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für Zittau und dessen Gegend, viele Meilen in der Runde, indem sie nicht allein ein billiges Feuerungsmaterial liefern, dessen Dasein bei den immer noch in die Höhe gehenden Holzpreisen doppelt schätzbar ist, sondern auch bei ihrer Gewinnung eine Menge Menschen lohnende Beschäftigung finden. Von diesen Werken wählen wir für jetzt zu näherer Betrachtung


Das Braunkohlenbergwerk des Reichenberger Kohlenbau-Vereins in Hartau.
(Mit Abbildung.)


Verfolgt man von Zittau aus die Straße nach der Nachbarstadt Gabel, so bemerkt man in kurzer Zeit südöstlich zwei hohe Dampfessen und gelangt in ohngefähr drei Viertelstunden nach dem Dorfe Hartau, welches bereits seit 1377 im Besitz der Stadt Zittau ist, welche zwar dieses Dorf gleich den andern Gütern bei dem traurigen Pönfall verlor, dasselbe aber laut Urkunde vom 18. November 1549 „nebst etwaigen Schätzen und Bergwerken“ für 3500 Thaler baar von dem König Ferdinand zurückkaufte. Allerdings wird man damals nicht an jene unterirdischen Schätze, welche man heute hier aus der Erde fördert, auch nur im Entferntesten gedacht haben.

Das Bergwerk liegt in der Nähe des Dorfes und der Neiße und ist Eigenthum des Reichenberger Kohlenbau-Vereins, dessen Actien sich durchgängig in festen Händen befinden und zwar in denen der größten Fabrikbesitzer und Kaufleute des benachbarten Böhmens, die zum Theil auch selbst Consumenten der hier ausgebrachten Kohlen sind. Es hat

zwei Dampfmaschinengebäude, in denen sich auch das Comptoir, die Maschinenschlosserei und die Wohnungen der Beamten befinden.

Aus mehreren anderen Baulichkeiten, als Kohlenschuppen u. s. f. befinden sich noch dabei ein Kalkofen und eine Ziegelei und es gehören noch einige Bauergüter und Gartengrundstücke dazu.

Die Umgebung des Werkes ist reizend und zum Theil romantisch, denn es liegt in geringer Entfernung von dem hohen, waldigen und felsigen Haideberg, in dessen Nähe, verborgen in dunkler Waldung, die Ruinen der alten Veste Karlsfriede sich befinden. Man überschaut die ganze sich zwischen Sachsen und Böhmen hinziehende Gebirgskette, sowie das 1255 durch König Ottokar Premislaus zur Stadt erhobene Zittau mit seinen stattlichen Thürmen, dem emporragenden Rathhaus – ohnstreitig das prachtvollste Sachsens und eins der schönsten Deutschlands – seinen zahlreichen, zum Theil palastartigen Neubauten, durch welche die letzten Spuren der durch das österreichische Bombardement vom 23. Juli 1757 bewirkten Einäscherung der Stadt vertilgt sind, und den seine industrielle Thätigkeit bekundenden hohen Dampfessen. Seitwärts liegt die eine halbe Stunde entfernte böhmische Grenzstadt Grottau und kaum eine Viertelstunde entlegen, das gräflich Clam-Gallassche Kohlenbergwerk.

Als Branchen umfaßt das Etablissement außer der Kohlenförderung auch die Ziegelei und Kalkbrennerei.

Die hier geförderten Braunkohlen enthalten weit weniger Schwefelkies und Alaun, als die aus anderen Werken dieses Gebiets und sind anerkannt die besten in ganz Sachsen, sie finden ihren Hauptabsatz nach Reichenberg in Böhmen, Zittau und Umgegend und Warnsdorf nebst Umgegend.

Im Gange sind zwei Dampfmaschinen, die eine von sechszehn, die andere von fünfzig Pferdekraft, und dienen dieselben nur zum Auspumpen des Grubenwassers, welches in unglaublicher Menge in dem Kohlenlager vorhanden ist.


Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 100. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/108&oldid=- (Version vom 7.1.2019)