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Viel hat der Mann gelitten, er litt aber mit einer seltenen Hoheit des Geistes, mit unerschöpflicher Geduld! Was hat er nicht gelitten unter den Kriegsdrangsalen, der Auflösung der Hochschule in Wittenberg, der Verwüstung der evangelischen Kirche, da in Süddeutschland infolge des Interims 400 vertriebene Geistliche umherirrten, unter dem ihn besonders tief verwundenden inneren Zwist! Wie oft schwieg er auch unwürdigsten Angriffen gegenüber! Ich halte es, sagte er abwehrend zu drängenden Freunden, wie ehedem meine kleine Anna; sie war zu lange ausgeblieben, und der Vater fragte, was willst du nun sagen, wenn die Mutter schilt – Nichts! war die Antwort. Die Reinheit und Unschuld in dem ganzen Wesen Melanchthon’s bewunderte auch Luther. Es war ihm ein Adel, eine gewisse Vornehmheit des Benehmens, eine mit Anmut gepaarte Feinheit der Formen eigen, worin sein liebreiches, reines Gemüt seinen natürlichen Ausdruck fand. Alles Gewaltsame, Schroffe, Maßlose im Reden oder Handeln war seiner Harmonie bedürftigen Natur zuwider; er eiferte dagegen als cyklopisches Wesen. In seinem Wirken wie in seinem Charakter zeigt sich als Grundzug das Streben der Vereinigung des Menschlichen und Christlichen, der Verklärung des Menschlichen durch das Christliche. Was er im Leben gewesen, bethätigte er auch im Sterben. Von einer Amtsreise nach Leipzig zurückkehrend, kam er krank in Wittenberg an. Die Lebensgeister sanken. Die Sorge seines Lebens war auch seine Sorge in Krankheit und Todesnot: „in mir ist keine Kümmernis, nur Eine Sorge, daß die Kirchen in Christo Jesu einig werden möchten,“ sprach er. Für sich fand er Trost in dem Worte: Er hat ihnen Macht gegeben, Gottes Kinder zu werden. Als ihm dies Wort vorgelesen wurde, rief er mit erhobenen Augen und Händen: „das steht immer vor meiner Seele.“ Ob er noch etwas begehre, fragte man; die Antwort war: „nichts als den Himmel, darum stört mich nicht mehr.“ So lange er noch atmete, wiederholte er öfters das Wort: in dich habe ich gehoffet Herr. So entschlief er am 19. April 1560, wie Luther 63 Jahre alt.

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 Verehrte Anwesende! Welche Männer stehen, geschichtlich angesehen, an der Spitze unserer Kirche, durch welche Größen hat

Empfohlene Zitierweise:
Adolf von Stählin: Philipp Melanchthon. J. A. Schlosser, Augsburg 1897, Seite 26. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_Philipp_Melanchthon.pdf/28&oldid=- (Version vom 31.7.2018)