juni 1530 gegen Abend durch das Lechthor in die Stadt ein.

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 Das Wort Luther’s hatte in der ganzen abendländischen Christenheit gezündet, sein Werk war aber auf dem ersten Reichstag zu Worms 1521 in den stärksten Ausdrücken verurteilt und über ihn und seine Anhänger die Acht ausgesprochen worden. Das Wormser Edikt schwebte fort und fort wie eine drohende Wolke über dem Haupte der Evangelischen. Der Kaiser hatte sich nunmehr verpflichtet, mit allen Mitteln „den neuen Meinungen ein

Ziel zu setzen.“ Gleichwohl lautete die Einladung zum Reichstag ganz friedlich. Den Evangelischen mußte gegenüber alten und neuen Verunglimpfungen ihrer Sache alles an einer kräftigen, auch den Gegner überzeugenden Verteidigung liegen. Die von Melanchthon zu verfassende Schrift, an der er unablässig arbeitete, trug deshalb den Namen Apologie. Sie war Apologie (Verteidigung) und Bekenntnis zugleich. Dieses Bekenntnis ward nun nicht auf einer Synode, nicht auf einem Konzil, sondern vor der erlauchten Vertretung des mächtigsten Reiches der Welt abgelegt. Nicht Theologen allein, Fürsten, Vertreter der Städte, Staatsmänner, eine evangelische Gemeinde standen hinter demselben. Melanchthon selbst, der Verfasser, verband in seiner Person das geistliche und weltliche, das theologisch-kirchliche und gemeindliche Element: er war ja nie ordinirter Kleriker, hat nie gepredigt, gehörte zweien

Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Philipp Melanchthon. J. A. Schlosser, Augsburg 1897, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_Philipp_Melanchthon.pdf/16&oldid=- (Version vom 31.7.2018)