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Und tief sie seufzt, als träume sie –

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Dann möcht’ ich sinken auf die Knie –

     Und pressen ihr in sel’gem Traum
     Die Lippen auf der Lippen Saum!


V.

     Vereinsamt unter Menschen, beid’
     Erlebten wir die Wonnezeit,
Die Zwang noch kennt und Zweifel nicht,
Da Auge nur zum Auge spricht

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     Die Sprache, die die Liebe pflog,

     Bis des – Verbotnen Zauber zog
Zum Abgrund uns mit Allgewalt,
Der – trennen sollt’ uns allzubald. …
     Geblendet kaum vom Sonnenlicht,

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     Die Hand sie hielt vors Angesicht,

Schon plagte mich die Eifersucht:
Wie alles hier so voller Wucht
     Sich schmiegt an sie! Wie unverschämt
     Solch’ Buhle, reich mit Gold verbrämt,

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Von ihr den Minnesold verlangt!

Wie ihr im Haar die Lilie prangt!
     Wie zart und duftig dies Gewand
     Berührt ihr Busen, Hals und Hand! …


VI.

     Da war's geschehn! – Ich weiß nicht mehr,
     Ob senkrecht stach der Sonnenspeer,
Ob rings erblüht die Rosen all’,
Ob schlug im Hain die Nachtigall,

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     Ob zirpt im Moos ein Heimchen leis

     Mir auf den Lippen brannt’ es heiß,
Ich seufzt’, als ob ich selbst sie warn’,
Daß nicht ihr Zauber mich umgarn’,
     Als sich verschoben bis zur Hand

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     Von Hals und Nacken ihr Gewand,

Und als die Sonn’ ihr kosend naht’,
Daß nicht ihr Leuchten sie verrat’ –
     Ansah sie mir mein Mißgeschick
     Und züchtig senkte sie den Blick

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Und bot – den ersten Kuß zum Dank

Mir, der ich ihr zu Füßen sank.

Empfohlene Zitierweise:
Albert Weiß: Polnische Dichtung in deutschem Gewande. Otto Hendel, Halle a. d. S. 1891, Seite 55. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Albert_Weiss_-_Polnische_Dichtung_in_deutschem_Gewande.pdf/67&oldid=- (Version vom 21.8.2021)