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Der Widerwille gegen die neue Ordnung schwand übrigens bald, da man deren Zweckmäßigkeit erkannte und einsah, daß von strengem Festhalten an derselben das Gedeihen der Damastmanufaktur abhing. Von diesem Zeitpunkt an nahm die Manufaktur ihren ruhigen Fortgang, der nur bisweilen durch die stürmischen Zeitereignisse unterbrochen wurde, Auswanderungen geschahen nur noch selten und fügten dem Ort selbst keinen Schaden mehr zu.

Der erste Damastwebestuhl mit Jacquardmaschine wurde 1834 von J. G. Schiffner aufgestellt und der günstige Erfolg dieses Versuchs überwandt endlich das Vorurtheil, welches die Einführung der Jacquardstühle in Großschönau so lange verhinderte, und bewog zu zahlreicher Nachahmung.

In früheren Jahren machte man bereits Versuche in der Herstellung seidner mit Gold durchwirkter Damaste; später wurde auch Schaafwolle allein oder in Verbindung mit Leinen verarbeitet. 1822 erschienen Proben von mehrfarbigem Damast, wo in einer seidnen Serviette die Blumen in ihren natürlichen Farben eingewebt waren. Erfinder des bunten Doppeldamastes war Herr Ernst Schiffner.

Gegenwärtig behauptet Groß-Schönaus Damast trotz der starken Concurrenz des Auslandes immer noch seinen wohl erworbenen Ruf und er wird weit und breit gesucht; selbst in fürstlichen Prunkzimmern fand er Eingang, welches er seiner oft wahrhaft künstlerischen Vollkommenheit verdankt. Dem Fabrikat diese Vollkommenheit zu erhalten und sie noch zu erhöhen, ist fortwährend das Bestreben nicht allein der Fabrikanten, sondern auch der Mustermaler und Weber.

Die Mustermaler empfingen zum Theil ihre Ausbildung auf der Akademie der bildenden Künste in Dresden und liefern oft die kunstreichsten und complicirtesten Muster. Während das erste Muster, welches in Großschönau gemalt wurde, einfach aus einer von acht Rosenblättern gebildeten Rosette bestand, werden jetzt die reichsten Blumenguirlanden, Arabesken, Jagdstücke, Landschaften, Architekturen, Genre-, historische und allegorische Darstellungen, sowie Portraits und Wappen – Letztere aber nur auf Bestellung – gefertigt.

Ueber das Verfahren bei der Damastweberei selbst fügen wir noch einige kurze Notizen bei.

Den Namen Gezogenes oder gezogene Waare hat der Damast, weil die Kettenfäden, welche die einzuwebende Figur bilden sollen, in die Höhe gezogen werden, damit die Figur eine erhabene Bildung erhält. – Zuerst muß das Muster, welches in den Stoff gewebt werden soll, gemalt werden und dieses ist die Arbeit des Mustermalers, welcher die Contourn des Musters auf nach Art eines Stickmusters linirtes Papier durch Punkte bezeichnet und dann grün ausmalt. – Dieses Zeichnen ist sehr schwierig, denn es muß genau berechnet werden, wie sich die Zeichnung in dem Gewebe ausnimmt, auch muß der Zeichner große Genauigkeit und Erfindungsgabe besitzen, sowie die Eigenschaft, das Erfundene zweckmäßig und geschmackvoll darzustellen.

Die zweite Vorarbeit ist das Einlesen, eine höchst mühsame Arbeit, welche der sogenannte Mustermacher oder Einleser verrichtet und die darin besteht, daß das gezeichnete Muster in die Musterschnüre gebracht wird. Jede senkrecht gehende Linie des Musters bildet eine Schnur, und in diese Reihen von Schnüren werden die Querlinien des Musters eingelesen, indem die die Figur bildenden Schnüre, so viel deren in jeder Querlinie des Musters mit grüner Farbe bezeichnet sind, durch Zwirn von den übrigen Schnüren abgesondert werden. Nach Beendigung dieses die größte Genauigkeit erfordernden Geschäfts, werden die Lätze gemacht. Jeder Latz ist eine Vereinigung der in jeder Querlinie zum Muster gehörigen Schnüre durch Zwirn, welcher am Ende zusammengeknüpft und mit einem Hornring versehen wird, welcher die Verwirrung der Zwirnmenge verhindert.

Nun kommen die Musterschnüre dieser Latzvorrichtung auf den Webestuhl, und werden nun mit den auf die kunstvollste Weise durch den Musterkasten gehenden Schnüren auf solche Weise verbunden, daß, wenn ein Latz gezogen wird, die zur Bildung des Musters nöthigen und wiederum mit jenen Schnüren in Verbindung gesetzten Kettenfäden der Werfte in die Höhe gehoben werden, damit die Bildung der Figur erhaben wird.

Nun beginnt das Weben, welches oft auf sehr breiten Stühlen geschieht, welche dann drei bis fünf Arbeiter erfordern, zum Einschießen, Treten und Ziehen. Bei Stühlen von gewöhnlicher Breite ist außer

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Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 139. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/147&oldid=- (Version vom 7.1.2019)