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kam aber nichts zu stande. Das Werk der Reformation entsprang in tiefer Verborgenheit und Abgeschiedenheit, in der engen Klosterzelle, wo ein einzelner wie seit Paulus und Augustinus keiner mehr die Tiefe menschlicher Sünde, obwohl er selbst stets unsträflich gelebt, aber auch die Höhe göttlicher Gnade erfahren hatte und unter zermalmenden Kämpfen die Unzulänglichkeit all unserer Werke für unser ewiges Heil erkannt, aber auch im rechtfertigenden Glauben an Christi Werk und Verdienst zu starker, freudiger, weltüberwindender Heilszuversicht hindurchgedrungen war. Das war unser Luther; mit dieser aus Gottes Wort geschöpften Erfahrung war in ihm ein gebundener Riese frei geworden. Die „Freiheit eines Christenmenschen“, die ihm zugleich Gebundenheit an Gottes Wort und den lebendigen Gott selbst war, die er auf sein Panier geschrieben, ließ ihn anfangs an nichts weniger als eine Opposition gegen die bestehenden kirchlichen Gewalten denken; von ihr aus wurde er aber von selbst in dem ihm aufgedrungenen Kampfe weiter und weiter geführt zu einer Reformation von innen heraus. Hier liegen die Quellen nun auch dessen zu Tage, was man Glaubens- und Gewissensfreiheit nennt, wie auch der befreienden Wirkung, welche auf das ganze natürliche Lebensgebiet ausging. Luther hat nicht bloß die Kirche, er hat auch die Welt reformiert. Der mächtige Aufschwung auf dem Gebiete des natürlichen Lebens in den letzten Jahrhunderten bis herein in die Gegenwart ist ohne die Reformation nicht denkbar.

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 Ganz anders war die Lebensführung Melanchthon’s. In jener Zeit ging ein Ruf, ein hoher Freudenruf durch die abendländische Christenheit: Kunst und Wissenschaft leben wieder auf, feiern eine Wiedergeburt. Die sogenannte Renaissance hat Großes besonders in Italien vollbracht. Mit diesem Rufe war ein anderer ebenso lauter Ruf innig verwandt und nah verbunden: Die antike Welt mit ihrer Schönheit und ihrem edlen Maße steht von den Toten auf: es war die Zeit, wo fast jedes Jahr lang vergessene Schriften römischer und griechischer Klassiker ans Licht gezogen und mit Begeisterung aufgenommen wurden. Es war die Blütezeit des Humanismus. Eine Gefahr drohte nun aber. Viele der Humanisten, zumal in Italien, wandten sich wie trunken vom Geiste des Altertums

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Adolf von Stählin: Philipp Melanchthon. J. A. Schlosser, Augsburg 1897, Seite 6. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Adolf_von_St%C3%A4hlin_-_Philipp_Melanchthon.pdf/8&oldid=- (Version vom 31.7.2018)