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Grad von Vollkommenheit, seitdem eine von wirklichen Künstlern geleitete Zeichnenschule errichtet wurde. – Schon 1732 arbeiteten hier 40 Kunstmaler, 30 Gesellen und 10 Lehrlinge. – Auch die Blaumalerei unter der Glasur, durch welche jetzt noch bedeutend gewonnen wird, ist ein Vermächtniß Herolds.

Die noch heute übliche Bezeichnung des meißner Porzellans mit den blauen Kurschwertern entstand ebenfalls in jener Zeit.

Mit Herold gleichzeitig wirkte der Bildhauer Kändler thätig für das schönere Erblühen der Anstalt, namentlich von 1740 bis 1763, wo er für sich und wenige Arbeiter an Tractament, Gratificationen und Stückbezahlung die Summe von 46,540 Thlrn. erhielt. – Noch heute bewahrt die Modellkammer eine große Anzahl der Modelle Kändlers, und man benutzt dieselben noch mit großem Erfolg, vorzüglich seit der Geschmack am Roccocostyl wieder aufgekommen ist.

Von 1720 an wurden Vasen und andere Gegenstände von bedeutenden Demensionen gefertigt und an den König abgeliefert; durch den glücklichen Erfolg in solchen Arbeiten wurde man zur Herstellung collossaler Gegenstände ermuthigt, wie die lebensgroßen Statuen der Apostel. Aber hier lernte man erkennen, daß Alles seine Grenzen hat, denn es boten sich unüberwindliche Schwierigkeiten. Auch spätere ähnliche Versuche blieben gleich erfolglos.

Die Periode von Herold und Kändler gehörte zu den ruhmreichsten für die Fabrik, denn ihr Ruf hatte sich über ganz Europa verbreitet und von den vier Hauptlagerstätten Dresden, Meißen, Leipzig und Warschau gingen die Erzeugnisse nach allen Richtungen; Polen und Rußland kauften die Porzellane in Massen, 1732 war bereits die erste Bestellung aus der Türkei eingetroffen, 1500 Dutzend kleine Tassen, sogenannte Türkenköpfchen.

Der 1746 ausbrechende Krieg verursachte erhebliche Störung. – Man legte auf Bewahrung der Fabrikgeheimnisse großen Werth, obgleich sie bereits theilweise keine Geheimnisse mehr waren, und als der preußische Einfall drohte, wurden alle Arbeiter mit Fortgenuß des Lohnes entlassen, die Arcanisten – die mit der Farbenbereitung u.s.w. beauftragten Leute – nach Dresden in Sicherheit gebracht und sämmtliche Brennöfen zerschlagen. Bei dem Einmarsch der Preußen plünderte die Generalität die vorhandenen Vorräthe; unter Anderen eignete sich der Fürst Leopold von Dessau fünf und sechzig Kisten des besten Porzellans zu.

Während des siebenjährigen Krieges verlor die Fabrik ihre Geheimnisse ziemlich vollständig, denn Friedrich II. sammelte nicht nur eine Menge Nachrichten über die Porzellanfabrikation, sondern gewann auch durch hohe Versprechungen eine Anzahl der besten Arbeiter, welche nach Berlin gingen und in der 1751 dort gegründeten Fabrik Anstellung fanden. Andere Arbeiter zerstreuten sich nach allen Richtungen und diesen verdanken vorzüglich die zahlreichen thüringischen Fabriken ihre Entstehung. In Folge der preußischen Maaßregeln würde wahrscheinlich die ganze Anstalt zu Grunde gegangen sein, denn schon war die Rede davon, die Fabrik ganz nach Berlin zu verlegen, und der Geheimerath Schimmelmann hatte bereits alle Vorräthe für 120,000 Thaler erstanden, wenn nicht ein patriotischer Mann, der sächsische Commerzienrath Helbig, mit der preußischen Regierung in Verhandlung trat, den Vorrath für 160,000 Thaler zurückkaufte und gegen eine jährliche Pachtsumme von 60,000 Thaler die Fabrik übernahm. Dadurch war sie gerettet, denn es lag nun in Friedrichs Interesse, sie fortbestehen zu lassen. Helbig zeigte sich übrigens als ein sehr tüchtiger Geschäftsmann, denn es gelang ihm, die enorme Pachtsumme aus den Entübrigungen zu bezahlen. 160,000 Thaler, welche hauptsächlich zum Rückkauf der Vorräthe aufgenommen, wurden später durch die Regierung zurückgezahlt.

Nach Beendigung des siebenjährigen Krieges begann von 1764 bis 1774 die regste Thätigkeit in der jetzt unter Leitung des Baron Fletscher und des Bergraths von Heynitz stehenden Fabrik. Es entstand jetzt – den 17. Februar 1764 – die Kunstschule in Meißen, zur Bildung tüchtiger Porzellanmaler, fremde Maler und Modelleurs wurden angestellt, junge meißnische Künstler an fremde Manufacturen gesendet, das Farbenwesen, die technische Einrichtung u.s.w. erhielten wesentliche Vervollkommnung, die Verwaltung wurde einer gründlichen Reform unterworfen und für vermehrten Absatz durch eigene Handlungsreisende gesorgt,

Empfohlene Zitierweise:
Diverse: Album der Sächsischen Industrie Band 1. Louis Oeser, Neusalza 1856, Seite 169. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Album_der_S%C3%A4chsischen_Industrie_Band_1.pdf/177&oldid=- (Version vom 6.1.2019)