Seite:Adolf von Stählin - Predigt über Röm. 12,12.pdf/14

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(Apostelg. 14,23); als Paulus den Missionsschauplatz in Vorderasien, wo er das Gewaltigste vollbracht, verließ, um der Gefangenschaft in Jerusalem und Cäsarea entgegenzugehen, nahm er betenden Abschied, um seinen Lauf und sein Amt mit Freuden zu vollenden (Apostelg. 20,36.24). Seine Briefe beginnt und schließt er zumeist mit Gebet für die Stärkung der Gemeinden, für den Fortgang des göttlichen Reiches. Die Gemeinden ruft er zur betenden Mitarbeit für das große Werk der Mission auf. Beten sollen die Thessalonicher, daß das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei ihnen (2. Thess. 3,1); beten sollen die Colosser und Epheser, daß Gott die Thür aufthue zur Bezeugung des Geheimnisses Christi (Col. 4,3. Eph. 6,19); kämpfen soll die Gemeinde zu Rom im Gebete, daß er, der Apostel, errettet von seinen Feinden mit Freuden und im vollen Segen des Evangelii Christi zu ihr komme, um weiter unter den Heiden zu opfern dieses Evangelium (Röm. 15,30. 32.16); betend blickt Paulus über den ganzen Erdkreis, betend wandert er als ein Gefangener in dem Herrn nach dem großen Mittelpunkt der damaligen Welt, nach Rom, betend und mit großer Zuversicht tritt er in Rom ein, um auch hier zu predigen das Reich Gottes und zu lehren von dem Herrn Jesu mit aller Freudigkeit (Apostelg. 28,15.31).

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 Und die evangelische Mission? Wir wollen geschehene Versäumnis, Geliebte, nicht entschuldigen. Aber das ist gewiß, als für die evangelische Mission die Stunde geschlagen, da ward auch Luther’s Gebetsgeist in ihr lebendig. Der erste aller evangelischen Missionare, Eliot, der ein wahres Paradies Gottes in den Urwäldern Neuenglands pflanzte, war ein Beter, der in seinem dreißigjährigen Wirken das Gebet nicht allein zu seiner täglichen Uebung machte, sondern oft noch besondere Tage zum Gebet bestimmte. Mit den betenden Worten starb er: „komm, o Herr, in deiner Herrlichkeit, lange habe ich auf dich gewartet, laß nur das Werk unter den Indianern fortleben, wenn ich sterbe!“ Ziegenbalg, der Begründer unserer lutherischen Mission, war ein Beter, dem unter schweren Kämpfen „das Gebet, der Gang zu unserem lieben Vater im Himmel das allerkräftigste Hilfsmittel war“; Hans Egede, diese Heldenseele auf dem Gebiete der Mission, war ein Beter, dessen anhaltendem Gebete die grönländische Mission mit ihren unsäglichen Schwierigkeiten Anfang und Fortgang verdankte; Thomas von Westen, der hellste Stern unter dem sogenannten nordischen Siebengestirn, der Apostel der Finnen, war ein Beter, der sich seine Wanderung in den äußersten Norden vom Gebete weihen und beflügeln ließ, um dann mit apostolischer Kraft und apostolischen Erfolgen alle Buchten und Felsen der Nordlande zu durchziehen. Und so könnte ich fortfahren. Ich frage aber: Sind wir Beter? Sind die Geistlichen Beter? Sind die Gemeinden mitarbeitend und mitkämpfend im Gebet? Oder ich will nur sagen: sind recht viele Gemeindeglieder wirkliche Beter? Wir reden von der Mission, wir sammeln für die Mission; beten wir auch für sie? Wollen wir es doch bekennen, daß Trägheit und Lässigkeit unserer verderbten Natur, daß ein trauriges Gesetz der Schwere uns immer zur Erde herabziehen und den Aufschwung der Seele hindern