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sollen nicht schweigen von der ewigen Herrlichkeit des Evangeliums; es ist uns, wenn wir schwiegen, als müßten die Steine reden. So groß, so wunderbar, so allumfassend ist das Heil, das wir zu verkündigen haben. Gott lasse in dieser Stadt den Zeugen- und Bekennergeist nicht erlöschen! Gott schenke uns allen etwas vom Feuergeiste Luthers, vom Friedensgeiste Melanchthons!

 Halten wir weiter fest das Band der Liebe und des Friedens! Man hält uns oft genug unsere Uneinigkeit, unsere Zerrissenheit vor. Unsere wirkliche Einheit dürfte unzähligemal größer sein, als sie nach außen erscheint. Sie steht in unserer Landeskirche gerade in erfreulicher Blüte. Unsere evangelisch-lutherische Kirche hat ihre besondere Gabe und Aufgabe. Wuchern wir mit den Kräften, die uns Gott geschenkt, in festem gegenseitigen Zusammenhalt, werden wir nimmer müde in Übung der Liebe und Barmherzigkeit zur Versöhnung und Überwindung der klaffenden Gegensätze unserer Tage! Wir stehen an der Neige eines Jahrhunderts. Großes haben wir in demselben erlebt: Gottes Gnade war mit uns. Alles ruft aber nach Vertiefung und Mehrung der sittlichen und deshalb auch der religiösen Kräfte. Sittlichkeit ruht auf Religion. Wir brauchen das Evangelium nach allen Seiten hin. Welche Aufgaben sind zu lösen! Man möchte oft erschrecken vor ihrer Größe. Seien wir alle treu in unserem irdischen Berufe, den unsere Kirche bekanntlich besonders hochhält, in unserem allgemeinen Christenberuf, in dem Beruf, den jeder Protestant auch für die eigene Kirche hat, Männer, Frauen, Jünglinge und Jungfrauen!

 Seien wir endlich stark in Hoffnung! Die Rede, daß es mit dem Protestantismus aus sei, beruht auf wunderlicher Selbsttäuschung. So wenig es mit Gottes Wort, mit dem ewigen Evangelium, mit der christlichen Kirche selbst je aus sein kann, so wenig wird es mit dem Protestantismus je aus sein. Unsere beste Apologie ist aber das, was wir durch Gottes Gnade sind, schaffen, leisten zum Heile der Kirche, der Gemeinden, unseres ganzen Volks. Die Fülle von Kräften, welche der Geist der Reformation erweckt hat, ist noch nicht erschöpft. Wir haben eine reiche Geschichte hinter uns und deshalb auch vor uns. Die

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Adolf von Stählin: Philipp Melanchthon. J. A. Schlosser, Augsburg 1897, Seite 28. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_Philipp_Melanchthon.pdf/30&oldid=3212403 (Version vom 31.7.2018)